Was mich inspiriert

In unserem unternehmensinternen Intranet wird seit einiger Zeit jede Woche ein Kollege gefragt, was ihn kürzlich inspiriert hat. Leider war das erst ein Mal jemand, den ich persönlich kenne. Dann ist es viel interessanter zu lesen, weil ich ungefähr einschätzen kann, was diese Inspiration wohl mit der Person macht. Aber auch sonst lese ich den wöchentlichen Beitrag immer gern. Er erscheint donnerstags und weil mir im Homeoffice ja die donnerstägliche Gala fehlt, ist dieses Interview ein kleiner Ersatz. Ich muss in diesem Zusammenhang zugeben, dass mein Bild eines Menschen, den ich kennenlerne, nicht unwesentlich davon beeinflusst wird, welche kulturellen Interessen jemand hat. Um Nick Hornbys Robert Fleming zu zitieren: „Kann man mit Leuten befreundet sein, deren Plattensammlung in Wesentlichen aus Tina Turner Alben besteht?“ Interessante Frage. Die Antwort ist schwierig zu geben, ein bisschen mehr gehört schon noch dazu. Aber ich wäre sicher nicht im 19. Jahr glücklich verheiratet, wenn wir nicht so viele entscheidende Übereinstimmungen bezüglich des Musik- und Filmgeschmacks und des Humors im Besonderen hätten.

Inspiration. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Einhauchen“. Man versteht darunter eine Eingebung, einen unerwarteten Einfall oder den Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität. Was mich also kürzlich oder derzeit bewegt und beeinflusst. Der Beitrag als Vorlage ist mehr oder weniger unterteilt in die Bereiche: Bücher, Filme, TV, Musik, Podcasts und TED Talks. Das will ich hier auch einmal versuchen.

Bücher

Ich lese ja viel. Im Augenblick überwiegend Krimis. Eine wichtige Kaufentscheidung ist dabei immer der Ort der Handlung. Am Liebsten sind mir Orte, die ich selbst schon besucht habe. Es erfreut mich immer wieder, wenn der Protagonist in Gegenden unterwegs ist, auf deren Straßen ich selbst schon gewandelt bin. Allen voran: Cormoran Strike aus der Feder von J.K.Rowling alias Robert Galbraith. Der Privatdetektiv hat sein Büro in der Denmark Street in London, nicht weit entfernt vom Covent Garden. Was würde ich dafür geben, wie Robin Ellacot als seine Assistentin dort zu arbeiten! Aber der nächste Band der Reihe erscheint erst Mitte September, darauf muss ich noch etwas warten.

Gerade lese ich einen Krimi von David Baldacci aus der Amos Decker-Reihe. „Exekution“ spielt zwar überwiegend in Washington D.C. und dort bin ich noch nicht gewesen, aber Amos Decker und seine FBI-Kollegen sind meist in den gesamten Vereinigten Staaten unterwegs und so gibt es immer viel Lokalkolorit. Das J. Edgar Hoover Building als derzeitige FBI-Zentrale ist offenbar in einem erbärmlichen Zustand und das lässt sich wohl auf alle großen US-Amerikanischen Städte und die gesamte Infrastruktur übertragen. Jedenfalls beginnt die Handlung direkt vor dem Gebäude, dessen obere Balustraden mit Netzen gesichert wurden, damit Passanten nicht von den oft bröckelnden Gebäudeteilen erschlagen werden. Im Internet lässt sich nachlesen, dass es einen großen Sanierungsstau gibt und eigentlich schon lange angedacht ist, ein neues größeres Gebäude zu bauen. Aber es gibt noch nicht einmal einen neuen Standort und so müssen die Beamten wohl auf unbestimmte Zeit hinter „pissgelben Honigwabenfenstern“ ihrem Dienst verrichten. Amos Decker ist ein ehemaliger Footballspieler, der nach einer Gehirnverletzung über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügt. Er hat ein eidetisches Gedächtnis und das ist beim Ermitteln natürlich sehr nützlich. Er selbst empfindet diese Gabe oft nicht als positiv, ihn belastet die Tatsache, dass er nichts vergessen kann. Mir gefällt der Erzählstil der Krimireihe. Ähnlich wie bei Harry Bosch muss wirklich ermittelt werden. Es müssen Zeugen befragt und Schlussfolgerungen gezogen werden. Gespickt wird die Handlung mit einigen Actionszenen, die oft auch recht amüsant sind, weil der schwere 2-Meter-Hüne seinen Gegnern auf unkonventionelle Art Einhalt gebietet. Dabei wird nicht unnötig übertrieben und die Figuren leisten nichts Unmenschliches wie Robert Langdon oder James Bond.

