Gestern bin ich lange mit dem Auto gefahren. Es war eine Autobahnstrecke und auf dem Rückweg war zwischen 20 und 22 Uhr selbst auf der A7 nicht viel los. Im Prinzip 1,5 Stunden Durchrauschen. Wegen einiger Baustellen mit geringerer Geschwindigkeit. Aber die LKW waren bereits auf den Rasthöfen und so musste ich nur selten die Spur wechseln. Nach 30 Minuten ertönte und erschien dabei erstmals die Anzeige: „Pause empfohlen“ nebst Kaffeebohnenpiktogramm. Kaffee finde ich abscheulich. Es müsste schon ein eisgekühltes koffeinhaltiges Getränk sein, dass mich verlocken würde, anzuhalten.
Das ist mir mit dem noblen Dienstwagen auch öfter passiert. Die Pausenempfehlung meine ich. Sehr zur Schadenfreude des Fahrzeughalters neben mir, der die Meldung wohl nie ausgelöst hat. Da der Dienstwagen mit beunruhigend vielen elektronischen Funktionen und Kameras ausgestattet war, habe ich seinerzeit schon überlegt, was da im Hintergrund wohl geprüft wird. Wurden meine Augen zu Schlitzen? Oder ist es der omamäßige Fahrstil, der mir regelmäßig unterstellt wird? Im Audi aber tauchte die Meldung gestern erstmals (und insgesamt zweifach) auf und ich habe mich direkt darüber geärgert. Ich war nämlich topfit und habe die entspannte Fahrt sogar genossen. Also bin ich im Netz auf die Suche nach den Prüfparametern gegangen, weil das Bordbuch lediglich eine sehr allgemeine Erläuterung gibt:
„Das serienmäßige Fahrerinformationssystem mit Pausenempfehlung zieht aus verschiedenen Fahrzeuginformationen Rückschlüsse auf die aktuelle Aufmerksamkeit des Fahrers.“
Es ist immer wieder lustig, wie viele Menschen im Internet mit Rat dienen. Für alles gibt es ein Forum und unheimlich viele geben sich wirklich viel Mühe mit den Kommentaren. Vielleicht hätte ich sogar ein Youtubefilmchen finden können, wer weiß. Dank der vielen fleißigen und findigen Schreiber auf Seiten wie „Auto-talk “ u.ä. weiß ich jetzt, dass es meine besonnene Fahrweise ist, die die Meldung auslöst und ich sie eigentlich als Kompliment auffassen könnte. Zunächst prüft die Elektronik bereits ab einer Geschwindigkeit von 65 km/h – und so schnell fahre selbst ich auf der Autobahn, auch in der Baustelle. Außerdem wird die Lenkung beobachtet. Je länger keine deutlichen Lenkbewegungen zu messen sind, desto müder scheint der Fahrer zu sein. Ich denke, das bedarf in den USA einer Anpassung, denn dort gibt es ja viel mehr kurvenarme Strecken als hier. Und als weiteres Kriterium für die Teilentmündigung des Fahrers wird die Bedienung der elektronischen Funktionen am Lenkrad und im Cockpit registriert. Da ich während der Fahrt nur sehr selten daran herumfingere, schlußfolgert der Wagen, dass ich vermutlich kurz vor dem REM-Schlaf bin. Das halte ich zwar für übertrieben, aber mit dem Ergebnis kann ich leben. Jedenfalls werde ich jetzt nicht anfangen, während der Fahrt öfter zu telefonieren, das Navigationsgerät zu bedienen oder die Klimatisierung anzupassen, um in der Statistik vermeintlich cooler zu erscheinen. Sollen die Datenkraken doch auswerten was und so oft sie wollen!
Bei uns stand vor Jahren mal ein Beauftragter der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) vor der Tür, der uns gern in die Panelgruppe für die Auswertung der Fernsehgewohnheiten (also Messung der Einschaltquoten) aufgenommen hätte. Leider muss das Messgerät an die Telefonleitung angeschlossen werden, damit die Daten übermittelt werden können. Und diese Verbindung war damals noch nicht kabellos möglich. Wir waren nicht gewillt, dafür ein Kabel quer durch den Flur zu verlegen und so wurde nichts aus unseren Plänen, es denen mal so richtig zu zeigen: Niemals RTL gucken (wär nicht schwer), um die unsäglichen Shows endlich zu beenden. Samstagabends gern mal 3Sat und ARTE (je älter wir werden, desto häufiger ist das ohnehin der Fall) laufen lassen. Eine Opernaufführung oder Tanztheater gucken. Die hätten sich sicher gewundert über die Verschiebung der Verhältnisse. Es werden nämlich nur rund 5000 repräsentative Haushalte in die Gruppe aufgenommen. Da macht sich jede Veränderung bemerkbar. Dass die Fernsehindustrie und vielmehr noch die Werbeindustrie sich nach wie vor bei der Programm- und Preisgestaltung nach diesen Messdaten richten, finde ich bedenklich. Ich weiß aber natürlich nicht, inwiefern man inzwischen auch auf Netflix und Google reagiert. Ein Einfluss ist ja unumgänglich, ansonsten hätte das alles mit der Realität nicht viel zu tun.