Tuesday

Die meisten Fenster unserer Wohnung zeigen in den Innenhof. Abends ist in jeder Wohnung im Gebäude gegenüber Leben. Lichter gehen an und aus. Es wird gekocht und gegessen. Das fand ich bei Alfred Hitchcock eigentlich sehr künstlich, wie sich James Stewart seine Rekonvaleszenz mit den Leben der Anderen versüßt. Aber hier würde das prima funktionieren, jedes Fenster liefert eine andere Geschichte. Ok, vielleicht viel Wiederkehrendes, aber total transparent. Morgens ist nicht viel los in den Wohnungen, wahrscheinlich sind längst alle bei der Arbeit.

Am heutigen Dienstag bleibt auch unsere Küche kalt und wir frühstücken im Pub. Die Temperatur ist sehr angenehm dort, denn heute wird es wieder warm. Es ist aber recht voll, vor allem für einen Dienstagmorgen. Außerdem ist Feueralarmübung und die Sirenen heulen alle 5 Minuten auf. Und dann kommen die Getränke erst, als wir längst aufgegessen haben. Das Essen war lecker, aber der Rest schreit nicht nach Wiederholung.

Nach dem der Umstände halber schnellen Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Kew Gardens, dem royalen botanischen Garten. Unser Jolly Green Giant trägt heute ein Shirt in orange, da sollten wir ihn im Park gut wiederfinden können, falls jemand schneller läuft als der Rest. Diesen Spitznamen hat er seinerzeit von der Neighbourhood in North Harrow bekommen, weil er eben groß ist, eine grüne Jacke trug und immer ein fröhliches Lachen auf den Lippen hatte. Gestern haben wir dann das Original dazu entdeckt:

In der Bahn stadtauswärts ist es angenehm leer. Erst an der Kew Garden Station steigen alle aus und haben wohl das gleiche Ziel wie wir. Die Internetseite empfahl dringend den Online-Ticketkauf, was wir auch brav getan hatten, aber die Massen verteilen sich schon vor dem Eingang ganz gut, die Schlange der Ticketinhaber ist länger als die der Vorortkäufer. Wenigstens gab es online einen Nachlass, dann war es nicht nur der psychologische jetzt-oder-nie-Effekt, auf den ich hereingefallen bin.

Im Park sind dann erstaunlich viele junge Menschen zu sehen. Ich habe nicht gedacht, dass sich für die Flora so viele interessieren. Meine Aufenthalte in London waren bisher immer zu kurz für einen Ausflug hierher. Aber diesmal haben wir so viele Tage hier wie nie und außerdem keine Notwendigkeit, die obligatorischen Sehenswürdigkeiten abzulaufen. Der Rundgang startet auch gleich mit den viktorianischen Gewächshäusern, die zur Bauzeit die größten der Welt waren. Als das Empire selbst noch ein Superlativ war, hatte man sich wohl vorgenommen, die ganze Welt der Pflanzen im Garten der Gärten zu zeigen. Diesen Anspruch hat man auch heute noch. Von allem gibt es unzählige Sorten und viele Arten wachsen nur hier außerhalb ihrer Heimat. Inzwischen ist man natürlich sehr vorsichtig mit den Exoten. Die heimatliche Natur leidet ja an vielen Stellen auch unter den fremden Pflanzen, die einmal ohne Bedacht importiert wurden. Im Gewächshaus herrscht zwar eine ähnliche Temperatur wie im Außenbereich. Aber es ist tropisch feucht und es rieselt ein Regennebel aus verschiedenen Richtungen. Die berühmte alte Topfpalme ist inzwischen rund 15 Meter hoch und möglicherweise haben wir sie zum letzten Mal bewundert. Sie muss demnächst gefällt werden, weil sie nicht mehr ins Haus passt und es zu sprengen droht. Der verantwortliche Gärtner ist untröstlich, aber es ist wohl notwendig. So richtig üppig sieht sie allerdings auch nicht mehr aus, vielleicht ist der Topf ebenfalls nicht mehr groß genug.

Die Rasenflächen im Park sehen erschreckend aus: Wie überall ist kein Grün mehr zu sehen. Alles ist karg und braun und knirscht beim Darüberlaufen. Wir laufen quer hindurch und machen einen nächsten Halt am Baumwipfelpfad. Von unten sieht er unspektakulär aus, aber oben sind die Baumspitzen majestätisch und grün zum Greifen nahe. Wirklich schön.

Danach kehren wir in einer geschmackvollen Gaststätte ein, deren Außenbereich von Weinranken eingerahmt wird. Wir genießen in dieser Idylle ein paar kalte Getränke. Dann trennen wir uns. Unser Giant möchte ein wenig Strecke machen und wir Kleinen möchten im Wind sitzen und lesen. Wir müssen länger durch die heiße Sonne laufen, als uns lieb ist, bis wir eine schattige Bank entdecken. Aber am Ende finden wir ein ruhiges Plätzchen und entspannen ein Stündchen. Zum Schluss bestaunen wir noch die Seerosen, die hier gezeigt werden. Riesig groß und ähnlich wärme- und feuchtigkeitsbedürftig wie die tropischen Pflanzen, schwimmen sie in einem Becken unter viktorianischem Dach. Das kleine Haus ist überbordend voll mit bunten Blüten und grünen Blättern. Die Pflege dieser prachtvollen Anlagen muss ein Traum für jeden Gärtner sein.

Wir spazieren zurück zur Bahnstation. Direkt an der Station befindet sich das Zentrum dieses Viertels und rundherum gibt es entzückende Lädchen, das Ganze ist außerordentlich pittoresk. In einem Buchladen kaufen wir auch etwas ein und dann geht es zurück in den Trubel der Innenstadt. Unser nächster Halt ist Covent Garden. Dort wollen wir noch ein wenig bummeln und uns ein Restaurant für das Abendessen suchen. Heute Abend entscheiden wir uns für einen Crêpe. Nach dem Essen wird der Heimweg noch von zwei Stopps in Antikbuchläden unterbrochen. Aber beide haben erstens nicht die Bücher, die wir suchen und zweitens eher seltene oder signierte Bücher im Angebot und die liegen nicht in unserer Preisklasse. Also fahren wir ohne weitere Bücher nach Hause und lassen den Tag mit kühlen Getränken ausklingen.

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