Gin Kiss vor dem vierten Advent

Am gestrigen Samstagabend haben wir das winterliche Gin Kiss Konzert genossen. Dafür, dass wir bereits im vergangenen August von diesem Termin erfahren hatten, waren wir leider sehr schlecht vorbereitet. Zunächst gab es zwei Konzerte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen: Freitag und Samstag. Das war aufgrund der riesigen Nachfrage sicher eine sehr gute Planung, denn die Meldung: „Ausverkauft!“ erreichte mich schon wenige Tage nach dem offiziellen Start des Ticketverkaufs.

An die Kommunikation im Rahmen des Vorverkaufsstarts kann ich mich nicht mehr erinnern, aber in meinem Kalender war eine entsprechende Eintragung am 21.12. zu finden. Am Freitagnachmittag offenbarte sich allerdings, dass wir eigentlich schon zum ersten Konzert erwartet würden. Glücklicherweise konnte aufgrund unseres VIP-Status noch umdisponiert werden. Wir durften auch am Samstagabend dabei sein. Eine entlarvende Begrüßung durch den Frontsänger war aber nicht mehr zu verhindern.

Dass wir den männlichen Star schon direkt am Einlass getroffen haben, war sicher auch der ungewohnten Location geschuldet. Die wir erst im zweiten Anlauf angesteuert haben. Wir hatten übersehen, dass die Winterkonzerte nicht im alten Kino stattfanden, sondern im Ratskeller. Die kurze Internetrecherche ergab keine Treffer, so dass wir jeweils zwei Band- und Familienmitglieder telefonisch kontaktieren mussten. Aber beide Standorte befinden sich nur wenige Meter voneinander entfernt. Dieser Fehler war schnell wieder ausgebügelt.

Der Ratskeller ist deutlich kleiner als das alte Kino. Und das Publikum saß an Tischen und wurde dort bedient. Dieser Wohnzimmercharakter war ganz charmant, auch wenn mir die große Bühne irgendwie gefehlt hat. Jedenfalls haben sich die Anwesenden gut benommen und allzu laute Geräusche an den Tischen vermieden. Leider neigen Menschen an Tischen dennoch dazu, den Rahmen zu vergessen und sich während der Darbietung zu unterhalten. Aber da in einem Publikum stets alle Klischees vertreten sind, haben wieder andere mit einem energischen „Pssss“ dem sofort Einhalt geboten. Danke dafür!

Wir waren also einen Tag zu spät und standen vor dem falschen Veranstaltungsort. Die dritte Fehlleistung, zumindest meinerseits, war die Erwartungshaltung dem Programm gegenüber. Ich habe aus verschiedenen Gründen (frühere Überlegungen zur Songauswahl, Anprobe eines rotweißen Kleides, Konzertdatum) mit einem weihnachtlichen Schwerpunkt gerechnet. Aber auf das erste Weihnachtslied musste ich bis zur zweiten Hälfte warten. Das war allerdings, wie schon die beiden ersten Pannen, gar nicht schlimm.

Die Künstler waren in Bestform!

Die Percussions inzwischen aufgerüstet und gleich zu Beginn mit einer schmissigen Soloeinlage!

Der Kontrabass wie gewohnt herrlich ergreifend. An dieser Stelle wünsche ich mir in Zukunft noch öfter den Einsatz des Bogens. Der Klang der Saiten allein begeistert mich schon, aber wenn der Bogen ihnen Töne entlockt, ist der Genuss noch größer!

Der Pianist ist sowieso über jeden Zweifel erhaben!

Die beiden Sänger legen mit jedem Konzert noch eine Schippe drauf. Nicht nur, dass der ständige Wechsel zwischen Englisch und Französisch von beiden glänzend gemeistert wird. Beide sind auch gesanglich sehr stark! Eine Freude zuzuhören!

Überhaupt kann ich mich in den gesungenen und gesprochenen Worten verlieren. Wann hört man schon etwas wie formidabel, Finesse oder parapluie?

In diesem Sinne – fürdahin – einen schönen vierten Advent!

Arancina

Tag 2 – Sonntag.

Wir stehen recht früh auf und machen uns auf den Weg zur Villa Borghese. Ein wunderschönes Gebäude mit Parkanlage

In diesem Anwesen hat die Familie Borghese über viele Jahre eine Kunstsammlung zusammengestellt, die in der Welt wohl einmalig ist.

Sie haben nicht nur gekauft und gesammelt, sondern überwiegend anfertigen lassen. Erlesene Skulpturen und Raumausstattungen. Napoleon hat sich einiges unter den Nagel gerissen, aber ansonsten ist in dem Haus noch vieles originalgetreu zu sehen. Bemerkenswert und wunderschön.

Wir laufen mit einem Audio-Guide durch die Ausstellung. Die Informationen sind ganz angenehm eingesprochen und sogar mit ein wenig Musik unterlegt. Außerdem kann jeder in seinem eigenen Tempo vor den Werken verweilen. Nach 90 Minuten war aber irgendwie die Luft raus.

Unsere Eintrittsberechtigung ist ohnehin auf zwei Stunden begrenzt. Deshalb ziehen wir den Rest schnell durch und begeben uns in das Café. Nach einer kurzen Pause verlassen wir die schöne Villa und spazieren durch den dazugehörigen Park, der zwar nicht so groß ist, aber mit seinen Pinien und schattigen Wegen entzückend anzusehen.

