Art Fair

Sylvester! Wie in den vergangenen Jahren beenden wir das Jahr mit einem Kreativprojekt. Mal ein genähter Kissenbezug, mal ein Scrapbook und in diesem Jahr zum zweiten Mal ein Acrylbild 15x15cm. Acht unterschiedliche Talente erschaffen Spontanes oder liebevoll Ausgesuchtes. Ich runde mein abstraktes Werk mit einer experimentellen Technik ab (Chipstüteaufüberschüssigefarbedrücken) und erhalte einen Eindruck der 1970er Jahre.

Ansonsten gibt es Schafe, eine Katze, zwei Vögel, Richmond Mansion, Ziggy Stardust und einen maritimen Triptychon. Stilistisch geht es in die Richtungen: Van Gogh, Turner, Hablik, Rousseau, Marc und Warhol.

Das ist schon mal ein guter Anfang.

Als Zwischenmahlzeit werden Berliner und Kaffee gereicht. Hierzulande eine Sylvestertradition. Weltweit gibt es davon ganz verschiedene. Die Italiener tragen rote Unterwäsche, die Griechen vergnügen sich beim Glücksspiel und die Argentinier schreddern alte Dokumente und werfen die Schipsel aus dem Fenster. Also das finde ich durchaus charmant, aber im Regenwetter ist das spätere Aufräumen doch eher lästig. Wir essen Berliner. Woher diese Sitte genau stammt, konnte ich nicht verlässlich herausfinden. Es könnte eine zweckmäßige Energieaufnahme vor der Fastenzeit gewesen sein. Dagegen spricht, dass schon die Römer Fettgebackenes mochten und ich bezweifle, dass im Alten Rom aus religiösen Gründen von der verbreiteten Dekadenz abgewichen wurde. Jedenfalls wurden die Bällchen auch nicht eigens zur Fastenzeit erfunden.

Beim Fernsehercheck (können wir Dinner for one streamen, oder müssen wir auf die Programmzeiten achten?) stoßen wir auf den Sylvesterpunsch der Familie Tetzlaff. Herrlich politisch unkorrekt und immer noch heftig aber witzig. Und das Dinner for one ist streambar, alles wird gut.

Vor dem Unterhaltungsprogramm wird gegessen, es gibt Raclette in der omnivoren Variante. Auch das hat ja eine gewisse Tradition im norddeutschen Raum. Insgesamt ist das Raclette-Mahl über 400 Jahre alt und stammt aus der Schweiz. Der Name leitet sich von französischen Wort racler – schaben ab. Ein Walliser Winzer hätte sich vor langer Zeit erstmals Käse vom Käseleib geschabt, am Kaminfeuer schmelzen lassen und genossen – geboren war das Raclette. Also der Name wurde erst um 1900 aus der Taufe gehoben anlässlich einer kantonalen Ausstellung in der Gastronomie. Die Betonung soll übrigens auf der zweiten Seite des Wortes liegen. In Norddeutschland wird die Betonung schon einmal nach vorn gelegt und eher Racklet gesagt. Aber da gibt es weitaus schlimmere mundartliche Färbungen. Süß finde ich ja auch die schweizer Eigenart, ein -li an Worte zu hängen. Leider nähme das hier niemand ernst und es lässt sich nicht so einfach übernehmen. Aber viele Problemli ließen sich sicher schneller lösen, wenn sie so niedlich daherkämen.

Auf jedem Platz liegt ein paar Motivsocken mit persönlich abgestimmten Konfuziusweisheiten. Was für eine entzückende Idee! Meine Exemplare gefallen mir außerordentlich gut, gelb sind sie mit Häschen darauf. Gelb ist eine sehr schöne Farbe, die mir im Allgemeinen leider überhaupt nicht steht. Aber an den Füßen kann nicht viel schiefgehen!

Nach dem Essen gibt es eine Runde Glückskekse mit mehr oder weniger treffenden Sprüchen und dann sehen wir uns Butler James an, wie er gegen den Tiger kämpft. Und ja, wir haben alle wieder gelacht, das ist doch bemerkenswert, denn wir sind ob der Wiederholungen alle ziemlich textsicher. Wir haben dieses Mal auch alle synchron dazu getrunken. Das ist gar nicht so einfach.

Die letzten Stunden des Jahres verbringen wir mit einem Partyspiel, bei dem wir in Zweierteams Aufgaben lösen müssen, die aus verschiedenen Spielen zusammengetragen wurden: Scharade, Montagsmaler, zwei Doofe, ein Gedanke. Das ist sehr witzig und plötzlich sind es nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. Da schalten wir für einen verlässlichen Countdown den Fernseher ein. Auf fast jedem beliebigen Sender gibt es eine Sylvestershow. Das scheint einer der wenigen Abende zu sein, an dem ein Programm nach identischem Muster auf mehreren Sendern funktioniert. Punkt 12 Uhr zünden wir alle unsere kleinen Indoor-Luftschlangen-Raketchen und stoßen mit Sekt an.

Zum Start des neuen Jahres ist dann tatsächlich noch genug Energie da, um ein weiteres Spiel zu spielen, bei dem wir Fragen und Aussagen einer der anwesenden Personen zuordnen müssen und am Ende aus den erworbenen Karten eine Personenbeschreibung basteln müssen. Ich gäbe eine gute Kanzlerin ab, der der Opferstock nicht heilig ist und die bei den geringsten Anzeichen von Regen einen Schirm dabei hat. Das stimmt alles eher weniger, aber ich nehme, was ich bekomme. Da waren viel pikantere Dinge dabei….

Am Neujahrsmorgen ist relativ früh bereits wieder Leben im Haus und die gebrauchten Gläser und andere Partyspuren sind schnell beseitigt. Dann kann der Tag kommen. Auch heute wird uns der Wind noch begleiten, er mag aber auf der Insel auch ein winterlicher Dauergast sein.

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