Comfort CheckIn

Heute Rückfahrt in den Norden. Gleich vorweg: Es gibt sicher viel schlimmere Geschichten aus dem Pendlerleben und lustigere auch. Zumal ich ja auch gar nicht oft unterwegs bin. Aber ich habe heute eine emotionale Achterbahnfahrt durchlebt wie selten.

Der Tag begann eher unfreiwillig früh, selbst für meinen Biorhythmus. Ich konnte aber nicht mehr einschlafen und so bin ich dann einfach aufgestanden, um den Tag noch früher als gewohnt zu beginnen. Im Nachhinein war der Weg zur Arbeit einer der Höhepunkte des Tages. Sternenklarer Himmel, die erste Weihnachtsbeleuchtung am Bahnhof weist mir dezent blinkend den Weg. Und diese unvergleichlich ruhige Stimmung am frühen Morgen, die alle Menschen, denen ich begegne, offenbar sehr zu schätzen wissen, gefällt mir außerordentlich. Niemand ist in Eile, Zeit scheint im Überfluss da zu sein.

Ich lagere meinen Koffer in ein unterirdisches Gepäckfach ein. Das funktioniert einwandfrei und ich muss es dann gleich noch einmal wiederholen für einen Herrn, der mir zwar zuvor irritierenderweise über die Schulter gesehen hat, allerdings weder der deutschen noch der englischen Sprache mächtig ist und mich nun um Hilfe bittet. Französisch spricht er leider ebenfalls nicht und mehr kann ich nicht anbieten. „Lost in translation“ also. Der Koffer kann aber erfolgreich versenkt werden und ein weiteres Abholkärtchen findet auch seinen Weg heraus.

Etwa 30 Minuten vor der geplanten Abfahrt am Nachmittag komme ich wieder vor dem Gepäckfach an. Ich bin etwas nassgeregnet, einem stattlichen Schauer konnte ich nicht ausweichen. Im Koffer hätte ich noch etwas Trockenes, ich plane naiv, im Zug darauf zurückzugreifen. Zunächst muss ich allerdings an den Koffer herankommen. Vor mir steht eine Schlange von 4 Reisenden, die teilweise ein Gepäckstück einlagern, oder es wieder abholen möchten, so wie ich. Der junge Mann am Display flucht ein wenig vor sich hin und ich mache mir Sorgen um die Betriebsbereitschaft des Automaten. Er tritt aus Verärgerung sogar dagegen, was nicht zu meiner Beruhigung beiträgt. Im Geiste male ich mir bereits mögliche Lösungsszenarien aus, wie ich meine Abholkarte noch an den Nachreisenden übermitteln und den Zug erwischen könnte. Die Gebühr habe ich für 24 Stunden entrichtet und er ist ja noch eine Nacht in der Stadt. Denn ich muss einigermaßen dringend nach Hause, um am nächsten Tag unserer Hausbaustelle einen Besuch abzustatten. Die Handwerker sind bis dahin allein am Werk, was nicht unbedingt ideal sein muss. Aber mitten in diesem Gedankengang entspannt sich die Situation. Der Herr gibt auf und den Weg frei für den nächsten Kunden. Es war wohl ein schlechtes Karma, denn nun wird einer nach dem anderen abgefertigt und auch mein kleiner Koffer taucht wohlbehalten aus der Unterwelt auf.

Anschließend suche ich noch schnell die örtliche Parfümerie auf, um ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen und außerdem ein neues Fläschchen meines Lieblingsduftes. Nur finde ich das türkise Glück nicht. Es würde hier nicht mehr geführt. Rund 200 Quadratmeter Ladenfläche auf zwei Etagen und ausgerechnet mein Wunschprodukt findet hier keinen Platz mehr? Es sei nur noch online erhältlich. Über den Niedergang des Einzelhandels habe ich an anderer Stelle ja schon geschrieben. Es wird mir aber nicht leicht gemacht, gegen den Bestellboom anzuarbeiten. Betrübt suche ich mir eine Alternative, die sich in Anbetracht der Zeit hoffentlich nicht als Fehlkauf herausstellt.