Unser nächstes Ziel ist der Trevi-Brunnen. Durch die Prachtstraße Via Vittorio Veneto laufen wir in das Altstadtzentrum zurück. Am Brunnen ist es wie erwartet sehr voll. Aber faszinierend ist er trotzdem. Der größte Brunnen Roms und sicher der bekannteste der Welt. Der Brunnen war historisch Endpunkt eines großen Viaduktes. Die jeweiligen Päpste haben sich viele Jahre um eine hübsche Gestaltung bemüht. Der heutige Brunnen hatte eine Bauzeit von 30 Jahren. Nicht zuletzt, weil ein Papst während dieser Zeit verstorben und der Geldfluss ins Stocken geraten war. Aber auch, weil der beauftragte Künstler immer wieder neue Ideen hatte und insgesamt wohl recht schrullig war.

In der Nähe des Brunnens nehmen wir ein Mittagessen zu uns in einem Straßenlokal. Im Gebäude befindet sich ein vermeintlich luxuriöses Hotel. Die Toiletten für Restaurantgäste aber zeugen aber von Verfall und muten unheimlich an. Die Wände schwarz gestrichen. Die hellgraue, großflächige Marmorierung stellt sich als Schimmel heraus und die Temperatur beträgt feucht-tropische 28 Grad. Also schnell wieder raus.

Jetzt wollen wir zum Bahnhof Termini. Wir nehmen die Metro von der Spanischen Treppe. Vor der Treppe nehmen wir noch über die Webcam Kontakt mit der Heimat auf! Wir wurden also live gesehen, wie wir winkend am Fuße dieser Sehenswürdigkeit stehen. Es gibt sogar einen Beweis-Screenshot.

In der Metro ist heute nichts los. Es soll sonst sehr voll sein. Aber heute ergattern wir sogar Sitzplätze. Zwar fahren wir nur drei Stationen weit, aber nach so vielen Kilometern ist jede Sitzgelegenheit willkommen.

Am Termini trennen sich dann unsere Wege. Ich muss ja heute schon wieder zurück nach Hamburg. Aber der Bus steht bereit, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren und verbreitet eine angenehme Kühle während der einstündigen Fahrt zum Flughafen. Wieder fahren wir mitten durch die Stadt und am Kolosseum vorbei. Eine herrliche Aussicht. Am Circus Maximus stehen wir sogar ein paar Minuten im Stau und ich kann den Platz begutachten. Es ist wahrlich nicht viel übrig von dem antiken Treiben und ich brauche schon viel Vorstellungskraft, um dem heute noch etwas abzugewinnen. Ich fand schon beim letzten Besuch, dass man aus dieser Wiese lieber mehr machen sollte. Wieder eine Arena aufbauen oder etwas Ähnliches.

Kurz vor der Ankunft am Flughafen wird jemandem schlecht im Bus. Ich vernehme unangenehme Geräusche und bin froh, dass wir kurz darauf zum Stehen kommen und ich gleich flüchten kann. Im Flughafen muss ich dann meine Bordkarte noch einmal genau studieren. Mein Flug ist auf der Anzeigentafel nicht aufgeführt. Aber alle Angaben stimmen und der Barcode ist auch gültig. Also muss ich richtig sein. Eine halbe Stunde später kann ich dann auch endlich „Hamburg“ lesen und bin beruhigt. Die Sicherheitskontrolle hier in Rom ist übrigens äußerst gut organisiert. Viele Menschen werden in wenigen Minuten abgefertigt. Die Wartezeit ist sehr kurz, ich muss kaum stehen bleiben.

 Das Shoppingerlebnis ist leider enttäuschend. Es gibt kaum interessante Läden. Ein paar Nobelmarken sind vertreten, aber diese Nischen sind frei von Kunden. Wer will auch auf die Schnelle eine Handtasche für 498€ kaufen?

 Ich muss noch etwas essen und suche mir ein vielversprechendes Lokal aus. Ein sizilianischer Koch hat sizilianisches „Cibo da strada“ (Street Food) nach Rom gebracht. Was ich esse, kommt einer kulinarischen Offenbarung gleich. Ich bin begeistert von dieser Spezialität namens Arancina. Das sind frittierte Reisbällchen in verschiedenen Varianten. Ich hatte die Version „Al burro“ mit Schinken und Mozzarella. Köstlich! Ich muss unbedingt nachforschen, ob ich so etwas auch in Hamburg bekomme.

 Kurz vor dem Boarding muss ich mit zwei Teenagern per Ferndiagnose einen Waschtrockner zum Laufen bringen. Die Mädchen sind in Nöten. Sie haben einen harschen Auftrag bekommen, sich sofort und unbedingt um die eigene Wäsche zu kümmern. Aber gemeinsam schaffen wir es. Ein Youtube-Video und einige Erklärungen von Symbolen und Anzeigen später läuft die Maschine.

 Der Flug hat dann noch eine Verspätung, weil das Rollfeld überlastet ist. Wir müssen uns einreihen und zwölf Maschinen abwarten, bis wir endlich abheben können.

 Ich habe es sehr genossen und ich möchte bald wieder zurückkommen und all das sehen, was ich noch nicht kenne.

Holy John

Tag eins – Samstag.

Nach dem Frühstück gehen wir zur Spanischen Treppe. Wir stehen aber nur oben und schauen hinunter. Denn wir sind auf dem Weg zum Tiber, genauer gesagt zur Engelsburg. Der Weg dahin ist äußerst pittoresk. Man kann sich kaum sattsehen am Panorama. Viele Fotos werden gemacht.

Das Wetter ist grandios. Wir spazieren relativ gemütlich. Es dauert ja immer, bis sich die Tempi aufeinander abgestimmt haben. Ich jedenfalls muss schneller gehen, als ich es allein täte. Dafür werde ich am Ende des Tages aber die Schrittzählung gewinnen.

