Aufgewacht bin ich am Sonntag nicht von dem Glockengeläut einer die vielen Kirchen hier am See, das wäre ja sehr spät gewesen. Geweckt hat mich das Gebimmel des nahegelegenen Bahnübergangs. Direkt am Hang fährt eine Regionalbahn recht regelmäßig entlang. Es muss sehr schön sein, an dieser Postkartenidylle entlang zu fahren. Dabei schmiede ich Pläne, einmal mit dem Glacier Express die Schweiz zu durchfahren. Das stelle ich mir wunderbar und gerade richtig luxuriös vor. Aber zurück zum Lago D‘Iseo. Das Frühstück nehmen wir mit bestem Blick auf das Panorama im Freien ein. Frisch gebackene Croissants, frische knusprige Panini, frisch selbstgepresster Orangensaft – perfekt.
Anschließend gehen wir zum Fähranleger, den wir gestern Abend erkundet hatten. Wir fahren mit einer kleinen Fähre zur Monte Isola. Einer hügeligen Insel, wie sie Michael Ende für seine Geschichten um Jim Knopf vor Augen gehabt haben könnte. Die kurze Überfahrt ist wackelig und nur leicht erfrischend, weil ich im Heck Platz genommen habe. Macht aber nichts, ich sauge ohnehin nur die Umgebung auf, ich kann mich gar nicht satt sehen. Es ist alles wie gemalt hier. Auf der Insel angekommen, entdecke ich ein dezentes Plakat, das in das Jahr 2016 zurückweist. Damals hat hier der Künstler Christo das erste Großprojekt ohne seine Frau vollendet. Schwimmende, dahliengelbe Stege umgaben die Insel und führten hierher. Blimey – muss das schön gewesen sein! Selbst erlebt habe ich seinerzeit den von Christo und Jeanne Claude umhüllten Reichstag in Berlin. Das war so beeindruckend, dass ich mich auch knapp 30 Jahre später noch sehr genau an die unglaubliche Stimmung vor Ort erinnern kann. Prägender und eindrucksvoller kann zeitgenössische Kunst kaum sein. Man bekommt eine vage Vorstellung davon, wie es war, zu Zeiten anderer großer Künstler gelebt zu haben.
Auf der Insel trennen wir uns in kleinere Grüppchen mit unterschiedlichen Zielen auf. Ich bleibe im Hafenörtchen Carzano, wo mich ein kleiner öffentlicher Strand begrüßt. Wie in Friedrichskoog liegt man hier auf Rasen, hat aber Olivenbäume als Schattenspender. Es gibt außerdem einen kleinen Hafen für Motorboote, an dem immer wieder Familien festmachen, die sich hier kurz erfrischen und dann weiterfahren. Es wird viel italienisch gesprochen, scheinbar genießen viele Italiener entweder den Sonntag oder ihren Urlaub am See.
Der kommende Dienstag, 15. August, ist in Italien Ferragosto. Das ist nicht nur ein katholischer Feiertag, sondern auch der Wendepunkt des Sommers, der gemeinhin heißeste Tag des Jahres. Es arbeitet also nur, wer unbedingt muss. Viele Italiener machen zu dieser Zeit Sommerurlaub und mischen sich an den Küsten unter die ausländischen Gäste. Das erklärt den extremen Reiseverkehr Richtung Adria am gestrigen Samstag. Es ist außerdem ein wichtiges Familienfest, ähnlich dem Thanksgivingtag in den USA. Obwohl das sich bietende Bild natürlich ein vollkommen anderes sein dürfte, als jenes im überwiegend kalten nordamerikanischen November. Hier soll es aus diesem Anlass an vielen Orten auch nächtliche Feuerwerke geben.
Der See scheint sehr fischreich zu sein, große Hinweistafeln zeigen verschiedene Fischarten, die hier heimisch sind. Um Fischer zu beobachten, bin ich aber natürlich viel zu spät unterwegs. Einen Fischladen entdecke ich allerdings und ja, dort gibt es eine recht große Auswahl an frischem Fisch. Bei der Gelegenheit muss ich auch noch einmal betonen, wie schön es war, in einem Ferienhaus gewohnt zu haben. So konnten wir einige lokale Spezialitäten frisch kaufen und verzehren. Tomaten, Mozzarella, Pecorino, Schinken oder Wein. In der Heimat werde ich vermehrt auf die Herkunftsregion achten und mich auch auf diese Weise gern zurückerinnern.
Carzano ist übrigens Mitglied im Nationalen Verband der Ölstädte Italiens. Der Verband fördert unter anderem die Herstellung von Olivenöl. Leider fliegen wir zurück und so kann ich hier wegen der erschwerten Transportbedingungen kein Olivenöl kaufen. Vielleicht gibt es etwas Schönes am Flughafen.
Am Hafen finde ich einen Nasoni, ein Trinkwasserbrunnen, an dem man sich gratis erfrischen, etwas trinken oder Wasser abfüllen kann. Hier heißt er vielleicht anders als in Rom, wo man Tausende davon finden kann, aber er hat den typischen nasenartigen Hahn, deshalb nenne ich ihn einfach so.
Nach rund einer Stunde treffe ich wieder auf meinen Beifahrer und wir setzen uns zusammen vor eine Bar am Fähranleger und erfrischen uns mit einem Lemon Soda auf Eis. Die Stühle und Schirme sind im ausgeblichenen Sommerblau des Eislieferanten gehalten und verleihen dem Gelände den typischen morbiden Charme, den ein heißer italienischer Sommernachmittag unbedingt braucht. Und sie passen ausgezeichnet zu den blau-weiß-gestreiften Dalben, auf die wir schauen.

Der Allrounder hat nach seinem langen Marsch auf der Insel noch den Weg zu unserem abendlichen Wunschrestaurant erkundet. Es heißt übersetzt „Weinkeller“, liegt zwar oben am Hang, klingt aber trotzdem vielversprechend, finde ich.