Sunday

Der Sonntag startet ohne Sonne, der Himmel ist bedeckt. Das finde ich gar nicht so schlecht. Gleißende Sonne lässt die gefühlte Temperatur nur noch in die Höhe schnellen. Und 27 Grad reichen auch bedeckt. In der U-Bahn herrschen ohnehin immer noch rund 5 Grad mehr. Ich möchte gar nicht wissen, wie sich das in der Hitze letzter Woche angefühlt hat.

Die Tatsache, dass wir nicht in einem Hotel schlafen, hat zwar einige Nachteile (der Müll muss selbst entsorgt werden und die Handtücher werden nicht nach Wunsch ausgetauscht), aber es entspannt die Tage ungemein. Niemand muss zeitig und vorzeigbar am Frühstücksbuffet erscheinen. Wir können ausschlafen und sind trotzdem früh auf der Straße. Das freut den Teenager sehr. Ich habe auch gerade gelesen, dass man viel mehr darauf achten sollte, den gemeinsamen Urlaub so zu organisieren, dass möglichst alle das tun können, was sie entspannt. Sonst verfehlt die Reise ihren Zweck. Einleuchtend, aber nicht leicht umzusetzen. Selten lassen sich die Interessen auf einen Nenner bringen. Wir hatten gestern einen schönen Tag zusammen, planen aber, uns heute überwiegend aufzuteilen und erst später am Tag wieder zusammenzufinden.

Ich möchte heute nach Camden und dort den Markt erkunden. Bei meinem ersten Aufenthalt hier in den Neunzigern war das wie so vieles in London eine Offenbarung. Ein Gebiet, das mit der Einkaufszone einer Kleinstadt vergleichbar ist, voller alternativer Läden und Buden. Ein Angebot schräger und ungewöhnlicher als das andere. Das Publikum zwar von Touristen durchsetzt, aber dennoch erkennbar fern vom 9 to 5 Spießertum. Also nicht, dass es falsch verstanden wird: Dazu zähle ich mich heute selbst und auch damals hätte ich mir nicht vorstellen können, ganz anders zu leben, als ich aufgewachsen bin. Vielleicht hat sich das auch etwas gewandelt, heute gibt es ja auch unter den BWLern oder Juristen einige (Voll-)Tätowierte, die in ihrer Freizeit nicht vermuten lassen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber nicht ohne Grund steht die Amy Winehouse Statue in dieser Gegend. Wenn ich früher in den Neunzigern in die große Stadt gefahren bin (Hamburg oder Bremen), um dort im alternativen Viertel Second Hand Jeans und Dr Martens zu kaufen, fand ich die fremde Atmosphäre dort immer sehr aufregend. Jeder wurde geduzt und selten konnte man einem Gespräch entgehen. Man schien ein echtes Interesse an den Kunden zu haben. Vielleicht war so ein Gespräch aber einfach die übliche verkaufsfördernde Maßnahme, wenn man sich mit der Präsentation der Waren schon keinerlei Mühe gegeben hatte. Nach Schuhen musste man grundsätzlich fragen. Es standen ein paar Modelle herum. Aber welche Schätze genau verfügbar waren, klärte sich erst, wenn sich jemand mit einer Leiter an einem raumhohen Kartonstapel zu schaffen machte, oder eine Weile im Hinterzimmer verschwand. Das sind wohlige Erinnerungen. Mit dem neuen Paar Schuhe und Pearl Jam (A-Seite) und Massive Attack (B-Seite) auf den Ohren im Zug nach Hause fahren, wahrscheinlich zufrieden lächelnd. Unser Wissen um die Modellbezeichnungen stammte aus Katalogen, denn das Internet war im Alltag noch Science Fiction. Wahrscheinlich waren die Lebenszyklen solcher Konsumgüter viel länger als heute, schon weil die Einführung und Verbreitung viel mehr Zeit in Anspruch nahmen.

Zuerst wird aber auswärts gefrühstückt. Ein paar Busstationen von uns entfernt liegt ein Platz mit Cafés und Restaurants wie für einen Sonntagmorgen gemacht. Ich würde überall einkehren, das spricht mich alles an. Wir gehen aber in ein Lokal, dass uns über TikTok empfohlen wurde. Also einer von uns, die Eltern haben diese App nicht auf dem Gerät. Eine sehr gute Empfehlung, es gibt liebevoll zusammengestellte Frühstücksgerichte in Bio-Qualität. Kleine Portionen, damit nicht so viel übrig bleibt. Und sehr schmackhaft – wirklich gelungen. Wir haben im Innenbereich gegessen, denn es drohte etwas zu tröpfeln. Aber das war eigentlich doch nichts und auch das letzte Feucht von oben an diesem Tag. Da bleiben die Rasenflächen weiter hellbraun.