Direkt an der Burg suche ich noch schnell die mir empfohlenen öffentlichen Toiletten auf. Der Eintritt kostet zwar 1€, ist aber jeden Cent wert. Ein sehr klischeehafter, aber dadurch liebenswerter Italiener mittleren Alters empfängt mich lautstark und weist mir den Weg.

Zurück zur Gruppe ist auch unser Guide bereits eingetroffen. Eine sehr nette Dame, die uns die nächsten 3 Stunden durch die Vatikanischen Museen begleiten wird. Wir schlängeln uns also an den beachtlichen wartenden Mengen vorbei zum Eingang, den wir erstaunlich schnell passieren können. Ein dickes Lob an die Vorbereitung ist hier fällig!

Die Tour startet in einem kleinen Gartenquadrat. Gerade als ich mich frage, warum wir uns die Anlage überhaupt ansehen, verstehe ich. Von meinem letzten unvorbereiteten Besuch geprägt, habe ich einen Spaziergang entlang der unglaublichen Kunstschätze Richtung Sixtinischer Kapelle erwartet. Nur eben mit akustischen Erläuterungen. Wir betreten aber zunächst diesen Garten, weil es dort vollkommen entspannt und ruhig ist. Alle paar Meter stehen drei Schaubilder und davor Bänke. Auf diesen Bildern sind die wichtigsten Malereien der Kapelle abgebildet. Etwa eine Viertelstunde lang wird uns der Zyklus der Bilder erklärt. In der Kapelle wurde schließlich nichts dem Zufall überlassen und jedes Detail erzählt eine Geschichte. Diese Erklärungen können nicht direkt in der Kapelle übermittelt werden. Es ist ein heiliger Ort für die Geistlichen, den sie uns Weltlichen zwar öffnen, aber es herrschen strenge Regeln. So darf weder gesprochen noch fotografiert werden. Außerdem werden sich Massen von Menschen hindurchschieben. Einfach als Träubchen stehen zu bleiben, zu lauschen und den Durchgang zu behindern, ist einfach keine gute Idee.

Die Erklärungen sind jedenfalls super. Einprägsamer als jeder Reiseführer. Später in der Kapelle werde ich mich durchaus an einiges erinnern und mich freuen.

Anschließend starten wir aber wirklich wie alle anderen und folgen den Hinweisschildern in Richtung Höhe- und Endpunkt, der Sixtinischen Kapelle. Ich genieße den Besuch in den Museen wieder sehr. Unglaublich reich vierzierte Räumlichkeiten, gefüllt mit unzähligen Skulpturen, Dekorationen, Bildern und anderen Kunstgegenständen. Von den Erläuterungen behalte ich natürlich viel zu wenig, aber ich nehme mir vor, das Buch „Mein Rom“ bald wieder zur Hand zu nehmen und mich hierher zurückzuversetzen. Schön, dass der Vatikan einen winzigen Teil seiner vielen Verbrechen wiedergutmacht, indem er uns Normalsterblichen gestattet, diesen kulturellen Schatz mit eigenen Augen zu besichtigen.

In einem Raum hängt ein für mich unscheinbares Bild, das unser Guide mit den Worten: „Auch hier eine wunderschöne Kreuzigung.“ kommentiert. Unser Kichern irritiert sie kurz. Sie ist keine deutsche Muttersprachlerin und hat den Gag nicht herausgehört. Da es gleich weiter geht, klärt sie aber auch niemand auf.

Nach drei Stunden und kurz vor dem Ausgang erlöst uns ein Gruppenmitglied und verabschiedet unseren Guide. Die Stimmung drohte zu kippen. So viele Schritte und Informationen. Alle Teilnehmer bekunden ehrliche Begeisterung und bedanken sich. Dann darf geshoppt werden. Allerdings nur kurz, denn nicht alle Teilnehmer würzen ihre kulturellen Begegnungen gern mit einem obligatorischen Besuch im Gift Shop. Ich muss mich also beeilen und kaufe nur ein Buch. Mehr möchte ich auch nicht tragen. Zwischen mir und der Rückkehr zum Hotel liegt schließlich noch ein weiteres Highlight. Und ich kann nicht erwarten, dass der Rucksackträger mit mehr als dem nötigsten Gewicht einverstanden ist. Er freut sich über jeden Schluck Wasser, der die Flasche verlässt.

Wir verlassen also Vatikanischen Boden und kehren erst einmal in ein hübsches Lokal ein und stärken uns mit einem Snack. Danach gönnt sich noch einer ein Eis und wir laufen um die Vatikanmauern herum zum Petersdom. Unser Zeitfenster für einen Zugang ohne Wartezeit schließt sich auch bald. 10 Minuten vorher treffen wir ein. Und können innerhalb von wenigen Minuten die Schleusen hinter uns lassen und den Dom betreten. Wir hatten uns Tage vorher in der Threema-Gruppe geeinigt, dass diese Tickets erworben werden. Ohne sie ist der Dombesuch kostenlos. Beinhaltet ist auch ein Audio-Guide, für den man aber eine App installieren muss. Dafür ist es jetzt zu spät, denn der mobile Empfang ist zu schwach und außerdem muss jeder Nutzer sich namentlich registrieren. Wir verzichten also. Nicht jeder ist über den stolzen Preis von 17,50€ glücklich. Zum einen gibt es keine verlässlichen Angaben, wieviel Lebenszeit damit erkauft wurde und zum anderen sind im Dom viele Sehenswürdigkeiten gesperrt und nicht zugänglich. Am Sonntag ist hier Großkampftag mit vier Heiligsprechungen. Unter anderem die des britischen Kardinals John Henry Newman. Sogar Prinz Charles wird dabei sein! Aber trotz allem freue ich mich, wieder im Dom gewesen zu sein. Er ist in vielerlei Hinsicht ein Superlativ und einfach überwältigend.

