Eine Begleiterscheinung des Lockdown ist ja die Erlebnisarmut. Ich will auch gar nicht klagen, denn mir geht es bestens und ich weiß, dass diese Zeit für sehr viele Menschen sehr viel schlimmer ist als für mich. Aber dennoch: Ich bin es leid und ich möchte gern wieder etwas erleben. Ich möchte wieder reisen! Das fehlt mir sehr.
Da das im Augenblick aber nicht möglich ist, muss ich mir eine Alternative überlegen. Ich muss ein paar Tage Urlaub nehmen, damit ich es bis zum Jahresende schaffe, alle mir zustehenden Tage genossen zu haben. Wieder ein Luxusproblem, aber im Homeoffice fällt mir das gar nicht so leicht. Weil ich nicht gut abschalten kann, wenn die Übergänge so fließend sind.
Aber nicht abschweifen jetzt. Wir haben überlegt: Wenn wir könnten, wohin würden wir jetzt am Liebsten reisen? Wenig überraschend ist die Antwort: London. London ist immer die richtige Wahl. Und diese Stadt ist für uns eine zweite Heimat. Unzählige Male waren wir schon dort und es fühlt sich immer an wie „nach Hause kommen“. All die schönen Plätze und Orte, die wir als Teenager erst allein und dann später zusammen erkundet haben. Sogar Auswanderungsgedanken gab es schon mehrfach. Aber dafür haben wir den falschen Beruf. Auf Deutsche Muttersprachler aus dem Finanzsektor hat dort niemand gewartet. Wir müssen also erst Rentner sein und im Lotto gewinnen.
Als das Ziel unserer Kurzreise erst einmal feststeht, ist die Vorfreude realistisch groß und fühlt sich ganz gut an. Zugegeben, die Vorbereitungen sind etwas anders, denn sonst kaufe ich keine britischen Lebensmittel, sondern fülle Cremes und Shampoo ab. Wobei das Mitführen von Drogerieartikeln wirklich überflüssig ist, kann ich vor Ort doch nie einer Boots-Filiale widerstehen. Die haben da immer viel tollere Produkte als in der Heimat. Einmal habe ich eine flüssige Handseife mit zitrusfrischem Weingummi-Cola-Fläschchen-Duft gekauft – ein wahrgewordener Traum!
Für den vorbereitenden Einkauf bin ich ein paar Kilometer weiter gefahren, um in dem größten mir bekannten, einheimischen Supermarkt die riesige Auswahl an exotischen Produkten genießen zu können. Sogar die Supermärkte kommen mir im Ausland immer größer und viel besser sortiert vor. Das wollte ich also auch jetzt erleben. Leider wurde ich enttäuscht. Der Markt machte den Eindruck, als würde er nur noch abgewickelt. Schon der Parkplatz war total leer an einem abendlichen Werktag. Gut, die den Kassen vorgelagerte Passage mit kleinen Lädchen war wegen des Lockdowns überwiegend geschlossen. Das versprüht schon mal keine Geschäftigkeit. Aber auch im Supermarkt selbst herrschte totale Leere. Die sonst saisonal bestückten Gänge waren alle leer. Zwischensaison vielleicht, aber da ich in anderen Läden schon österliche Schokoladenhohlkörper gesehen habe, kommt es mir eigenartig vor. Und in vielen Regalen herrschten apokalyptisch anmutende Zustände. Alles herausgerissen und die spärlichen Reste lagen beschädigt herum. Schlimmer als im März 2020 möchte ich meinen, denn es betraf nicht nur das Pasta- oder Mehlsortiment. Aus dem emotionalen Tief muss ich mich nun erst einmal wieder herausarbeiten. Dabei helfen wird mir meine erstandene Flasche Dubonnet, dem Lieblingsgetränk der amtierenden Queen, die ihn gern mit Gin in einem Verhältnis von 2:1 auf Eis genießt. Es ist wohl eine Art Wermut, der Weg zum Negroni also nicht weit und den schätze ich sehr.
Am Donnerstagnachmittag wurde dann noch rechtzeitig mein Body-Shop Paket mit British Rose-Produkten geliefert. Die waren leer und noch ist ein Besuch im Lädchen nicht absehbar. Jetzt kann es wirklich losgehen!
Tag 1 – Freitag
Frische Bettwäsche wird außerordentlich aufgezogen. Ich hoffe, das erzeugt etwas Hotelflair. Es ist schließlich die weiße Damastwäsche, die dermaleinst mit „Hotelqualität“ angepriesen wurde. Und gebügelt habe ich sie auch. Eine Mangel besitze ich leider nicht. (Den Traum werde ich mir irgendwann erfüllen!) Das Bügeln stellt sich als vollkommen sinnlos heraus, wenn man die Wäsche nicht sofort vom Bügelbrett auf die Decken transferiert. Eigentlich keine große Überraschung.
