Heute wird ausgeschlafen. Am Vormittag werde ich Wäsche waschen und dann gehen die Damen in die Oxford Street und suchen neue Düfte. Am Flughafen hatten wir ja keine Zeit mehr dafür. Der Herr besucht ein Proms-Konzert in der Royal Albert Hall. Es gibt Beethovens Fünfte. Eigentlich habe ich immer gesagt, dass ich zu gern einmal etwas sehen und hören möchte in der Musikhalle. Aber irgendwie ist mir dieser Tage nicht danach.
Wir fahren bis zur Marble Arch Station und fangen ganz am Ende der Oxford Street an. Unser zweiter Halt ist gleich wieder eine Boots-Filiale, wir brauchen Kopfschmerztabletten, sonst wird der Tag nicht gut. Dabei fällt mir auf, dass auch dieses Phänomen der Drogerien mitten im Shopping-Eldorado hier in Großbritannien sehr viel länger schon normal ist, als bei uns. Hier war das schon immer so, jedenfalls solange ich hier unterwegs bin. In Hamburg hat sich das erst in den letzten 10 Jahren entwickelt und eigenartigerweise fand ich es zunächst befremdlich, dass da eine Drogerie neben dem Schuhladen eröffnet wurde und wenige Meter weiter zwischen all den Bekleidungsgeschäften noch eine und später noch eine. Aber nun habe ich mich auch in der Heimat daran gewöhnt.
Danach besuchen wir erst eine Marks & Spencer Filiale und kaufen Hausschuhe. Die letzten aus Schottland haben es bald hinter sich, da müssen neue her. Auch im August gibt es ein ansehnliches Angebot an fellgefüllten Schlappen. Unser nächstes Ziel ist das große Kaufhaus Selfriges, in dem Alan Rickman im Weihnachtsfilm in der Schmuckabteilung einkauft. Wir bleiben in der Duftabteilung und haben die Qual der Wahl. Meine Güte, so viel Auswahl. Gut, dass an jedem Ständchen jemand berät und nach unseren Wünschen vorsortiert. Sie viele Riechproben hätte ich gar nicht nehmen können, wie uns hier bereit stehen. Wir finden auch etwas, tatsächlich auch bei der nettesten Beraterin. Ein französischer Duft, der mit „Pfefferwasser“ untertitelt ist. Pfeffer habe ich zwar nicht herausgerochen, aber gut, nach all den Proben. Das Parfüm heißt „Twilly“, so wie das markentypische Seidenband, das als täglicher Begleiter und Glücksbringer fungiert, zumindest bei der Dame von Welt.
Danach schaffen wir noch den Disney Store und erstehen dort eine Müslischalentasse mit Woody drauf – in jeder Hinsicht ein Klassiker. Das wird ein schönes eklektisches Bild in der zukünftigen Küche unserer Tochter, die sich derzeit viele Einzelteile zusammensucht, ich bin gespannt darauf.
Nach dem Tassenkauf kaufe ich ihr noch einen Crêpe und entlasse sie dann an der Bond Street in die große Stadt. Sie trifft sich mit ihrer Schulfreundin, die ja hier gerade Sprachferien macht. Ich warte auf den Konzertgänger, der einen langen Spaziergang vom Buckingham Palace hier her unternommen hat, um sich die Zeit zu vertreiben. Zusammen wandeln wir Richtung Piccadilly Circus durch das noble Mayfair. Wir sind eigentlich ganz anständig bekleidet: Lederschuhe, Jeans, Chino, Bluse und Polohemd. In dem Pub, an dessen Eingang wir lesen: „Entry only in appropriate and clean Clothing“, erhalten wir zwar Einlass, aber ich fühle mich doch underdressed hier. Alle shoppen in sehr schicker Kleidung. Macht aber nichts, weil wir ohnehin in keinen der Läden hineinpassen. Wir schlendern nur vorbei. Unter anderem durch die Burlington Arcades. Immer wieder schön – die muggelsche Winkelgasse.
Wir kommen auch noch an einer Kirche vorbei, dort finden auch Lunchtime-Konzerte statt, deshalb ist sie meinem Begleiter bekannt. Ich war noch nie dort. Die St. James‘s Church Piccadilly, dort wurde die Hochzeit in der zweiten Staffel von „Bridgerton“ gedreht. Scheint noch ein Geheimtipp zu sein, es waren keine Teenager vor Ort. Die Kirche hat einen wunderschönen begrünten Kirchplatz mit Tischchen der angrenzenden Gastronomie.
Unser frühes Abendessen nehmen wir in einem Pub ein, dessen Gebäude sehr alt und schief an einer Kreuzung steht. Das lässt wieder an Harry Potter denken und es ist in diesem Land schon sehr nachvollziehbar, woher Frau Rowling ihre Inspirationen hatte. So sind die Gebäude und Straßen nicht nur schön anzusehen, ich verbinde sie auch gleich wieder mit Buchbildern. Überhaupt: Bücher. Ich mag Bücher sehr. Und die Buchhandlungen in dieser Stadt sind echte Sehenswürdigkeiten. Es gibt auch so viele, eine traditioneller und mit mehr Geschichte als die andere. Das Lesen scheint hier einen ungleich höheren Stellenwert zu haben, als bei uns.
Wieder zu Hause, müssen wir noch einmal zum Einkaufen gehen und das ist bei der Hitze eine echte Herausforderung. Zurück im Apartment bin ich so durchgeschwitzt wie sonst im Untergrund. In den Bahnen selbst geht es eigentlich, dort sind nämlich alle Fenster an Bug und Heck geöffnet, so dass direkt davor ein Hardcore-Bollywood-Wind weht. Wenn ich also einen entsprechenden Stehplatz finde, ist es aushaltbar.
Das war es für heute – es sieht ereignisarm aus, aber der Tag war trotzdem lang und der Schrittzähler zeigt 16T an. Ich finde, das reicht.