Syrakus

Den vierten Tag werden wir in Syrakus verbringen. Die ersten beiden Städte haben mich schon derart begeistert, dass ich fast ein wenig fürchte, meine Erwartungen an Syrakus könnten zu hoch sein. Einst war die Stadt groß und mächtig. Cicero beschrieb sie als die schönste aller griechischen Städte, Platon lehrte hier Philosophie. Am Ende der punischen Kriege hat Rom den Sieg davon getragen und nach längerer arabischer Herrschaft ist Sizilien und damit Syrakus heute italienisch. Der orientalische Einfluss ist aber unübersehbar, hat er doch Zitrusfrüchte und Mandeln hier heimisch gemacht. Die Fahrt in die Stadt bereitet uns schon auf die vielen Jahre Geschichte vor. Alles trägt einen Staubschleier und macht einen morbiden Eindruck. Alte Kultur immer noch allgegenwärtig. Das ist schon unvergleichlich und ein krasser Gegensatz zu den modernen nordeuropäischen Metropolen in Skandinavien. Unser Ziel ist der Markt am Eingang von Ortigia, dem Altstadtkern in Inselform. Die ganze Altstadt ist von Meer umgeben und es führten Brücken dorthin, die man aber teilweise nicht mit dem Auto befahren darf. Machen wir im Trubel trotzdem unfreiwillig und erwarten nun einen saftigen Strafzettel. Aber gut, dafür bekommen wir einen schattigen Parkplatz und unterstützen mit unserem Bußgeld sicher den Erhalt der historischen Bauten. Eine Kulturabgabe also, das klingt gleich viel besser. Und im Prinzip jeden Euro wert. Diese Stadt ist wahrlich beeindruckend! Der Markt ist vielleicht touristischer als noch vor Jahren. Aber hier kann man eine überbordende Vielfalt an Gewürzen, Früchten und Gemüse, Fisch und anderen Spezialitäten mit allen Sinnen genießen. Wunderschöne Farben soweit das Auge reicht. Die Gerüche lassen mich erahnen, dass die Sizilianer noch mehr Liebe zum Essen empfinden als es in Italien ohnehin schon der Fall ist. Ich verstehe nicht was sie sagen, aber die Marktleute preisen ihre Waren so hinreißend an, als liefe ich durch eine klischeehafte Filmkulisse. Wenn ich doch nur mehr kaufen könnte, weil ich am Abend viele Gäste bekochen würde. Hier blieben keine Wünsche offen.

Nach dem Flanieren durch die Marktreihen setzen wir uns an die Hafenpromenade und genießen den Ausblick auf das Treiben auf dem Wasser. Im Augenblick liegt ein Kreuzfahrtschiff am Kai, dass am Morgen etwa 5000 Menschen an Land gespült haben sollte. Das große Schiff stört die Idylle durchaus. Aber die vielen Passagiere scheinen überwiegend weiter entfernte Ziele angesteuert zu haben. Viele Gruppen begegnen uns nicht. Auf bequemen Lounge-Möbeln genießen wir eine Auswahl an Stuzzichini und kühlen Drinks. Die Bestellung war eine spontane, fast übermütige Laune, die wir später mit einem erstaunlich hohen Betrag vergüten müssen. Aber es schmeckt vorzüglich und deshalb schieben wir die Scham beiseite. Wo sonst könnte man das süße Leben und die Dekadenz so feiern wie in dieser Stadt!