Anschließend fahren wir nur ein paar Stationen zusammen mit der U-Bahn, dann steigt einer vorzeitig aus, um den Rest des Weges am Regent’s Canal zum Marktgelände zu laufen. Zwei fahren zur Camden Town Station. Und natürlich hat der Tourismus hier längst alles voll für sich vereinnahmt, es gibt eine Menge Hinweisschilder und dergleichen. Aber gentrifiziert ist es hier zunächst nicht. Der authentische Shabby-Schick wurde von der Hauptstraße noch nicht verdrängt. Wenngleich die Kunden kaum einheimisch sind. Das organisierte Marktgelände in den alten Stallungen ist allerdings frisch saniert und beherbergt neben viel Handwerk und kleinen Boutiquen auch einige Ketten, die sich aber zurückhaltend einfügen. Alles in allem ein sehr angenehmes Flair. Wir shoppen ein wenig Dekoratives, leider keine Kleidung. Das Angebot war gestern besser. Der Dr Martens-Laden ist vollklimatisiert, schon allein deshalb sollte ich mich hier länger aufhalten. Ich habe aber gar keine Lust, Schuhe anzuprobieren. Das wird verschoben. Nach kurzer Zeit läuft uns der Dritte über den Weg. Er war schnell und so schlendern wir nun doch zu dritt durch die Hallen. Nach einer Weile halten wir bei „Hans und Gretel“ – einem wahrgewordenen Waffeltraum. Es gibt Bubblewaffeln, Waffeln mit Zuckerwattering, sog. chimney-Förmchen, alles gefüllt mit Eis, Weingummi, Schokolinsen, Soßen, schön bunt und süß. Eine kalorienreiche Übertreibung wird verspeist.

In der Mitte der Hallenanlage verlassen wir das Gelände und spazieren zu einem kleinen Buchhändler, der gebrauchte Bücher und Antikes anbietet. Sein Laden liegt in einer wunderschönen und sehr gepflegten Seitenstraße, die ich hier nicht erwartet habe. Doch etwas gentrifiziert. Sogar die Vorgärten sind gepflegt und man sieht keinerlei Hausrat. Das war selbst in Notting Hill anders, dort fanden sich eigentlich überall Vorgärten mit Bauschutt, defekten Fahrrädern oder ausrangierter Sanitärkeramik. Hier ist es unglaublich ruhig und sehr schön.

Der Buchladen ist wieder ein Tiktok-Tip. Toll. Was soll nur werden, wenn der Teenager ausgezogen ist. Dann werde ich endgültig abgehängt sein und nicht mehr wissen, was angesagt ist. Oder wie man Fotos macht: Immer hochkant und niemals Licht von hinten, das weiß doch wohl jeder und so fort.

Nachdem einige Buchschätze erworben wurden, laufen wir zurück zum Marktgelände und setzen uns in bunte Strandstühle und ruhen etwas aus. Die Füße schmerzen wieder und brauchen eine Pause. Wir stehen zu viel und laufen zu langsam. Aber beim Shoppen ist Geschwindigkeit nur hinderlich. Nach dem Päuschen laufen wir zur nächsten Busstation und fahren zum Trafalgar Square. Schöne Strecke. Auf dem Platz ist ein WarmUp für das Public Viewing des EM-Endspiels im Gange, weshalb wir uns eine neue Location für ein Geburtstagsselfie suchen müssen. Wir entscheiden uns für die Golden Jubilee Bridge am Embankment Place. Von dort hat man einen schönen Blick auf Big Ben und das London Eye. Und weil wir das Jahr 2022 haben, sind wir nicht die Einzigen, die ein Selfie machen. Selfie-Stangen aber scheinen total out zu sein. So etwas hat niemand mehr im Einsatz.

Danach machen wir uns auf den Rückweg nach Earls Court. Wir kaufen wieder ein paar Getränke und unser Abendessen. Heute mal zu Hause. Es gibt Spaghetti mit Tomatensauce. Wir haben alle drei Lust, in bequemen Klamotten zu essen. Also rein in die Jogginghosen und ran an den Gasherd. So ein Gasherd ist mir eigentlich eher unsympathisch. Ich kenne mich damit so gar nicht aus. Aber es klappt alles prima und die Pasta ist köstlich.

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