And the Oscar goes to…

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences wird ihr Reglement ändern. Es drohen nun verschiedene Maßnahmen, um die Attraktivität und die Bedeutung des jährlichen Preises, des Academy Award of Merit, kurz Oscar, zu erhalten.

Die Verleihungsshow hatte in diesem Jahr so wenige Zuschauer (angeblich 26,5 mio. Amerikaner – solche Zählungen sind m.E. wenig aussagekräftig, solange es sich um Hochrechnungen handelt. Für echte Zahlen sollte lieber Herr Zuckerberg beauftragt werden, der hat doch ganz andere Möglichkeiten.) wie noch nie. Aus diesem Grund soll die Verleihungsshow auf drei Stunden gekürzt werden. Im Prinzip ok, ich selbst sehe mir die Show auch nie live an, weil ich zur nächtlichen mitteleuropäischen Zeit keine vier bis fünf Stunden durchhalte. Aber was die Show so in die Länge zieht, sind die zahlreichen Werbepausen. Der deutsche Ausstrahlungssender nutzt noch nicht einmal jede Pause für bezahlte Werbespots, er sendet Trailer für nominierte Filme, so oft werden diese Zwangspausen eingelegt. Für Europäer wohl nicht zumutbar, was die Amerikanischen Zuschauer aushalten müssen. Aber an der Werbeschraube soll gar nicht gedreht werden. Preise in weniger prestigeträchtige Kategorien sollen in den Werbepausen verliehen und dann nur noch zusammengefasst für den Zuschauer übermittelt werden. Das ist ganz schön gemein. Mich interessieren diese Preise zwar auch nicht, schon weil ich den Unterschied zwischen „Sound Editing“ und „Sound Effects and Mixing“ nicht verstehe, aber wäre es nicht hilfreicher, diese Kategorien besser zu präsentieren und zu erklären, als ihre Preisträger in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen? Schließlich sind es eben diese Künstler, die nur an dieser Stelle eine Auszeichnung erhalten. Die übrigen bekannteren Awards sparen Preise für so spezielles Handwerk gänzlich aus.

Dann soll die Verleihung vorgezogen werden, um die sog. Awards-Season zu verkürzen. Also ehrlich, was habe ich denn als Zuschauer davon? Es ist mir doch egal, wenn ein Star genervt ist von den vielen Veranstaltungen und dem jeweiligen Rahmenprogramm im ersten Quartal eines Jahres. Soll er eben nur zu ausgewählten Veranstaltungen erscheinen. Für diese Maßnahme fehlt mir eine einleuchtende Erklärung. Zumal es sich nur um eine Verschiebung von vier Wochen handelt. Eine Erklärung bezogen auf den Wettbewerb und das Erscheinungsdatum eines Filmes kann ich auch nicht nachvollziehen.

Zu guter Letzt soll noch mindestens eine neue Kategorie eingeführt werden: Der Preis für den besten Blockbuster – oder weniger platt formuliert – den besten populären Film. Böse Zungen behaupten, dass es der Preis für „Black Panther“ sein soll. Ein schwarzes Superheldenepos, dass wohl nicht das Zeug zum besten Film hat, soll lieber doch ausgezeichnet werden, um die Diskriminierungsvorwürfe gegen die Academy abzufedern. Dafür müsste die Kategorie aber schon 2019 eingeführt sein. Soweit ich es verstanden habe, kann es aber nicht so schnell gehen, denn die Academy ist alt und träge. Ich halte diese Kategorie für schwierig. Die Academy möchte herausragende Leistungen auf den einzelnen Gebieten würdigen. Die Auszeichnung der meistverkauften Eintrittskarten passt in dieses Gefüge nicht hinein. Und ist auch nicht nötig, denn für diesen Bereich gibt es ja die MTV Movie Awards. Dafür wurden auch noch schön schräge Kategorien geschaffen wie „bester Filmkuss“ oder „bester Bösewicht“. Das alles wird in einer launigen Show verliehen, in der die Stars sein können, wer immer sie wollen.

Die Oscar-Verleihung mag mit ihren Benimmregeln und der Kleiderordnung als steif bezeichnet werden, aber ich finde diese Gepflogenheiten dem Anlass angemessen. Die Filmbranche nimmt sich in diesem Rahmen eben sehr ernst. Das ist auch richtig, weil so ein Film sehr viele Rädchen braucht und sehr viele Beteiligte für den gemeinen Zuschauer unsichtbar und nahezu unerwähnt bleiben. Ich kann sicher auf Anhieb 10 oscarprämierte Schauspieler, Regisseure oder Komponisten aufzählen. Kameraleute oder Drehbuchautoren fallen mir schon deutlich weniger ein. Aber wenn es um die besten Kostüme oder das beste Make-up geht, muss ich passen. Bei den Oscars bekommen diese Virtuosen die Bühne, die sie auch verdient haben und dafür kann man sich schon mal hübsch anziehen. Außerdem macht das jedem Spaß, kann mir doch keiner erzählen, dass die Stars darauf alle keine Lust haben!

Ich hoffe, dass die Academy sich mit ihrer Reform nicht selbst ins Abseits bringt. Ich mag den Zirkus sehr und fiebere stets mit den Stars, wenn auch von fern.

Die bekannten Stimmen, die sich zu der Reform geäußert haben, sind einigermaßen vernichtend. Elijah Wood hat nur ein „oof “ übrig und Rob Lowe, der mir interessanterweise gar nicht als geneigter Kritiker bekannt war, hält die Filmbranche gar für gestorben. Durch seine Äußerung habe ich heute außerdem gelernt, was in diesem Zusammenhang

Vertikale Integration (eine Organisationsform mit dem Ziel, die Wertschöpfungs- und Lieferketten eines Unternehmens zu optimieren)

und

Tentpole- Filme (Filme, die eine finanzielle Stütze – Zeltstange – für die Produktionsgesellschaft sein sollen. Sie müssen geschickt lanciert werden, um einem möglichst breiten Publikum zugänglich gemacht zu werden. Die Vermarktungsmaschinerie muss voll ausgereizt werden.)

bedeuten.

Und ich hoffe, dass die Globalisierung insofern weiter voranschreitet, als dass ich noch schneller noch mehr von dem genießen kann, was Hollywood hervorbringt:

    Bitte endlich mehr Staffeln von „Modern Family“ in Europa veröffentlichen!
    Bitte Filme wie „Score – eine Geschichte der Filmmusik“ nicht nur für eine einzige Vorstellung in Deutschland im Programmkino verstecken!
    Bitte den Dokumentarfilm „Won’t you be my neighbor?“ über den sagenhaften Fred Rogers auch in Hamburg zeigen, denn ich möchte ihn wirklich gern sehen!

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