Das Nichts und Alles

Ist es in der unendlichen Geschichte doch eine dunkle Bedrohung, obwohl es nur das ist, was übrig bleibt, wenn den Menschen die Fantasie ausgeht, für mich ist es in diesen Tagen etwas Erstrebenswertes. Ich sehne mich danach. Ich möchte in meinem schönen Zuhause dem Müßiggang frönen. Ich möchte schlafen, wann immer mir danach ist. Ich möchte lesen, bis der Bücherstapel abgearbeitet ist, der sich in den letzten Monaten aufgetürmt hat. Aber mir fehlt die Zeit. Und weil ich das erkannt habe, bleibe ich in der Welt von Michael Ende. Sechs Jahre vor der unendlichen Geschichte veröffentlichte er 1973 das Märchen von Momo und ihrem Kampf gegen die grauen Herren von der Zeitsparkasse. Sie sollten die Menschen dazu bringen, ihre Zeit zu sparen. Dabei vergaßen sie aber, im Jetzt zu leben und das Schöne im Leben zu genießen. Eigentlich ein realistisches Problem und allgegenwärtiger als mir lieb ist. Das letzte Jahr ist unheimlich schnell vergangen und war zuletzt geprägt von zu vielen Abschieden, Krankheiten und Versäumnissen. Das soll ein Ende haben, worauf ich jedoch nur eingeschränkten Einfluss habe. Was ich aber zu steuern versuche, ist der Vergnügungsfaktor. Kunst und Kultur sind meine Musen – vielleicht ein Widerspruch in sich, aber das schafft mir den Übergang zum vergangenen Wochenende. Das lag im Zeichen der organisierten Klänge. Ich habe zwei Konzerte mit vollkommen unterschiedlichen Musikdarbietungen genossen.

Am Freitagabend durfte ich recht spontan ein Violinkonzert in der Elbphilharmonie besuchen. Das dort beheimatete Philharmonie Orchester hat ein Konzert von Edward Elgar und eine Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch gespielt. Dirigiert hat das Ganze Andris Poga, ein in der Szene namhafter Lette, der in seinem asiatischen Gehrock wunderbar anzusehen war. Elgars Violinkonzert im ersten Teil hat ihm und den Musikern zwar auch einiges abverlangt, aber der Schweiß floss erst im zweiten Teil so richtig. Im Hamburger Konzerthaus ist man der Bühne und damit dem Geschehen von fast jedem Platz aus sehr nahe. Das ist überaus spannend. Dem Spiel ist anzusehen, dass es sich dabei um Arbeit handelt. Zu beobachten, wie die Streicher ihre Bögen auf einen Wink des Dirigenten hin choreografiert fliegen lassen, ist eine große Freude. Mit welchem langen Atem die Bläser ihren wunderschönen roten und goldenen Instrumenten nicht enden wollende Melodien entlocken, ist nicht weniger faszinierend. Die Sinfonie von Schostakowitsch war wie angekündigt keine seichte Unterhaltung. Aus fast jeder Note drang die Schwere des repressiven Leids, dass der Komponist unter Stalin erdulden musste. Trotzdem habe ich gern zugehört, denn Schönheit und Hoffnung haben sich nicht vollkommen verdrängen lassen.

Am Samstagabend haben mich Gin Kiss auf eine Zeit- und Weltreise mitgenommen, die ich wieder sehr genossen habe. Nur wenige Künstler habe ich bisher mehrfach live gesehen und gehört. Ich bin froh, dass es bei Gin Kiss anders ist, denn es ist mir stets eine wohlige Freude, Stücken zu lauschen, die ich kenne und die ich auch in der unvergleichlichen Interpretation dieser farbenfrohen Combo schon einmal gehört habe, schließlich gibt es auch immer wieder Neues zu entdecken. Mal ist es ein neuer Twist, eine kleine Variation oder ein neues Instrument, das mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Der Konzertsaal war kleiner als gewohnt und ich hatte einen Platz in der ersten Reihe. So nah war ich den Künstlern wohl noch nie. Direkt vor mir stand das funkelnde Schlagzeug in hochglänzendem Erdbeerrot. Da kann man den Blick kaum abwenden. Vorn in der Mitte stand ein Tischchen mit Getränken und außerdem einem kleinen rätselhaften goldenen Damenschuh, dessen Sinn sich mir bisher nicht erschlossen hat.

Was auch funkelte, war der Pianist. Er trug sehr glamouröse Show-Jacketts in nicht weniger als drei Farben. Insgesamt muss ich wieder feststellen, dass dem gesamten Arrangement ein professionelles Flair innewohnt, das in seiner Präsentation außerordentlich charmant daherkommt. Ich habe jeden der zweiundzwanzig! Songs sehr genossen. Das größte Vergnügen aber bot mir wieder Nino Ferrers „Le sud“, Mein absoluter Lieblingssong und ein Bote des Sommers – möge er bald Einzug halten.

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