Seit jeher habe ich ein ambivalentes Verhältnis zu den USA. Ich kann gar nicht genau sagen, wann und warum sich das entwickelt hat. Ich kann es nur vage rekonstruieren. Und ich glaube, dass die Schule und meine Lehrer viel dazu beigetragen haben. Zum Einen waren die Meldungen der militärischen Kampfhandlungen der USA im zweiten Golfkrieg im Januar 1991 ein einschneidendes Ereignis innerhalb der Schulmauern, denn wir saßen gebannt vor dem Fernseher und haben dann wochenlang darüber gesprochen und gelernt. Mein damaliger sozialdemokratischer Politiklehrer hat viel und deutlich Kritik an der amerikanischen Regierung geübt. Ich kann mich wohl nicht davon freimachen, dass ich seine Meinung übernommen habe, weil er mich überzeugt hatte. Zum Anderen hatte ich eine Englischlehrerin, die gebürtige US-Bürgerin ist. Sie war der Liebe wegen in Deutschland gestrandet. Eine Frau aus der niedersächsischen Landwirtschaft, die leider keinerlei Bereitschaft gezeigt hat, sich mit den hiesigen Gegebenheiten anzufreunden. Jedes Thema und jeder dritte Satz begannen mit: „In the U.S. we have…“ Und in den Staaten war natürlich alles viel besser und größer und schneller als hier, ließ sie uns noch wissen. Weil sie nicht über eine mit dem Politiklehrer vergleichbare Intelligenz verfügte, hat sie mich lediglich davon überzeugen können, dass der gemeine Amerikaner wohl doch nur mit Wasser kocht und nur über eine begrenzte Toleranz verfügt. Oder diese nur walten lässt, wenn es von persönlichem Vorteil ist.
Soviel zur Vorgeschichte, denn wie alle Geschichten, nimmt auch diese eine Entwicklung. Ich war also etwas voreingenommen gegenüber dem Amerikanischen im Allgemeinen. Aber schon in den Neunzigern war es nun einmal so, dass fast alles Teenagerunterhaltende aus den USA kam, ob Pop-Musik oder Kinofilme. Na gut, gute Musik kam auch aus Großbritannien. Aber Hollywood konnte und kann meines Erachtens keine andere Nation das Wasser reichen. Gute Europäische Filme und Serien sind immer noch seltener, auch wenn es natürlich echte Juwelen gibt.
Im Amerikanischen Film geht es allzu oft um landestypische Probleme, Amerikanische Geschichte, oder die Handlung spielt in weltberühmten Städten. Durch meinen, ich muss es doch sagen, immensen Konsum solcher Werke beschäftige ich mich mit dem Einen oder Anderen. Und diese Auseinandersetzung setzt eine Reflexion in Gang, die eben Spuren hinterlässt.
Im persönlichen Dunstkreis gab es immer wieder Menschen, die echte Amerika-Fans waren und sehr gern dorthin gereist sind. Das hat mich eigentlich nie sonderlich beeindruckt, denke ich noch heute oft: Bevor ich eine Rundreise durch das zweifellos vielseitige und wunderschöne Nordamerika mache, möchte ich viel mehr von Europa sehen, Hier gibt es ja noch genug Orte, die eine Reise wert sind und die ich noch nicht kenne. Aber die Stadt New York zum Beispiel rutschte immer weiter nach oben auf meiner Wunschliste. Und dann habe ich sie besucht und möchte seitdem unbedingt wieder dorthin. Als ich hier in der Familie den nächsten Aufenthalt in New York zum 18. Geburtstag laut angedacht habe, stieß ich auch auf keinen Widerstand. Im Gegenteil, es wurden gleich noch weitreichendere Überlegungen angestrengt.
Auch der Konsum Amerikanischer Produkte löst in mir kein automatisches Unbehagen mehr aus. Sofern die Amerikanische Flagge nicht zu dominant ist, oder anderweitiger Patriotismus Einzug hält, komme ich gut damit klar. Wir hatten im letzten Jahr sogar kurz mit einem Jeep-Automobil geliebäugelt. Da hat mein Vater aber an uns appelliert: „Muss es denn wirklich ein Amerikaner sein?“ Nein, musste es nicht. Wir hatten ja auch schon 2003 die Anschaffung eines Chrysler PT Cruiser aus den gleichen Gründen verworfen.
In einigen anderen Bereichen sähe es für mich aber ganz schön düster aus, wenn ich den Amerikanischen Ursprung konsequent ausklammern würde. Mein kleines wunderbares Mobiltelefon würde mir sehr fehlen.
