Am Samstag der erste Abschied – wir brechen wieder auf Richtung Norden. Die Aussicht auf den toskanischen Hang werde ich sehr vermissen. Ein letztes Mal rollen wir unsere Auffahrt hinab. Unten angekommen danken wir den Göttern dafür, dass wir nie Gegenverkehr hatten. Wie man sich dann verhält, wird uns zum Glück ein Rätsel bleiben.
Auf unserem Weg zur Autobahn folgen uns wieder diverse einheimische Drängler, für die die Geschwindigkeitsschilder offenbar nicht gelten. Als wir abbiegen und ein Drängler endlich vorbeiziehen kann, wird sogar gehupt. Man scheint recht reizbar zu sein am Samstag.
Unsere Route führt uns zunächst von Lucca nach Parma und auf diesem Streckenabschnitt ist es sehr voll und wir stecken alle paar Kilometer in zähflüssigem Verkehr oder Stau. Gerade, als ich anfangen möchte, zu jammern, biegen wir ab in die Berge und verlassen die Toskana, streifen kurz Ligurien und fahren dann in die Lombardei. Eine wunderschöne Landschaft mit einem entzückenden Wappen: Die Camunische Rose in Silber auf grünem Grund.

Sie ist den prähistorischen Felsritzungen von Valcamonica nachempfunden, die in der Provinz Brescia gefunden wurden.

Auch die Autobahnstrecke ist wunderschön. Wir fahren wieder durch Berg und Tal, überqueren viele Brücken und durchfahren noch mehr Tunnel. Alle Brücken und Tunnel haben hier hübsch klingende Namen wie Montanesi oder Campora. Es sind so viele, ich kann mir leider nur wenige merken. Untermalt wird die gemächliche Fahrt von einem eigenen Musikmix, weil in den Tunneln meist der Radioempfang aussetzt. Fast schade, denn heute ist Samstag und damit wieder kulinarisches Programm angesagt. Die Moderatoren (und Gäste?) sprechen über leckere Gerichte. Jedenfalls ist das alles, was ich heraushören kann – Caprese, Carbonara, Panna Cotta und dergleichen mehr. Aber nur fast, denn Charlie Cunningham und Rob Goodwin von The Slow Show funktionieren sehr gut bei durchschnittlich 110 Stundenkilometern ohne viele Überholmanöver.
Wir haben uns entschieden, ohne Unterbrechung durchzufahren. Also rauschen wir vorbei an Carrara. Zumindest die übrigen Insassen können weiße Felsblöcke und Verladestationen am Straßenrand sehen, ich muss geradeaus schauen. Links liegen lassen wir auch Cremona, die Wirkungsstätte Antonio Stradivaris, der hier um 1700 sagenhafte Instrumente gebaut hat. Seine Geigen werden heute immer noch gehandelt. Ein Geigenmuseum im Ort gäbe uns sicher noch weitere Informationen, aber wir halten nicht an, sondern fahren durch bis zum Lago D‘Iseo. Und der Ausblick, den wir von der Straßenabfahrt von einem Hügel aus haben, entschädigt für den Verzicht. Vor uns liegt eine atemberaubende Berg-und-See-Idylle. Türkises Wasser und sattgrüne Hänge, dazu ockerfarbene Gebäudesprenkel überall. Paraglider und Segelboote runden Utopia ab. Später wird es so zusammengefasst: Wir sind von einem Paradies ins nächste gefahren.
Vor dem Paradies Nr. 2 hatten wir allerdings einen kleinen WC-Stopp gemacht. Eine unbemannte Raststätte mit selbstreinigendem WC-Bereich. Wie in einer dystopischen unterirdischen und fensterlos brutalistischen Anlage öffnen sich metallene Schiebetüren nur nach digitaler Anweisung auf Knopfdruck. Hat jemand den Raum verlassen, schließt sich die Tür und der Raum wird komplett gereinigt mit einem lauten Wasserstrahl. Öffnet er sich für den nächsten Besucher, tropft es noch vom Interieur. Unheimlich ist das geradezu. Es ist zwar wohlriechender als in herkömmlichen vergleichbaren Etablissements, aber der Besuch dort wird trotzdem möglichst kurz gehalten und auf keinen Fall werden irgendwelche Knöpfe gedrückt, deren Wirkungsweise nicht eindeutig ist.
In unserem Ort Sale Marasino angekommen, biegen wir in eine Tiefgarage eines entzückend gelegenen kleinen Hotels ab. Mit bestem Blick auf den See. Das ist wirklich ein krönender Abschluss und an Urlaubsfeeling kaum zu übertreffen. Unsere Zimmer sind alle klimatisiert, es gibt einen Pool, Drinks auf der schattigen Terrasse und am Abend ein feines sternewürdiges Essen. Ich könnte sagen, es bleiben keine Wünsche offen. Aber wir wünschen uns eigentlich alle ein rustikaleres Abendessen mit mehr Italien-Flair. Morgen werden wir deshalb eine kleinere Trattoria suchen. Diese Suche war heute bei einem ersten Spaziergang noch erfolglos geblieben. Die kleinen Gassen am Hang waren am späten Nachmittag noch menschenleer. Es war einfach zu warm.