Nach dem Dombesuch gehen wir noch ein Eis essen und fahren mit zwei Taxis zum Hotel. Autofahren in Rom ist wirklich aufregend. Ich bin froh, hinten zu sitzen. Die Abstände zwischen den Wagen sind nur minimal. Und auf dem schon für Fußgänger abenteuerlichen Piazza Venezia gibt es keine Ampeln. Wenn es stockt, eröffnet man einfach eine weitere Spur und fährt. Ich käme hier niemals von der Stelle und würde verzweifeln.

Wir machen uns frisch und treffen uns dann um 19:00 Uhr wieder in der Hotelbar. Wir lösen unsere Gutscheine für einen Begrüßungsdrink ein. Wir bekommen außer Drinks noch Chips und Oliven. Sehr liebevoll und lecker.

Leider spielt heute Abend die italienische Nationalmannschaft und alle Taxis sind unterwegs. Wir schieben unsere Tischreservierung eine halbe Stunde nach hinten und fahren alternativ mit dem Bus zum Restaurant „Minerva“. Einer tollen Örtlichkeit nahe des Pantheon. Das Restaurant liegt auf dem Dach und bietet neben der spektakulären Aussicht auch sehr leckeres Essen. Mein Essen ist vielschichtig. Als Hauptgang Mille Feuille mit Pasta (eigentlich nur eine andere Bezeichnung für meine Lasagne mit Hasenragout) und als Dessert Mille Frolle (dünne Kekse, die mit einer Creme im Wechsel geschichtet werden). Alles sehr lecker. Nach dem Essen entscheiden wir uns für einen weiteren Drink in der angeschlossenen Dach-Bar. Die Getränke sind hochpreisig, schmecken aber prima und werden durch die Aussicht auf das Pantheon und die Kuppel des Petersdoms massiv aufgewertet. Die musikalische Untermalung ist allenfalls von mittelmäßiger Qualität, aber das schmälert unser Rooftop-Erlebnis keineswegs. Es rundet den Tag einfach ab. Mit dem Taxi geht es wieder zurück ins Hotel. Wir schaffen es gerade noch, unsere Schrittzähler zu vergleichen, bevor sie um 0:00 Uhr auf 0 zurückfallen. Ein neuer Tag in Rom.

Allora

Endlich wieder Urlaub!

Wenn auch nur kurz. Aber dafür Roma!

Weil ich so schlecht vorausgedacht habe, muss ich vor dem Start noch arbeiten, denn der Quartalsabschluss muss über die Bühne gebracht werden. Also saß ich um 05:30 Uhr im Büro und habe gerechnet. Um 11:00 Uhr ging es dann aber los Richtung Flughafen. Vom Hafen aus bin ich noch nie zum Flughafen gefahren. Und viele Wege führen nicht nur nach Rom, sondern auch zum Helmut Schmidt Airport. Ein Pärchen sitzt mir fünf Stationen gegenüber, dann verlassen sie den Zug und in Ohlsdorf steigen sie wieder in meine Bahn: Wir müssen alle drei schmunzeln und wünschen uns eine gute Reise.

Am Flughafen bin ich wie gewohnt rechtzeitig, aber trotzdem nur die zweite. Das ist ja schon mal eine schöne Überraschung.

Wir fliegen mit Lufthansa und ich muss sagen, soweit der Komfort von der Airline beeinflussbar ist, gibt es nichts zu beanstanden. Einwandfreier Service. Es gibt gratis einen Becher Sekt und ab Frankfurt sogar ein Butterbrot. An Bord sind jeweils nette und blöde Leute. Neben mir nimmt eine nette Dame mittleren Alters Platz. Sie ist gestresst und außer Atem, weil ihr gebuchter Flug ohne sie abgehoben ist und dieser nur ein alternativer, den sie so gerade eben noch erreichen konnte. Sie stellt mir einige Fragen, die ich nur teilweise verlässlich beantworten kann:

Wann genau landen wir in Rom?

Landen wir am Fiumicino?

An welchem Terminal?

Darf sie vor dem Start die Toilette benutzen?

Sie kommt aus Birmingham. Woher sie stammt, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht ein Dialekt, aber ihr Englisch klingt gebrochen. Jedenfalls wird sie in Rom von ihren Schwestern erwartet und abgeholt. Dann geht es ab ins Kloster und am Sonntag ist Katholizismus total angesagt: Gottesdienst im Petersdom. Ansonsten viel beten, das sei ihre Sache nicht. Warum, verstehe ich nicht genau. Sie hat offenbar nur Redebedarf, meine Nachfragen bleiben unbeantwortet.

Beide Flüge werden übrigens überwiegend von männlichem Personal begleitet. Eine schön anzusehende Abwechslung.

In Rom angekommen, müssen wir eine kleine Weile auf die Koffer warten. Die „ETA“ des Gepäcks wird dreimal verschoben. Aber am Ende ist alles da!

In die Stadt fahren wir nach einigem Hin und Her mit dem Bus. Zwei von uns ergattern den Heinz-Schenk-Gedächtnisplatz direkt hinter dem Fahrer und wir haben somit die beste Aussicht. Herrlich – in der Stadt erkennen wir auch gleich die Straße, die direkt zum Kolosseum führt. Wir waren zwar schon einmal hier, aber das ist wohl doch dem Bond-Film Spectre zuzuschreiben. Schließlich fährt Herr Bond diese Straße auch entlang in der ersten Rom-Sequenz.

Vom Termini gehen wir zu Fuß zum Hotel. Den Weg weist uns dann doch der Papierplan. Das Handy scheint irgendwie unzuverlässig. Wobei ich mich nicht so sehr aus dem Fenster lehnen möchte, denn die Gruppe befand sich währenddessen in einer Art Storming-Phase.

