Reisen

Freitag war Anreisetag und der war zu Beginn gar nicht mal so entspannt. Morgens noch schnell ein paar Stunden gearbeitet. Dann mit dem Taxi zum Flughafen, damit wir dreieinhalb Stunden vor Abflug dort sind. Das sollte reichen, dachten wir. Hätte es sicher auch. Im Terminal freuen wir uns auch noch über die verblüffend kurzen Schlangen vor den drei Schaltern von British Airways. Die sind aber so kurz, weil die Schalter noch nicht geöffnet sind. Es ist der einzige BA-Flug heute und geöffnet wird wohl erst wie üblich zwei Stunden vor Abflug. Self-Drop bietet BA in Hamburg leider nicht an, weshalb wir uns anstellen müssen. Als dann endlich geöffnet wird, dauert es noch sehr lange, bis wir endlich an der Reihe sind. Zunächst müssen ja die Business-Class-Kunden bedient werden und da vorher nicht gekennzeichnet war, wo diese sich anstellen sollen, müssen wir erst alle neu gemischt werden. Vor uns stehen an unserer Schlange etwa 12 weitere Fluggäste. Und bis auf eine junge Alleinreisende haben alle so viel zu klären und besprechen, dass pro Koffer etwa 7 Minuten vergehen, bis der endlich hinter dem Vorhang verschwindet. Bei dem Tempo sind nicht einmal die Koffer rechtzeitig im Flugzeug. Als wir unser Gepäck auf dem Weg wissen, bleiben uns noch 40 Minuten bis zum Boarding. Nerven habe ich nur noch für 30 Minuten maximal. Fliegen ist einfach kein Vergnügen, vielmehr eine Zumutung, die für mich jeglichen Reiz verloren hat. Jedenfalls brauchen wir 35 Minuten, bis wir durch die Sicherheitskontrolle gehen dürfen. Schlangen quer durch den Flughafen. Am Gate noch die Passkontrolle. Wieder eine beachtliche Schlange. Aber jetzt können wir das Gate schon sehen und das Kontrollpersonal uns auch. Die werden das Gate schon nicht schließen, bevor wir durch sind. Wir treffen in der Schlange viele aus dem CheckIn wieder. Hinter der Passkontrolle, die wir „ohne Mensch“ durchlaufen, also automatisiert, wartet dann die Boarding-Schlange auf uns. Wieder 15 Minuten Geduld, bis mit reichlich Verspätung endlich die ersten Gäste an Bord gehen können. Die beiden Damen vom CheckIn mussten hierher wechseln und das geht ja nicht, bevor alle eingecheckt wurden. Am Ende sitzen wir im Flugzeug – zum ersten Mal dürfen wir drei zusammen in der Notausgangreihe sitzen. Jetzt kann ich durchatmen (Klimaanlage sei Dank). Der Tag hat mich bis hierher sehr gestresst.

Der Flug selbst ist dann ganz prima. Sehr ruhig und mit bestem Ausblick. In der Heimat zunächst ein schöner Blick auf die Elbe und die Köhlbrandbrücke. In Großbritannien dann ein kurzer Blick auf Windsor Castle. Was gleich erkennbar ist: Der englische Rasen ist überall vertrocknet braun. Nur ein paar grüne Fleckchen zu erkennen.

Am Heathrow Airport landen wir am äußersten Ende und müssen sogar mit der internen U-Bahn bis zur Gepäckausgabe fahren. Aber dort drehen die Koffer schon ihre Runden. Von Chaos und Verspätung keine Spur. Auch die vorherige Passkontrolle ist vollautomatisiert und es gibt keine Schlange. Wir müssen die Absperrungen nur in Schlangenlinien durchlaufen, was sogar ganz witzig ist.

Zur echten U-Bahn ist es nicht weit und wir laden unsere Oyster-Cards auf und steigen in die Piccadilly Line. Endlich Urlaub! Die Durchsagen, die durchgewetzten 90er Jahre-Sitze, der Ausblick auf die Londoner Vorstadt – einfach großartig! Unsere Station ist wieder Earls Court. Bereits zum vierten Mal logieren wir in dieser Gegend und werden auch diesmal nicht enttäuscht. Es ist einfach schön hier in der Earls Court Road, eine typische Londoner Straße, die alles hat: Vom roten Backsteinlook bis hin zu den schönen bunt eingerahmten Ladeneingängen und den Pubs mit bunten Blumenampeln an den Fenstern.

Unser Apartmenthaus fügt sich wunderbar in diese Straße. Wir müssen zunächst etwas länger draußen verweilen, als uns lieb ist. Der Schlüssel ist in einem Safe, dessen Standort uns ein Foto verraten soll, das uns leider nicht erreicht hat. Aber unser Vermieter ruft mich gleich zurück und hilft mir auf die Sprünge. Ich muss auf die andere Seite der Kreuzung an einem Fahrradständer einen Minisafe öffnen und den Schlüssel entnehmen. Süß. Das Apartment ist sehr schön, größer als unsere heimische Wohnung und weniger plüschig als modern eingerichtet. Untypisch, aber trotzdem schön. Das Treppenhaus ist mit einem weichen Teppich ausgelegt, sehr typisch. Ansonsten sieht es aus wie das Treppenhaus der Nerds in Pasadena. Wenn wir die Treppen hinuntergehen, werden wir nach ihrem Vorbild versuchen, tiefgreifende Gespräche zu führen. Für den Weg hinauf in den dritten Stock gibt es einen funktionierenden Fahrstuhl, in dem auch die Wände mit dem roten Teppich ausgekleidet sind. Für den Koffertransport und die Einkäufe, die wir anschließen besorgt haben, sind wir damit zumindest zu zweit gefahren.

Der erste Einkauf in den nahegelegenen M&S Foodhalls war erwartungsgemäß kostspielig. Diese unglaubliche Auswahl an Convenience-Food, also halbfertigen Gerichten, vorgerollten Fleischbällchen, Salaten, geschnittenem Obst, Backwaren ist immer wieder ein Erlebnis. Den Umweltgedanken muss man wegen der transparenten Verpackungen beiseite schieben, denn verpackt ist so gut wie alles. Und dass am Freitagabend die Regale noch gut gefüllt sind mit allem, was das Herz begehrt, hat mitten in London eben seinen Preis.

Das Abendessen nehmen wir in einem Pub ein, der gleich vor der Haustür steht. Vor dem Eingang stehen eine Menge Hipster, die hier rauchen, draußen speisen werden wir also lieber nicht. Drinnen ist es sehr warm, aber für die Mahlzeit halten wir das schon aus. Nur nichts scharfes essen. Es werden ein Burger, Mac&Cheese und wenigstens ein britischer Steak-Pie mit Gemüse und Kartoffelpüree. Klassische Fish & Chips waren leider nicht im Angebot, das muss ich verschieben.

Nach dem Essen machen wir noch einen Abstecher zur Boots-Filiale. Ein paar Sachen haben wir doch vergessen und so müssen wir noch einen Tiegel und eine Bürste besorgen. Anschließend sind wir sehr müde, schauen noch kurz eine Folge „Chuck“ und gehen dann ins Bett. Der Fernseher bietet leider keinerlei analoges Programm mehr. Also durchzappen geht nicht. Wir müssen uns erst für eine der vielen Plattformen entscheiden. Angemeldet ist meist ein „AJ“, vielleicht ein Vormieter oder das gehört zum Service. Egal, es läuft.

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