Elbschlosskeller

Vor einigen Monaten habe ich Im NDR die Doku „Elbschlosskeller – Hamburgs härteste Kiezkneipe“ gesehen. Daniel Schmidt ist dort der Wirt in zweiter Generation.

Was der Mann in seinem Lokal macht, gleicht eher der Tätigkeitsbeschreibung eines Sozialarbeiters als der eines Wirts. Aber wenn ich die Beschreibung von Sheldon Cooper aus der Big Bang Theory richtig in Erinnerung habe, gehört neben der kompetenten Beratung und Bedienung der Gäste eben auch das Bemühen um deren Seelenheil zum Berufsbild.

Der Elbschlosskeller liegt in einer Nebenstraße zur Reeperbahn und hat seit den frühen 50er Jahren geöffnet. 24 Stunden, 365 Tage im Jahr. Er ist Anlaufstelle für viele Stammkunden mit schwierigem Hintergrund. Zeitweise dient das Billardzimmer als Notunterkunft für obdachlos Gewordene. Mitsamt postalischer Anschrift für Behördenpost. Viele der Schicksale liegen Herrn Schmidt wirklich am Herzen und er begleitet sie schon sein halbes Leben lang.

Die Dokumentation hat mich sehr beeindruckt. Vor wenigen Wochen dann hat mich meine Kollegin auf eine Lesung aufmerksam gemacht. Herr Schmidt liest aus seinem Buch „Elbschlosskeller“ im Rahmen einer Stadtteilkulturveranstaltung im IKEA Altona. Das Buch habe ich sogleich gekauft und innerhalb weniger Stunden verschlungen. Sehr ansprechend geschrieben. Ich war begeistert.

Und heute also die Lesung:

In der Wohnzimmerabteilung hat sich (leider) überwiegend das ortsansässige Hipsterpublikum versammelt. Aber so fallen wir nicht weiter auf.

In den Keller, wie die Kneipe in der Szene auch genannt wird, traue ich mich jedenfalls nicht. Ich glaube, dort wäre ich nur ein Störfaktor. Vielleicht auch nicht, es kehren angeblich auch langweilige Spießer ein. Und überhaupt, eine Kernaussage im Buch besagt, dass der Absturz jeden treffen kann. „Vier Stufen und Du bist in einer anderen Welt.“ Ich hoffe allerdings noch naiv, dass ein Absturz, durch was auch immer ausgelöst, ohne die Hilfe von Familie oder Freunden durch unser Sozialsystem irgendwie abgefangen wird. Glaube ich immer noch, obwohl einer Freundin und ihren drei Kindern nach einer tragischen und unfreiwilligen Trennung von ihrem Mann, der das (auch nicht vorhandene) Vermögen (auch der Schwiegereltern) durchgebracht hatte, schon die Obdachlosigkeit drohte. Ihre Situation war aussichtslos. Gerettet wurde sie von einer anderen Freundin, die einige Matratzen im Keller zur Verfügung gestellt hat. Dass es jeden treffen kann, da stimme ich aber durchaus zu.

Auch ohne solche Extreme lässt sich ja nicht abstreiten, dass wir ein angepasstes langweiliges Leben führen. Mir macht das nichts aus. Ich bin ja in Hufflepuff zu Hause und brauche keine Abenteuer. Es ist dennoch sehr gut, dass es Menschen wie Herrn Schmidt gibt. Menschen, die mehr tun als Geld zu spenden.

Die Lesung in der IKEA-Filiale ist etwas unruhiger als üblich. Nebengeräusche durch die Nachladenschlussarbeiten stören etwas. Aber irgendwie passt das zum Buch. Darin ist auch alles weit entfernt vom Durchschnitt und von der Normalität.

In diesem Fall liest der Autor zwar nicht virtuos, aber leidenschaftlich und gekonnt. Auf geht es in die zweite Runde!

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