Inselzeit 13.14.2018
Noch einmal muss ich auf den Mord im Orient Express zurückkommen, weil mir ein Ausspruch der Hauslehrerin Mary Debenham so gut gefällt: „Ich lehre Geografie. Vielleicht verirren sie (die Schüler) sich im Leben, aber ich will verdammt sein, wenn sie nicht wissen, wo sie sind.“ Vielleicht kriege ich hier noch einen Dreh zum heutigen Thema – vielleicht das Reisen im Allgemeinen. Nein, das ist es nicht.
Hier auf der Insel, speziell im Geusenweg 4, haben wir ja sehr viel Platz. Im Haus und auch im Garten. Wenn ich an den Garten im Süderpfad denke, kann ich mich erinnern, dass wir ihn nicht so schön fanden. Lag es an der Größe? Oder eher an der Umgebung und spärlichen Einfriedung? Den hiesigen Garten nutzen wir auch nicht gänzlich. Wir sitzen auf der Terrasse und auf dem in diesem Jahr klimatisch bedingten steppengleichen Rasen stellen wir die Räder ab, wenn noch eine weitere Ausfahrt geplant ist. Das wars. Die Loungeecke mit Liegen und Strandkorb liegt verwaist da. Ich glaube, ein Mal habe ich dort jemanden liegen sehen. Ein anderer war gleich wieder aufgestanden wegen der Ameisen.
Weltweit findet eine Verstädterung statt, habe ich gerade gelesen, im Jahr 2050 werden 7 von 10 Menschen in Städten leben. In deutschen Städten herrscht schon heute Wohnungsnot. Im Vergleich zu Paris, der Stadt mit der größten Bevölkerungsdichte Europas, ist die Bebauung in Hamburg ein Witz, da wird noch einiges passieren. Wir Stellinger stehen der nahenden Nachverdichtung auf dem Gelände der angrenzenden Schrebergärten mit gemischten Gefühlen gegenüber. Die neuen Gebäude werden direkt an unsere Garagenbauten grenzen. Das an sich finden einige Bewohner schon schlimm. Ich nicht wirklich. An der Garage stört es mich nicht, anderen direkt ins Wohnzimmer (bodentiefe Fenster sind ja immer noch in Mode) blicken zu können. Unsere Wohngebäude aber haben einen luxuriösen Abstand zueinander. Nur mit Mühe kann ich vom ersten Stock aus ins gegenüberliegende Fenster gucken. Wenn dort eine Gardine hängt, dann ist es ganz vorbei. Soviel Glück werden die Bewohner der neuen Gebäude nicht haben. Und das ist, so glaube ich, auch in der Königstraße jetzt weniger ein Problem, das Beobachten des gegenüberliegenden Treibens. Werde ich bei nächster Gelegenheit mal testen. Glückstadt zählt in diesem Zusammenhang übrigens ebenfalls zu den Städten mit Zuwachssorgen. Auch unabhängig von der deutschen bürokratischen Einordnung. Was die Verstädterung angeht, zählen kulturelles und infrastrukturelles Angebot mehr als bloße Einwohnerzahlen.
Was ich sagen will ist, ob wir die Großzügigkeit und heckenbedingte Abgeschiedenheit im Geusenweg deshalb so schätzen, weil es ein rares Gut ist und sich von unserer Alltagswelt so unterscheidet? Es scheint jedenfalls wider unserer Natur zu sein, Erholung auf engem Raum zu finden. Am Strand ist es auch nicht immer gut, dass der nächste Korb nur einen Muschelwurf entfernt steht. Und wer freut sich schon über eine gut gefüllte Fußgängerzone oder eine 18 Mann starke Schlange an der Eisbude.
Was mich betrifft, bietet Borkum auch im sechsten Jahr ein recht ausgeglichenes Verhältnis zwischen Erholungsfaktor und zivilisierter kultureller Zerstreuung. Letztere könnte so langsam etwas verbessert werden, ich habe alle sehenswerten Stätten besucht und was den Einzelhandel angeht, findet sehr wenig Wechsel statt. Das kenne ich nun alles schon. Aber die Quantität und Qualität ist immer noch höher als in allen anderen Orten, die wir bisher bereist haben. London läuft außer Konkurrenz und ist sowieso über jeden Zweifel erhaben. Marielyst zählt nur für sich, denn Kopenhagen war ja ein Ausflugsziel, nicht der Urlaubsort.
Der Tag startet wie immer und heizt sich zügig auf. Die erwarteten 30 Grad sind schon zum Frühstück zu spüren. Ein leichter Wind macht es zumindest im Schatten erträglich, aber nicht angenehm.
Vor dem Frühstück wurde noch gejoggt und massiert.
Während der Siesta soll noch eine zweite Waschladung durchlaufen. Die Geschirrspülmaschine läuft sowieso. Aber vorher erklang noch ein ungläubiges:“ Müssen wir jetzt auf Waschmittel zurückgreifen?!“ Ja, das müssen wir selbstredend. Aber gemeint war hier das Entsetzen darüber, dass wir bereits zwei Schachteln Waschpads verbraucht haben und nun das hauseigene Pulver verwenden müssen. Die Angesprochenen wussten aber natürlich Bescheid. Mit den Waschpads verhält es sich wie mit den Urlaubstagen, ist erst einmal die Hälfte verbraucht, geht es plötzlich ganz schnell.
Zwei wahnsinnige starten zum High Noon zu einer Radtour. Ich schwanke zwischen Bewunderung, Sorge und Verständnislosigkeit.
Der Rest hängt ab oder telefoniert mit dem Büro.
Heutiger Rebus:

Also wieder vom heißen Rost – das ist ja immer prima!
Die Hitze lähmt uns heute mehr als bisher. Die Siesta hält schon 2 Stunden an.
Gegen halb drei gibt es dann aber kein Halten mehr (Ihr dürft raten, wer die Füße nicht mehr stillhalten kann). Der Leichtturm wartet auf uns! Direkt am Turm noch zwei leise Zweifler, die mir bei der Rucksackwache Gesellschaft leisten möchten. Aber nein, sechs von sieben steigen hinauf. Unter dem Turm spielen sich ähnliche Szenen ab: „Ja kuck, da kann man rauf!“ „Ich geh aber nich da rauf bei der Hitze, Du spinnst ja wohl!“ „Da oben is sicher kühler mit dem Wind.“ „Mir egal, kuck, hier is Schatten, da geh ich jetz, dann hammwas gleich geschafft bis zun Strand.“
Anschließend fahren die Hamburger zum Strand. Ich halte es dort eine knappe Stunde aus, dann haben wir uns derart, auch gegenseitig, aufgeheizt, dass die Stimmung zu kippen droht. Ausnahmsweise bin nicht ich die erste, die kapituliert. Aber ich opfere mich gern, den Abkömmling nach Hause zu eskortieren. Kurz vor dem Geusenweg treffen wir auf die vier heutigen Köche, die noch schnell einkaufen waren. Denen sieht man die Qualen des Tages nicht an, frisch und ausgeruht machen sie sich auf den Weg zum Strand.
Gegen sieben sind alle wieder zurück und versammeln sich zum Grillen.
Satt und zufrieden ist der Abend aber noch nicht zu Ende. Nach zähen Verhandlungen wurde er wie folgt beendet: Volljährige in die Cocktailbar und Teenies ein Eis und dann ab nach Hause, um „Pitch Perfect“ zu gucken. Die letzten zehn Minuten haben wir auch noch gesehen und nun sitzen wir im dunklen Durchzug. Wie am Morgen: Ein leichter Hauch, der es erträglich macht, aber nicht angenehm.