Fest steht schon jetzt, dass die Anreise zwar oft als lästig empfunden wird, aber ohne sie fehlt das elementare Gefühl der Vorfreude: Wohnung abschließen, Taxi zum Flughafen, Schlangestehen, um den Koffer abzugeben und dann mit zwei freien Händen durch den immergleichen Duty Free-Bereich schlendern und außer einem halben Liter Wasser, der in dieser Welt 200% teurer ist als vor der Sicherheitsschleuse, doch nichts kaufen. Das gehört für mich alles dazu. Der Flug selbst ist kein großes Ereignis mehr, in so einer kleinen Maschine für kurze Strecken ist es nur eng, laut und langweilig. Nicht einmal Unterhaltung wird geboten. Dabei könnte man ein bis zwei Folgen einer Comedyserie immer unterbringen. Selten schlägt mal jemand eine Zeitung auf. Aber dass das so selten geworden ist, macht gar nichts. Noch nicht einmal dafür reicht der Platz. Der letzte Flug mit einer britischen Fluglinie war allerdings sehr unterhaltsam. Die Crew war schottisch und hatte einen unwiderstehlichen, süßen Dialekt. Der Größte unter uns hatte einen beinfreundlichen Platz in der ersten Reihe und las tatsächlich eine Zeitung aus Papier. Der Flugbegleiter hat direkt vor ihm die Sicherheitshinweise verkündet und war bei seiner Demonstration erst mit der Zeitung und dann der Stirn des Lesers kollidiert. Zunächst hat er sich auch entschuldigt, dann aber mit einem Lächeln mitgeteilt, dass das die gerechte Strafe dafür ist, ihm nicht zugesehen und aufgepasst zu haben.
Wir schonen aber nun das Klima und fliegen nicht. Als Ersatz sehen wir uns die Großbritannienfolge der National Geographic Serie „Europe from above“ an. Immerhin. Dronenbilder sind immer schön. Während der Vorstellung lutsche ich saure Kirschdrops aus Goole bei Leeds in Yorkshire. Gar nicht so einfach, etwas über dieses Hafenstädtchen herauszufinden, weil die Namensähnlichkeit mit der bekannten Suchmaschine zu ganz falschen Ergebnissen führt. Viel gibt es aber auch nicht zu berichten. Es ist eine Kleinstadt mit 18.000 Einwohnern und Partnerstadt von Rostock. Die vermeintlich berühmten zwei Söhne der Stadt kenne ich nicht (ein Komponist und ein Fußballspieler). Gut, wir reisen ja auch in die Hauptstadt. Der First-Class-Flug verlief ganz angenehm mit kostenfreien Getränken (nicht im Plastikbecher), Nüsschen und einer unglaublichen Beinfreiheit.
Unser Abendessen werden wir heute im heimischen Pub einnehmen. Es gibt Fish & Chips und Erbsen. Einmal natürlich auch in der vegetarischen Variante. Pflanzliches fischähnliches Filet hatten wir noch nicht. Hauptzutat ist hier die Schwarzwurzel. Klingt blöd, schmeckt aber hervorragend. Getränke gibt es aus unseren original Pub-Gläsern (die mit der charakteristischen Welle am oberen Rand). Die haben wir schon einige Jahre und inzwischen habe sie auch eine angemessene Pub-Patina in Form von Kratzern. Sie haben noch mehr Glanz als ich es vor Ort erwarte, aber das ist mir im Alltag allemal lieber. Der gemeine Brite hat ja ein etwas entspannteres Verhältnis zu Sauberkeit. Das kann und werde ich mir dieses Wochenende nicht aneignen. Wenn in wirklich in London bin, sehe ich die Welt stets durch eine rosarote Brille. Schrabbel, Plüsch und Schmutz sind dort charmant und keinesfalls störend.
Unsere Umgebung dekorieren wir mit all den Devotionalien, die wir über die Jahre angesammelt haben: Geschirrhandtücher (liebe nicht nur ich, sondern auch die Briten), Taschen, eine solarangetriebene winkende Elisabeth II., Kochbücher (mehrheitlich von Filmen und Serien inspiriert: Downton Abbey, Harry Potter, The Naked Chef – aber Liebe geht ja durch den Magen, sagt man) bis hin zu dem einen oder anderen Kühlschrankmagneten. Einen guten Teil unserer Kleidung können wir auch themenbezogen gestalten. Wir haben entsprechende Strümpfe, T-Shirts und britische Jeans. Das sollte reichen, um ein wenig britischen Geist zu verbreiten.
Nach dem Essen gehen wir an die Hotelbar und genießen einen royalen Cocktail und einen Gin Tonic. Der Hauptfilm des Abends ist „Notting Hill“. Ein paar schöne Londonbilder und immer noch hinreißende Dialoge, auch wenn der Streifen schon älter als 20 Jahre ist.