Heute hat sich der Kollege als Mensch wieder einmal von seiner beschämenden Seite gezeigt. Allerdings in Form einer Kollegin.
Wir haben im kleinen Kreis die Wundertüten für den kommenden Weihnachtsbasar gepackt. Kurz zur Erklärung: Der firmeneigene Weihnachtsbasar dient dazu, über das Jahr Angesammeltes zu verkaufen. In den Redaktionen sammeln sich Bücher, DVDs, Warenproben und dergleichen in großen Mengen. Mitarbeiter und Gäste können diese Dinge günstig kaufen und die Einnahmen aus dem Verkauf werden an lokale gemeinnützige Organisationen gespendet. In den Wundertüten werden zumeist verschiedene Werbegeschenke, DVDs und CDs verklappt. In einigen Tüten werden hochwertige Gegenstände versteckt. Und so kann man Glück haben, und für 8€ etwas viel wertvolleres bekommen. In den vergangenen Jahren habe ich immer 1-3 Tüten gekauft. Schließlich wird dieses Geld einem guten Zweck zugeführt. Der Inhalt war mal besser und mal weniger gut. Ich fand darin zum Beispiel ein Basecap, eine Einkaufstasche, Kugelschreiber (alles prima) oder ein Duftset mit Parfum und Duschgel, Armbanduhren ohne Batterie, CDs und DVDs (für mich alles unbrauchbar). Wundertüten eben. Da erwarte ich keine echten Schätze. Es geht hauptsächlich um die Geste in Form der Spende. In diesem Jahr habe ich mir fest vorgenommen, nur den Betrag für die Tüten abzugeben, weil ich aus Nachhaltigkeitsgründen nicht wieder mindestens den halben Tüteninhalt im Müll entsorgen möchte. Ob ich diese Entscheidung bereue, nachdem ich nun beim Einpacken dabei war, verrate ich nicht…
Jedenfalls waren am Treffpunkt Paletten mit riesigen Kartons aufgebaut. Jeder der Helfer nahm sich eine Tüte und füllte sie mit all den Dingen, die dort standen. Gekommen waren ungefähr 15 Kollegen und die wuselten zwischen den Kartons hin und her. Nach einer Weile hatte sich eine Art Fließband entwickelt. Ich arbeitete am Ende des Prozesses und legte die fertigen, verschlossenen Tüten in noch größere Kartons, worin sie bis Donnerstag gelagert werden. Ab und zu hat der Hauptorganisator die vereinzelten bereits gepackten Tüten mit den geheimen, tollen Inhalten in die Kartons verteilt. Es gibt sie also wirklich!
Ich erzähle das so ausführlich, weil auch meine niederen Instinkte kurz zum Vorschein kamen. Ich habe die Kartons mit den vielen bunten, kunststofflastigen Dingen gesehen und war gleich hingerissen. Ich kann mir nicht helfen, aber bunte Plastiksachen ziehen mich immer magisch an. In Läden muss ich Regale mit farbenfrohen erdöllastigen Waren immer ausgiebig erkunden. Oft habe ich auch etwas gekauft. Im letzten halben Jahr aber konnte ich diesem Impuls erfolgreich widerstehen. Heute beim Packen konnte ich allerdings nicht verhindern, bei dem einen oder anderen Gegenstand zu denken: Toll, sieht ja super aus, könnte ich sehr gut gebrauchen. Und dann standen teilweise auch noch die schönen Namen darauf: Neon, View, Geo usw.. Was genau mich faszinierte, kann ich hier nicht benennen, ohne dem geneigten Leser und Basarbesucher die Vorfreude zu nehmen. Aber zweifelsohne hatte mich die Gier wieder im Griff. Ich hätte vielleicht noch an Ort und Stelle zwei Tüten gekauft, wäre das bereits möglich gewesen und hätte ich nicht den Verzichtsvorsatz.
Immerhin war ich bereit, dafür zu bezahlen, wie in jedem Jahr.
Mein Tätigkeitsbereich war etwas ruhiger und so konnte ich einige bezeichnende Szenen beobachten. Zuerst kam eine mir bekannte Dame vorbei, die diverse Gegenstände im Arm hielt. Ich war noch arglos, als sie suchend da stand, aber dann zeigte sie ihr wahres Gesicht und fragte nach einer der Tüten. Sie könne „das Zeug“ ja so nicht fortschaffen und die anderen hätten doch auch Tüten. Zu Ihrem Verdruss wurde sie aufgeklärt und musste hören, dass „das Zeug“ für den Basar und mitnichten zum Mitnehmen bestimmt sei. Sie ist dann mit ihrer Beute ohne ein weiteres Wort von dannen gezogen. Das war ihr nicht einmal unangenehm. Beim Anblick der vermeintlichen Gratisartikel war sie einfach nur noch gierig. Wenig später kamen noch zwei Hipstergrüppchen, die auch ohne Scham über die Kartons hergefallen sind. Sie quetschten sich zwischen die Helfer, hielten dieses und jenes in die Luft und riefen verzückt Sachen wie: „Ja geil – sieh‘ Dir das an. Das nehm‘ ich auch!“ Zugeben muss ich in diesen Fällen, dass sie nach Aufklärung sofort alles zurücklegten und kleinlaut weitergegangen sind. Immerhin. Aber sprachlos macht mich so ein Verhalten trotzdem. Hemmungslose Gier.
Ich verschaffe mir doch wenigstens erst einen Überblick über die Lage und versuche herauszufinden, ob und warum dort nun etwas verteilt wird. Und ich finde, es war schnell zu sehen, dass die Helfer einen Auftrag hatten. Dass niemand im Vorbeigehen alles Mögliche an sich rafft.
Leider musste ich diese Erfahrung im beruflichen Umfeld schon des öfteren machen. Dass Menschen, die eigentlich ausreichend viel verdienen, dennoch keine Scham dabei zeigen, bei einer sich bietenden Gelegenheit alles Mögliche einzusacken.
Manchmal vergessen wir wohl unsere zivilisierten Gepflogenheiten.