Royal Spirit

Ohne die Monarchie wäre London sicher weniger faszinierend. Schließlich haben die Regenten seit jeher großen Einfluss auf die Architektur und das tägliche Leben in der Stadt. Unser Sonntag wird auch geprägt sein von diesem Geist.

Ich starte den Tag mit einem virtuellen Spaziergang um den Buckingham Palace herum. Den Guide Brian treffe ich am Canada Gate, dem Tor, das den Green Park vom Palastgelände trennt. Ich kenne das Tor nur geöffnet. Aber während des Lockdowns scheint es geschlossen zu sein. Oder es ist noch sehr früh am Morgen. Der königliche, aber dennoch öffentliche Park wird schließlich durch Öffnungszeiten reglementiert. Das Tor ist sehr prachtvoll und goldverziert. Es war ein Geschenk der Kanadier im Jahr 1911, als Canada das wichtigste Mitglied des Commonwealth war. Woher dieser Rang rührte, wird leider nicht weiter erklärt. Und Fragen kann ich nicht stellen, es handelt sich ja wieder um eine Aufzeichnung. Aber eigentlich stelle ich während einer Führung auch keine Fragen, dafür gibt es immer ein paar schräge Vögel, über die wir uns dann amüsieren können. Jedenfalls soll das Tor eine Einheit mit dem Victoria-Denkmal in der Kreisverkehrsmitte bilden. Und ja, zumindest die vergoldete Üppigkeit ist hier überall zu finden. Außer an der schmucklos kantigen Front des Palastes selbst. Dem werden erst durch die Zäune und Wachleute Glanz verliehen. Hinter den Fenstern sieht es aber ganz anders aus. Zweimal habe ich die sogenannten State Rooms, also die Geschäftsräume der Queen, bereits besucht. Das war jeweils sehr interessant und ich würde es auch wiederholen. Möglich ist das im Herbst, wenn die Königin im Urlaub in Schottland weilt. Man darf die Räume dann mit einem Audio-Guide-Gerät eigenständig durchlaufen. Zu sehen sind Empfangsräume, der Thronsaal, Galerien und Speisesäle. Alles randvoll mit Kunstschätzen wie Bildern, Fresken oder antiken Möbelstücken. Am Ende des Rundgangs gibt es dann in jedem Jahr noch eine besondere Ausstellung. Wir haben beim ersten Mal die schönsten Kleider der Königin aus ihren Regierungsjahrzehnten bewundert und beim zweiten Mal eine Auswahl ihrer persönlichen Schmuckstücke. Gern hätte ich auch mal die gewöhnliche Lagerstätte der Alltagsjuwelen gesehen. Ein Panzerraum voller samtener Schubladen mit Beschriftungen? Der Ausgang führt dann alle Besucher durch den Palastgarten wieder in die wirkliche Welt. Der Garten ist übrigens sehr gepflegt und hübsch anzusehen. Alle 50 Meter wird ein Wachmann postiert, damit auch niemand vom vorgegebenen Weg abweicht. Man darf sich aber auch auf Bänke setzen und Snacks aus königlich verzierten Food Trucks essen. Oder im PopUp-Souvenirshopzelt einkaufen. Haben wir natürlich alles gemacht, ist ja klar.

Der Spaziergang ist wirklich nur kurz und macht noch Stopp vor dem legendären Balkon, von dem aus die gesamte arbeitende Familie zu Feierlichkeiten wie Hochzeiten oder Geburtstagen winkt. Angefangen hat damit Königin Victoria zur Eröffnung der Weltausstellung 1851. Dann hat die königliche Familie zusammen mit Churchill 1945 dort das Ende des Krieges gefeiert und spätestens seit dem ist der Balkon so etwas die die Verbindung des Königshauses zum Volk.

Bevor es weitergeht, nehmen wir unser Frühstück ein. Es gibt wieder ein englisches Frühstück. Heute leicht abgewandelt mit Hash Browns (Reibekuchen oder Röstis), Würstchen und Tee. Etwas Ernüchterung macht sich ob der vielen Vorbereitungsarbeiten und Reinigungsnotwendigkeit breit. Gut, dass wir das nicht jeden Tag so zelebrieren.

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zur Royal Albert Hall, in der heute Vormittag Adele für uns singt. In HD und mit sattem Sound. Unsere Logenplätze sind unheimlich bequem. Der normale zahlende Besucher muss mit sehr alter und wackeliger Bestuhlung Vorlieb nehmen. Beim letzten Londonbesuch habe ich es zumindest schon einmal hineingeschafft in die Musikhalle. Nur zu einer Führung zwar, weil während meiner Aufenthalte entweder gar keine Vorstellung geboten wurde, oder es keine Karten mehr gab. Ich habe es schon ein paar Mal versucht und denke inzwischen, ich muss meinen Besuch um eine Vorstellung herum planen. Am Liebsten eine Filmvorstellung mit Livemusik. Jedenfalls hoffe ich, dass es dann noch einigermaßen bezahlbar ist. Die meisten Künstler, die dort auftreten, verlangen Preise, die ich eigentlich nicht bereit bin zu zahlen. Vor vielen Jahren war die magische Grenze mal 100€. Aber das ist nun schon Standard auf den ganz schlechten Plätzen. Für gute Sicht muss man deutlich mehr hinlegen und davor scheue ich noch zurück. Allerdings kommt die Möglichkeit, dort aufzutreten, einem Ritterschlag gleich. Das werden die größten Stars nicht müde zu sagen, wenn sie auf der Bühne stehen.