Aber wir kommen an im Bailey’s Hotel. Eigentümlicher Name für ein Hotel mitten in Rom. Es ist aber sehr schön! In einem sanierten Altbau mit viel Stuck und irgendwie mediterranen, leicht mondänen Möbeln. Im Bad wurde viel Marmor verbaut. Das macht auf mich immer einen etwas dekadenten Eindruck. Der wird aber abgemildert durch den Vintage-Charme, der sich durch das gesamte Haus zieht. Ich mag das sehr. Das schafft kein deutsches Hotel. Leider bleibe ich nur zwei Nächte. Der Concierge ist ein sehr netter junger Italiener, der sehr gut Englisch spricht. Nicht wie der „Italiener auf Malta“.

Er empfiehlt uns ein Restaurant, in dem die Römer essen. Das ist ja immer gut. Leider schließt dort die Küche um 23:00 Uhr. Zu früh für uns. Aber schon ein paar Meter weiter sorgen wir bei Franco noch für etwas Umsatz und essen dreierlei Bruschetta und Pizza Margherita. Sehr sehr lecker und überaus günstig. Den Negroni hätte ich mir allerdings verkneifen sollen. Ich bin hinterher total rot, was niemandem verborgen bleibt und sogleich kommentiert wird. Das ist ja doch etwas unangenehm.

Die Dusche am Morgen war ein Traum! Unerwarteter Wasserdruck massiert mir den Schlafmangel weg. So kann der Tag starten!

Das Frühstücksbuffet ist hervorragend. Der Tag kann kommen!

Maxispaß

In unserem Borkumurlaub reihen sich viele Traditionen aneinander. Manche liebgewonnener als andere.

Für eine Teilmenge gehört Minigolf dazu. Die Kinder bestehen darauf, mindestens einen Durchlauf zu spielen. Man „spielt“ Minigolf. Das ist schon ein Hinweis auf den Coolnessfaktor dieser Aktivität.

Der regelgebende Bahnengolfverband spricht aber von einer Präzsions-, allenfalls Ballsportart. Na gut. Was ist Minigolf?

1954 wurde im schweizerischen Ascona am Lago Maggiore die erste genormte Minigolfanlage eingeweiht. Ich habe vermutet, das es eine urdeutsche Angelegenheit ist, aber weit gefehlt, denn die erste Anlage in Deutschland wurde erst ein Jahr später eröffnet.

Anders als im Golfsport ist es in der Miniversion nicht notwendig, sich möglichst auffällig und alltagsuntauglich anzuziehen. Hier reicht Freizeitkleidung, die einen ausreichenden Bewegungsfreiraum ermöglicht. Auf diese Weise wird man nicht schon auf dem Weg zum Platz ausgelacht.

Es ist mir immer wieder ein Rätsel, was an den wettergezeichneten Bahnen so spaßig sein soll. Immerhin hält man sich kaum an die Regeln. Die Bahnen werden schamlos betreten. In der Theorie werden Regelverstöße aber streng geahndet:

1. mündliche Ermahnung

2. Ermahnung

3. Ermahnung mit 1 Strafpunkt

4. Verwahnung mit 2 Strafpunkten

5. Disqualifikation mit 5 Strafpunkten

Das Gewicht (in Gramm gemessen) und die Härte (in Shore gemessen) des Balles beeinflussen Lauflänge, Banden- und Zugverhalten.

Alles Quatsch hier auf der Insel, weil es zwar unterschiedliche Bälle und Schläger gibt, die aber wahllos verteilt werden und ohnehin niemand über besondere Fähigkeiten verfügt. Hier ist alles Zufall oder Schönreden.

Im Coolness-Ranking rangiert der Minigolfsport ganz weit unten. Da gibt es gar kein Schönreden.

Man on the moon

Am Strand können wir täglich einige mit dem NASA-Symbol bedruckte Shirts sehen. Wir haben uns gefragt, warum. Von einer Quelle stammt die Mutmaßung, das Zeichen sei seit Kurzem nicht mehr geschützt und könne deshalb endlich verwertet werden. Eine andere Idee ist das Jubiläum der Mondlandung. Beides ist nicht korrekt.

Eine kurze Recherche hat ergeben, dass sowohl Schriftzug als auch das Planetensymbol, in der Szene „meatball“ genannt, schon seit jeher gemeinfrei waren und immer noch sind. Man muss nur in der Marketingabteilung der NASA um Erlaubnis bitten. Die Kontaktadresse ist frei zugänglich. Solange der Aufdruck nicht auf Buh-Produkten wie Zigaretten, Alkohol oder Reizwäsche erscheint, wird eigentlich alles durchgewinkt.

Aber warum jetzt so gehäuft? Weil große Textilketten aus Schweden oder Spanien voll auf den Retro-Zug aufgesprungen sind. Ein rein europäischer Trend. Wenn man genau hinsieht, hängen auch Shirts mit Pepsi- und Ford-Schriftzug, oder Brandt-Zwieback mitsamt Kindergesicht an den Stangen. Die NASA ist vielleicht der am wenigsten peinliche Aufdruck. Noch vier Sortimentsintervalle à 14 Tage und dann ist der Spuk wohl wieder vorbei.