Jedenfalls genieße ich die gemäßigte Spannung und bin am Ende froh, dass die Bösen hinter Gitter kommen. Auch machen mir solche abenteuerlichen Geschichten immer klar, wie angenehm mein Beruf doch ist. Ich kann jederzeit eine Pause einlegen und leide wegen der Arbeit nicht unter Schlafmangel. Ich kann auch mal einen schlechten Tag haben und niemand nimmt deshalb Schaden.  Schönstes Zitat: „Amos, Sie sind sehr von sich überzeugt. – Wenn nicht ich, wer dann?“

Filme

Da die Kinos so lange keine neuen Filme mehr zeigen konnten, habe ich gar nicht viele Filme gesehen in letzter Zeit. Der letzte Film, der noch einen Nachhall bei mir hatte, war „Carrie Pilby“ – eine Literaturverfilmung aus dem Jahr 2016 (Carrie Pilby, ein Roman von Caren Lissner). Carrie Pilby ist eine hochintelligente 19jährige Harvard-Absolventin, die nach ihrem Abschluss nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Ihre sozialen Fähigkeiten sind unterentwickelt und sie ist deshalb in Therapie. Sie lebt in New York und wie im Fall der Bücher, freue ich mich, wenn auch Filme mich an Sehnsuchtsorte bringen. Und so viele Probleme Frau Pilby hat, sie lebt sehr nobel und hat keine Geldsorgen. Das bedeutet, ich sehe im Film nur die schönen Ecken der Stadt im wunderschönen Herbst. Carries Lieblingsbuch ist passenderweise ein Werk von J.D. Salinger, der sich ja hauptsächlich mit problembeladenen jungen New Yorkern beschäftigt hat. Dieses Buch: „Franny und Zooey“ habe ich mir daraufhin in meiner Lieblingsbuchhandlung gekauft. Es stand dort tatsächlich im Regal, auch wenn das Erscheinungsjahr schon 1961 war. Da Salinger einer meiner liebsten Autoren ist, war das Buch erwartungsgemäß schön geschrieben. 

Der Film hat mich also zum Lesen angeregt und meinen Salinger-Horizont erweitert.

TV

Während des Corona-Lockdowns habe ich einen großen Hunger auf Nachrichten entwickelt. Ich lese die Süddeutsche Zeitung sehr ausgiebig und sehe mir im TV, wann immer möglich, die täglichen Nachrichten an. Aber das ist eigentlich nicht inspirierend. Eher im Gegenteil.

Vor ein paar Wochen habe ich angefangen, mir „The West Wing“ anzusehen. Eine US-Amerikanische Serie über die Arbeit im Weißen Haus aus den Jahren 1999-2006. Das ist sehr gut gemachte Unterhaltung. Die Figuren bewegen sich hauptsächlich im „West Wing“ des Weißen Hauses, ihrem Arbeitsplatz. Es geht um die Geschicke des Stabschefs, der Pressesprecherin und des Redenschreibers sowie einigen Nebenfiguren. Der Präsident spielt eine untergeordnete Rolle, er taucht zwar in jeder Folge auf, aber er ist meist nur für den patriotischen Teil zuständig, der in einer amerikanischen Politikserie sicher obligatorisch ist. Alle Figuren sind mit großer Intelligenz gesegnet und arbeiten sich stets durch außergewöhnlich ausgefeilte und humorvolle Dialoge. Ausweglosesten Situationen und fiesen Attacken von Gegnern und der Presse wird auf sehr eloquente Weise begegnet. Immer finden sie eine Möglichkeit, die Probleme mit Worten zu lösen. Es mag weit weg von der Realität sein und das echte politische Treiben ist sicher nicht im Ansatz so interessant und befriedigend, aber ich lasse mich von den guten Demokraten immer wieder gern 40 Minuten einnehmen.

