London Calling

Es gibt bereits einen Beitrag mit diesem Titel, aber wenn London ruft, bin ich da! Und ich will wieder eine Reise nach London wagen. Mit dem Flugzeug. Zum Buchungszeitpunkt war ich naiv genug zu glauben, die Corona-Lage wäre im Sommer entspannt. Mein Umfeld hat in den letzten 18 Monaten unzählige Flugreisen unternommen und alles ist relativ gut gegangen. Also hoffe ich das auch für uns. Wir alle drei wären untröstlich, wenn doch noch etwas dazwischen käme. Fingers crossed.

Jedenfalls war ich viel zu lange nicht mehr dort und vermisse es sehr, die Sprache, den Geruch im Untergrund, den morbiden Charme, der bei all dem royalen Pomp immer wieder hervorblitzt und stets mit einer Verachtung konserviert wird, dass man es auch wieder bewundern muss. Tim Mälzer hat einmal gesagt: „Es gibt Städte, umarmen einen.“ Und London vermag das besser als jede andere Stadt, die ich kenne. Nach Hause kommen, sobald ich den weichen graugrünen Teppich am Heathrow Airport unter den Füßen spüre. Übrigens sind in Großbritannien fast alle künstlichen Fußböden sehr viel weicher als wir Menschen vom Festland es gewohnt sind. Es federt allerorten.

Die erste Hürde ist nun die Woche bis Freitag. Wir müssen Menschen meiden, um die Reise virenfrei antreten zu können. Hoffentlich wird der Flug nicht abgesagt und die Koffer kommen mit, das wäre auch schön. Aber einmal dort, kleiden wir uns zur Not neu ein. Das wäre verkraftbar, sind wir dann doch in der Zivilisation und nicht auf einer abgelegenen Insel. Ihr Ansehen als stolze traditionsbewusste Nation demontieren die Briten ja seit Jahren recht erfolgreich, aber als abgelegen oder abgehängt möchte ich das Leben dort noch nicht bezeichnen. Selbst am Protokoll der königlichen Familie wird fleißig gewerkelt und jüngst wurden immer wieder überfällige Änderungen durchgesetzt. In meinen Augen noch immer zu wenige und vieles viel zu spät, aber warum sollte ausgerechnet die Firma Windsor agiler und zukunftsorientierter daherkommen als die meisten anderen börsennotierten Unternehmen oder die eine oder andere Erste-Welt-Regierung. Offenbar lassen die Menschen nur ungern los und sind im ersten und zweiten Schritt nicht bereit, auch für durchaus notwendige Veränderung Nachteile in Kauf zu nehmen. Vieles in der Welt geht in meinen Augen viel zu langsam voran. Aber ich schweife ab und bin schließlich auch Teil des Problems.

Am gestrigen Sonntag haben wir erst einmal einen kulinarischen Ausflug in die Türkei gemacht und im „bona’ me“ ein spätes Frühstück zu uns genommen. Der Name lässt sich wohl am Ehesten übersetzen mit: An meinem Tisch. Und wie ich es erwartet habe, ist der Geist der türkischen Gastfreundschaft deutlich zu spüren. Davon sollten sich andere Gastronome gern eine Scheibe abschneiden, denn das Gegenteil ist leider oft der Fall. Das Lokal wird mit einer Art der Systemgastronomie betrieben, die die Kommunikation mit dem Servicepersonal auf ein Minimum reduziert. Man ordert an Bildschirmen direkt am Tresen, was bei den türkischen Namen der Speisen sicher von Vorteil ist, weil ich sie mir nur schwer merken kann, bin ich doch der Sprache nicht mächtig. Für kontaktscheue Menschen ist das wohl ganz angenehm, ich sehe darin aber keinen Vorteil. Außer, dass es mich schon auf den nächsten Pub-Besuch vorbereitet, denn dort wird die Bestellung auch am Tresen aufgegeben. Man soll die Speisen am Tresen selbst abholen. Das klappt nur mittelgut. Es ist leider auch eine Generationsfrage. Verwirrt und wenig erfolgreich laufen vorwiegend ältere Menschen mit dem vibrierenden Signalgerät umher und müssen am Ende doch persönlich betreut werden. Ich muss mich leider ebenfalls dazu zählen. Das Gerät vibriert und zeigt mir an, wo ich etwas abholen soll. Dort steht dann ein Gericht, dass ich nach kurzem Überlegen einem meiner Begleiter zuschreibe. Bevor ich es aber zum Platz bringen kann, muss ich drei Fragen der geduldig freundlichen Dame auf der anderen Seite des Tresens beantworten, die ich ob der Laustärke nur schwer verstehen kann. Am Tisch weist mich die Jüngste auch gleich auf mein vermeintliches Fehlverhalten hin. Ich verstehe aber nur: Dann machst Du dieses oder jenes – sei doch ganz einfach! Ach, was ist denn an dem Jahrhunderte bewährten Kellner-Gast-Verhältnis nur verkehrt? Das Essen ist allerdings hervorragend und das Personal auch sehr nett, aber wir essen eigentlich alle getrennt, weil die Gerichte nicht zeitgleich kommen. Der Ablauf ist entweder noch suboptimal organisiert, ich bin zu alt dafür oder ich gehe da nicht mehr hin. Die letzte Konsequenz habe ich ja vor ein paar Jahren nach einem Besuch bei Subway in London gezogen. Der Laden war sehr klein, es war sehr voll und wir hatten entschieden, dass ich das Essen bestelle und der Rest einen freien Tisch sucht. Ich hatte also vier Bestellungen im Kopf, zwei Sandwiches waren sogar ein Standardangebot ohne individuelle Extrawünsche. Dann war ich an der Reihe und habe die ersten zwei Sandwiches von der prominent angebrachten Karte bestellt. Gerade als ich anfangen wollte, die beiden individuell zusammengestellten belegten Brötchen zu bestellen, wurde ich von einem Nichtmuttersprachler in erstaunlich schlechtem Englisch um verschiedene Entscheidungen gebeten: Helles Brot, dunkles Brot, Eisberg oder Rucola, mit Knoblauch, ohne Knoblauch und dergleichen. Schwer genervt kam ich am Ende bei den Soßen an und kann mich erinnern, dass jemand Currysauce haben wollte. Die heißt hier aber anders und so verstand mich der Zusammensteller nicht. Am Ende rief ich: Die Gelbe! Und: Ohne Soße! Geschafft, zwei Brötchen konnte ich bezahlen. Dann stand ich aber am Ende des Tresens und konnte unmöglich noch zwei weitere bestellen, weil bereits viele neue Kunden hinter mir ihre Bestellungen anfertigen ließen. Ich bezahlte und berichtete den Wartenden von meinem Scheitern. Seitdem meide ich den Laden.

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