Für die Mondlandung interessiert sich heute niemand mehr. Das war nur eine kurze Meldung in der Tagesschau, der anschließende Brennpunkt drehte sich um die größte Hitzewelle seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Dieses Wochenende fand nicht nur ein Beachvolleyball-Turnier auf der Insel statt, sondern auch ein Fest am Wasserturm. Überraschungsfrei, dass der Turm die Massen mehr zu begeistern scheint. Das Turnier fand am Samstag statt und von dort schallten zunächst Wettbewerbsgeräusche in den Garten, abends dann Musik. Das Turmfest kündigte sich am Sonntag mit Straßensperrungen an und wurde bereits vormittags mit Big-Band-Musik und einem Gottesdienst unter freiem Himmel eingeläutet. Tagsüber waren wir nicht im Garten. Abends gab es eine Versteigerung, gefolgt von sehr lauter Musik. Ein Mix aus aktuellen Latinoklängen, Schlager und Oldies von Rod Steward und Konsorten. Lautstärkemäßig um einiges größer als die Sportveranstaltung.

Heute haben wir mal ganz unorthodox Pizza vom örtlichen Italiener besorgt. Sehr lecker und ein echt italienisches Vergnügen mit authentischen Zutaten von italienischen Bäckern des „Il Faro“ im Schatten des Leuchtturms zubereitet.

In the heat of the night

Donnerstag und die Hitzewelle bleibt noch ein wenig. Für heute und Morgen wurden noch einmal Spitzentemperaturen angekündigt. Mir gefällt das nicht unbedingt, aber zumindest unser Teenager bekommt, was sie sich gewünscht hat. Sonne satt und die Möglichkeit, ärmellos bekleidet zu sein.

Ich hoffe, dass wenigstens noch etwas Wind aufkommt. Sonst ist es am Strand nicht auszuhalten und die Insekten haben freien Flug.

Aus mir unerklärlichen Gründen bin ich heute Morgen lange allein auf der Terrasse. Ich habe jedenfalls legendär schlecht geschlafen und hatte schon eine Weile gewartet, bevor ich ohne allzu schlechtes Gewissen aufgestanden bin.

Der Tag plätscherte so vor sich hin. Zu warm. Es ist nichts passiert.

Der Freitag beginnt mit einer angenehmen Brise, die ich gestern so vermisst habe und die sich heute noch zu ordentlichen Böen steigern soll.

Gestern habe ich beim Wäscheaufhängen ein Funktionsshirt von „Under Armour“ in der Hand gehabt. Es stammt nicht aus unserem Haushalt. Ich bin mir nicht nur wegen der Größe sicher, sondern auch wegen der Marke. Meine innere Reaktion war: Entsetzen. Aus irgendeinem Grund ist die Marke bei mir sehr schlecht behaftet. Auch die linksalternativ angehauchte Führerin im St.Pauli Stadion zeigte sich (unbegründet) abgeneigt von ihrem Sponsor. Aber warum? Schon im letzten Jahr musste ich meine Vorurteile in diesem Bereich beiseite räumen.

Jetzt also „Under Armour“. Die Marke wurde 1996 von einem College Footballspieler in Baltimore gegründet, weil er unzufrieden war mit der Unterwäsche seines Teams. Das hat er so gut gemacht, das „Nike“ und „Reebok“ die schnelltrocknenden Eigenschaften in eigenen Serien schnell kopiert haben und bis heute nachahmen. Dann haben einige Soldaten die Wäsche für sich entdeckt, um im Wüsteneinsatz ein angenehmeres Klima unter der Uniform zu gewährleisten. Der Name bestand aber schon vorher und hat damit nichts zu tun. Es ging dem Erfinder vielmehr um die Footballrüstung. Darüber hinaus wurden die Hemden den Soldaten schnell wieder verboten, weil sie bei Kontakt mit Flammen sehr gefährlich sind. Ich finde also keinen Grund, die Marke weiter grundsätzlich zu boykottieren. Eigentlich im Gegenteil, hat doch an dieser Stelle ein findiger Student seinen amerikanischen Traum gelebt. Was gibt es daran auszusetzen?

Also manchmal muss ich mit diesen Gedanken viel früher ansetzen. Grundloses Vermeiden und Verurteilen ist grundsätzlich kein guter Ansatz.

Später Vormittag. Der 12. Waschmaschinendurchlauf ist gerade beendet, der Trockner läuft auch. Der Erholungswert meines Urlaubs kann durchaus auch an der Möglichkeit, waschen zu können, gemessen werden. Wenn all die getragenen Kleidungsstücke auf einem Berg landen, dessen Bedrohung mit jedem Tag wächst, weil die begrenzte Zeit und Trocknungsmöglichkeiten zu Hause aus seiner Abarbeitung eine 2-Wochen-Aufgabe machen würden, belastet das ungemein und trübt die Stimmung gegen Ende des Urlaubs. Aber was schreibe ich, wir haben ja noch nicht einmal das Bergfest erreicht!

Treffen der Generationen

Um Wartezeiten zu überbrücken, sitzen Teilmengen von uns gern auf der Terrasse und gucken wahlweise auf das Handy, das Tablet, oder in ein Buch. Selten auch in eine Zeitschrift. Dabei kommt es immer wieder vor, dass die Älteren Fragen haben, die die korrekte Bedienung des technischen Geräts betreffen. Und die Jungen können sie meistens beantworten. Netterweise machen sie sich aber nicht darüber lustig. Wir sind ja schließlich immer noch die Zahler.

Dann wieder findet jemand ein Spiel, dass uns alle gefangen nimmt. Es müssen Fragen beantwortet, oder kreative Lösungen für Rätsel gefunden werden. Und jede Generation kann ihren Teil dazu beitragen.

In der Nahrungsabteilung ist mittlerweile immer weniger Diversität gefragt. Die Bestimmer verzichten auf allzu Exotisches und die Jungen erweitern ihren Horizont mehr und mehr. Das Carnivore und das Vegetarische lässt sich ganz gut kombinieren. Wenn es Fleisch gibt, ist es die Beilage, kann also einfach weggelassen werden.

