Unsere Zugfahrt führt uns nach Ravenna. Eine hübsche kleine alte Stadt, die einen historischen Altstadtkern verspricht. In der Stadtmitte angekommen, entdecke ich am Piazza und der Basilica San Francesca, dass Ravenna Wirkungsstätte und Sterbeort des Dichters, Philosophen und Politikers Dante war. Hier ist sein Grabmal zu sehen und ein Museum zu seinen Ehren besuchbar. Im Augenblick ist die ganze Stadt zur Dante-Zone erklärt worden, weil eine Ausstellung moderner Künstler sich mit dem Werk von Dante auseinandergesetzt hat. Er lebte im Mittelalter und ist 1321 in Ravenna gestorben. Das Leben zu dieser Zeit war noch hauptsächlich von der Kirche geprägt und so hat sich auch Dante selbst mit den Freuden und dem Leiden des Menschen nach theologischer Lehre beschäftigt. In der göttlichen Komödie, seinem bekanntesten Werk, geht er selbst den Weg von der Hölle über den Läuterungsberg bis zum Paradies. Den Beinamen „göttlich“ hat das Buch erst später von einem begeisterten Leser bekommen, der die rund 700 Seiten mit Wonne verschlungen hat. Das werde ich nicht schaffen, es ist mir zu düster und zu kompliziert. Immerhin könnte ich es in deutscher Sprache lesen. Dante hat seinerzeit das Italienische als Literatursprache etabliert. Bis dahin waren alle Schriften in lateinischer Sprache verfasst. Abschreckend sind außerdem die Illustrationen von Botticelli oder Hieronymus Bosch. Blutig und grausam wird dem Betrachter ein Spiegel vorgehalten, wie es heute auch noch Künstler wie Olsen oder Tarantino beherrschen. Die Vier in zwei Sätzen zu nennen, mag etwas gewagt sein, aber alle hatten und haben beachtlichen Einfluss auf ihre Zunft und Zeit.
Er hat die Komödie aber erst nach dem frühen Tod der Liebe seines jungen Lebens geschrieben. Von Beatrices Tod hat er sich wohl nie so richtig erholt, vielleicht ist das auch der Grund, warum er auf Abbildungen immer so vergrämt aussieht. Hier die noch recht schmeichelhafte Version der Muppets:

Ich sehe mir jedenfalls das Grabmal wie auch die Ausstellung an. Wir sind nur zu zweit, mittelalterliche Literatur ist eher etwas für die älteren Damen. Die Jüngeren schlendern weiter durch die Stadt und bestaunen Mosaike, die zweite Säule Ravennas Berühmtheit. Immersiv ist unser Erlebnis angelegt. Leider verpufft dieser Effekt etwas, weil ich von der italienischen Tonspur nichts verstehe und die englischen Übersetzungen erst im späteren Teil eingefügt wurden. Aber dennoch kann ich den Leidensweg auf dem Weg bis zum Paradies ganz gut nachempfinden. Ob es damals viele glückliche Menschen gab? Es war so schwer, den Vorgaben für ein gutes Leben gerecht zu werden. Unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht war das Leben scheinbar von Pflichten und Verboten bestimmt. Leider bringen solch harte Richtlinien selten das Beste im Menschen hervor.
Nach der Kultur nehmen wir noch einen Drink in einer Bar vor dem Rathaus und fühlen uns wie James, Vesper und Mathis in Montenegro.
Am Abend bringt uns der Zug wieder zurück nach Bellaria. Es regnet leider sehr und wir brauchen unsere Schirme aus dem Supermarkt. Aber Brunos Taverne liegt auf dem Weg und wir legen dort einen Stopp für das Abendessen ein. Für italienische Verhältnisse sind wir früh dran und werden deshalb am Katzentisch platziert. Die Bezeichnung Katzentisch stammt übrigens aus dem Klosterleben. In Ungnade gefallene Mönche mussten ihre Mahlzeiten in einer Ecke kauernd einnehmen und waren dabei oft in Gesellschaft von Katzen. Wir kauern natürlich nicht. Und es schmeckt auch wieder hervorragend.
Der Regen hört nicht auf. Deshalb kaufen wir nur noch schnell Reiseproviant für den morgigen Tag und lassen den Tag dann in sehr kleiner Besetzung auf der überdachten Hotelterasse ausklingen. La dolce vita mit sizilianischer Limonade.