Nach dem Spaziergang zum Castello Maniace, einer militärischen Festung an der Inselspitze laufen wir zur zentralen Kathedrale. Die große Kirche enthält noch viele Teile eines alten Tempels. Dort vereinen sich viele Jahrhunderte Geschichte und dürfen im Einklang bewundert werden. So eine behutsame Vereinnahmung verschiedener historischer Werte hätte ich der katholischen Kirche vom Mittelalter bis zur Neuzeit nicht zugetraut. Anschließend trennen sich unsere Wege, denn wir wollen die Altstadt mit unterschiedlichen Schwerpunkten besichtigen. Ich schlendere durch die Straßen und Gassen und erfreue mich an der durch und durch italienischen Architektur, den Fensterläden, den Balkonen und den kleinen Lädchen, die zahlreich in den Erdgeschossen betrieben werden. Hier wirkt alles sehr geschmackvoll, selbst der heftigste Kitsch ist in den alten und engen Gemäuern schön anzusehen und wird geradezu aufgewertet. In einem winzigen Geschäft möchte ich eigentlich ein Souvenir kaufen. Aber gerade als ich mich mit meinem Fund zur Kasse vorarbeite, breitet der Inhaber, offenbar ein frommer Muslim, seinen Gebetsteppich aus und beginnt zu beten. Dabei möchte ich nun wirklich nicht stören, stelle die Ware wieder zurück und verlasse die Räumlichkeit. Hier ticken die Uhren einfach anders. Ich bin erstaunt und freue mich gleichzeitig über die unzähligen Eindrücke, die ich heute genießen durfte. Jeder Tag auf Sizilien ist ein außerordentliches Vergnügen, an jedem Ort denke ich, dass ich mich gar nicht sattsehen kann und notiere mir im Geiste, dass ich unbedingt wiederkommen möchte.

Filmkulisse

Am dritten Tag geht es nach Noto. Meine Erwartungen sind hoch, weil dieser Stadt ein Ruf vorauseilt. Sizilianische barocke Architektur, die noch heute gern für Kinoproduktionen genutzt wird, weil man nach einem großen Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts alles wieder aufgebaut hat, ohne viel Neues hinzuzufügen. Das ist so schön wie bemerkenswert, denn an den Titel Weltkulturerbe hat damals sicher noch niemand gedacht. Die Zufahrt zur Stadt ist so karg und staubig, wie ich es von ganz Sizilien erwartet habe, es aber bisher nicht war. Zumindest die Küste kommt viel grüner daher als es mir Nordeuropäerin klar gewesen ist.

Es gibt zwar einen Lido di Noto, aber zu sehen ist das Meer aus dem Ort heraus nicht wirklich. Das macht aber nichts. Hier spielt die Vergangenheit die Hauptrolle. Wir parken vor den Toren des Stadtkerns und laufen eine verblüffend erhitzte Gasse hinab. Erstaunlich, weil heute eigentlich gemäßigte Temperaturen angesagt sind. Ich bekomme ein vage Vorstellung davon, was die Menschen hier im Hochsommer aushalten und habe größtes Verständnis für den vollkommen anderen Biorhythmus der Sizilianer, die am späten Vormittag in ihren Häusern verschwinden. Wir aber erkunden die Stadt, die hält, was mir versprochen war. Es ist wie eine stadtgewordenen Version der Asamkirche in München. Nur eben viel heller in typisch sizilianischem Farbton. Es gibt eine Hauptstraße, von der wieder hübsche Gassen nach links und rechts abgehen. Eine dieser Sträßchen, die Via Nicolaci, ist jedes Jahr im Frühling Zentrum der Infiorata, einer jungen, aber nicht weniger stolzen Veranstaltung, mit der das schöne Noto einem breiten Publikum vorgestellt werden soll. Auf der gesamten Fahrbahn wird ein farbenfroher Blumenteppich ausgebreitet, was ohne Zweifel ein echtes Spektakel sein wird.

Außerdem gibt es mehrere Plätze mit mondänen Bauwerken auf beiden Seiten. Kirchen, Kathedralen, Regierungsgebäude, eines schöner als das andere. Und alle haben offene Portale, man darf also hineinschauen. Der größte Dom war in den 90er Jahren aus Altersgründen und wegen Materialermüdung eingestürzt. Beeindruckende Fotos erinnern daran. Heute ist die Restauration abgeschlossen und das Innere ist mit neuen Fresken versehen worden. Etwas sparsamer als noch im Jahre 1703, aber dafür mit Würdigungen der Landbevölkerung und ihrer Arbeit.

Die Stadt ist der Inbegriff des Pittoresken, der Spaziergang quer durch den Stadtkern versetzt tatsächlich zurück in Filme wie den Paten, Cinema Paradiso oder Fahrraddiebe.

