zum Städtele hinaus

Gerade habe ich einen Artikel über das Wohnverhalten von Stadtmenschen in meinem Alter gelesen. Die Menschen scheinen sich mit Anfang 40 an einem Scheideweg zu befinden und sich in zwei Lager aufteilen zu müssen. Auf der einen Seite die, die aus Überzeugung in der Stadt bleiben und auf der anderen Seite, die, die sich ein ruhiges Leben auf dem Land wünschen. Ich muss sagen, dass ich das in meinem Arbeitsumfeld auch beobachten kann. Es ist jedoch interessant, dass diese zwei Lager scheinbar nur schwer koexistieren können. Anhänger der einen wie der anderen Seite sind starke Verfechter ihrer Ansichten und haben beide ein großes Mitteilungsbedürfnis, dass mitunter auch ins aufdringlich Sektenartige übergeht.

Ich bin seit über 20 Jahren Stadtmensch und die ruralen Verlockungen lassen mich eigentlich kalt. Dennoch lese ich derlei Ausführungen immer gern. Bisher nur, um mir bestätigen zu lassen, dass ich genau da lebe, wo ich sein möchte.

Charlotte Roche ist gerade aufs Land gezogen und hat ausführlich über die Vorzüge des Landlebens berichtet. Sehr blumig hat sie auch beschrieben, was ihr an Alltäglichem aus ihrem ehemaligen Berliner Szeneviertel so gar nicht fehlt – Spuren von Erbrochenem auf ihrer Motorhaube am Sonntagmorgen zum Beispiel. Darüber kann ich nur schmunzeln, denn wer hat im angesagten Kiez schon einen Parkplatz? Diese Art von zur Schau getragener Gentrifizierung muss schließlich bestraft werden.

Arne Dahl hat es seinen Stockholmer Ermittler schon im Jahr 2004 von der Seele und mir aus dem Herzen sprechen lassen: Wer einmal all die Vorzüge des Großstadtlebens genossen hat, will sie nicht mehr missen. Er fand dafür so wunderbare Formulierungen wie:

„Söderstedt vermisste nichts […] nicht die voraussagbaren Diskussionen über den Gartenschlauch, den Rasen und die Blumenbeete, die mehr Zeit verschlangen als Wasser“

„Bei den Vororteltern, denen er begegnete, war es anders. Alle strengten sich aufs äußerste an, die Umwelt davon zu überzeugen, dass sie das Paradies auf Erden gefunden hatten. Eine nähere Untersuchung ergab in der Regel, dass das Paradies aus drei Dingen bestand; erstens, dass man die Kinder nach draußen lassen konnte, ohne sich ständig in ihrer Nähe aufhalten zu müssen; zweitens, dass es keine Parkprobleme gab; drittens, dass man grillen konnte.“

In das gleiche Horn blies vor nicht allzu langer Zeit ein stern-Redakteur, den ich in der Kita persönlich kennengelernt habe. Ich erwähne diesen Umstand, weil ich ihn mir auch ehrlich gesagt nicht in einem Vorstadtgarten vorstellen konnte. Jedenfalls träumte er lange von einem Häuschen mit Apfelbaum im Garten und Eingemachtem im Keller. Als sich die Gelegenheit ergab, kaufte er ein Haus und zog in den Speckgürtel von Hamburg, also gar nicht mal richtig aufs Land. Schnell aber merkte er, dass das Nachteile mit sich bringt, die er nicht bereit war, in Kauf zu nehmen. Die Sache stresste ihn, machte ihn unglücklich und war in Summe einfach ein Fehler. Er hat den Fehler rückgängig gemacht und wohnt mit samt der Familie wieder in der Stadt. Aber er kann sagen, dass er es probiert hat. Er muss sich nie vorwerfen: Ach hätte ich doch… Das muss ich, so glaube ich, auch nicht. Denn ich hege keine solchen Wünsche. In meinen Wunschträumen habe ich Penthousewohnungen im Zentrum von London, Reykjavik oder Hamburg. Oder ein loftartiges Anwesen in einem Hinterhof in Altona mit Parkplätzen für mindestens 8 Autos. Diese Wünsche werden aus verschiedenen Gründen wohl nie Wirklichkeit werden, deshalb muss ich an der Stelle auch nicht mit meiner mangelnden Entschlossenheit hadern.

