Kartographie

Heute habe ich alle meine Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Das ist ja nichts sehr ungewöhnliches, aber heute war ich aus irgendeinem Grund sehr empfindlich gegenüber Gerüchen. Der Tag war ein olfaktorischer Alptraum. Ich werde ihn hier mal kurz skizzieren und eine Karte der Gerüche zeichnen, denen ich heute ausgesetzt war.

06:17 Uhr – Bushaltestelle. Ein Zweitakter gibt nach dem Abbiegen Vollgas und erzeugt eine heftige Abgaswolke. Ein weiterer Fahrgast steckt sich 40 Sekunden vor Einfahrt des Busses eine filterlose Zigarette an, atmet in meine Richtung und steht im Bus vor mir. Zum Glück dauert die Fahrt nur 4 Minuten.

Am Bahnhof noch schnell zum Bäcker. Eine Frau kommt aus dem Lädchen und schiebt sich an mir vorbei, es ist eng. Sie hat eine polyesterlastige Bluse an, nicht frisch angezogen, denn ihr entströmt ein schlimmer Schweißgeruch. Außerdem hat sie sich einen Kaffee gekauft und sie atmet ihr „Danke, Ihnen auch“ direkt in mein Gesicht. Gut, dass es kein Bier war, denke ich.

06:25 Uhr – Die Bahn fährt ein. Dass der Wagen, in den ich steige, so schön leer ist, hätte mich misstrauisch machen sollen. Darin hat wohl ein Obdachloser übernachtet. Zu sehen ist der Ursprung dieser Katastrophe nicht mehr. Aber mit voller Wucht trifft mich und zwei andere Fahrgäste eine Mischung aus Urin, Restalkohol und dem Muff, der unvermeidlich ist, wenn man länger nicht duschen und die Kleidung wechseln kann. Wir sehen uns mitleidig in die Augen. Ein Wagenwechsel ist nun nicht mehr möglich und zweieinhalb Minuten Luft anhalten ebensowenig. An der nächsten Station wechseln wir aber sofort den Wagen. Darin wabert nur der übliche sommerliche Dunst. Leicht schwül und schwer. Das Gegenteil von frisch, aber dennoch eine Erleichterung.

06:39 Uhr – Umsteigen am Schlump. Es rollt eine alte U-Bahn ein. Keine Klimaanlage, sondern neben dem anwesenden menschlichen noch der Geruch von 20 Jahre alten Kunstledersitzen und spärlichen Säuberungen. Diese Bahnen sind eigentlich nur noch an Wochenenden auf dieser Strecke unterwegs, weil das Partyvolk rund um den Kiez so manch Unschönes hinterlässt und dafür müssen dann die alten Wagen herhalten. Gereinigt werden sie schon noch, aber eben nicht von Profis wie Heiko Schotte. Etwas bleibt.

06:51 Uhr – Ankunft am Baumwall. Ich reiße die Tür auf und atme tief ein. Die Hafenluft ist sicher nicht die beste, aber besser als alles bisher. Sogar einigermaßen frisch, weil es noch nicht schwül ist.

06:56 Uhr – Bürotür aufschließen. Die Fenster waren über Nacht geschlossen. Die Putzfrau, die ich im Flur noch gesehen habe, hat eine Spur ihrer verschwitzten Uniform hinterlassen. Der Schweiß von Wochen in einer Plastikmontur, die nur sehr selten eine Waschmaschine von innen sieht. Ich bin einen Augenblick lang kein Menschenfreund. Die Uniform übertüncht aber den üblichen Büromief. Die Hitze der vergangenen Wochen konnte noch nicht entweichen. Dazu noch der Beton- und Staubdunst von der Baustelle, der in jede Ritze dringt, wenn wir die Fenster öffnen. Und wir müssen sie mal öffnen. Also Fenster und Tür auf.