Da wir während unserer Reise auf die Ortskenntnisse einer echten Sizilienkennerin zurückgreifen können, die noch dazu eins ist mit dem sizilianischen Verkehr, machen wir nach dem Stadtbummel einen kleinen Abstecher zum einem wunderschönen Strandgebiet, das nur wenige Minuten entfernt liegt. Es ist ein geschützter Küstenabschnitt, für dessen Besuch wir zwar auch am fortgeschrittenen Nachmittag noch Eintritt zahlen müssen, der aber vollkommen naturbelassen ist. Eine Aneinanderreihung von kleinen lagunenartigen Buchten ohne Strandliegen, Schirme oder andere Spuren der touristischen Zivilisation. Hier lassen wir die Sonne untergehen und machen uns anschließend auf den Heimweg.

Weil es schon spät ist, fragen wir im Hotel nach einem freien Tisch. Den gibt es auch, da aber bereits eine große Reisegruppe angemeldet ist, müssen wir unser Menü aus den verbliebenen Resten zusammenstellen. Es gibt noch ein wenig Fisch oder ein Schnitzelgericht. Während das Frühstück im Hotel durchaus vielseitig ist, überzeugt uns das Hotelessen gar nicht. Es fällt das Wort „Kantinenqualität“. Da ich eine hervorragende Kantine gewohnt bin, ist das nicht automatisch ein schlechtes Urteil. Aber dennoch stimme ich überein, dass diese Wahl einmalig war und wir in den nächsten Tagen auf jeden Fall wieder authentisch italienisch essen möchten.

„Goethe war gut,…“ R.C.

Für den Sonntag planen wir einen sanften Start mit einer vergleichsweise kurzen Fahrt nach Taormina. Einer kleinen Stadt auf dem Küstenhügel mit Blick auf die Bucht von Naxos oder Schisò. Eigentlich ist das sogar das Gleiche. Auf der Suche nach der Bedeutung des Namens Schisò hilft, wie auf Sizilien naheliegend, die Historie. In Naxos tragen eine lange Straße und eine alte Burg an der Küstenstraße diesen Namen, der es unserer Navigationsstimme unmöglich macht, ihn italienisch korrekt auszusprechen. Es ist aber einfach nur eine Verballhornung des Ursprungs: Naxos. Ein schlechtes Schriftbild und nuschelnde Einwohner, also stille Post auf mehreren Ebenen, haben zum heutigen Schisò geführt, das einfach parallel genutzt wird.

Jedenfalls sehe ich aus dem Autofenster nur einige Felswände und werde durch die Serpentinen gewogen, bis wir in einem Parkhaus zum Stehen kommen. Ein schnödes Parkhaus, frevelhafterweise direkt in den Felsen betoniert, aber dennoch mit einem Ausblick auf die Küste, der jeden Gebühreneuro wert ist. Ein vielversprechender Start. Schon Goethe hatte auf seiner italienischen Reise Ende des 18. Jahrhunderts in Taormina Station gemacht. Zu der Zeit hatte das Städtchen an jeglicher Bedeutung verloren und der Aufschwung durch den Tourismus ließ noch eine Weile auf sich warten. Aber Goethe hatte nach bester Liberal Arts Tradition ohnehin eher naturwissenschaftliches Interesse an Sizilien. Er war hier auf der Suche nach der Urpflanze. Die Suche danach hat unseren Notar übrigens knapp 230 Jahre später zu seinem what-if-Öko-Thriller „Der Wald“ inspiriert. Die Kritiken zu diesem Buch sind zwar gemischt, aber ich habe die gut recherchierten geschichtlichen Zusammenhänge mit Freude gelesen und lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster, wenn ich schreibe, dass ihm die Verpackung von Fakten und Zahlen eine Spur besser geglückt ist als dem trotzdem unvergleichlichen Dan Brown. In Browns Geschichten sind die Protagonisten zu solch unmenschlichen Leistungen imstande, wie sie ein ausgebildeter MI6 Agent auch nicht schlechter zu erbringen vermag und das irritiert mich irgendwie. Aber zurück zu Goethe. Er hat befunden, dass die Natur- und Kunstgesetze von den Italienern am vollkommensten im Einklang gebracht wurden. Sein Reisebericht ist geschmückt von Sätzen wie: „Eine Wirkung der Natur hingegen wie der Sonnenuntergang […], ein Werk der Kunst […] machen mir tiefen und bleibenden Eindruck.“