Nach dem Konzert folgen wir einem Londoner auf seinem Weg zur Westminster Station. Er kommt mit der U-Bahn an, fährt und geht hinauf bis zum Big Ben Tower und fährt dann mit der Jubilee Line wieder weiter. 12 sehr nette und sentimentale Minuten für uns: Bekannte Rolltreppen zu sehen und Durchsagen zu hören. Die wenigen anderen Fahrgäste tragen alle Masken, die Aufnahme stammt also auch aus dem Lockdown. Vielleicht wurde es deshalb gefilmt, weil es surreal ist, an einem Tag um 11:30 Uhr nur so wenige Menschen dort zu sehen und in der Jubilee Line fast allein zu sitzen. Unser Ziel ist der Tower of London. Hat es in Westminster noch geregnet und die Menschen trugen Mützen, ist hier am Tower Hill bestes Frühlingswetter. Ein Beefeater gibt eine kurze Tour durch das Towergelände, dass ich wie immer sehr schön finde. Es ist auch eine Ruhe-Oase in der sonst lauten Umgebung und so pittoresk an der Themse gelegen. Mit Blick auf die Tower Bridge und das Wasser kann man die blutrünstige Vergangenheit der Festung glatt vergessen. Die Hauptattraktion sind heutzutage ohnehin die Kronjuwelen. Im Normalbetrieb muss man anstehen und wird dann überwiegend auf Rollbändern an den Vitrinen vorbeigeschleust, damit möglichst viele Besucher in den Genuss kommen können. Einmal waren wir so früh dort, dass wir uns gleich ein zweites Mal angestellt haben und die Runde noch einmal gefahren sind. Die Wartezeit war noch so verlockend kurz.

Zum Schluss, bevor ich zum Sunday Afternoon Tea noch ein paar Cracker mit Cheese genieße, machen wir einen Abstecher zu den Royal Botanic Gardens (Kew Gardens). Virtuell passt ja eine Menge mehr in den Tag. Die Gärten liegen nämlich vor den Toren auf der anderen Seite der Stadt. Wir könnten zwar ohne Umsteigen mit der District Line durchfahren, aber die Fahrt dauerte 1 Stunde und 7 Minuten. Leider ist das der einzige Vorteil, den das virtuelle Reisen mit sich bringt. Der Besuch in den viktorianischen Gewächshäusern funktioniert nur live und in Farbe. Die Tour im Palmenhaus (dort wächst seit über 250 Jahren die älteste Topfpalme der Welt) mit Sir David Attenborough ist interessant, aber wirklich beeindrucken kann mich das nur, wenn ich es mit eigenen Augen vor Ort erlebe. Da Kew Gardens aus verschiedenen Gründen schon lange auf meiner London-Wunschliste steht, ist es jetzt besiegelt. Beim nächsten Aufenthalt werde ich einen Tag dafür reservieren – ist schließlich UNESCO-Welterbe.

Unser letztes Abendessen soll indisch sein. Wir bestellen bei einem indischen Restaurant in der Nähe. Das Gasthaus wurde auch einmal von einem Griechen betrieben. Wir haben dort 2003 gegessen, nachdem wir unsere Koffer für die Reise nach Island am Vorabend aufgegeben haben. So kann es gehen: Durch Europa in 8 Stunden, ohne die Wohnung zu verlassen.

Und beim Thema Gepäck fällt mir ein, dass uns Morgen kein Wäscheberg erwartet, dessen Beseitigung mehrere Waschladungen und Tage in Anspruch nehmen würde. Verloren gehen kann auch kein Koffer. Obwohl ich, was das anbetrifft, nach einer semiheiklen Erfahrung vom Känguru gelernt habe, nicht zu viel zu erwarten von der Gepäckbeförderung einer Fluggesellschaft, denn es heißt doch: Das Gepäck aufgeben.

Das Fazit unserer virtuellen Reise nach London: Das kann sich mit dem echten Reisen nicht messen. Es hat Spaß gemacht. Aber es hat mein Fernweh auch noch schlimmer werden lassen. Wie Robin Williams als Sean Maguire in „Good Will Hunting“ es formuliert: „Du weißt alles über Michelangelo und die Renaissance. Aber ich wette, Du weißt nicht, wie es in der Sixtinischen Kapelle riecht.“ – so ist es doch. Man muss dabei gewesen sein. Man muss einen Ort, sei es eine Stadt, oder eine Landschaft, mit allen Sinnen erleben. Da reicht 2D nicht aus. Ich hoffe also, dass wir bald wieder hinaus in die Welt dürfen und bis dahin halte ich mich an Adeles Worte vom Vormittag: „Smile all you want. You never know.“

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