Filmkulisse

Am dritten Tag geht es nach Noto. Meine Erwartungen sind hoch, weil dieser Stadt ein Ruf vorauseilt. Sizilianische barocke Architektur, die noch heute gern für Kinoproduktionen genutzt wird, weil man nach einem großen Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts alles wieder aufgebaut hat, ohne viel Neues hinzuzufügen. Das ist so schön wie bemerkenswert, denn an den Titel Weltkulturerbe hat damals sicher noch niemand gedacht. Die Zufahrt zur Stadt ist so karg und staubig, wie ich es von ganz Sizilien erwartet habe, es aber bisher nicht war. Zumindest die Küste kommt viel grüner daher als es mir Nordeuropäerin klar gewesen ist.

Es gibt zwar einen Lido di Noto, aber zu sehen ist das Meer aus dem Ort heraus nicht wirklich. Das macht aber nichts. Hier spielt die Vergangenheit die Hauptrolle. Wir parken vor den Toren des Stadtkerns und laufen eine verblüffend erhitzte Gasse hinab. Erstaunlich, weil heute eigentlich gemäßigte Temperaturen angesagt sind. Ich bekomme ein vage Vorstellung davon, was die Menschen hier im Hochsommer aushalten und habe größtes Verständnis für den vollkommen anderen Biorhythmus der Sizilianer, die am späten Vormittag in ihren Häusern verschwinden. Wir aber erkunden die Stadt, die hält, was mir versprochen war. Es ist wie eine stadtgewordenen Version der Asamkirche in München. Nur eben viel heller in typisch sizilianischem Farbton. Es gibt eine Hauptstraße, von der wieder hübsche Gassen nach links und rechts abgehen. Eine dieser Sträßchen, die Via Nicolaci, ist jedes Jahr im Frühling Zentrum der Infiorata, einer jungen, aber nicht weniger stolzen Veranstaltung, mit der das schöne Noto einem breiten Publikum vorgestellt werden soll. Auf der gesamten Fahrbahn wird ein farbenfroher Blumenteppich ausgebreitet, was ohne Zweifel ein echtes Spektakel sein wird.

Außerdem gibt es mehrere Plätze mit mondänen Bauwerken auf beiden Seiten. Kirchen, Kathedralen, Regierungsgebäude, eines schöner als das andere. Und alle haben offene Portale, man darf also hineinschauen. Der größte Dom war in den 90er Jahren aus Altersgründen und wegen Materialermüdung eingestürzt. Beeindruckende Fotos erinnern daran. Heute ist die Restauration abgeschlossen und das Innere ist mit neuen Fresken versehen worden. Etwas sparsamer als noch im Jahre 1703, aber dafür mit Würdigungen der Landbevölkerung und ihrer Arbeit.

Die Stadt ist der Inbegriff des Pittoresken, der Spaziergang quer durch den Stadtkern versetzt tatsächlich zurück in Filme wie den Paten, Cinema Paradiso oder Fahrraddiebe.

Da wir während unserer Reise auf die Ortskenntnisse einer echten Sizilienkennerin zurückgreifen können, die noch dazu eins ist mit dem sizilianischen Verkehr, machen wir nach dem Stadtbummel einen kleinen Abstecher zum einem wunderschönen Strandgebiet, das nur wenige Minuten entfernt liegt. Es ist ein geschützter Küstenabschnitt, für dessen Besuch wir zwar auch am fortgeschrittenen Nachmittag noch Eintritt zahlen müssen, der aber vollkommen naturbelassen ist. Eine Aneinanderreihung von kleinen lagunenartigen Buchten ohne Strandliegen, Schirme oder andere Spuren der touristischen Zivilisation. Hier lassen wir die Sonne untergehen und machen uns anschließend auf den Heimweg.

Weil es schon spät ist, fragen wir im Hotel nach einem freien Tisch. Den gibt es auch, da aber bereits eine große Reisegruppe angemeldet ist, müssen wir unser Menü aus den verbliebenen Resten zusammenstellen. Es gibt noch ein wenig Fisch oder ein Schnitzelgericht. Während das Frühstück im Hotel durchaus vielseitig ist, überzeugt uns das Hotelessen gar nicht. Es fällt das Wort „Kantinenqualität“. Da ich eine hervorragende Kantine gewohnt bin, ist das nicht automatisch ein schlechtes Urteil. Aber dennoch stimme ich überein, dass diese Wahl einmalig war und wir in den nächsten Tagen auf jeden Fall wieder authentisch italienisch essen möchten.

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