Wir steigen nun also auf diesen Spuren die Stufen zur historischen Innenstadt hinauf. Und vom ersten Moment an nimmt mich diese malerische Stadt gefangen. Eine sandsteinfarbene Mischung aus Lüneburg (dunkler), Lübeck (weitläufiger) und Edinburgh (opulenter). Was aber keine dieser schönen Vergleichsstädte hat, ist der Blick auf das türkisfarbene Ionische Meer. Durch viele kleine Gassen und auf den meisten Plätzen ist dieser Blick möglich und legt einen wohligen Mantel voller Lebensfreude auf das Gemüt. Schwer vorstellbar, dass hier schlecht gelaunte Menschen ihrer Wege gehen. Wir sind auch nur ein wenig despektierlich amüsiert, dass bis ungefähr 17 Uhr diverse Kreuzfahrergruppen gelegentlich für etwas Stau sorgen. Fairerweise tragen sie alle Kopfhörer als Zugeständnis an Einheimische und Individualreisende. So hören nur sie die Ausführungen der Fähnchenträger, die vorangehen. Wir streifen durch die Corso Umberto, eine prachtvoll historische Straße ohne Autoverkehr und voller entzückender Lädchen, von denen manche Weltruhm haben und andere wahrscheinlich seit Generationen familiengeführt werden. Selbst bekannte Designermarken halten sich in der Präsentation zurück, um das Stadtbild nicht mit schriller Leuchtreklame oder großen Buchstaben zu stören.

Zwischendurch wird der Straßenverlauf von kleinen Plätzen mit Kirchen oder Brunnen unterbrochen. Auf diesen Plätzen blühen viele Bäumchen und Sträucher in einer Üppigkeit, die für mich gar nicht nach Ende Oktober aussieht. Vielleicht war der Sommer feucht, denn hier wirkt nichts ausgedörrt.

Unser Weg führt uns zum Teatro Antico, einem altgriechischen Amphitheater. Man nennt diese Theater mit runden Zuschauerrängen Amphitheater, weil die Sitzreihen um die Bühne herum (amphi) angelegt wurden. Hier allerdings muss jede Aufführung mit einem sagenhaften Küstenblick konkurrieren. Direkt hinter der Bühne ist ein freier Blick auf die Bucht möglich. Wer weiß, vielleicht ist deshalb kaum Mühe für ein überzeugendes Bühnenbild notwendig und die Künstler untermalen den Ausblick mit ihrem Gesang oder Schauspiel. Abwenden kann ich meinen Blick jedenfalls nur schwer. Blimey! diese Farben müssen jeden Maler nervös werden lassen. All die Besucher hier knipsen davon Bilder ohne Unterlass. Kurz frage ich mich, wie mühevoll es wohl gewesen ist, diese Stadt und das Theater aufzubauen. Die Steine sind ganz schön groß und werden hier wohl nicht bereits passend geformt gelegen haben.

Zum Auto zurück gehen wir den gekommenen Weg noch einmal zurück und kehren auch zum zweiten Mal in das eine oder andere Geschäft ein. Jeder ersteht ein kleines Souvenir, dass uns in der nördlichen Heimat sicher an diesen schönen Tag zurückdenken lässt. Mit einem Lächeln fahren wir den kurzen Weg zurück nach Naxos und genießen unser Abendessen wieder in der Lanterna. Es ist erneut köstlich und das Diskomobil ist ebenfalls wieder unterwegs.

Sizilien im Herbst

Die letzte Oktoberwoche verbringen wir in Italien, genauer gesagt auf Sizilien. Es ist mein erster Besuch auf dieser geschichtsträchtigen Insel. Ich bin also gleichermaßen gespannt und voller Vorfreude. Es gibt eine Menge Orte, die ich besuchen möchte. Für die Anreise müssen wir erst einmal sehr früh aufstehen. Um 3 Uhr werden wir abgeholt und machen uns auf den Weg zum Flughafen. Das Terminal ist voller Urlauber, aber trotzdem läuft alles wie am Schnürchen – Self Drop und Sicherheitsschleuse sind so schnell erledigt, dass wir noch Zeit für ein kleines Frühstück haben. Auch der Zeitschriftenhandel öffnet seine Pforten und ich kaufe das aktuelle Exemplar eines namhaften Musikmagazins, weil ein junger ehemaliger Bundespolitiker darin jetzt eine Kolumne bestückt und die sei laut Kritik äußerst lesenswert. Der Flug verläuft angenehm ruhig und auch die Empfangnahme unserer Mietwagen ist wesentlich unkomplizierter als seinerzeit in der Toskana. Ich finde mich schnell im Fond eines recht neuen VW Polos wieder, der in Rauchgrau lackiert ist. Leider tragen die Lackfarben seit Jahren nicht mehr so schöne Namen wie Dragongreen oder Mexikobeige. Aber ich sitze ja nur darin. Ich werde gefahren und genieße es, während der Fahrt die Umgebung ausgiebig betrachten zu können. Der anmutige Ätna, dem sich hier alles Leben unterordnet, wie es im Reiseführer steht, wird in den kommenden Tagen immer ein optischer Fixpunkt sein und bietet in jedem Tageslicht einen majestätischen Anblick mit seinem rauchenden Schlot.

