Den vierten Tag werden wir in Syrakus verbringen. Die ersten beiden Städte haben mich schon derart begeistert, dass ich fast ein wenig fürchte, meine Erwartungen an Syrakus könnten zu hoch sein. Einst war die Stadt groß und mächtig. Cicero beschrieb sie als die schönste aller griechischen Städte, Platon lehrte hier Philosophie. Am Ende der punischen Kriege hat Rom den Sieg davon getragen und nach längerer arabischer Herrschaft ist Sizilien und damit Syrakus heute italienisch. Der orientalische Einfluss ist aber unübersehbar, hat er doch Zitrusfrüchte und Mandeln hier heimisch gemacht. Die Fahrt in die Stadt bereitet uns schon auf die vielen Jahre Geschichte vor. Alles trägt einen Staubschleier und macht einen morbiden Eindruck. Alte Kultur immer noch allgegenwärtig. Das ist schon unvergleichlich und ein krasser Gegensatz zu den modernen nordeuropäischen Metropolen in Skandinavien. Unser Ziel ist der Markt am Eingang von Ortigia, dem Altstadtkern in Inselform. Die ganze Altstadt ist von Meer umgeben und es führten Brücken dorthin, die man aber teilweise nicht mit dem Auto befahren darf. Machen wir im Trubel trotzdem unfreiwillig und erwarten nun einen saftigen Strafzettel. Aber gut, dafür bekommen wir einen schattigen Parkplatz und unterstützen mit unserem Bußgeld sicher den Erhalt der historischen Bauten. Eine Kulturabgabe also, das klingt gleich viel besser. Und im Prinzip jeden Euro wert. Diese Stadt ist wahrlich beeindruckend! Der Markt ist vielleicht touristischer als noch vor Jahren. Aber hier kann man eine überbordende Vielfalt an Gewürzen, Früchten und Gemüse, Fisch und anderen Spezialitäten mit allen Sinnen genießen. Wunderschöne Farben soweit das Auge reicht. Die Gerüche lassen mich erahnen, dass die Sizilianer noch mehr Liebe zum Essen empfinden als es in Italien ohnehin schon der Fall ist. Ich verstehe nicht was sie sagen, aber die Marktleute preisen ihre Waren so hinreißend an, als liefe ich durch eine klischeehafte Filmkulisse. Wenn ich doch nur mehr kaufen könnte, weil ich am Abend viele Gäste bekochen würde. Hier blieben keine Wünsche offen.
Nach dem Flanieren durch die Marktreihen setzen wir uns an die Hafenpromenade und genießen den Ausblick auf das Treiben auf dem Wasser. Im Augenblick liegt ein Kreuzfahrtschiff am Kai, dass am Morgen etwa 5000 Menschen an Land gespült haben sollte. Das große Schiff stört die Idylle durchaus. Aber die vielen Passagiere scheinen überwiegend weiter entfernte Ziele angesteuert zu haben. Viele Gruppen begegnen uns nicht. Auf bequemen Lounge-Möbeln genießen wir eine Auswahl an Stuzzichini und kühlen Drinks. Die Bestellung war eine spontane, fast übermütige Laune, die wir später mit einem erstaunlich hohen Betrag vergüten müssen. Aber es schmeckt vorzüglich und deshalb schieben wir die Scham beiseite. Wo sonst könnte man das süße Leben und die Dekadenz so feiern wie in dieser Stadt!
Nach dem Spaziergang zum Castello Maniace, einer militärischen Festung an der Inselspitze laufen wir zur zentralen Kathedrale. Die große Kirche enthält noch viele Teile eines alten Tempels. Dort vereinen sich viele Jahrhunderte Geschichte und dürfen im Einklang bewundert werden. So eine behutsame Vereinnahmung verschiedener historischer Werte hätte ich der katholischen Kirche vom Mittelalter bis zur Neuzeit nicht zugetraut. Anschließend trennen sich unsere Wege, denn wir wollen die Altstadt mit unterschiedlichen Schwerpunkten besichtigen. Ich schlendere durch die Straßen und Gassen und erfreue mich an der durch und durch italienischen Architektur, den Fensterläden, den Balkonen und den kleinen Lädchen, die zahlreich in den Erdgeschossen betrieben werden. Hier wirkt alles sehr geschmackvoll, selbst der heftigste Kitsch ist in den alten und engen Gemäuern schön anzusehen und wird geradezu aufgewertet. In einem winzigen Geschäft möchte ich eigentlich ein Souvenir kaufen. Aber gerade als ich mich mit meinem Fund zur Kasse vorarbeite, breitet der Inhaber, offenbar ein frommer Muslim, seinen Gebetsteppich aus und beginnt zu beten. Dabei möchte ich nun wirklich nicht stören, stelle die Ware wieder zurück und verlasse die Räumlichkeit. Hier ticken die Uhren einfach anders. Ich bin erstaunt und freue mich gleichzeitig über die unzähligen Eindrücke, die ich heute genießen durfte. Jeder Tag auf Sizilien ist ein außerordentliches Vergnügen, an jedem Ort denke ich, dass ich mich gar nicht sattsehen kann und notiere mir im Geiste, dass ich unbedingt wiederkommen möchte.