À Londres

Mit „In London“ war eines der ersten Kapital meines Schulfranzösischbuches im zweiten Jahr betitelt. Hat mich schon damals gewundert, dass Frankreich bereits im zweiten Lehrjahr nichts mehr zu bieten haben sollte. Stimmt ja auch nicht. Was mir in dem Kapital dann vermittelt wurde, daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Wir müssen uns jetzt selbst wieder einen Plan für den zweiten Tag überlegen.

Der Radfahrer wollte eine schöne Spinning-Einheit mit Blick auf eine norddeutsche Großstadt einlegen, als im Fitnessraum plötzlich die Sprinkleranlage losgeht. Völlig durchnässt kommt er nach nur 15 Minuten zurück. Als Entschädigung hat der Concierge Eintrittskarten für eine Matinee in der Royal Albert Hall am Sonntagvormittag angeboten und die nehmen wir gern an!

Gegen 11 Uhr gibt es erst einmal ein Full English Breakfast. Mit allem, was für uns dazu gehört: Bacon (auch in der vegetarischen Reispapiervariante), Porridge, Toast, Rührei, Bohnen, Saft, Pilzen, Tomaten, Käse und den eher kontinentalen Komponenten Schokocreme und Erdbeermarmelade. Dazu schallt unsere Playlist „English Breakfast“, die gerade heute noch um ein paar neuere Stücke ergänzt wurde. Keine Schlange am Buffet und kein Topf ist leer – herrlich!

Mein erster Stopp ist dann „Foyles“. Ein riesiger Buchladen in Soho an der Charing Cross Road. Ich habe schon einmal davon berichtet, dass mich dieser Buchhändler auf sieben Etagen bei meinem ersten Londonbesuch derart begeistert hat, dass ich in einen Kaufrausch verfallen war. Habe ich doch hinterher das Gesamtwerk Lord Byrons in einer Paperbackausgabe mit bibeldünnen Seiten mein Eigen genannt. Inklusive des Gedichts „Manfred“, was ja zu seinen wichtigsten Werken zählt. Danach hatte ich natürlich einen leicht schrägen Ruf bei meinen mitreisenden Kurskollegen. Aber ich war so überwältigt von dem Angebot, das ich aus meiner kleinen Heimatstadt nicht kannte und das auch in deutschen Großstädten Anfang der Neunzigerjahre noch keine Selbstverständlichkeit war. Außerdem war das Pfund damals noch sehr stark und die aufgedruckten Preise vermittelten mir, alles sei viel günstiger. Heute will ich mir aber nur einen Eindruck verschaffen, wie die Leute von Foyles den Lockdown verarbeiten. Mein örtlicher Buchladen ist ja in den sozialen Medien sehr präsent und stellt mir täglich Bücher vor. Bei Foyles ist man auch nicht untätig und mein kleiner Bummel durch die virtuellen Regale gefällt mir ganz gut. Gekauft wird heute aber nichts. Ich habe noch einen ansehnlichen Stapel nicht gelesener Bücher. Im Augenblick lese ich „Teatime mit Lillibet“, die mehr oder weniger wahre Geschichte von Crawfie, der Gouvernante der Queen. Die Geschichte setzt an, als Elisabeth 5 Jahre alt ist, also weit vor „The Crown“. Deshalb ist das eine ideale Ergänzung. Es ist ein Roman, also muss ich davon ausgehen, dass das Meiste wie in der Netflix Serie Fiktion ist, aber der Aufenthalt in den royalen Heimen ist trotzdem sehr unterhaltsam. Und die Figuren sind ganz ansprechend dargestellt. Schon damals sind ja viele Geheimnisse durch die Palastmauern nach außen gedrungen.

Anschließend bietet sich ein kurzer Sprung zum Covent Garden an. Hier wird eine virtuelle Führung geboten. Habe ich auch im echten Leben noch nie gemacht. Ich schlendere dort immer selbstständig durch und genieße den Trubel. Heute kann ich dann endlich mal etwas über die Geschichte des Marktplatzes lernen. Interessant finde ich zuerst, dass das Video durch nahezu menschenleere Gänge führt. Wann haben die das bloß gedreht? Mit zwei Grundschülern waren wir vor ein paar Jahren gegen 9 Uhr dort und mussten auf die Öffnung des Disneystores und der Crêpes-Bude warten, aber allein waren wir damals nicht. Die erste Station löst das Rätsel auf: Während des Lockdowns im letzten Sommer. Diverse Hinweisschilder erinnern daran, Abstand zu halten. Sonst wird auf den Schildern eher vor Taschendieben gewarnt, aber die haben gerade keine Saison.

Die Tour startet an der Covent Garden Station und der Guide Andrew fragt, ob wohl jemand die 193 Stufen gelaufen ist, oder alle den Aufzug gewählt haben. Es gab einen Tag, an dem der Aufzug nicht funktionierte und wir laufen mussten. 193 klingt nicht viel, aber ich habe auf halber Strecke gedacht: Ach, ich gehe wieder hinunter, fahre eine Station weiter und laufe zurück. Habe ich natürlich nicht gemacht, ich war ja nicht allein unterwegs. Obwohl das Ziel hier nur die ebene Erde ist und nicht etwa ein atemberaubender Ausblick auf Rom vom Dach des Petersdoms. Na gut, da rauf müssen auch mit Aufzug noch 320 Stufen erklommen werden.

