Nach so vielen Jahren dauert es nicht lange, bis sich die Urlaubsroutine eingestellt hat. Im Haus hat sich nichts Wesentliches verändert. Ein neues Bild und neue TV-Geräte. Teilweise neue Gläser. Das ist alles, was sich feststellen lässt. Die Waschmaschine und der Trockner lassen äußerlich nach, einige Teile der Verkleidung werden mit Klebestreifen unterschiedlichen Datums fixiert. Aber sie laufen noch, das ist viel wichtiger.
Das neue Bild ist sehr präsent im Wohnzimmer angebracht und es gibt dazu verschiedene Theorien. Vorher hing dort die Fotografie einer Strandimpression. Unauffällig gefällig in einer Nordseeunterkunft. Jetzt hängt dort ein 90×90 großes Acrylgemälde. Schon das Maß ist sperrig. Kein goldener Schnitt. Das irritiert mich irgendwie, weil die Harmonie gestört wird. Darauf zu sehen sind zwei füllige Damen in bunten Kleidern, die Physiognomie nur sparsam gezeichnet. Sie trinken stehend ihren Tee. Eine Momentaufnahme vielleicht zu Beginn einer sommerlichen Teeparty, anders lässt sich die Position nur schwer erklären. Der Hintergrund ist royalblau gehalten, vielleicht ein weiter Hinweis auf eine britische Teeparty unter freiem Himmel. Allerdings tragen die Damen keine Hüte, also möglicherweise doch nur eine Zusammenkunft auf Borkum. Zumindest wäre dann das Lokalkolorit erhalten im Haus. Die Frisuren sind gleichartig, die Haare unterscheiden sich nur farblich. Das werte ich als Folge der Inanspruchnahme eines örtlichen Friseurs. In kleinen Orten ist diese optische Konformität, oder das stillschweigende Einverständnis der Aufgabe der Individualität oft zu beobachten. Kenne ich noch aus meiner Jugend. Die beiden Damen tragen sogar den gleichen Schmuck. Statementketten aus großen Perlen und dazu passende Ohrringe.
Insgesamt sind die Farben grell, was überhaupt nicht ins Interieur des Hauses passt.
Wir vermuten mehrheitlich, dass das Bild entweder ein Geschenk an die Hausherrin war und sie es nicht in ihren selbstbewohnten vier Wänden haben wollte, oder ein Inselkünstler diese Serie geschaffen hat und die Werke nun ohne Gnade auf der Insel verteilt. Gegen Letzteres spricht das fehlende Etikett mit Namen und Preis.
Bei uns Sieben ist, wie bereits erwähnt, Routine eingekehrt. Der jüngste Mann übernimmt zum Frühstück die Eierstation. Der zweitjüngste holt die Brötchen. Der drittjüngste joggt vor dem Frühstück.
Zwei von sieben haben einen Sonnenbrand bekommen am ersten Strandtag. Drei von sieben haben zahlreiche Mückenstiche vorzuweisen.
Wir haben kein Sandspielzeug mitgebracht und hadern jetzt noch damit, ob etwas angeschafft wird oder nicht. Etwa wie die Gretchenfrage, oder in unsere Zeit übersetzt: Die Adventskalenderfrage. Ist es noch altersgemäß und notwendig, einen Adventskalender zu genießen? Oder ist diese künstliche Ausdehnung der kindlichen Weihnachtsvorfreude gegenüber Gleichaltrigen peinlich?
In diesem Jahr befinden sich unsere Strandkörbe direkt unterhalb der DLRG-Station. Dort findet jeden Tag um 14:30 Uhr ein Kinderbespaßungshappening statt. Seit Jahren stets gleich und deshalb können die Kinder flashmobartig mitmachen. In bester amerikanisch-kellnerisch-choreografischer Manier führen wenigstens zwei Rettungsschwimmer einen kleinen Tanz auf, der von einem schrecklichen Ohrwurm untermalt wird. Es ist eine Kinderversion des spanischen Strandhits „Veo Veo“ der Hot Banditoz von 2004. In unserer Version heißt es „Theo Theo“. Und wäre das Stück nicht ohnehin durch die reduzierte Klangfolge und den unvermeidlichen spanischen Trompetenklang sehr nervig und eigentlich nur nach dem Konsum von ausreichend viel Alkohol erträglich, macht es der deutsch-debile Text („Theo, Theo ist fit – und es machen alle mit“ !?!) nur noch schlimmer. In den vergangenen Jahren waren uns die wabernden Klänge aus sicherer Entfernung nicht mehr als eine Zeitansage. In diesem Jahr aber können und müssen wir die Tanzerei aus nächster Nähe mit ansehen.
Ist es jetzt also peinlich, in Sichtweite der Theo-Jünger als ausgewiesene Teenager, für die inzwischen sogar Kurtaxe erhoben wird, mit Plastikförmchen im Sand zu spielen?
Ich sage: Nein. Um einen britischen Kassierer zu zitieren, der uns für einen peinlichen Kitschjulklappbeitrag eine transparente Tüte anbot: „Be proud of it!“