Am vergangenen Freitagabend war ich zu Gast in Glückstadt, genauer gesagt im örtlichen Gymnasium, einem stylischen Neubau mit einer Bühne, die diesen Namen auch verdient. Es war nach langer Durststrecke wieder einmal Gin Kiss-Zeit! Und als hätten auch die fünf Musiker die Pandemiezeit so empfunden, war das Konzert derart liebevoll inszeniert, dass ich mir langsam wirklich wünsche, die Songs auch streamen zu können. Dann könnte ich mich mit den Bildern im Kopf jederzeit wieder auf eine Reise durch Zeit und Länder begeben.
Ich habe ja bereits berichtet, dass es sich bei Gin Kiss um eine Jazz-Combo handelt, die mit Piano, Schlagzeug/Percussions, Kontrabass und zwei wunderbaren Stimmen internationalen Hits von heute und gestern neuen und unverwechselbaren Glanz verleiht.
Ich hatte das Vergnügen, in einer royal anmutenden Balkonloge im ersten Stock der Aula Platz nehmen zu dürfen und hatte deshalb beste Sicht auf das Geschehen und konnte mir fast ungestraft die eine oder andere Notiz machen. Das war allerdings gar nicht nötig, weil es am Ende der Show sogar einen Abspann mit der Setlist gab. Programmheft war gestern.
Wie in der Musik üblich, führen die Sänger durch den Abend. In dieser Band übernimmt meist der männliche Sänger die Moderation. Das hat er gestern etwas launisch, aber dennoch wie gewohnt herrlich uneitel gemacht und ich habe wieder einiges über die Songs erfahren, was ich noch gar nicht wusste. Ich würde mich gelegentlich noch darüber freuen zu erfahren, warum das eine oder andere Stück in das Repertoire aufgenommen wurde. Denn alles in allem ist die Mischung so vielseitig, dass ich noch nicht heraushören konnte, wie es ein Stück in die Liste schafft.
Ich will hier nicht die ganze Setlist durchgehen, aber zu einigen Liedern muss ich doch etwas ausführen, weil es mir so gut gefallen hat.
Nachdem die Künstler nacheinander die Bühne betreten und sie mit ihren Outfits zum Glitzern gebracht hatten, begann der Abend mit „Señorita“ von Camila Cabello und Shawn Mendes. Das Stück wurde nicht zum ersten Mal aufgeführt, aber es ist ein tolles Eröffnungslied, weil vom ersten Ton an klar ist, worüber man sich nun zwei Stunden lang freuen kann. Auf der einen Seite die männliche sonore Stimme, die ich so mag. Und auf der anderen Seite die weibliche elfengleiche Stimme, die mich oft an Enya denken lässt. Ohne den New-Age-Touch, der der Musik oft einen Dämpfer verpasst. Hier war aber nichts gedämpft. Deshalb vergleiche ich auch lieber mit einer Mylène Farmer der 80er Jahre. Einfach schön anzuhören und sie hat sogar später einige Passagen in französischer Sprache gesungen. Das zweite Stück wurde dazu noch mit einem selbstgedrehten Video untermalt. Eine schöne Idee, dezent eingesetzt.
Nummer drei war „My Baby just cares for me“ von Nina Simone und dazu kann ich nur schreiben: Wow! Was für eine Entwicklung die weibliche Stimme gemacht hat – so kraftvoll!
Nummer vier – und traditionellerweise ist die Nummer vier eines Konzertes meist ein Top Hit – war „Take me to church“ von Hozier. In 2014 definitiv ein Hit und von Gin Kiss in einer wundervollen Version. Wieder war ich beeindruckt von der Modulation der weiblichen Stimme! Dieses durchaus schwierige Stück so in Szene zu setzen, begeistert mich nachhaltig. Auch der männliche Part hatte daran seinen Anteil. Er veredelte das Lied mit seinem Timbre und seinem Tempo, wie es Dean Martin beizeiten getan hat. Ich mochte das Original schon immer, aber jetzt mag ich die Gin Kiss Version noch viel lieber.
Überhaupt schafft es Gin Kiss eigentlich immer, dass ich ihre Versionen lieber mag als das Original. Insbesondere hat mir Gin Kiss schon das eine oder andere Mal einen Song ans Herz gelegt, den ich in der Ursprungsversion gar nicht so gern gehört habe. Früher war das „Havana“ von Camila Cabello und seit gestern ist es „Hit the road Jack“ von Ray Charles. In den jazzigen Versionen von Gin Kiss gefallen mir die Songs richtig gut (noch einmal: Bitte bald einen Tonträger …).
Zu meiner Überraschung gab es gestern auch das, soweit ich weiß, erste eigene Stück: „Peu importe“ . Ein sehr gelungener Chanson im besten Sinne – gerne mehr davon!
Nach der Pause startete die zweite Hälfte mit dem James Bond Thema (und ja, auch das funktioniert einwandfrei nichtorchestral mit wenigen Instrumenten), das dann in „Skyfall“ von Adele überging. Weil das Original oder Adele ja eine Klasse für sich sind, ist das fürwahr eine mutige Wahl. Aber der Mut hat sich hier ausgezahlt, weil es ja nicht darum geht, die Originalinterpretin zu kopieren, sondern das Lied selbst zu interpretieren. Und auch „Skyfall“ machte im Jazzgewand einen sehr guten Eindruck. Genauso die Neufassung von „From Russia with love“, hier sogar wieder mit französischem Anteil.
Nach einer unverwechselbaren Anmoderation wurde noch „Fever“ von Peggy Lee gespielt. Und hierbei kam dann zum zweiten Mal am Abend der Bass zur vollen Geltung! Ich liebe den Kontrabass, dieses schöne ausdrucksstarke Instrument! Das Piano hatte im Verlauf der Show auch einige Solomomente und konnte sich verdient in den Vordergrund spielen. Nur das Schlagzeug hatte diese Ehre leider nicht. Es war der ehrliche, treuergebene und dennoch unverzichtbar verlässliche Begleiter, der das Schlagzeug nun mal ist. Trotzdem würde ich vom Schlagzeug gern mehr hören. Aber der Mann hinter der Bass Drum verströmt schon durch seine Präsenz ausreichend Glamour, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Coolness des Neal Caffrey, gepaart mit einem aristokratischen Fluidum, das auch eine Conditioner-gepflegte Perücke nicht schmälern kann. Auch dann besitzt er neben dem Look immer noch die Professionalität eines Helge Schneider, der ja musikalisch auch gern mal unterschätzt wird.
Eine tolle Show und ein schöner Abend mit netten Logennachbarn – vielen Dank! Zum Schluss bleibt nur, mir für die nächste Show meinen Lieblingssong des Debutauftritts im Alten Kino zu wünschen: „Le Sud“ von Nino Ferrer. Den möchte ich gern mal wieder von Gin Kiss destilliert genießen.