Schwarze Witwe

Gestern war ich ganz aufgeregt. Seit 15 Monaten war ich nicht mehr im Kino. Das letzte Mal im Mutterland des Kinos: The Gentlemen. Ich habe berichtet. Der war so gut, dass ich den Film seitdem noch zwei weitere Male gesehen habe und wieder weitere werden folgen.

Aber diesen Samstag: Black Widow. Der Film sollte sich als würdig erweisen, vereint er doch so vieles: Spionagethriller, Action, Science Fiction, Comic und Humor. Eher ein Zufall, dass wir alle drei Lust und Zeit hatten. Aber umso besser, dass wir unser „öffentliches Leben“ zusammen wieder einläuten. Es war die erste Großveranstaltung, die ich seit Beginn der Pandemie besucht habe. Und so massig war es dann gar nicht.

Das Kino ist neben der Literatur meine zweite Leidenschaft. Mein erster Kinofilm war „Dumbo“. Und ich habe ihn nicht im Kinosaal erlebt, sondern im Empfangsraum der örtlichen Sparkasse. Ist viele Jahre her und der Film war noch viel älter.

Bewegte Bilder haben mir aber schon immer gefallen. Ich kann mich daran erinnern, dass unser heimisches TV-Gerät mal ein paar Tage in Reparatur war. Sowas hat man tatsächlich mal gemacht. Kafkaesk stand mitten im Wohnzimmer ein leerer Fernsehständer. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte das zu den bis dahin einschneidensten Erfahrungen gehören, die ich als junges Mitglied der Generation x vorweisen konnte. Sicher, später kamen noch ein paar andere Ereignisse dazu, aber bis dahin hatte ich nicht viel auszustehen. Jedenfalls erinnere ich mich an meine quengelige Untergangsstimmung, weil ich nun die Sesamstraße verpassen musste.

Etwas später, im Alter von 12 Jahren bin ich dann jede Woche mindestens einmal ins Kino gegangen. Mein ganzes Taschengeld wurde in die Dreifaltigkeit investiert: Kinokarte (noch die echte Papierkarte von der Rolle, wahlweise rot oder grün), eine Rolle Rolo, eine Orangenlimonade. Da konnte die Woche noch so übel gelaufen sein (Mathearbeit, Badmintonpunktspiel verloren, Fahrradvorderrad durch ungestüme Fahrt verzogen), im Kino war das alles vergessen. Schon der Geruch im Vorführraum hat mich immer wohlig beruhigt. Und das, obwohl bis zum Rauchverbot noch einige Jahre vergehen sollten. Ein paar Jahre später durfte ich auch abends ins Kino gehen. Unvergessen sind die Mittwochabende mit „dem besonderen Film“. Wenn der Saal überwiegend mit intellektuellen Pädagogen gefüllt war und schon nach der Werbung ein sichtbarer blauer Dunst durch das Publikum waberte, der bisweilen sogar die Sicht einschränkte. Manche dieser „besonderen Filme“ waren harte, langweilige Kost für mich (Homo Faber), manche haben mich noch Tage später bewegt (Mein linker Fuß). Aber insgesamt haben diese Abende dafür gesorgt, dass ich in der Schule endgültig in einer Schublade steckte, die es mir ermöglicht hat, den einen oder anderen Unsinn anzuzetteln, ohne dass je ein Lehrer auf die Idee gekommen wäre, es mir anzuhängen. Aufgezogen hat diese Schublade meine große Schwester mit ihrem tadellosen Benehmen und die Mittwochabende im Kino haben sie dann mit mir darin zurückgeschoben. Sind ja auch nur Menschen, die Lehrer.

Definitiv habe ich im Kino viele der schönsten Stunden verbracht. Man kann ja heute zu Hause ein sehr sehr gutes Bild und einwandfreien Ton genießen. Unser neuer 4K-BluRay-Player ist schon bemerkenswert, keine Frage. Aber das Kino ist für mich immer noch etwas Besonderes. Vom Einlass, den man im digitalen Zeitalter zwar eher mit dem Endgerät statt einer Papierkarte durchläuft, aber der nach wie vor ein gewisses Geschick erfordert, die Verpflegung nebenbei unbeschadet zum Platz zu transportieren, bis hin zum Abspann, der mich mal zufrieden, enttäuscht oder verstört zurück in die Realität entlässt.

Einmal im Saal und eingerichtet (wohin mit Tasche, Jacke und Getränk…), erreicht die Vorfreude ihren Höhepunkt, denn der ganze Film liegt noch vor mir. Der Sitzplatz ist hoffentlich der bestmögliche, wobei die Vorlieben hier sehr subjektiv und unterschiedlich sind. Dann kann es losgehen.

Vor unserem Film wird dieses Mal sehr wenig Werbung gezeigt, dafür umso mehr Vorschauen. Ich kann mir leider nie alle interessanten Filme merken, weil das Gesehene später vom Hauptfilm vollkommen überspielt wird. Aber es ist auch nicht wirklich was dabei. Leider kein James Bond-Trailer, obwohl der Film nun Ende September endlich in die Kinos kommen soll. Zur Not wird das der nächste Besuch hier. Vielleicht vorher auch noch ein anderer Film. Ich bin so froh, dass das endlich wieder möglich ist!

Dann startet der Film und ich werde über zwei Stunden lang sehr gut unterhalten. Hübsche Menschen in engen Kostümen kämpfen sich durch ausweglose Situationen. Bösewichte werden zur Rechenschaft gezogen und endgültig beseitigt und die Guten überleben vorerst. Das Marvel-Universum ist ja unerschöpflich und die Titelfigur ist mittlerweile in einem anderen Film dem Heldentot zum Opfer gefallen. Das wird hier in der Marvelüblichen letzten Szene nach dem Abspann gezeigt. Der geneigte Fan weiß es aber natürlich längst. Trotzdem bleiben alle Kinobesucher sitzen, um auch diese letzte Szene noch zu genießen. Es waren übrigens etwa 80 Menschen im Saal, nach Pandemiemaßstäben also eine Besetzung von rund 85 Prozent. Für mich ganz angenehm, dass der nächste Zuschauer einige Plätze entfernt ist. Für die Betreiber wahrscheinlich nicht so gut. Ich hoffe, es lohnt sich trotzdem und die Kinobranche kann langfristig überleben.

Sobald absehbar ist, dass die Kinos wieder dauerhaft öffnen dürfen, werde ich mich jedenfalls erneut mit dem Angebot der Kino-Flatrate in der Stadt beschäftigen. Gute Aussichten!

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