Bezüglich der Auswahl unseres Reisezieles 2020 zeigen sich die Kinder offener als erwartet. Es könnte also durchaus in südlichere Gefilde gehen. Wir bleiben dran.

Heute hat die nordeuropäische Hitzewelle auch Borkum erreicht. Es weht ein Wind, aber der mutet wie ein Föhn an und bringt wenig Erleichterung. Aus diesem Grund haben nur die ganz Harten das Haus zum reinen Vergnügen verlassen. Einkaufen muss sein, wenn auch nur neuer Lesestoff benötigt wird. Aber alles andere ist heute eine Qual. Die zwei sportlichsten Urlauber haben eine Radtour gemacht. Die war aber wohl recht schweißtreibend. Der Rest saß im Schatten und hat gelesen oder gerätselt.

Zum Abendessen gibt es heute Hamburger. Ein Urlaubsklassiker. Sonst gibt es nicht viel zu berichten.

Bisher wurden drei Bücher beendet und sechs neue gekauft. Der örtliche Buchladen kann bestimmt feststellen, wann wir zu Gast sind. Außerdem funktioniert das Angebot-und-Nachfrage-Prinzip prima. Für alle (sehr unterschiedlich interessierten) Leser ist immer ausreichend neuer Stoff vorhanden. Oder unsere Vorlieben sind im Mainstream angesiedelt. Die Bestseller-Sticker könnten ein Hinweis darauf sein. Oder die beiden Buchhändler teilen unseren Geschmack. Letzteres ist zwar selten, aber ein Geschenk. Es ist viel schöner, aus wenigen guten Werken die nächste Geschichte auszusuchen, als Stunden damit zu verbringen, in einer großen Kettenfiliale Klappentexte zu studieren. Wenn ich dazu gezwungen bin, fällt die Grobauswahl zunächst optisch aus. Spricht mich das Cover an? Ich hätte durchaus Spaß daran, Buchcover zu gestalten. Manche sind wirklich super, andere eine Zumutung.

Im großen Supermarkt funktioniert der Warenkreislauf weniger gut. Derzeit werden so viele Urlauber auf die Insel gespült, da bleibt auf der Fähre offenbar kaum Platz für Lieferverkehr. Diverse Produkte können wir gerade nicht mehr kaufen, weil die Regale DDR-mäßig leer sind und es für mehrere Tage bleiben.

Das ist für uns verwöhnte Stadtmenschen etwas lästig. Und dann noch im Urlaub!

Morgen wurde hoffentlich aufgefüllt und die Temperaturen bleiben niedriger.

Don‘t be a square

Nach so vielen Jahren dauert es nicht lange, bis sich die Urlaubsroutine eingestellt hat. Im Haus hat sich nichts Wesentliches verändert. Ein neues Bild und neue TV-Geräte. Teilweise neue Gläser. Das ist alles, was sich feststellen lässt. Die Waschmaschine und der Trockner lassen äußerlich nach, einige Teile der Verkleidung werden mit Klebestreifen unterschiedlichen Datums fixiert. Aber sie laufen noch, das ist viel wichtiger.

Das neue Bild ist sehr präsent im Wohnzimmer angebracht und es gibt dazu verschiedene Theorien. Vorher hing dort die Fotografie einer Strandimpression. Unauffällig gefällig in einer Nordseeunterkunft. Jetzt hängt dort ein 90×90 großes Acrylgemälde. Schon das Maß ist sperrig. Kein goldener Schnitt. Das irritiert mich irgendwie, weil die Harmonie gestört wird. Darauf zu sehen sind zwei füllige Damen in bunten Kleidern, die Physiognomie nur sparsam gezeichnet. Sie trinken stehend ihren Tee. Eine Momentaufnahme vielleicht zu Beginn einer sommerlichen Teeparty, anders lässt sich die Position nur schwer erklären. Der Hintergrund ist royalblau gehalten, vielleicht ein weiter Hinweis auf eine britische Teeparty unter freiem Himmel. Allerdings tragen die Damen keine Hüte, also möglicherweise doch nur eine Zusammenkunft auf Borkum. Zumindest wäre dann das Lokalkolorit erhalten im Haus. Die Frisuren sind gleichartig, die Haare unterscheiden sich nur farblich. Das werte ich als Folge der Inanspruchnahme eines örtlichen Friseurs. In kleinen Orten ist diese optische Konformität, oder das stillschweigende Einverständnis der Aufgabe der Individualität oft zu beobachten. Kenne ich noch aus meiner Jugend. Die beiden Damen tragen sogar den gleichen Schmuck. Statementketten aus großen Perlen und dazu passende Ohrringe.

Insgesamt sind die Farben grell, was überhaupt nicht ins Interieur des Hauses passt.

Wir vermuten mehrheitlich, dass das Bild entweder ein Geschenk an die Hausherrin war und sie es nicht in ihren selbstbewohnten vier Wänden haben wollte, oder ein Inselkünstler diese Serie geschaffen hat und die Werke nun ohne Gnade auf der Insel verteilt. Gegen Letzteres spricht das fehlende Etikett mit Namen und Preis.

Bei uns Sieben ist, wie bereits erwähnt, Routine eingekehrt. Der jüngste Mann übernimmt zum Frühstück die Eierstation. Der zweitjüngste holt die Brötchen. Der drittjüngste joggt vor dem Frühstück.

Zwei von sieben haben einen Sonnenbrand bekommen am ersten Strandtag. Drei von sieben haben zahlreiche Mückenstiche vorzuweisen.

