Alles-ist-möglich-Donnerstag

In meiner Lieblingsserie „The Big Bang Theory“ versuchen die vier Hauptfiguren, aus ihrem Alltagstrott auszubrechen und initiieren den „Alles-ist-möglich-Donnerstag“. Eine neue Freizeitbeschäftigung testen, oder einem neuen Restaurant eine Chance geben. Natürlich scheitern sie an diesem Vorhaben, es ist ja eine Sitcom und ich soll darüber lachen können.

Ob es an der langanhaltenden Pandemiesituation liegt, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, aber mein Alltag ist ebenfalls sehr wiederkehrend strukturiert und ich muss mich an vielen Stellen aktiv darum bemühen, dass es auch so bleibt. Viel mehr als noch in 2019. Ich denke auch viel mehr voraus und plane die Tage im Hinblick auf den Speiseplan oder den Arbeitsort. Aus verschiedenen Gründen versuche ich, möglichst oft im Büro zu arbeiten. Das Büro liegt in einem großen Bürogebäude und wegen des Homeoffice-Gebots ist der Betrieb dort sehr eingeschränkt und das Arbeiten sehr einsam. Letzteres ist ja im Umkehrschluss aus Infektionsschutzgründen wieder von Vorteil. Der eingeschränkte Betrieb insgesamt hat auch Auswirkungen auf die Kantine, sie ist aber grundsätzlich geöffnet. Und einige Kantinenroutinen haben sich nicht verändert. Donnerstag ist immer noch Burger-Tag. Im Gebäude ist die Woche über nicht viel los, am Donnerstag aber kommen durchschnittlich die meisten Kollegen ins Haus. Ob das am Burger liegt, am Erscheinungstag der zwei bekanntesten Magazine, oder ganz andere Ursachen hat, wurde noch nicht untersucht. Diese Woche verriet ein Blick auf die Speisekarte: Mac and Cheese-Burger mit Kartoffelrösti und Curly Fries. Das hat mich erst einmal sprachlos gemacht. Vierfach-Kohlenhydrate – das schien mir doch etwas schräg, aber dann wieder herrlich politisch unkorrekt. Grundsätzlich gibt es ja auch eine High-Carb-Fraktion unter den Konsumenten, aber ich glaube, selbst denen ist Fast Food ein Dorn im Auge. Das wollte so wenig Sinn ergeben, dass es mir schon wieder gefallen hat und deshalb bin ich entgegen meiner üblichen Gewohnheiten an diesem Tag in die Kantine gegangen und habe mich an diesem Experiment versucht. Mein „Alles-ist-möglich-Donnerstag“

Angekündigte 1.400 Kalorien exklusive Nachtisch, der mindestens ebenso eklektisch wie unorthodox daherkommt wie das Hauptgericht. Diese Verachtung aller gängigen Konventionen und sämtlicher Errungenschaften der ernährungsbezogenen Gesundheitsbewegung gefällt mir irgendwie. Mehr Unvernunft passt kaum auf das Tablett. Ein ehemaliger Kollege wäre auch begeistert gewesen, hat er seine Wahl doch immer auf das optimale Kalorien-Preis-Verhältnis abgestellt. Marathon-Läufer, nebenbei bemerkt, da hat man ja generell immer das Bedürfnis, etwas Nahrhaftes anzubieten.

Dann habe ich mich daran gemacht, das Mittagsmahl zu genießen. Ich bin aber auf so vielen Ebenen gescheitert, dass es sich absolut mit den zwischenmenschlichen Abgründen der Wissenschaftler aus Pasadena vergleichen lässt.

Zunächst einmal bin ich kein allzu großer Liebhaber von frittierten Kartoffeln. Die schmecken mir nur in seltenen Momenten der Natriumarmut. Die gekringelten Fritten auf meinem Teller waren zudem leider bereits kalt. Ich habe deshalb nur zwei davon gegessen. Sie waren kross und abgesehen von ihrer Temperatur wohl nicht zu beanstanden. Aber für mich kein Genuss. Dann also zum Burger. In die Hand nehmen und abbeißen war mir nicht möglich, ohne zu kleckern, deshalb habe ich ihn dekonstruiert. Der Deckel war soßenfrei und resch und sollte sich am Ende als Highlight entpuppen. Unter dem Deckel waren zunächst einige sehr bedauernswerte Rucola-Blätter zu sehen. Gegen Rucola habe ich nichts, aber ernsthaft: Die haben in diesem Amerikanischen Ensemble so gar nichts zu suchen und kommen ohne Dressing oder natürliche Frische auch nicht klar und lagen widernatürlich gegart auf der Füllung herum. Also schnell essen und weiterschauen. Darunter kamen dann etwa 30 kleine Maccheroni zum Vorschein. In einer Käse-Sahne-Sauce mit Tomatenstückchen versetzt. Hätte funktionieren können, aber leider war der Käse geschmacklich kaum auszumachen und so war es nur eine sämige Masse ohne Geschmack oder Würze, die ich allerdings gegessen habe, denn Hunger hatte ich durchaus (mit etwas Salz ging es dann). Zuletzt offenbarte sich der Kartoffelröstitaler mit nennenswertem Durchmesser von etwa 12 Zentimetern. Im Entstehen des Burgers wahrscheinlich schön gebraten wie ein Fleischpatty und irgendwie als vegetarischer Clou geplant, lag er aber glanzlos da und war als wirkungslose Feuchtigkeitsbarriere inzwischen eins geworden mit der unteren Brötchenhälfte. Ich habe dann nur noch die obere Brötchenhälfte gegessen und die war sehr lecker.

Der Nachtisch war, um es mit einem Wort auszudrücken, heftig. Genannt: „Himbeer-Malheur“, wurde eine Himbeergrütze mit Vanillesauce bedeckt und als namensgebendes Topping mit einem absichtlich lieblos hineingedrückten Schaumkuss verziert. Heftig, weil darin einfach von allem zu viel war. Von Menge und von Süße. Ich habe nach zwei Löffeln von der Kombination lieber nur noch die Himbeeren gegessen.

Nach dem Essen habe ich mein Tablett auf das Förderband Richtung Abwäsche gestellt. Die beiden weiteren Tabletts dort boten einen meinen Resten nicht unähnlichen Anblick. Ich glaube, das war ein einmaliges Angebot. Vielleicht hatte auch nur jemand in der Küche eine Wette verloren oder Ähnliches. Ein traditioneller Kassenschlager wie die sagenumwobene „Susländer Currywurst“ wird es sicher nicht werden.

Ich bestelle beim Teenager für den nächsten Donnerstag eine schöne Portion „Mac & Cheese“. Da wird zwar mit Europäischen Zutaten, aber streng nach Originalrezept gekocht und ich erwarte keine Enttäuschung.

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