Für den Sonntag planen wir einen sanften Start mit einer vergleichsweise kurzen Fahrt nach Taormina. Einer kleinen Stadt auf dem Küstenhügel mit Blick auf die Bucht von Naxos oder Schisò. Eigentlich ist das sogar das Gleiche. Auf der Suche nach der Bedeutung des Namens Schisò hilft, wie auf Sizilien naheliegend, die Historie. In Naxos tragen eine lange Straße und eine alte Burg an der Küstenstraße diesen Namen, der es unserer Navigationsstimme unmöglich macht, ihn italienisch korrekt auszusprechen. Es ist aber einfach nur eine Verballhornung des Ursprungs: Naxos. Ein schlechtes Schriftbild und nuschelnde Einwohner, also stille Post auf mehreren Ebenen, haben zum heutigen Schisò geführt, das einfach parallel genutzt wird.
Jedenfalls sehe ich aus dem Autofenster nur einige Felswände und werde durch die Serpentinen gewogen, bis wir in einem Parkhaus zum Stehen kommen. Ein schnödes Parkhaus, frevelhafterweise direkt in den Felsen betoniert, aber dennoch mit einem Ausblick auf die Küste, der jeden Gebühreneuro wert ist. Ein vielversprechender Start. Schon Goethe hatte auf seiner italienischen Reise Ende des 18. Jahrhunderts in Taormina Station gemacht. Zu der Zeit hatte das Städtchen an jeglicher Bedeutung verloren und der Aufschwung durch den Tourismus ließ noch eine Weile auf sich warten. Aber Goethe hatte nach bester Liberal Arts Tradition ohnehin eher naturwissenschaftliches Interesse an Sizilien. Er war hier auf der Suche nach der Urpflanze. Die Suche danach hat unseren Notar übrigens knapp 230 Jahre später zu seinem what-if-Öko-Thriller „Der Wald“ inspiriert. Die Kritiken zu diesem Buch sind zwar gemischt, aber ich habe die gut recherchierten geschichtlichen Zusammenhänge mit Freude gelesen und lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster, wenn ich schreibe, dass ihm die Verpackung von Fakten und Zahlen eine Spur besser geglückt ist als dem trotzdem unvergleichlichen Dan Brown. In Browns Geschichten sind die Protagonisten zu solch unmenschlichen Leistungen imstande, wie sie ein ausgebildeter MI6 Agent auch nicht schlechter zu erbringen vermag und das irritiert mich irgendwie. Aber zurück zu Goethe. Er hat befunden, dass die Natur- und Kunstgesetze von den Italienern am vollkommensten im Einklang gebracht wurden. Sein Reisebericht ist geschmückt von Sätzen wie: „Eine Wirkung der Natur hingegen wie der Sonnenuntergang […], ein Werk der Kunst […] machen mir tiefen und bleibenden Eindruck.“
Wir steigen nun also auf diesen Spuren die Stufen zur historischen Innenstadt hinauf. Und vom ersten Moment an nimmt mich diese malerische Stadt gefangen. Eine sandsteinfarbene Mischung aus Lüneburg (dunkler), Lübeck (weitläufiger) und Edinburgh (opulenter). Was aber keine dieser schönen Vergleichsstädte hat, ist der Blick auf das türkisfarbene Ionische Meer. Durch viele kleine Gassen und auf den meisten Plätzen ist dieser Blick möglich und legt einen wohligen Mantel voller Lebensfreude auf das Gemüt. Schwer vorstellbar, dass hier schlecht gelaunte Menschen ihrer Wege gehen. Wir sind auch nur ein wenig despektierlich amüsiert, dass bis ungefähr 17 Uhr diverse Kreuzfahrergruppen gelegentlich für etwas Stau sorgen. Fairerweise tragen sie alle Kopfhörer als Zugeständnis an Einheimische und Individualreisende. So hören nur sie die Ausführungen der Fähnchenträger, die vorangehen. Wir streifen durch die Corso Umberto, eine prachtvoll historische Straße ohne Autoverkehr und voller entzückender Lädchen, von denen manche Weltruhm haben und andere wahrscheinlich seit Generationen familiengeführt werden. Selbst bekannte Designermarken halten sich in der Präsentation zurück, um das Stadtbild nicht mit schriller Leuchtreklame oder großen Buchstaben zu stören.
Zwischendurch wird der Straßenverlauf von kleinen Plätzen mit Kirchen oder Brunnen unterbrochen. Auf diesen Plätzen blühen viele Bäumchen und Sträucher in einer Üppigkeit, die für mich gar nicht nach Ende Oktober aussieht. Vielleicht war der Sommer feucht, denn hier wirkt nichts ausgedörrt.
Unser Weg führt uns zum Teatro Antico, einem altgriechischen Amphitheater. Man nennt diese Theater mit runden Zuschauerrängen Amphitheater, weil die Sitzreihen um die Bühne herum (amphi) angelegt wurden. Hier allerdings muss jede Aufführung mit einem sagenhaften Küstenblick konkurrieren. Direkt hinter der Bühne ist ein freier Blick auf die Bucht möglich. Wer weiß, vielleicht ist deshalb kaum Mühe für ein überzeugendes Bühnenbild notwendig und die Künstler untermalen den Ausblick mit ihrem Gesang oder Schauspiel. Abwenden kann ich meinen Blick jedenfalls nur schwer. Blimey! diese Farben müssen jeden Maler nervös werden lassen. All die Besucher hier knipsen davon Bilder ohne Unterlass. Kurz frage ich mich, wie mühevoll es wohl gewesen ist, diese Stadt und das Theater aufzubauen. Die Steine sind ganz schön groß und werden hier wohl nicht bereits passend geformt gelegen haben.
Zum Auto zurück gehen wir den gekommenen Weg noch einmal zurück und kehren auch zum zweiten Mal in das eine oder andere Geschäft ein. Jeder ersteht ein kleines Souvenir, dass uns in der nördlichen Heimat sicher an diesen schönen Tag zurückdenken lässt. Mit einem Lächeln fahren wir den kurzen Weg zurück nach Naxos und genießen unser Abendessen wieder in der Lanterna. Es ist erneut köstlich und das Diskomobil ist ebenfalls wieder unterwegs.