Wir haben kein Sandspielzeug mitgebracht und hadern jetzt noch damit, ob etwas angeschafft wird oder nicht. Etwa wie die Gretchenfrage, oder in unsere Zeit übersetzt: Die Adventskalenderfrage. Ist es noch altersgemäß und notwendig, einen Adventskalender zu genießen? Oder ist diese künstliche Ausdehnung der kindlichen Weihnachtsvorfreude gegenüber Gleichaltrigen peinlich?

In diesem Jahr befinden sich unsere Strandkörbe direkt unterhalb der DLRG-Station. Dort findet jeden Tag um 14:30 Uhr ein Kinderbespaßungshappening statt. Seit Jahren stets gleich und deshalb können die Kinder flashmobartig mitmachen. In bester amerikanisch-kellnerisch-choreografischer Manier führen wenigstens zwei Rettungsschwimmer einen kleinen Tanz auf, der von einem schrecklichen Ohrwurm untermalt wird. Es ist eine Kinderversion des spanischen Strandhits „Veo Veo“ der Hot Banditoz von 2004. In unserer Version heißt es „Theo Theo“. Und wäre das Stück nicht ohnehin durch die reduzierte Klangfolge und den unvermeidlichen spanischen Trompetenklang sehr nervig und eigentlich nur nach dem Konsum von ausreichend viel Alkohol erträglich, macht es der deutsch-debile Text („Theo, Theo ist fit – und es machen alle mit“ !?!) nur noch schlimmer. In den vergangenen Jahren waren uns die wabernden Klänge aus sicherer Entfernung nicht mehr als eine Zeitansage. In diesem Jahr aber können und müssen wir die Tanzerei aus nächster Nähe mit ansehen.

Ist es jetzt also peinlich, in Sichtweite der Theo-Jünger als ausgewiesene Teenager, für die inzwischen sogar Kurtaxe erhoben wird, mit Plastikförmchen im Sand zu spielen?

Ich sage: Nein. Um einen britischen Kassierer zu zitieren, der uns für einen peinlichen Kitschjulklappbeitrag eine transparente Tüte anbot: „Be proud of it!“

Zweite Heimat

Pünktlich um 10:03 Uhr sind wir auf der Insel angekommen. Damit wir nicht wieder durch die Fußgängerzone fahren müssen, biegen wir in die erste Straße ab, die den Ort umgibt. Wir machen schnell Halt beim Discounter und kaufen Wasser und Sekt, damit wir das nachher nicht schleppen müssen. Passt alles noch in den Wagen – ich scheine wirklich nicht zu viel Zeug eingepackt zu haben. Schon ein paar Minuten später kommen wir im Geusenweg an. Gerade als wir aussteigen und überlegen, was wir mitnehmen, damit wir die Zeit bis zum Nachmittag überbrücken können, kommt aus dem Nebeneingang eine sehr nette Dame. Sie säubert gerade die Nebenwohnung. Unsere Vormieter sind schon am Samstag abgereist. Wir können das Haus gleich betreten! Wie herrlich – also gleich ins Bad und die Hände gründlich waschen. Auf dem Schiff hatte ein kleiner verschnupfter Junge plötzlich Lust, in meine Richtung zu niesen und sich auf meinen Händen abzustützen, als er die Bank heruntergeklettert ist. Ich habe meine Hände zwar gleich noch an Bord gewaschen, aber man weiß ja nie. Eine Erkältung möchte ich jetzt wirklich nicht haben. Gerade gestern habe ich die passende Szene aus der „Känguruh-Offenbarung“ gehört, in der ein junger Vater die Theorie aufstellt, dass die Quelle des Virus, der die Menschheit dahinrafft, nicht etwa aus dem Urwald von irgendeiner Affenart kommt, sondern aus der Kita seines Sohnes. Und ich hatte schon lange keinen direkten Kontakt mehr mit so kleinen infektiösen Kindern….

Nach dem Auspacken und Einräumen haben wir uns auf die Terrasse gesetzt und ich habe Willy aufgepustet. Der musste dann schnell in die Garage ziehen, weil so ein starker Wind wehte. Anschließend sind wir in den Ort aufgebrochen, um für das Abendessen einzukaufen und die Glückstädter am Bahnhof abzuholen. Leider hatten wir es in den letzten Wochen nicht geschafft, uns für die Detailplanung noch einmal zu treffen. Wir hatten uns also eine Weile nicht gesehen. Es stimmte jetzt alles: Urlaubsstart, bestes Wetter, endlich alle angekommen – herrlich!

Aufgrund mangelnder Kommunikation wurde heute noch eine dritte Flasche Gin gekauft. Deshalb müssen wir wohl noch heute anfangen zu trinken. Sonst bieten zwei Wochen nicht genug Abende. Vielleicht gibt es aber auch erst einen Sekt. Das ist schließlich Tradition. Mit der Tradition des Strandbesuches am ersten Abend habe ich heute gebrochen. Ich bin zu müde und möchte dem lädierten Zeh Gesellschaft leisten. Die Wettervorhersage kündigt allerdings für die nächsten Tage noch weitere schöne Sonnenuntergänge an. Ich verpasse also nichts.

Durch die Gartenhecke besucht uns in diesem Jahr immer mal wieder ein kleines Kaninchen. Sehr süß. Es frisst den unteren Bereich der Hecke, ist ansonsten aber leider recht schreckhaft. Daran müssen wir noch arbeiten. Vielleicht haben die Vormieter es gefüttert? Könnten wir auch probieren.

Die erste Waschmaschine läuft bereits. Ein andauernder Kreislauf und eigentlich ein Graus, wenn im Urlaub keine Waschmaschine zur Verfügung steht. Dann sind die Berge nach der Rückkehr so groß, dass ihr Abbau mehrere Tage in Anspruch nimmt. In Schottland zum Beispiel kann man an der Tankstelle waschen, um eben das zu verhindern: