Zahnseide

Zur Zeit müssen wir im Büro die Steuerberechnungen zum Jahresabschluss durchführen. Da wir dabei unter großem Zeitdruck stehen, erfordert die Tätigkeit immense Konzentration. Da ich nicht der Typ für yogaesque Entspannungstechniken bin, habe ich mir überlegt, als Alternative den „Floss-Dance“ zu lernen, jenes Tänzchen, bei dem die Hüfte hin- und hergeschoben wird und in entgegengesetzter Richtung die durchgestreckten Arme in schneller Bewegung mal vor und mal hinter dem Körper schwingen:

Kindern soll das leichter fallen, weil sie gelenkiger sind. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich es auch lernen kann. Wir haben uns in der Familie versprochen, dass wir es bis zur nächsten Geburtstagsfamilienfeier Ende März alle können. Im Augenblick kann nur mein Neffe eine respektable Version vorführen. Schnell und sauber ausgeführt.

Den Tanz, oder eher die Bewegung, hat sich die junge US-amerikanische Internetberühmtheit, das Backpack-Kid Russel Horning, ausgedacht. Sie erfordere „Style, Präzision und Schnelligkeit“. Schon vor Jahren entstanden, hatte die Bewegung einen riesigen Auftritt beim ESC in Lissabon 2018 und war in der Szene doch schon ein alter Hut. Der junge Herr Horning hat immerhin über zwei Millionen Follower. Im Mai 2017 hat Katy Perry ihn in einem Musikvideo verwendet und die APP „Musical.ly“ war ein weiterer Trendbeschleuniger. Die restlichen Jungszimmer hat der Floss dann durch das schadenfreudige Siegertänzchen im Online-Spiel „Fortnite“ erobert. Und nun auch meine Welt. Es sieht aber auch zu schön aus!

Im britischen Unterhaus hat gestern vielleicht auch jemand den Floss…. Aber nein, kein britischer Politiker. Auch nicht im Unterhaus. Die Briten sind dafür sicher viel zu steif und konservativ. Ich habe gestern ein wenig die Debatten vor der Brexit-Abstimmung verfolgt. Die Briten haben ihren Humor dringend nötig. Sie können ja grundsätzlich auch über sich selbst lachen. Aber es ist durchaus bemerkenswert, wie sehr die britische Kultur noch im Gestern verharrt und wie wenig Lockerheit eine Chance hat. Eins ist klar: Ein Schauspieler oder jemand ohne elitäre Schulbildung könnte dort nicht die Regierung übernehmen. Selbst so ein Verrückter wie Boris Johnson hat Schulen besucht, die einem dort automatisch die eine oder andere Tür öffnen. An der Stelle ist „Der kleine Lord“ auch heute noch aktuell. Der Film gehört allerdings nur aus sentimentalen Gründen zu meinem weihnachtlichen Pflichtprogramm. Die schönste Szene ist zweifelsohne diese: Der kleine Lord und sein Großvater fahren über die Ländereien und Lord Fountleroy bedauert, dass er als Aristokrat nun nicht mehr Amerikanischer Präsident werden kann. Daraufhin stutzt sein Großvater nur: „Aber Du hast einen Platz im Oberhaus!“ und Cedric fragt: „Ist das auch gut?“ Er bekommt als Antwort: „Armer Junge, dazwischen liegen Welten.“

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