Ich bin einmal wieder in Köln. Für drei Tage. Im Augenblick ist viel los in der Stadt, weshalb ich auf ein Hotel ausweichen musste, dass ich bisher noch nicht kannte – das Urban Loft Cologne. Die Bilder im Netz sahen vielversprechend aus. Modern und zweckmäßig habe ich es immer gern. Außerdem stimmt die Lage. Sehr nah am Hauptbahnhof. Das schreckt viele ja eher ab, jedenfalls am „dodgy end“, was hier der Ausgang Breslauer Platz ist. Ich finde es aber spannend und irgendwie heimelig. Ich mag es, wenn mich nicht verstellen muss, wenn ich inmitten der vielfältigen Menschenschar einfach verschwinde und ungestört umherstreifen kann. Das Eigelsteinviertel beginnt wohl unmittelbar nach dem Breslauer Platz und zeichnet sich auf den ersten Blick durch kleine Gassen und alten Gebäudebestand aus. Ist der oberirdische Teil der nahegelegenen U-Bahn-Station noch sehr modern und metropolesk angelegt, zeigt sich danach ein ganz anderes Bild. Die Straße „Eigelstein“ ist verkehrsberuhigt und wurde nur teilweise modernisiert. Es gibt noch vereinzelte alte Fassaden, die im Straßenverlauf erstaunlich viele Brauhäuser beherbergen. Eigentlich werben alle mit ihrer Kölschen Originalität, aber aus einem Gasthaus wird eine Gruppe herausgeschwemmt, die den dortigen Oktoberfestnachmittag genossen hat. Der wird auch sichtbar plakatiert. Alle sind traditionell bayrisch gekleidet. Fesche Dirndl und zünftige Lederhosen werden ausgeführt. Die Oktoberfestzeit ist längst vergangen, aber hier ist der Start der Karnevalssaison bereits in greifbarer Nähe, da wird wohl jede Chance genutzt, sich zu verkleiden. Was mir beim Eintritt in die Straße besonders gefällt, ist der belebte Zustand an einem Sonntagnachmittag. Eine entzückende Mini-Ausgabe von St. Georg. Viele Menschen schlendern umher, stehen vor den Gaststuben und strömen aus den exotischen Supermärkten, die auch am Sonntag geöffnet haben. Ob anatolisch oder asiatisch, ich mag solche Märkte gern, weil sie so inspirierend sind. Einkaufen werde ich hier freilich nicht, weil ich in einem Hotel wohne und auf dem Zimmer außer Wasser eigentlich nichts brauche. Schade.
Mitten auf dem Eigelstein liegt das Hotel. Seltsam fremd mutet es an in diesem Mix aus bahnhofsnaher Internationalität und traditionellem Charme. Ein erster Gentrifizierungsbote vielleicht. Im Foyer leuchten Neonschriftzüge („Home is where the dom is“) und andere Weisheiten verzieren die Wände. Samtig-bunte Loungemöbel stehen einladend bereit und werden auch von jungen hippen Menschen belegt, die in ihre silbernen Notebooks schauen. Sofort fühle ich mich alt. Aber soweit ich weiß, gibt es keine Altersgrenze für eine Anmietung und so nenne ich meinen Namen und bekomme die Rechnung nur noch digital. Für den Nachreisenden: Lass die spießigen Klamotten zu Hause – Schmetterlinge statt Karos sind hier indiziert!
Da ich im Zug nichts gegessen habe, weil ich meine Maske nicht abnehmen wollte (viele Huster und Nieser waren mit an Bord), habe ich Hunger und mache mich nach dem Bezug auf die Suche nach einem Restaurant. Ein Brauhaus ist mir zu rustikal heute Abend, danach steht mir nicht der Sinn. Direkt am Fuße der Eigelsteintorburg, einem mittelalterlichen Stadttor, finde ich einen Asia-Imbiss. Der ist genau das Richtige für mich. Hier sitzen noch andere Single-Gäste und der erstaunlich, wenn auch erwartbar kurze Zeitraum von der Bestellung bis zum Servieren lässt kein Unbehagen aufkommen. Hier geht es in erster Linie darum, die Kunden möglichst schnell satt zu machen. Mich machen die vier Köche in ihrer winzigen einsehbaren Küche aber nicht nur satt, sondern auch glücklich. Ich genieße die beste Satay-Sauce (Nummer 4), die ich seit Langem gegessen habe. Sie stößt die inzwischen verklärtgeglaubte und bis dato unübertroffene Version aus einem chinesischen Restaurant im heimischen Bad Bramstedt von ihrem Thron. Während ich esse, wird eine Menge von Bestellungen abgefertigt. Sonderwünsche werden routiniert und lautstark in die Küche gerufen: „Nr. 16 ohne Zwiebeln – Nr. 28 mit Tofu – Nr. 6 nur mit Gemüse“. Das Treiben wird untermalt von einem chinesischen Orchester, dass ein Medley aus 80er Jahre Hits spielt. Das lässt mich mit einem Lächeln zurück.
Eigelstein ist übrigens eine alte römische Heerstraße. Über ihre Namensgebung ranken sich viele Geschichten. Der Stadtführer, dem ich im Vorbeigehen kurz zuhöre, mag diese am Liebsten: Die römischen Pinienzapfen, die hier viele Hausdächer zierten, sahen für die Einheimischen aus wie Eicheln. Daraus sei dann das mundartliche Eigelstein entstanden.
Inzwischen ist es dunkel geworden und die Neonröhren in der Eingangshalle meiner Unterkunft locken mich wieder hinein. Erst wollte ich schreiben: Ins Warme. Aber eigentlich ist mir nicht kalt, denn hier Köln ist es immer zwei, drei Grad zu warm für meine Garderobe. Ich verdränge das jedes Mal wieder.