Der „Heldenmarkt“. Für einen LOHAS wie mich eine vielversprechende Veranstaltung. Schon die Werbeplakate haben mir gefallen:

Heute war es also soweit. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Hafen. Die Strecke fahre ich selten und die S-Bahn hat in meinen Augen leider kein charmantes Flair. Zu groß und zu laut. Ich fahre viel lieber in der gemütlichen U-Bahn. Aber zu einer Umwelt-Messe kann ich nicht mit dem Auto fahren. Wäre kein guter Start. Leider regnete es und die eigentlich entzückende Treppe zum Hafenbecken hinunter versprühte keine Begeisterung. Aber die Lage der Messehalle! Direkt am Wasser und auf der Wasserseite der Blick auf moderne, coole Gebäude mit der Köhlbrandbrücke im Hintergrund. Auf der anderen Seite die versnobte Fischfeinschmeckermeile. Am Samstag eher ausgestorben, aber dennoch bunt und sehenswert. Das ist schon mal ein touristisches Highlight und nicht die schlechteste Kulisse.
Am Eingang eine kurze Schlange, die durch die mäßig organisierte Einlasssituation verursacht wird. Schaltertresen direkt an der automatischen Schiebetür. Es passen nur zwei Personen vor den Tresen für Tageskartenkäufer. Sonst stünde die Tür unentwegt offen. Es ist für die Kassierer auch so schon recht zugig. Aber sie sind nicht langsam und deshalb müssen wir nicht lange warten. Um uns herum nur optisch Gleichgesinnte mit hochwertiger Kleidung und gemischten Alters. Keine echten „Ökos“, so wie ich sie mir vorstelle und im Biosupermarkt antreffe. Die sind wohl schon voll integriert und brauchen keine ökologische Inspiration mehr. Drinnen begrüßt uns eine relativ kleine Halle mit zu vielen Menschen. Aber das ist ja nichts schlechtes, wenn so eine Messe viele Besucher hat.
Ab jetzt wird es für mich aber enttäuschend. In der mir eigenen Art könnte ich die Halle in wenigen Minuten durchschreiten. Es spricht mich so gut wie nichts an. Eine Aneinanderreihung von wiederverwendbarer Frischhaltefolie mit Bienenwachs, intensiv riechender Naturkosmetik, Obst-, Gemüse- und Getränkelieferanten, fair produzierter Kleidung. Kenne ich alles schon, oder ich brauche es nicht. Überhaupt ist alles mehrfach und identisch vorhanden. Sehr schade. Und kaum etwas zum Sofortkauf oder -verzehr.
In der Mitte der Halle findet eine Eintrittskartentombola statt, die die Menge anzieht. Es ist eng und warm, wir haben Durst. Aber die Bar ist unerreichbar. Neben uns ein Schweizer Vitaminsaftanbieter. Wir probieren und wollen gleich eine ganze Flasche kaufen, um unseren Durst zu stillen. Aber er verkauft heute nichts. Wir könnten die Säfte abonnieren. Glücklicherweise ist er kein Verkaufstalent und lässt uns schnell gehen.
Meine Begleitung arbeitet wie geplant alle vier Finanzstände ab. Mir ist das zu langweilig. Dafür habe ich geheiratet, dass ich mich darum nicht mehr initiativ kümmern muss. Er wird sicher eine schöne Entscheidungsmatrix erstellen und mir das Ganze dann in einem enthusiastischen Vortrag vorstellen, wenn was dabei ist. Ich weiß gar nicht, ob er das wirklich gern macht. Aber er macht es super und ich genieße es sehr, dass mir diese Recherche auf Gebieten, die mir lästig sind, auf so angenehme Weise abgenommen wird.
Während ich mich woanders umsehe, werde ich Zeuge einiger wunderbarer Sätze: „Schau hier, diesen Rock hätte ich beim Pilgern gut gebrauchen können.“ Ich habe bis dahin noch nicht gedacht, dass man Menschen ansehen kann, wenn sie einen Pilgerweg gemeistert haben. Aber ich sage Euch, das ist unverkennbar möglich. Oder: „Wieviel Prozent Paprika ist denn in dem Käse enthalten?“ Letzteres fragt eine Frau, deren Mann zwei kleine Kinder auf den Armen hält und mit jeder Faser schreit: „Kauf ihn oder lass es, die beiden sind schei…schwer und ich will nach Hause.“ Ihre Frage beantwortet übrigens ein kurzer Blick in die Auslage. Da liegt der Laib und die Paprika ist durchaus sichtbar.
Schon beim Aufbruch habe ich festgestellt, dass ich keinen Lippenpflegestift dabei habe. Inzwischen ist es aber nötig. Also tätige ich meinen einzigen Kauf und erwerbe ein mittelpreisiges Exemplar. Ein ökologisch einwandfreier Pflegestift der Sorte Sanddorn. Und wie der pflegt- herrlich! Jeden Euro wert! Leider wird mir gleich bescheinigt, dass er die Lippen auch etwas orange färbt. Na gut, dann lieber nicht noch einen mitnehmen…
Nach rund einer Stunde sind wir also fertig und schlendern wieder zum Bus. Auf dem Rückweg kehren wir noch im Biomarkt ein und kaufen unser Abendessen. Bleibt alles schön nachhaltig heute! Das Publikum dort ist auch wieder wie gewohnt: Total Eimsbüttel. Einige ganz offensichtlich umweltbewusst gekleidet, andere eher outdoormarkenpraktisch. Aber die tragen ihre Plastiksachen sicher die ganze Kindergartenzeit ihrer Kinder hindurch. Und zweckmäßig sind sie nunmal. Es ist schließlich nass und kalt draußen.
Und ich bin ja immer noch im „bemüht“-Stadium meiner Umstellung zum nachhaltigen Alltag. Es gibt noch viel zu ändern. Aber der generell reduzierte Konsum zum Beispiel klappt recht gut. Heute hatte ich zwar kaum Möglichkeiten, aber ich habe immerhin dem Impuls widerstanden, nach dem Messebesuch in die Innenstadt zu fahren und einfach ein bisschen zu shoppen. Lag vielleicht an meiner Begleitung, dennoch fehlt es mir nicht.
Zum aktuellen Stand meiner Bemühungen hier noch ein Werbeplakat des Heldenmarktes:

Aber gebucht ist gebucht.