08:10 Uhr – Ich muss mal das WC aufsuchen. Dieses befindet sich nahe des Treppenhauses und ist zu meinem Bedauern fensterlos und nicht mit einer Lüftungsanlage ausgestattet. In den WC-Räumen ist es, wie im Sommer üblich, ca. 28 Grad warm und sehr stickig. Darauf bin ich aber gefasst, bin ja nicht das erste Mal dort. Heute hat sich aber jemand am Waschbecken die Zähne geputzt. Ich weiß sogar wer. Ich habe die Dame schon dabei beobachten können. Ist reinlich und löblich und sie kann ja nichts dafür, dass Pfefferminzgeruch bei mir einen Brechreiz auslöst. Ich muss also ein paar Meter weitergehen zum nächsten WC, denn das verkrafte ich heute nicht.

11:15 Uhr – ruhige Stunden bis hierhin für meine Nase. Keine Eiersalatbrötchen, Ingwertees oder Parfümnoten meiner Kolleginnen. Toll. Denn auch das ist ja alles nicht verboten und ich ertrüge es still. Jetzt kommt aber ein IT- Kollege zu mir für einen Softwaretest. Er hat heute Morgen entweder die Dusche durch eine Ladung After Shave ersetzt oder er trägt sein Hemd schon seit einigen Tagen. Nicht direkt ungepflegt, aber unangenehm. Zum Glück scheitert der Test schon nach wenigen Minuten und er zieht wieder ab. Sein Odeur ist auch meiner Kollegin nicht verborgen geblieben. Ich bin nicht allein.

15:20 Uhr – zurück am Bahnsteig Baumwall. Es rollt eine neue Bahn ein. Die Klimaanlage läuft und kämpft tapfer gegen die Ausdünstungen der vollen Besetzung an. Stehend kann ich auch einigermaßen Abstand halten. An den Landungsbrücken steigen viele aus und noch mehr wieder ein. Unter anderem ein Fahrrad und ein Kinderwagen, ich muss also Platz machen im Stehbereich und mich setzen. In die Fensterecke eines Vierers – so ein Amateurfehler, hier bin ich ausgeliefert. Ich sehe hoch und blicke in das verbrauchte Gesicht eines kleinen sehr ungepflegten Mannes. Armer Kerl, der auch sogleich auf den Augenkontakt reagiert (Fehler Nummer 2). Er quatscht mich voll, Undefinierbares. Zweimal droht er mit Körperkontakt, während er gestikuliert und sich vorbeugt: Aha, die eine oder andere Bierdose hat er heute schon geleert, das rieche ich ganz deutlich. Ich hasse Bieratem! Dann lacht er auch nach jedem zweiten Satz. „Keine Weltherrschaft ohne manisches Lachen“ – mein lieber Prof. Dr. Feinfinger! denke ich noch und muss fast selbst lachen.

16:00 Uhr – Eigentlich wollte ich noch schnell was im Supermarkt besorgen. Aber als ich den Laden betrete, schwallt mir Unsagbares von der Käsetheke entgegen. Ich drehe gleich um und verschiebe den Einkauf. Nicht heute.

16:20 Uhr – Ich schließe unsere Haustür auf und öffne die Tür zum Treppenhaus. Das Treppenhaus war in der hitzigen Vergangenheit immer ein Rettungsanker, weil die Kühle dort nie ganz gewichen ist. Zaubert mir sonst immer ein Lächeln ins Gesicht. Heute leider nicht. Unser 12jähriger Nachbar ist ein Fast-Food-Junkie und er liebt Knoblauchbrot. Ich merke schnell, heute ist es also mal wieder soweit. Schön, dass er mich auch daran teilhaben lässt. Ich bin den Tränen nahe.

Dann ist es aber geschafft, in den eigenen vier Wänden ist alles so, wie es sein soll. Ich öffne den Kühlschrank und nehme eine Nase aus dem Kirschmarmeladenglas. Das scheint mir das beste zu sein. Es hilft auch.

21:15 Uhr – Der letzte kommt nach Hause und war gerade mit seinem Banker beim Griechen essen. Irgendwas ist ja immer.

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