Dieses Liedzitat von den Cranberries geht mir immer durch den Kopf, wenn ich Narzissen sehe. Gestern war ich mal wieder mit dem Auto unterwegs und musste feststellen, dass die schönen Frühlingsboten wie Krokusse (korrekter Plural, nicht Kroki oder Krokanten, wie ich es lieber hätte, das klänge viel besser) und Narzissen auf den Straßeninseln der Stadt leider fast unbeachtet blühen. Kein nennenswerter Verkehr rauscht an ihnen vorbei. Es müssen ja so viele zu Hause arbeiten. Für das Klima sicher nicht schlecht, wenn die Autos weniger bewegt werden. Ich fahre mit dem Auto, damit ich nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln sitze (Corona!) und weil ich noch einkaufen muss. Die haltbaren Lebensmittel hat man ja schon vor unserer Rückkehr weggekauft, weshalb ich nun wie gewohnt Frischeres kaufen. Obst und Gemüse gibt es noch eine Menge, das ist schon mal gut.
Zunächst muss ich aber zum Arzt und ein Rezept abholen, dass vorher telefonisch bestellt wurde. Vor der Praxis warten drei andere und lesen die zahlreichen Informationen, die an der Tür heften: „Bei Husten – zu Hause bleiben! Bei Corona-Verdacht – zu Hause bleiben und das Gesundheitsamt anrufen! Ansonsten – nicht eintreten, erst anrufen, wir kommen raus.“ Das ist deutlich und keiner widersetzt sich. Die Telefonleitung ist natürlich besetzt. Eine Viertelstunde warten wir einigermaßen geduldig, dann kommt jemand durch und anschließend jemand raus. Eine recht vermummte Person fragt nach unserem Begehr. Rezepte und Berichtskopien – puh, kein Virenalarm. Nach der Bestellung (uns wird alles vor die Tür gebracht) spricht mich eine ältere Dame an (mit gebührendem Abstand wohlgemerkt). Sie kenne das ja noch aus Kriegszeiten, dass das Leben so reglementiert wird und man nicht so gern auf die Straße geht. Soo alt sieht sie eigentlich gar nicht aus, dass sie sich daran noch lebhaft erinnern kann. Leider ist sie mir schon nach wenigen Sätzen sehr unsympathisch, sie gleicht der Nazioma aus der Tatortreinigerfolge „Nicht über mein Sofa“. Und als wir eigentlich schon glücklich mit unseren Papieren wieder gehen können, fängt sie an, die vermummte Botin zu beschimpfen: Das Telefon sei nicht besetzt, sie hätte es schon seit Tagen versucht, das kann doch nicht wahr sein – und so fort. Ich bin geneigt, mich einzumischen. Ist aber gar nicht nötig, die Vermummte entledigt sich ihres Mundschutzes und lässt ihren Ärger der letzten Tage in einem heftigen Schwall über die verbohrte Hanseatin hereinbrechen. Herrlich! So schnell ruft die bestimmt nicht wieder an!
Danach der nächste Programmpunkt – die Apotheke. Ich wähle die Filiale auf dem NDR-Gelände, weil die vielleicht nicht so viel Laufkundschaft haben. Stimmt auch. Es sind zwar alle vier Parkplätze belegt, aber nach dem Motto: Einer raus, Einer rein, Nächster sein – fährt jemand weg und macht Platz. In der Apotheke ist es auch ruhig. Nur vier Kunden vor mir, die alle artig auf den geklebten Kreuzen am Boden stehen und somit großen Abstand voneinander halten. Am Tresen wird gerade eine NDR-Moderatorin bedient. Endlich eine Promisichtung! Wenn es schon in L.A. nicht geklappt hat. Beim Verlassen des Verkaufsraums lächelt sie allen freundlich zu und steigt dadurch in meinem persönlichen Ranking enorm. Eigentlich bin ich immer etwas von ihrer herablassenden Ausstrahlung genervt, wenn ich sie im TV sehe. Jetzt vielleicht nicht mehr, ich habe instinktiv zurückgelächelt.
Danach in den Supermarkt. Schon der Parkplatz ist gut gefüllt für diese Tageszeit. In der Wagenhütte stehen nur noch vier Wagen, da nehme ich mir mal einen. Im Markt stehen wahrscheinlich auch nicht mehr. Ich kann aber gar nicht direkt in den Markt rollen, weil davor eine etwa 50m lange Kundenschlange steht. Alle mit vorbildlichem Abstand zueinander. Auch hier gilt: Erst eintreten, wenn ein anderer den Laden verlässt. Es dauert also eine Weile. Nicht alle sind gut gelaunt oder geduldig. Manche auch total blöd und schieben direkt zu Eingang. Da haben sie die Rechnung allerdings ohne die Wartenden gemacht. Es wird sofort geschimpft, aber auch zurückgepöbelt. In solchen Momenten bin ich kein Menschenfreund. Was gibt es nur für unausstehliche Typen?
Irgendwann bin ich auch drin: Wie erwartet, ist die Obst- und Gemüseabteilung zwar gut bestückt, aber auch sehr voll. Daran ändern auch die sich ständig wiederholenden Lautsprecherdurchsagen nichts: „Bitte halten Sie ausreichend Abstand!„ oder „Bitte kaufen Sie nur Mengen, die sie wirklich brauchen!“ Der Abstand ist manchmal schwierig und es ist mir echt unheimlich, dass ich mich die ganze Zeit verfolgt fühle, wenn jemand die selben Gänge abfährt. Die Mengen sind mir auch unheimlich. Ist es ok, wenn ich drei Liter Milch in den Wagen stelle? Mein Wagen wird recht voll und auch das macht mir gleich ein schlechtes Gewissen. An der Kasse flaut das dann etwas ab, denn die Dame vor mir stellt ca. 16 Quarkpakete auf das Band. Und neben vielen anderen Dingen auch mindestens 10 Päckchen Butter. So schnell kann ich sie nicht zählen, aber das scheint mir nicht haushaltsüblich. In meinen Kühlschrank passt jedenfalls nicht so viel hinein. Ahnt sie schon, dass sich die Lage ab dem kommenden Montag wohl noch verschärfen wird? Aber nach wie vor sollen wir einkaufen gehen dürfen. Hoffentlich auch fahren. Wenn ich alles an der Hand tragen soll, dann muss ich jeden Tag rausgehen. Und das ist sicher nicht gewollt. Wir werden sehen.
Die Tatsache, die Wohnung fast gar nicht mehr verlassen zu dürfen, hebt unsere Stimmung nicht. Wir hoffen noch, dass sich möglichst viele an die Ansagen halten und es deshalb beim aktuellen Stand bleiben kann. Wenn ich aus dem Fenster sehe, ist der Anblick insofern vielversprechend. Samstag Vormittag und es fahren nur wenige Autos auf der Straße. Fußgänger auch nicht so viele wie üblich. Eigentlich möchte ich Morgen noch die örtliche Gastronomie unterstützen und uns Essen nach Bestellung abholen. Mal sehen, welche Lokale das noch anbieten. Am Montag möchte ich gern meinen Lieblingsbuchladen unterstützen. Die Inhaber haben die Erlaubnis bekommen, Bücher an der Ladentür zu verkaufen. Vorher anrufen und dann Bestelltes abholen. Vielleicht ist das am Montag noch immer erlaubt und ein Spaziergang dorthin scheint mir verlockend.