Danach rufe ich den DB Navigator auf und möchte meine Sitzplatzreservierung nachlesen, um am Wagenstandsanzeiger sehen zu können, an welchem Gleisabschnitt ich warten sollte. Nun habe ich aber seit Sonntag ungefragt ein Update der App bekommen und bin folglich nicht mehr angemeldet. Die Registrierungsdaten fallen mir zwar wieder ein, aber durch das Update wurden meine Tickets entfernt. Wirklich? Ich kann das kaum glauben, habe ich doch dieses Mal, ich bin mir sicher erstmals, keine gedruckte Version der Bahnfahrkarte bei mir. Es hatte immer alles prima auch ohne Papier funktioniert. Jetzt muss ich aber erst einmal zum Gleis gehen. Die Zugnummer ergibt sich aus der Abfahrtszeit, die habe ich mir gemerkt. Am Gleis stehen die Menschen dicht gedrängt in Trauben, weil es nämlich alle 10 Meter beachtlich hineinregnet in den Bahnhof. Elektronische Anzeigetafeln sind außer Betrieb, vielleicht ein Feuchtigkeitsschaden. Mehrere hektische Reisende fragen mich: „Fährt hier der Zug nach Altona ab?“. Als ob ich mir dessen sicher wäre. Scheinbar strahle ich noch genug Gelassenheit aus, um kompetent zu erscheinen. Wenn ihr wüsstet. Mein angeborener Fatalismus ist mittlerweile einer leichten Gereiztheit gewichen. Mir fällt wieder der Herr am Gepäckautomaten ein und ein Zitat von Robin Williams: „Everyone you meet is fighting a battle you know nothing about. Be kind. Always.“ Nun waren damit natürlich nicht derartige Nichtigkeiten gemeint wie diese Abfolge von Absurditäten. Aber dennoch atme ich tief durch und hoffe auf Besserung.

Ich suche eine trockene Stelle am Gleis und fahre meinen Rechner hoch. Die eMail mit meinem Ticket habe ich ja schon vor Tagen bekommen, die müsste sich auch ohne eine Internetverbindung aufrufen lassen. Ich mache ein Foto vom Bildschirm und hoffe, dass das als Fahrkarte durchgeht. Meine Sitzplatznummer habe ich nun auch parat. Alles wird gut. Bestimmt. Das rede ich mir jedenfalls ein. Wer mich kennt, weiß, dass mein Stresslevel sich mittlerweile in einer äußerst kritischen Höhe befindet. Ich kann es überhaupt nicht leiden, dermaßen die Kontrolle über einen Ablauf zu verlieren.

Wenige Minuten vor der geplanten Abfahrtszeit hält am Gleis ein roter Regionalzug. Und es erschallt eine immerhin gut hörbare Durchsage, der ICE nach Altona fährt heute abweichend von einem anderen Gleis. Sofort setzt sich die Menschenmenge (wahrscheinlich reicht sie aus, um als „außergewöhnliche Auslastung“ verzeichnet zu werden) in Bewegung und läuft die nächstgelegene Treppe hinunter und dann eine andere wieder hoch. Nur Augenblicke später rollt der Zug ein. Er startet hier, das ist im Normalbetrieb sehr angenehm, weil alle Zusteigenden sich relativ ungehindert durch die Wagen bewegen können. Er ist aber recht kurz und meine Wagennummer kann ich im Vorbeirollen nicht ausmachen. Also einfach einsteigen. Im Zug hören wir dann sogleich die Durchsage, dass leider ein Ersatzfahrzeug bereitgestellt werden musste. Zwei Wagen weniger als geplant. Und es sind so viele Reisende unterwegs, dass wir es aufgeben müssen, nach freien Plätzen zu suchen. Viele haben großes Gepäck dabei, es ist einfach zu mühsam. Man bietet uns an, auch in der ersten Klasse Platz nehmen zu dürfen. Aber der Weg dahin scheint zu schwer. Wir ergeben uns nach und nach und lehnen uns auf Koffer und Taschen oder besetzen den Boden. Eine Fahrkartenkontrolle findet nicht statt. Ob es für das Servicepersonal schier unmöglich ist, durch die Gänge zu gehen, oder schlichtweg zu gefährlich für Leib und Leben, bleibt mir verborgen.

Mein Ticket habe ich wieder in die App laden können. Es erscheint die Anzeige: „Kein Comfort CheckIn möglich“. Das kann ich bestätigen.

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