Heute habe ich mein zweites „Gin Kiss“-Konzert besucht. Kleinkunst im positivsten Sinne. Denn anders als bei Marc-Uwe Kling ist der Begriff in meiner Welt nicht negativ belegt. Ich mag kleine Bühnen und einen direkten Kontakt zum Publikum (außer im Zirkus). In großen Hallen ist gute Musik oft nicht so beeindruckend. Eine umfassende Kritik habe ich ja schon im letzten Sommer verfasst. Heute berichte ich nur aus meiner ganz persönlichen Perspektive.
Angekündigt wurde unter anderem die „sexiest Bassistin nördlich der Elbe“. Und auch wenn sie es gar nicht nötig hat, ein Kontrabass verleiht seinem Musiker schon mit dem ersten Strich eine umwerfende Aura. Tolles Instrument. Toll anzusehen waren aber insgesamt alle Bandmitglieder. Hübsche Outfits, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit sehr schön miteinander funktionierten. Mein persönliches Highlight war allerdings wieder der Percussionist. Die ohnehin vorhandene Coolness hat er mit seinen Hüten noch einmal unterstrichen. Mindestens drei Damen im Saal fragten sich, ob Matt Bomer aka Neil Caffrey hierfür Pate gestanden hat. Unsere Herzen hatte er jedenfalls schon beim Intro erobert. Sicher kein Zufall, ihm die Begrüßung zu überlassen.
Die Setlist hat sich seit dem letzten Jahr sehr verändert, was mich als Wiederholungstäter natürlich erfreut. Ich habe mich aber noch mehr darüber gefreut, dass mein Lieblingscover „le sud“ es wieder auf die Bühne geschafft hat. Dieses Stück haben wir einst im Französischunterricht durchgenommen. Ich mochte die Version sehr, die damals von einer Kassette abgespielt wurde. Vielleicht war es sogar das Original von Herrn Ferrer, ich weiß es nicht. Meine Lehrerin war keine Frau, der man zum Unterrichtsmaterial Fragen stellte. Und 1992 gab es noch kein Internet. Ich hatte also im letzten Sommer ein wunderbares Déjà-entendu und habe mir den Titel umgehend heruntergeladen.
Wenn ich vom französischen Frontmann schreibe, darf ich die Bühnenansagen nicht unerwähnt lassen. Es gab während beider Shows immer mal wieder etwas sarkastische Anspielungen auf seine Erläuterungen. Waren sie im letzten Jahr eher autobiographisch, haben Sie mir heute noch besser gefallen. Mit einer Prise Humor gewürzt und gelernt habe ich auch wieder was. Bowies „Space Oddity“ hätte ich zum Beispiel viel später angesiedelt, als zur Zeit der ersten Mondlandung.
Die singende Frontfrau hat mich dieses Mal noch ein wenig mehr begeistert, weil ihre Performance noch mutiger geworden ist. Schon die Songauswahl finde ich gelegentlich ganz schön anspruchsvoll. Aber sie kann ihre Stimme virtuos verändern und einsetzen, ohne die Unverwechselbarkeit einzubüßen.
Ebenso markant spielt der Pianist. Er hat seinen ganz eigenen Stil. „Jazzig“ hört er in diesem Zusammenhang glaube ich nicht gern. Und hotellobbymäßig klingt nicht angemessen. Ich mag den Anschlag jedenfalls gern, er hat mehr von einem Glenn Gould als von einem Lang Lang.
Alles in allem hat das Konzert wieder großen Spaß gemacht!
Wenn Ihr also die Gelegenheit bekommt, bei „Gin Kiss“ zu Gast zu sein, dann ergreift die Chance. Die Karten waren innerhalb weniger Minuten restlos ausverkauft. Und in diesem Fall spricht der kommerzielle Erfolg für die Band.