Nachtrag im Logbuch:
Vor dem Auslaufen fand die Sicherheitsübung statt. Anders als im Flugzeug ist die aufmerksame Teilnahme hier Pflicht. Es ertönte ein sehr lauter Alarm und wir mussten mit unseren Schwimmwesten auf dem Evakuierungsdeck an bestimmten Sammelpunkten erscheinen. Dort wurde zweisprachig erläutert, was in einem Notfall zu tun ist. Bevor es losgehen konnte, wurde noch die Vollzähligkeit überprüft. Ein Mann mit italienischem Namen war nicht erschienen, oder hat seinen Aufruf nicht verstanden. Vor uns stand eine ältere, übellaunige Dame, die unentwegt vor sich hin gezetert hat. Sie hat im Grunde nichts gerafft (Sammelpunktkennzeichnung auf ihrer Weste nicht gelesen, im Weg stehen etc.) und hat die freundlichen Erklärungen der Dame neben ihr nur mit verächtlichen Blicken quittiert. Das hat unsere weiblichen Reisegruppenmitglieder ziemlich aufgeregt. Das muss ich schon sagen, es ist nicht der schönste Nebeneffekt einer Kreuzfahrt, den Menschen derart ausgeliefert zu sein. Außerdem zu beobachten und auf dem Kabinenbalkon zu hören ist, dass es Wiederholungspassagiere und Neulinge gibt. Beide Gruppen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Status den jeweils anderen nur zu gern mitteilen. Die Jungfernfahrer stellen viele Fragen oder sprechen ihre Gedanken laut aus. Das ist ganz gut, denn die Vollprofis stehen sogleich mit Rat und Tat zur Seite. Überhaupt scheint es an Bord ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, viel miteinander zu sprechen. Hätte ich beim Traumschiff besser aufgepasst, würde mich das nicht überraschen. Ich frage mich, ob es viele Alleinreisende gibt, die auf diese Weise während einer Kreuzfahrt auch noch die Gesellschaft anderer genießen können. Auf Studiosusreisen stellt sich dieser Effekt ebenso ein, aber eben mit einer vergleichsweise kleinen Gruppe. Hier an Bord könnte ich jederzeit nach einer neuen Bekanntschaft Ausschau halten, wenn ich bei der Auswahl mal daneben gegriffen habe. Aber ich reise nicht allein und bin wie an Land gut damit beschäftigt, dem Teenager nicht allzu peinlich zu sein.
In der Nacht zum Sonntag wurden die Uhren um eine Stunde vorgestellt. Das bedeutete, eine Stunde weniger Schlaf bis zum Frühstück, das leider schon um 10:30 Uhr endet. Geschlafen haben wir prima. Der Rücken ist nicht schlimmer geworden und der Teenager musste geweckt werden. Bis jetzt auch sehr ruhige See. Es sind nur seichte Wellen zu sehen und der Kapitän hat für heute eine leichte Brise angekündigt. Aus seinem Mund klingt das für mich nach Wind, aber die Angabe war wohl nicht fachmännisch.
Am Vormittag habe ich einen Vortrag zum ersten Ziel – Tallin – gehört. Ganz interessant. Zu wenig Bilder für meinen Geschmack. Aber ich soll es ja Morgen selbst ansehen. Der Vortrag findet im Theatrium des Schiffes statt. Dort sind auch die abendlichen Shows zu sehen. Die Arena bietet etwa Platz für 150 Zuschauer. Das ist natürlich nicht genug. Schon 15 Minuten vor Beginn des Vortrags waren alle Plätze belegt. Wir (der Teenager und ich) haben dann an der Bar Platz genommen. Dort gibt es Bildschirme, auf denen ich die Präsentation auch verfolgen kann und wir haben noch Cocktails dazu genossen. Außerdem fiel nicht auf, das meine junge Begleitung während des Vortrags lieber Netflix verfolgt hat. An Bord herrscht Teenagermangel. Zwar ist unser Exemplar nicht auf der Suche nach Kontakt, aber das Bordprogramm zielt eben auf eine andere Generation, da muss sie sich eigene Nischen suchen.
Zum Mittagessen finden wir uns in der Pizzeria ein. Pünktlich zur Öffnungszeit. Wir können den Bäcker noch bei der Zubereitung beobachten. Er ist, wie die unzähligen anderen Servicepersonen, kein Italiener, sondern mutmaßlich aus dem asiatischen Raum. Bordsprache ist eher Englisch und das auch nicht unbedingt fließend. Dafür sind alle sehr freundlich, aber nicht aufdringlich. Das ist sehr angenehm. Wir sind natürlich nicht die ersten wartenden Gäste. Hungrig kann hier keiner sein. Die Lokale haben zwischen den Mahlzeiten nur 30 Minuten geschlossen für den Umbau. Man kann also eigentlich immer essen. Der einzige Hinderungsgrund wäre die Belegung der Tische. Tatsächlich muss man oft etwas warten und suchen. Ein Luxusproblem, keine Frage. Aber dennoch lästig.
Nach dem Essen machen wir es uns auf dem Pooldeck gemütlich. Und hier ist das Generationenproblem eine gute Sache. Keine nervige Animation, sondern Ruhe. Das könnte auch am Wetter liegen, schließlich sind nur 10 Grad zu messen. Aber in Decken eingehüllt, die hier zahlreich und fröhlich gelb bereitliegen, ist es herrlich! Zwischendurch schallt sogar das Lachen einiger Kinder aus dem Pool herüber. Ein Vater erbarmt sich und badet mit seinen Töchtern. Das Wasser mag beheizt sein, aber im nassen Badeanzug an der frischen Luft zu laufen, das wäre selbst mir zu frisch. Nach einer Stunde wird es das auch in trockenem Zustand. Wir gehen rein und machen es uns gleich wieder gemütlich in einem Loungesessel. Der Blick kann von dort aus auf das Wasser schweifen, oder auf den Bildschirm am Fußende der Liegeinseln. Dort läuft wahlweise das Bordprogramm, oder das reguläre TV-Programm. Dazu einen Drink – so eine Dekadenz lässt mein Gewissensbarometer direkt in die Höhe schnellen. Ansonsten kann ich das schlechte Gewissen ganz gut ausblenden und muss den Barometerstand bei Bedarf erst abfragen.
Das Bildschirmgeschehen kann akustisch mit Kopfhörern unterstützt werden. Aber es wird vom Probenlärm übertönt. Die Lounge liegt im oberen Bereich des Theatriums, dessen Tribünen sich über drei Decks erstrecken. So bin ich dem „Boogie Wonderland“ ausgeliefert. Was es noch schlimmer macht, sind die Unterbrechungen und Wiederholungen, es sind ja Proben. Das ist nichts für mich. Ich gehe wieder in die Kabine und werde dort eine Gesichtsmaske ausprobieren, die ich im Bordshop erstanden habe. Typ Tomate – für einen frischen Gesichtsausdruck. So steht es auf der Tüte.
Als Untermalung läuft im TV Harry Potter und der Halbblutprinz. Das mochte ich schon immer gern, einen Film nur Hören. Während der ICE-Fahrten nach München zu meiner Schwester habe ich das oft gemacht. In der zweiten Klasse gab es schließlich keine Bildschirme. Ich habe auch mal eine Kassette besessen: James Bond – Goldfinger. Sehr witzig ohne Bilder.
Die Maske benutzt nur eine von uns. Ich kann den Geruch nicht ertragen – ihh! Lieber sitze ich auf dem Kabinenbalkon und genieße das Wetter. Es ist wieder herrlich!
Gewissensbarometerstand am Abend des zweiten Tages: 5