muss man sich zu jederzeit stellen. Mal fällt das leichter und mal ist es schwer. Manchmal ist man auch einfach den Rahmenbedingungen ausgeliefert.
Das Einkaufen am neuen Wohnort stellt mir immer noch einige Hürden in den Weg. Ich bin noch nicht zufrieden mit dem Ablauf und den Ergebnissen. Ich hatte mich leider zu lange schon an überaus komfortable Bedingungen gewöhnt. In nächster Nähe steht ein Supermarkt zur Verfügung, dessen Ruf ihm vorauseilt. Die Dachmarke steht für eine uneingeschränkte Produktpalette und Qualität. Das mag auch auf diese Filiale zutreffen, aber ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. Angefangen beim Parkplatz, den ich nur kontraintuitiv anfahren kann, weil er von Einbahnstraßen durchzogen ist. Dann muss ich dort auch gleich daran denken, einen Einkaufswagen mitzunehmen, die nur an wenigen ungünstig gelegenen Stellen gesammelt werden und bis in den Markt zwei Bordsteine überwinden müssen. Zum Auto führt auch kein direkter Weg. Im Markt ist es dann sehr voll und eng. Und leider zu jeder Tageszeit gut besucht. Also ist der Einkauf durchaus zeitaufwendig. Einige Male bin ich auf einen Supermarkt im Nachbarort ausgewichen. Dort ist auch alles viel ruhiger und ich muss weniger Hindernisse überwinden. Aber es ist eine Anfahrt von mehreren Kilometern erforderlich, die irgendwie absurd erscheint. Nun hat im Ort eine zweite neue Filiale eröffnet. Großzügiger Parkplatz, luftiger Innenausbau. Bisher auch weniger Kunden zu verschiedensten Tageszeiten. Und zur Hälfte Einkaufswagen, die dem demografischen Wandel geschuldet sind, die ich aber ebenso schätze, weil ich relativ klein bin und sich Jackenknöpfe in diesen Gittern nicht verhaken. Das könnte also etwas werden.
Auch Gegensätze machen den Alltag spannender. Ich musste ein knapp 60 Jahre altes Gebäudedokument in einer Behörde einsehen. Die betreffende Amtsstube scheint im Jahr 2024 wie aus der Zeit gefallen. Düstere raumhohe Regale voller Papierakten. Zwischen den Regalschluchten teilen sich Beamte den Schreibtisch mit Aktenbergen, Kaffee- und Aschenbechern. Wie eine inszeniertes Arrangement kommt es mir vor. Mit einer digitalen Kopie meines Dokumentes verlasse ich diesen seltsam nostalgischen Ort und warte am Hauptbahnhof auf meinen Zug in den Heimatort. Der Hauptbahnhof wird gerade einer kleinen Auffrischung unterzogen und auch digitaler ausgestattet. Es gibt keine Wagenstandsanzeiger im Schaukasten mehr. Es gibt neue, großzügigere Anzeigetafeln an den Gleisen, die alle Informationen darstellen. Und ein Wagenstandsanzeigerangebot für das Mobiltelefon, das ja sowieso jeder mit sich führt. Generell gefällt mir das gut, auch wenn mich die immer weiter steigende Abhängigkeit von Gerät und Netzqualität besorgt. Was mache ich bloß im Fall eines Falles?
Heute am Feiertag breche ich auf zu einem Kurzurlaub in München. Wir fahren mit dem Zug, einem ICE der neuesten Generation, der in Hamburg aber dennoch mit einem schrillend schallenden Ton abgepfiffen wird. Schön. Die Fahrt wird lang, aber in der ersten Klasse heute sehr entspannt. Viele freie Plätze, kein Gedränge oder Stress. Kurz vor Kassel ist die Landschaft endlich etwas hügeliger und bietet viele hübsche Ausblicke. So schön der Norden ist, der tägliche Blick aus dem Zugfenster wird für mich erst an der Hamburger Stadtgrenze interessant. Bis dahin breiten sich nur bedauernswert gleisnahe und wahrscheinlich deshalb vernachlässigte Gärten und landwirtschaftliche Flächen vor meinen Augen aus.
In München erwartet uns Kultur satt, für die im heimischen Alltag leider wenig Zeit bleibt. Obwohl ich vor Kurzem ein Konzert in einem kleinen Café besucht habe. Die Lokalzeitung beschrieb es mit: „Ben Heuer und Liam Blaney begeistern mit Livemusik in kuscheliger Runde.“ Klein und familiär war es wirklich in dem Café. Es war nur teilweise bestuhlt, weil die Stühle einfach nur in begrenzter Anzahl vorhanden sind. Da ist noch Luft nach oben. Aber die Musiker, ein weltmeisterlicher Virtuose an der Mundharmonika und ein halbirischer TV-Casting-Finalist haben alle provisorischen Widrigkeiten an die Wand gespielt. Bis zu ihrer Interpretation von Adeles „Make you Feel my love“ hielt ich das für unkopierbar. Die beiden boten mir allerdings eine wunderbare Version, die Bilder von sattgrünen Wiesen an der Steilküste vor Dublin erzeugt haben. Schönes kleines Konzert in der schönen Heimatstadt mit bestem Unterhaltungswert. Unter anderem wurde ein erforderlicher Saitenwechsel mit spontaner A-Capella-Einlage überbrückt. Wann bekommt man schon so eine charmante Panne geboten.