Ich habe erst letzte Woche wieder festgestellt, warum ich unter anderem so gern in der Stadt lebe. Hier ist das Angebot an Kultur und Einzelhandelswaren so groß, dass ich mir zu fast jeder Zeit und auf der Stelle die meisten meiner kleinen bis mittelgroßen Wünsche erfüllen kann. Ich brauchte einen neuen Staubsauger und nach jahrelanger Recherche und stiller Vorfreude sollte es ein Vorwerkgerät sein. Also auf zum Jungfernstieg und nach wenigen Minuten war das Gerät gekauft! Diese nahezu unerschöpflichen Möglichkeiten sind für mich unheimlich beruhigend. Zugeben muss ich natürlich, dass ich nur einen Bruchteil dessen nutze, was mir in dieser Stadt geboten wird. Aber für diesen Bruchteil fahre ich gern von einem Stadtteil zum nächsten. Mit dem richtigen Ziel (die weltbesten Macarons oder der gut sortierte Laden für britische Lebensart) kann dieses metropolesque Gefühl auch über zeitraubende U-Bahn- oder Busfahrtzeiten hinwegtrösten. Altona ist einfach nicht aus allen Richtungen gut zu erreichen!

Immerhin habe ich aber stets mehrere Möglichkeiten, mein Ziel zu erreichen. Die Züge fahren bis spät abends mindestens alle 10 Minuten und falls sie es mal nicht können, gibt es diverse Buslinien, die mich weiterbringen. Als Pendler aus der Vorstadt bin ich im schlechtesten Fall auf die Deutsche Bahn angewiesen und wie ich zu der Unternehmung gerade stehe, war erst kürzlich hier zu lesen. Ich habe Kollegen, die seit vielen Jahren viele Kilometer an jedem Arbeitstag pendeln. Ob mit der Bahn oder mit dem Auto, diese Ausdauer bewundere ich doch sehr. Es erscheint mir vollkommen abwegig und unendlich frustrierend, so viel meiner Lebenszeit mit der Fahrerei zu verschwenden.

Das eigene Fleckchen Grün, das sich so viele wünschen, fehlt mir hier auch nicht. Unseren Balkon und die vorgelagerte Grünanlage nutze ich nicht mehr, seit die Kinder ohne meine Aufsicht spielen können. Für Gartenarbeit hatte ich auch noch nie viel übrig, ich wüsste es also gar nicht zu schätzen, wenn ich ein unbebautes Grundstück mein Eigen nennen könnte. Die Früchte eines Gartens, also zum Beispiel das gemütliche Beisammensein im Freien zum Grillen o.ä., kann ich bezeichnenderweise bei nahezu allen unseren Freunden und der Familie genießen. Ist es Zufall, dass in meinem engen Umfeld alle ein solches Lebensumfeld zu bieten haben? Da könnte ich glatt ein schlechtes Gewissen bekommen. Denn ich muss für diese Idylle, die ich dann durchaus genieße, keinen Finger rühren. An dieser Stelle kann ich deshalb mal schreiben: Danke, dass ich in Euren Gärten verweilen darf, wenn ich zu Besuch bin! Ich weiß Eure Arbeit dafür zu schätzen!

Auf unseren Autofahrten über Land frage ich mich manchmal, ob sich die Menschen in kleinen Ortschaften und Dörfern mehr abschotten, als es in einer Stadt überhaupt möglich ist. Egal zu welcher Uhrzeit, auf den Straßen und Plätzen dort sind so gut wie nie Menschen zu beobachten. Keiner schlendert die Hauptstraße entlang, keine Kinder radeln umher, in den einsehbaren, meist sehr gepflegten Vorgärten hält sich nie jemand auf. Kein Sonnenschirm und keine besetzte Gartenbank sind zu sehen. Wenn es dort Leben außerhalb der Wohngebäude gibt, dann findet es gut versteckt statt. Das wirkt auf mich immer etwas traurig und trostlos. Ich hoffe, dass ich die selbstgewählte Ruhe und Abgeschiedenheit der Bewohner mit meiner Durchfahrt nicht allzu sehr störe.

Wir hatten vor kurzem die Idee, eine seniorengerechte WG zu gründen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Zu meiner eigenen Verwunderung finde ich das doch recht verlockend. Immerhin müsste ich dafür die große Stadt verlassen, um eine Realisation möglich zu machen. Innerhalb der Hamburger Stadtmauern ist das nicht finanzierbar und mindestens zwei von uns Vieren würden das wohl auch nicht wollen. Aber ja, ich glaube, ich kann mich mit dem Kleinstadtleben anfreunden, wenn ich noch etwas älter bin. Dann habe ich sicher alles ausgekostet und der Umstand, dass ich dann dauerhaft mit urlaubserprobt kompatiblen, lieben Menschen zusammenleben kann, wird die Glücksbilanz auf jeden Fall aufgehen lassen. Die Aufteilung der unbebauten Fläche des Grundstücks in Grünanlage und Parkplatz ist bestimmt noch verhandelbar.

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