Business as usual

Heute starte ich wieder einmal nach London! Und wieder steht die Reise unter ungewohnten und ganz neuen Vorzeichen. Spontan gebucht, um ein kleines gemeinsames Zeitfenster zu nutzen, muss eine Mitreisende eine Woche vor dem Start noch einmal neu buchen und kann erst einen Tag später dazustoßen. Und erst am Vorabend fiel mir auf, dass der Nichtantritt eines Hinfluges dazu führen kann, dass der Rückflug verweigert wird. Also muss ich mich noch einmal in eine Hotline begeben, weil eine Änderung online zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich ist. Am anderen Ende der Leitung spricht aber eine nette Britin und macht alles möglich. Ich muss eine Stornogebühr zahlen, bekomme eine Ermäßigung für den einfachen Rückflug und so bleibt unter dem Strich nur ein geringer Mehraufwand übrig.

Nach einem ganz kurzen Arbeitstag im Büro, wo ich noch vergessenes Equipment abgeholt habe, denn am Rückreisetag steht für einen von uns ein wichtiges Telefonat an, fahre ich nach Hause und packe die letzten Dinge ein. Dann geht es auch schon los. Im Terminal stellen wir uns erst in die eine mittellange Schlange, denn es ist noch nicht zu sehen, wo der Schalter für die Business Class eröffnet wird. Weil wir so spät gebucht haben, war in der Economy Class nichts mehr frei, jedenfalls nichts mit Beinfreiheit. Dann öffnen die Schalter und wir werden als erstes Pärchen abgefertigt. Damit haben wir nach unseren Erfahrungen aus dem letzten Jahr nicht gerechnet, wir sind viel zu früh für unseren Sicherheitsschleusenslot. Den stornieren wir deshalb einfach wieder und nutzen die Fast Track-Schleuse. Insgesamt ist das Passagieraufkommen aber gar nicht so groß wie die Warnungen vermuten ließen. Es geht überall seinen Gang und wir sind rund 60 Minuten früher im Wartebereich, als wir kalkuliert hatten. Deshalb starten wir der Business-Lounge einen Besuch ab, einfach weil wir es können. Das habe ich noch nie gemacht. Es ist sogar recht dekadent dort. All Inclusive sozusagen, denn es gibt Gratisgetränke in großer Auswahl. Softdrinks, warme Getränke, Wein, Longdrinks. Wir trinken nur Wasser, gönnen uns aber ein paar Snacks vom Buffet. Herzhafte Blätterteigteilchen frisch aus dem Ofen.

Irgendwann machen wir uns aber auf den Weg zum Gate. Erst ein Abstecher in die Parfümerie, um unseren Duft aufzufrischen, dann ein Halt in der Süßwarenabteilung, wo uns ein Lockangebot für zwei Riesenriegel Schweizer Gipfelschokolade fesselt. Die Teile lassen sich so gut stapeln, da kann man kaum widerstehen.

Wie sonst nur bei der Deutschen Bahn üblich, wird uns kurz vor dem Boarding noch ein Gate-Wechsel angesagt. Unsere Maschine ist wohl verspätet gelandet, alle Gangways sind belegt. Na, dann fahren wir eben mit dem Bus. Es ist ja auch irgendwie retro, das Flugfeld zu begehen und die Treppe zum Eingang zu nutzen. Noch schnell eine Brise Wind durch die Haare wehen lassen, frisch ist die Luft hier leider nicht, überall wabern Kerosinschwaden umher. Ich trage aber eine Maske, weil es im Flughafen sehr voll war. Im Flugzeug zeigt sich auch schnell, dass das eine gute Idee war und ich die Maske so lange wie möglich tragen werde. Es wird viel gehustet und geniest. Neben mir sitzt ein junger Brite mit einer heftigen Erkältung, die er später mit einem doppelten Gin Tonic zu bekämpfen versucht. Hoffentlich zieht das an mir vorüber. In unseren Reihen haben wir einen viel höheren Begleiterschlüssel als ich es gewohnt bin: Zwei Personen für rund 20 Passagiere. Aber die Beiden müssen auch Essen und Getränke nach Wunsch servieren. Das Menü auf unserem Tablett ist heute eine Tea Time Zusammenstellung. Es gibt Coronation-Chicken-Sandwich und Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade. Danach mache ich die Augen zu und wache erst wieder auf, als die Reifen aufsetzen. Zurück in London!

Noch am Flughafen, während wir recht lange auf unser Gepäck warten, beschäftige ich mich mit unserem CheckIn. Die Unterkunft ist wieder eine Wohnung. Im Penthouse. Die Schlüssel liegen hierfür nicht in einem Safe am Fahrradständer, sondern sind in einem Kiosk hinterlegt. Der link zum Abholort und Abholcode scheint aber fehlerhaft zu sein. So muss ich noch einmal Kontakt aufnehmen, um einen neuen link zu bekommen. Mein Mitreisender wird langsam nervös deshalb, was ihm gar nicht ähnlich sieht. Das ist auch etwas ansteckend und deshalb bin ich froh, als ich einem neuen link endlich folgen und beide Informationen abrufen kann. In der Gegend rund um die Wohnung gibt es nämlich etwa 8 Abholstationen, die im Zweifel alle anzusteuern mit Gepäck und kuscheligen 28 Grad im Nacken klingt wenig verlockend. Aber das ist ja nun nicht nötig. Wir laden schnell unsere Bahnfahrkarten auf und sitzen bald in der Piccadilly Line Richtung Earls Court. Hatte ich einmal berichtet, dass wir diesen Kiez rein zufällig kennen und lieben gelernt haben? Einst plante ein frisch verheiratetes Paar seine Flitterwoche dort im März. Eher scherzhaft fragten sie uns, ob wir nicht auch kommen wollten, dann hätten sie gleich Tourguides. Wie das Leben so spielt, hat man in Hamburg Skiferien im März und so haben wir uns seinerzeit tatsächlich dazugesellt. Allerdings mit einer knappen Meile Abstand in einem anderen Hotel und wir standen auch nur bei Nachfrage zur Verfügung. Damit keine Missverständnisse entstehen, aufdrängen wollten wir uns natürlich nicht. Aber es war ein Wink des Schicksals, denn die Gegend um den Earls Court ist wirklich schön. Sehr britisch, voller alter Wohngebäude, die sich abwechselnd in Backsteinrot oder hellem Beige durch geschwungene Straßenzüge erstrecken und die für mich exotisch klingenden Bezeichnungen wie Crescent, Square oder Mansion schmücken.

Es fing schon am Flughafen an, aber spätestens, wenn ich den Londoner Beton unter den Füßen spüre, die eisernen U-Bahn-Treppen heraufsteige oder den hektischen Linksverkehr höre, stellt sich bei mir ein glückliches Grinsen ein. Es ist zugegebenermaßen ein wenig schräg, aber die arbeitsreichen und anstrengenden letzten Wochen sind sofort vergessen und jede Anspannung fällt ab, sobald ich hier bin. Das wäre vielleicht auch an einem Bergsee, am Strand oder im Wald der Fall. Aber ich glaube, mir diese uneingeschränkte Zufriedenheit zu geben, vermag nur meine Lieblingsstadt. Natürlich bin ich hier stets im Urlaub und habe keinerlei Terminprobleme oder andere Sorgen. Aber solange die Kreditkarte nicht abgelehnt wird, genieße ich den Zauber, der nie nachlässt.

Unsere Wohnung im Dachgeschoss ist sehr schön! Sie hat alles: Gute Betten, große Räume und diese schrullige Verachtung, mit der hier oft gewollte Noblesse (zwei Weinkühlschränke) und schief hängende Schranktüren gemischt werden. Bestimmte Unzulänglichkeiten werden einfach weggelächelt. Wen stört es schon, dass der Wasserhahn verkalkt ist, wenn man doch hübsche und hochwertige Bodenfliesen verlegt hat.

Nachdem wir die Koffer ausgepackt haben, muss der Kühlschrank aufgefüllt werden. Das ist ja einer der Vorteile einer Wohnung im Gegensatz zum Hotelzimmer. Kühle Getränke. Wir schätzen natürlich auch die zahlreichen Sitzgelegenheiten, die ein Hotelzimmer uns nicht bietet.

Von unserer Autofahrt Richtung Devon im letzten Jahr wissen wir, dass in der Nähe ein großer Supermarkt liegt. Den steuern wir an und müssen uns wie üblich wieder ordentlich zusammenreißen, um unsere Tragfähigkeit nicht zu überschätzen. Dringend benötigt werden Getränke, aber auch ein paar Boxen mit feinsten Delikatessen. Unser Abendessen stammt also aus der beeindruckenden Convenience-Abteilung des Marktes. Auf bestimmt 30 Metern wird hier alles angeboten, was die kulinarische Welt so hergibt. Wir entscheiden uns für Sushi, Ceasars Salad und eine bunte Gemüsebowl. Zum Nachtisch gibt es Ananas, Erdbeeren und Himbeeren, die allesamt fein gesäubert und in gefälligen Stücken daherkommen.

Das Essen nehmen wir auf unserer Dachterasse ein. Was für ein Luxus. Schön beschattet von einem riesigen Baum ist es hier sehr gut auszuhalten. Unsere Füße atmen durch. Es war heute wirklich warm.

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