Tag 5 auf der Baustelle haben wir weitestgehend verpasst. Gestern Abend habe ich nach Feierabend noch einen kurzen Ausflug dorthin gemacht. Verlegte Abflussrohre waren wieder eingemörtelt, die Heizungswand im Schlafzimmer war ordentlich verputzt, die Schlafzimmertür eingebaut und in der Küche waren die Vorbereitungen zur Installation des Durchlauferhitzers getroffen worden. Ansonsten steht immer noch alles voll und ist staubig.
Heute Morgen um neun waren die Allrounder auch schon wieder aktiv und bereiteten alles für den Estrich vor. Ich habe nur kurz die Wäsche eingesammelt und mich zum Waschcenter chauffieren lassen (lag auf dem Weg). Das „Eco-Express-Center“ liegt zwischen Eimsbüttel und Lokstedt unweit der Lenzsiedlung. Die Lenzsiedlung ist ein Hochhauskomplex aus den 70ern und heute ein Problemviertel. Diese Tatsache und die Ankündigung des Internets, dass samstags um 10 Uhr eine Stoßzeit im Center zu erwarten wäre, machten mich etwas unruhig.
Zum Thema Schrullen habe ich ja hier bereits etwas geschrieben. Wenn ich also nur „ich“ wäre und nicht ein Teil meiner kleinen Familie, lebte ich nach einem ganz anderen Zeitplan. Ich bin mir sicher, ich hätte das Center gleich um 6 Uhr zur Öffnungszeit aufgesucht.
Aber die Zweifel an einem reibungslosen Ablauf der Waschaktion waren wie so oft unbegründet. Lediglich zwei weitere Damen waren vor Ort und zusammen haben wir sechs der 11 funktionstüchtigen Maschinen belegt. Ich habe nur wenige Minuten gebraucht, um mich mit den Abläufen vor Ort vertraut zu machen und schon liefen die Miele-Maschinen. Ich habe übrigens noch die Happy-Hour bis 10:00 Uhr erwischt, während dieser kostet eine Waschladung nur € 2,50 statt € 3,00. Ein wenig sentimental dachte ich an meine Azubizeit zurück, als das noch wöchentliche Routine war. Die Preise sind stabil geblieben! Seinerzeit kostete mich die Wäsche DM 5,00. Damals bin ich mit der Wäsche zwar immer 5 Kilometer weit gefahren, aber dafür hat mich der Schnellbus Nr. 37 von Tür zu Tür gefahren. Das war den Schnellbuszuschlag durchaus wert.
Das Publikum im Waschcenter war weit weniger von meiner Welt entfernt, als ich es in dieser Nachbarschaft erwartet habe.
Die anderen Damen jung und und hip. Ich war die Älteste und ich trage dieser Tage keine Hipster-Sachen. Vielleicht besitze ich nicht einmal welche. Es kamen noch zwei Herren, die die Maschinen nur in Gang gebracht haben und dann wieder verschwanden. Die waren schon etwas abgerissener. Die Wäsche in Müllsäcken befördert. Einer davon nicht zum ersten Mal im Einsatz und schon etwas lädiert.
Die Wartenden haben sich die Zeit mit ihren Handys vertrieben. Das war 1996 natürlich noch nicht möglich. Mobiltelefone (nur mit Telefonfunktion) waren ja noch ganz großes Kino. Es sollte weitere fünf Jahre dauern, bis ich mir eins leisten konnte.
Das Trocknen erforderte etwas mehr Einarbeitungszeit. Man kann immer nur in 15 Minuten-Einheiten trocknen. Dann müssen weitere Münzen eingeworfen werden. Sonst wäre der Preis von 1€ wohl auch nicht zu vertreten. Es piepte also unentwegt: Bezahlt, aber nicht aktiviert – Piep – Zeit abgelaufen, aber Wäsche nicht entnommen – Piep – Wieder bezahlt … und so fort. Aber die Trockner sind offenbar Hochleistungsgeräte, sie trocknen wesentlich schneller als das heimische Gerät. Leider sind sie auch wesentlich größer, andernfalls hätte so ein Turbo seinen Reiz auch zu Hause.
Am Montag werde ich wiederkommen und die Schlafzimmervorhänge und Gardinen waschen. Die Wartebank ist ausreichend bequem und ich kann lesen.
Auf dem Rückweg zur U-Bahn habe ich dann aber doch erlebt, warum dieses Quartier einen so schlechten Ruf hat. Direkt vor der Station waren einige Typen versammelt, die sich ob ihrer unterschiedlichen Muttersprachen in gebrochenem Deutsch angepöbelt haben. Samstagmittag und sie hatten gewiss schon diverse alkoholhaltige Getränke konsumiert. Wenn solch ein Szenario nicht derart unangenehm wäre, täten diese Menschen mir sehr leid. Aber so spurtete ich nur schnell daran vorbei und wusste wieder, warum wir uns bei der Schulwahl vor einigen Jahren der sozialen Abschottung schuldig gemacht hatten. Die Siedlung gehört zum Haupteinzugsgebiet der Schule, der auch wir zugeordnet werden. Der Ansatz: Wenn sie es dort schafft, schafft sie es überall – klang schon damals besser als die Wirklichkeit gewesen wäre. Zu viel harte, geballte Realität für meinen Geschmack.
Zu Hause auf der Baustelle werden die letzten Vorbereitungen des Estrichgusses getroffen. Anschließend muss der Belag trocknen. Wir werden es uns dann spät abends oder Morgen ansehen.