Von der Station aus gehen wir Richtung Oper und stoppen kurz an der „Bridge of Aspiration“, einer staubsaugerschlauchähnlichen Verbindung am obersten Stockwerk zweier Gebäude. Diese Brücke führt über eine Gasse und erlaubt den Tänzern des Royal Ballet vom Übungsraum zur Bühne des Opernhauses zu gelangen, ohne auf die Straße gehen zu müssen. Statt Handlauf sind sogar handelsübliche Ballettstangen angebracht für das letzte Stretching vor dem Auftritt.

Anschließend nähern wir uns den Markthallen von hinten, vorbei an einer historischen Polizeiwache mit integriertem Gerichtssaal, in dem schon einige Berühmtheiten als Angeklagte zu Gast waren. Aber alles schon sehr lange her. Kurzer Stopp am Eingang der Oper, ein Besuch wird dringend empfohlen, insbesondere für Neulinge. Da bin ich aber nicht dabei, auch nicht, wenn es wieder erlaubt ist. Die Oper ist nichts für mich.

Die Markthallen erstrahlen dann in schönstem Sonnenschein. Ohne Besucher wirken sie wie ein Filmset. Die Hallen standen lange brach, bis sie in den 1980er Jahren saniert wurden und seitdem schöne kleine Lädchen und Cafés beherbergen. Die Lädchen sind mittlerweile überwiegend Ketten, ich schätze, die Mieten kann sich sonst niemand leisten. Die Cafés aber sind recht individuell. Vielleicht auch Franchise-Filialen, aber die meisten Namen sind mir unbekannt. Leider muss ich Andrew daran vorbeigehen lassen und kann nirgends einkehren. Er geht direkt auf die St. Paul‘s Church zu und betont mehrfach, dass sie nicht mit der St. Paul‘s Cathedral verwechselt werden darf. Klar, die steht woanders und ist wesentlich größer. Die Kirche ist klein und hat gar keinen Turm. Ihr optischer Eingang hat ein Säulenvordach und dahinter kein Eingangstor. Das liegt auf der anderen Seite, damit es zur richtigen Himmelsrichtung zeigt, erklärt Andrew. Ist mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen. Bekannt sei die Kirche ohnehin eher für die Straßenkünstler, die dort immerhin seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ihre Vorstellungen geben. Die Qualität der Darbietungen preist Andrew als sehr hoch an. Das ist in meinen Augen Geschmacksache. Vielleicht war ich aber auch noch nie zum richtigen Zeitpunkt dort. Wir folgen Andrew dann zum Hinterhof und Eingang der Kirche. Ein wunderschönes Kleinod in Form eines Parks mit vielen londontypischen Teakbänken. Da ist es dann im Normalbetrieb bestimmt total ruhig, wie in den vielen kleinen Innenhofparks, wie es sie in der Stadt unheimlich viele gibt. Da habe ich doch gleich wieder ein Ziel für den nächsten persönlichen Besuch! Wir ziehen aber weiter zum „Lamb and Flag“ Pub. Einer der besten der Stadt, weil er noch so authentisch ist. Früher fanden dort bare-knuckle prize fights statt und er wurde deshalb auch „bucket of blood“ genannt. Wahrscheinlich ist die Einrichtung noch die gleiche und die Spuren der Kämpfe sind noch heute sichtbar. Deshalb verkauft man uns das als authentisch. Das wäre jedenfalls eine typische Schönmalerei. Der Rundgang endet dann an einer Straßenkreuzung mit zwei Plaketten. Auf der einen wird das Haus markiert, aus dem 1929 die erste Fernsehübertragung heraus stattfand. Auf der anderen ist der Name der berühmten Ballerina Margot Fonteyn zur lesen, die dort gewohnt hat. Solche hübschen blauen Plaketten hängen an vielen Gebäuden, in denen Berühmtheiten gewohnt haben. Auch das ist mir schändlicherweise noch nie aufgefallen. Ich muss doch öfter mal nach oben schauen. Der Rundgang war sehr schön, kurzweilig und wird baldmöglichst auf eigenen Beinen wiederholt.

Nach der Tour gehen wir ins Kino – es gibt „The Gentlemen“. Dem Film gebe ich 10/10 Boxes of Bush – mehr kann ich dazu nicht sagen.

Unser Tagesprogramm findet sich dann auch im Abendessen wieder, denn es gibt Lamm (Lamb and Flag) und Yorkshire Pudding nach Downton Abbey Art (Michelle Dockery aus Downton Abbey und The Gentlemen). So muss es sein und es schmeckt sehr lecker.

Beendet wird der Abend wieder mit Cocktails. Cheers!

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