Saturday the 2.

Heute haben wir London vorerst verlassen. Noch ein Restefrühstück, das gar nicht so schlecht war. Dann Aufräumen und eine Waschmaschine mit Handtüchern anstellen, denn dafür wäre die Reinigungskraft sehr dankbar, machen wir doch glatt. Dann in zwei Etappen auf die Straße und den Schlüssel wieder am Fahrradständer einschließen. Per Smartphone wird ein Taxi gerufen. Mit uns und dem Gepäck ist es randvoll! Und es war eine gute Entscheidung, denn das alles durch die U-Bahn und die Straßen bis zur Mietstation zu tragen, wäre furchtbar gewesen. So muss der Gepäckhaufen auf der Straße warten, während wir das Auto abholen wollen. Wir bekommen ein Upgrade von Toyota Corolla zu Lexus IS 300 in silbergraumetallic mit schwarzglänzenden Felgen. Rundum gruselig, wie ich finde. Aber er fährt sich ganz gut. Besser als seinerzeit der Mini Cooper in Schottland, bei dem Wagen war das Fahrgefühl eine einzige Enttäuschung. Außerdem lerne ich, dass es sich bei Lexus um die Nobelsparte von Toyota handelt und dafür ähnliche Preise wie für einen vergleichbaren Mercedes aufgerufen werden. Auf den Wagen müssen wir noch eine halbe Stunde warten, weil er erst gesäubert wird. Dann geht es los! Linksverkehr in der großen Stadt. Aber das geht ganz gut, denn es sind ja immer Autos vor mir, da muss ich nur hinterherfahren. Zunächst quälen wir uns eine Stunde lang aus London heraus, wir sehen aber noch Buckingham Gardens und Harrod‘s. Anschließend durchstarten auf der M4. Was man hier so durchstarten nennt. Die ersten 40 Meilen darf ich nur 60mph fahren. Und danach maximal 70mph klärt mich mein Beifahrer auf, weil ich recht penetrant rechts fahre und das auch noch zu schnell. Bei drei Fahrspuren fließt der Verkehr hier überhaupt nicht flüssig. Das können die Amerikaner besser. Hier fahren die meisten konsequent in der Mitte und oft nur mit 60 oder 65 mph. Ein Tempomat bringt also gar nichts. Dauernd muss ich überholen und das mache ich sonst eigentlich nicht. Ich möchte aber nicht den ganzen Tag im Auto verbringen und die 225 Meilen ziehen sich ganz schön in die Länge. Nach der Hälfte machen wir eine kurze Pause. Es gibt hier etwa alle 40 Meilen Raststätten und die haben ihren Namen wirklich verdient. Es gibt alles: Cafés, M&S Foodhalls, drei Fastfood-Läden, Bekleidungsgeschäfte, Lederwaren und natürlich eine Tankstelle. Wir besuchen die Sanitäreinrichtung (für die Autobahn ok – in Jonathan Van Ness‘s Worten: „I’ve seen worse, I‘ve seen better“) und essen dann einen kleinen Burger und Pommes im Fastfood Lokal mit der Krone. Das habe ich schon Jahre nicht mehr gemacht und ich weiß nun auch wieder warum. Es schmeckt nicht sehr gut und ist auch nicht wirklich warm, der Käse nur teilweise geschmolzen. Aber Schwamm drüber, viel interessanter sind die anderen Rastenden. Uns begegnen hier immer wieder Teile einer Großfamilie und nun beim Essen alle zusammen: Eltern mit 5 Töchtern. Irgendwie tut mir der Vater ein wenig leid. Wie es wohl ist, allein unter so vielen Damen zu leben? Er sieht sehr nett aus, sehr britisch außerdem. Er hat lichtes kurzes rotblondes Haar und trägt ein enges T-Shirt, Shorts und Adiletten. Athletisch wirkt er nicht, allerdings ist er die Ruhe in Person. Im Gegensatz zu den kleinsten Töchtern. Sie sind ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, kleidungstechnisch aber wie aus dem Ei gepellt. Badelatschen tragen sie auch, aber ansonsten hübsche Kleider, die so gar nicht nach Alltag aussehen und verwunderlicherweise auch nach der Mahlzeit noch sauber sind. Sie haben zwischendurch nämlich einen kleinen Streit und im Handgemenge spielt auch das Essen eine Rolle. Um schlimmeres zu verhindern, schlichten die beiden größeren Töchter. Die kommen eher nach der Mutter, eifern ihr jedenfalls nach. Alle drei haben auffällig gestylte Augenbrauen. Die sehen frisch gefärbt aus, sehr dunkel bei hellem Haupthaar. Als ich kurz überlege, ob sie die Brauen vielleicht gerade gefärbt haben und das Ganze unterwegs einwirken muss, klärt meine Expertin für die moderne urbane Lebensart mich auf: Nein, das soll so aussehen, wenn ich genau hinschaue, kann ich auch entdecken, das das restliche Gesicht einwandfrei geschminkt ist. Also Absicht – echt schräg. Es gibt dafür auch eine Typbezeichnung, auch wenn die meist eher abwertend gemeint ist, aber wer keine Angst vor den Suchverlaufsfolgen hat und in der Suchmaschine „Chav“ eingibt, wird die auffälligen Brauen wiederfinden. Ich frage mich noch kurz, in welches Auto die gleich alle wieder steigen. Und falls es in den Urlaub geht, wo bleibt das Gepäck? Unsere Limousine jedenfalls ist mit drei Personen und deren Gepäck randvoll.

Danach weiter Meilen schaffen. Das Radioprogramm ist streckenweise nervig, am Ende weichen wir sogar auf Klassik aus. Irgendwann kommt dann aber Exeter und wir fahren ab. Bis dahin sah die Landschaft nach Ostwestfalen aus. Hügelig und viel Wald. Die folgende Landstraße ist in viel besserem Zustand als die Autobahn, das hilft ungemein. Außerdem nur zweispurig, da fährt auch wirklich nur rechts, wer schneller ist. Die letzten 20 Meilen fahren wir dann direkt durch das Dartmoor. Sehr enge Straßen, teilweise nur uneinsehbar einspurig. Man muss Mut haben und manchmal beherzt Gas geben, um zu seinem Recht zu kommen. Das möchte ich nicht jeden Tag machen müssen. Es ist natürlich sofort zu merken, wer hier Profi ist und wer nicht. Die Einheimischen fahren schnell vorbei, die Touristen sehr langsam. Unser Parkassistent lässt ständig seine Morsecodemelodien erklingen. Nach langen sechs Stunden sind wir da! Im Two Bridges Hotel mitten im Moor – so urig und schön, wie wir es in Erinnerung haben! Morgen mehr dazu.

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