Musik

Durch das Streamen habe ich fast vergessen, wie es ist, sich auf ein ganzes Album einzulassen. Aber gerade hat Gregory Porter sein neues Album „All Rise“ herausgebracht und das ist wirklich ein Genuss. Porter klingt wie eine Mischung aus Frank Sinatra und Jamie Cullum. Seine Texte sind leider eher belanglos, aber auf diesem Album besingt er politisch herrlich unkorrekt und sehr poetisch die Freuden des Reisens mit der Concorde. Ob er das wirklich einmal erlebt hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist das Fliegen insgesamt zukünftig wieder so exklusiv wie zu Hochzeiten der Überschallgeschwindigkeiten für die oberen Zehntausend. Wir werden sehen. Das Album wirkt auf mich jedenfalls wie ein Beruhigungsmittel. Da kann der Alltag noch so stressig sein. Kaum singt Herr Porter, kann ich all das vergessen. Den Instrumenten lässt er, wie im Jazz üblich, auch ihren angemessenen Raum. Alle dürfen sich mal austoben, aber immer gemäßigt und so sind die Stücke selten länger als 5 Minuten.

Podcasts

Im Intranetbeitrag dieser Woche wurde ein Podcast von Laura Malina Seiler empfohlen. Sie ist Schriftstellerin, Podcasterin und Coach. In dem Beitrag fordert sie dazu auf, der CEO des eigenen Lebens zu werden. Man könne sich einen inneren Vorstand zusammenstellen und die Mitglieder zu allen Fragen des Lebens befragen. Einer von ihnen würde dann antworten. Jetzt ist nur die Frage, wer in meinem inneren Vorstand sitzen soll. Wem würde ich heikle Entscheidungen übertragen, damit er sie zu meinem Besten entschiede? Spontan fallen mir da in erster Linie Roman- oder Serienfiguren ein. Aber das erscheint mir absurd.

Ansonsten findet die Podcastszene eigentlich ohne mich statt. Ich bin ein Leser. Und so kenne ich mich überhaupt nicht aus. Was ich allerdings auch mag, sind Hörbücher oder Hörspiele. Die drei Fragezeichen zum Beispiel mag ich seit über 35 Jahren. Und auf dem Hörbuchmarkt wurden Werke veröffentlicht, die ich tatsächlich lieber höre als lese. Andreas Steinhöfels Geschichten von Rico und Oskar sind moderne Klassiker, die durch die Autorenlesung noch geadelt werden. Oder die Krimis mit Franz Eberhofer. Die wären ohne die virtuosen Lesungen von Christian Tramitz nur der halbe Spaß. Leider muss ich auf Eberhofers elften Fall noch bis zum Juli nächsten Jahres warten. Außerordentlich gelungen sind auch die Hörbücher der Känguru-Trilogie von Marc-Uwe Kling. Auch beim fünften oder sechsten Durchlauf kann ich immer wieder laut darüber lachen.

TED-Talks

„TED“ steht für Technology, Entertainment und Design und war ursprünglich eine Innovations-Konferenz in Kalifornien. Auf der TED-Talks-Website wurden dann mehr und mehr Videos der Konferenzen veröffentlicht und sie haben sich zu echten Rennern entwickelt. Das musste ich aber erst einmal recherchieren, ich hatte vorher noch nie davon gehört. Es klingt ganz spannend, aber wie schon geschrieben: Ich bin ein Leser. Solche Videos sprechen mich nicht an. Die Süddeutsche Zeitung bietet leider auch immer mehr davon. Ich kann es aber nur belächeln, wenn ein Journalist seinen Beitrag vor einer grauen Wand in die Kamera spricht. Da kann der Text noch so gut sein, er wird nur selten angemessen vorgetragen. Nicht alle Print-Journalisten sind gleichzeitig telegen. In meinen Augen sehr schade, aber die Jugend scheint danach zu verlangen.

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