Ich stehe der Amerikanischen Kultur zwar in vielen Momenten noch ratlos und befremdet gegenüber, aber auch das wird besser, je öfter ich mich damit beschäftige. Gerade habe ich zwei Netflix-Serien gesehen, die mich in beide Richtungen schauen lässt. Da ist zum einen die zehnteilige Serie „American Crime Story – The People v. O.J. Simpson“, die sehr edel besetzt den Mordprozess gegen O.J. Simpson zum Thema hat. Ich habe es 1995 gar nicht so genau verfolgt, was da über acht Monate Unfassbares live im TV übertragen wurde! Das hätte sich niemand spannender ausdenken können. L.A. war zu der Zeit noch immer, vielleicht sogar mehr denn je von den Rassenunruhen durch den Fall Rodney King zu Beginn der Neunzigerjahre geprägt. Darüber bin ich wirklich erschrocken, wie gespalten das Miteinander von Schwarz und Weiß doch immer noch ist. Auch in der zweiten Serie „Queer Eye“ spielt das eine Rolle. „Queer Eye“ ist ein Reality-TV-Format, in dem fünf schwule Männer einem anderen Mann ein „Makeover“ verpassen. Jeder der sogenannten Fab5 hat ein Spezialgebiet: Haare, Mode, Kochen, Wohnen und „culture“ – für meine Begriffe Lebenshilfe allgemein. Die fünf sind große Klasse und ich hätte sie liebend gern zu Gast! In den beiden veröffentlichten Staffeln sind sie in Georgia unterwegs. In den Südstaaten ist bisweilen immer noch weniger Toleranz Schwarzen gegenüber zu finden, als im Norden der USA. Daran hat sich seit Fackeln im Sturm offenbar nicht viel geändert. In einer Folge fahren die fünf, wie immer zu Beginn, zum Kandidaten. Am Steuer sitzt der Schwarze. Der beste Freund des Kandidaten hatte diesen für die Sendung nominiert und beide sind Polizisten. Der beste Freund fingiert eine verdachtsunabhängige Kontrolle und lässt den Wagen anhalten. Weil er nicht gleich auflöst, wer er ist, ist der arme Fahrer sichtlich beunruhigt und der dahinterstehende Konflikt wird in dieser Folge noch mehrfach thematisiert. Im Jahr 2018 wohlgemerkt. Auf der anderen Seite muss ich erwähnen, dass so einige Kandidaten, die ich als echte Südstaatler bezeichnen würde, überhaupt keine Vorbehalte den fünf schwulen Männern gegenüber zeigen. Das finde ich auch bemerkenswert. Einer sagt zu seiner Freundin: „Hättest Du gedacht, dass ich mit fünf Schwulen die tollste Woche meines Lebens habe?“ Vorurteile sind eben immer schlecht, weil sie nie das Ganze umfassen und abbilden, sie begrenzen uns ganz unnötig. Auch mein Südstaatlervorurteil.
Der eigentliche Auslöser für meinen heutigen Eintrag ist aber ein Amerikaner, den ich hier im Blog schon einmal erwähnt habe: Fred Rogers. Der war offenbar ein unglaublich guter Mensch und hat mit seinem Wirken sicher zu nennenswerter Verbesserung in vielen Belangen beigetragen. Fred Rogers lässt sich wohl am Ehesten mit Peter Lustig vergleichen, um kurz zu beschreiben, was er tat. Natürlich umgekehrt, denn Rogers war der Pionier auf dem Gebiet und Vorbild sowohl für die Sesamstraße als auch für die Muppets. Er hat eine Fernsehserie produziert, die Kindern alltägliche Themen erklärte. Er war als Mr. Rogers der Mittelpunkt einer kleinen Siedlung und hat als guter Nachbar stets auf alle Fragen der Kinder eine Antwort gewusst. Im Jahr 1969 hat er mit dem schwarzen Polizisten der kleinen künstlichen Nachbarschaft ein gemeinsames Fußbad als Ausgangspunkt für das Gespräch über die Frage des Tages genutzt. Eine unglaublich tolle Szenerie, gerade weil sein Publikum aus Kindern bestand. Jedenfalls war Mr. Rogers sicher mehreren Generationen von Amerikanern ein leuchtendes Vorbild. Ganz frisch ist gerade eine Biografie herausgekommen, die ich mit großem Vergnügen lese. Ich kann kaum ein Kapitel beenden, ohne gerührt zu sein.
Warum der Umschlag so wunderbar in den Primärfarben gestaltet ist, aus denen sich alle anderen Farben mischen lassen, weiß ich (noch) nicht, es ist aber sicher kein Zufall…