50 Jahre

Diese Woche habe ich eine Lesung im Rahmen des HarbourFront Literaturfestivals besucht. Meine liebe Kollegin, die mich seinerzeit schon mit meinem Mann verkuppelt hat, hatte mich auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht.

Das Festival feiert in diesem Jahr seinen 10. Geburtstag und das Buch des Abends seinen 50.!

Es ging um die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Das ist mein Lieblingsbuch. Zum ersten Mal habe ich es in der achten Klasse gelesen. Wir mussten in jedem Halbjahr einen Klassiker lesen und dann vorstellen. Die „Deutschstunde“ stand bei uns zu Hause im Regal. Neben anderen Klassikern (Die Buddenbrooks, Jeder stirbt für sich allein, Jauche und Leykojen) waren das, soweit ich mich erinnern kann, Käufe im Rahmen des Buchclubs meines heutigen Arbeitgebers. Mit den Schließungen der Buchclubgesellschaften habe ich 25 Jahre später steuerlich zu tun gehabt. Noch ein Jubiläum, wenn auch ein trauriges. So schließt sich der Kreis. Traurig ist aber keineswegs, das die Clubmitgliedschaft meiner Mutter mich in die Welt des Siggi Jepsen entführt hat!

Lesungen sind eine tolle Sache, auch wenn man das Buch schon kennt. Als Vorleser war hier Ulrich Matthes eingeladen. Herrn Matthes kennt man als ZDF und ARD Seriendarsteller, oder als Bundeswehrvorgesetzten von Frank Lehmann in „Neue Vahr Süd“. Seine Stimme hat er viele Jahre den Filmfiguren von Kenneth Branagh geliehen. Und Vorlesen kann er auch ganz hervorragend. Jedenfalls hat sein Klang zwei Auszüge aus dem Buch ganz wunderbar durch die Kirche St. Katharinen hallen lassen.

Außerdem waren noch drei Experten zu Gast: Günter Berg (Vorsitzender der Lenz Stiftung), Dörte Hansen (als gebürtige Nordfriesin, der Roman spielt ja dort) und Nora Bossong (warum habe ich vergessen). Die beiden Damen sind auch Schriftstellerinnen und es war eine Freude, ihren wohlformulierten und eloquenten Ausführungen zu lauschen.

Es ist immer wieder schön, sich einfach mal der Kultur hinzugeben und mit Fragen zu beschäftigen, die vollkommen abseits des Alltags stattfinden. Wobei ich als Zuhörer mich ja eigentlich nur berieseln lasse. Aber anderen Lesern zuzuhören, wie sie über ein Buch sprechen, dass ich auch gelesen habe, macht einfach Spaß. Manchmal bin ich verwundert, was in Szenen alles hineininterpretiert wird. Manchmal kann ich nur zustimmen. Und manchmal verblüfft mich eine Hintergrundinformation so sehr, dass ich gleich noch einmal in den Text einsteigen möchte. In der „Deutschstunde“ gibt es einen Maler, dem Emil Nolde als Vorbild gedient hat. Und Herr Berg sagte dazu, dass alle Bilder, die im Roman beschrieben werden, tatsächlich existieren. Das muss ich unbedingt noch einmal nachvollziehen.

Außerdem berichtete Herr Berg, dass Siegfried Lenz seine Bücher immer zuerst im Kopf verfasst hat. Dann hat er sie handschriftlich niedergeschrieben und zum Abtippen weitergegeben. Und nur selten wurde sehr wenig geändert, bevor es in den Druck ging. Bemerkenswert. Das wäre mir nicht möglich. Kaum vorstellbar, dass ich Passagen nicht noch wieder verschieben, löschen oder ändern könnte.

Es ist zwar schon ein wenig her, aber Oscar Wilde hat einmal gesagt:

„Man sollte alles lesen. Mehr als die Hälfte unserer heutigen Bildung verdanken wir dem, was wir nicht lesen sollten.“

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