Unser Grand Hotel ist sehr schön. Eine gediegene und dunkle Einrichtung mit charmanten Kontrasten wie einem britisch-blumigen Fliesenschild im Bad, sowie einer riesigen 90er Jahre Kunststoffsonne als Kopfteil am Bett. Die übrigen Räume und Hallen sind farblich stimmiger gestaltet und versprühen echtes mediterranes Flair. Aus dem Frühstücksraum beispielsweise lassen große türkisblaue Panoramafenster den Blick über das Mittelmeer schweifen.

Nach einem primi piatti snack und kühlen Cocktails erkunden wir den Ort Naxos. Naxos war die erste griechische Kolonie auf Sizilien und ist deshalb fast 3000 Jahre alt. Neben dem morbiden Charme, der sich durch ganz Italien zieht, tropft hier wirklich aus jeder Felsspalte Geschichte. Und die Italiener verstehen sich gut darin, diese vielen Jahre und ihre Geschichten zu bewahren. Neubauten fügen sich klaglos ein und lassen alten Säulen und Steinen ihren Raum. Schon deshalb haben italienische Hafenstädchen eine unverwechselbare Atmosphäre. Sonnengegerbte Menschen, die ihrem Tagwerk nachgehen oder knatternde Zweiräder ergänzen das so klischeehaft wie selbstverständlich.

Am frühen Abend nehmen wir unser Abendessen im La Lanterna ein. Für uns ist es schon spät, für die Einheimischen startet der Samstagabend jetzt erst. Wir sind also eine Weile noch fast allein in diesem launigen Lokal mit Blick auf die Küste, deren sandsteinfarbene Gebäude nach dem Sonnenuntergang nun beleuchtet funkeln und sich im Meer spiegeln. In regelmäßigen Abständen fährt ein silberner Kleinwagen am Kreisverkehr entlang und beschallt die Umgebung mit Diskomusik. Das ist recht amüsant und das Essen ist hervorragend, die Kellner gerade richtig gesprächig und so fallen wir nach dem kurzen Spaziergang zum Hotel müde, aber zufrieden in unsere Betten.

Streets of London

London! Nach einigen Hürden sind wir wieder hier. Wie herrlich.

Unsere angeblich bezaubernde Unterkunft mit Garten hatte uns am Nachmittag vor der Anreise leider abgesagt. Sofort startete der mühsame Erstattungsprozess, bei dem sich alle beteiligten Parteien die Zuständigkeit hin- und herschieben. Aber es wird schon abgewickelt werden. Ich konnte bereits in meinem Sinne positiv klingende Satzelemente im Schriftverkehr ausmachen. Das findet inzwischen alles nur noch in meinem Mobiltelefon statt und soll mich nicht mehr belasten. Wichtiger war natürlich das Finden einer Ersatzunterkunft. Gar nicht so einfach, obwohl wir natürlich gar nicht mehr auf unseren Heimathafen Earls Court fixiert waren – Hauptsache innerhalb der Stadtgrenzen. Wir sind dann aber doch noch hier fündig geworden. Ein kleines Hotel in einer Seitenstraße voller kleiner Hoteleingänge. Für Architekten muss das ein Spezialgebiet sein, kleine urbane Hausscheiben in Hotels umzufunktionieren. Es gibt lange schmale Flure, noch schmalere Treppen und auf halber Treppe Zwischentüren, die den Weg zu drei oder sogar vier Zimmern weisen. Manche dieser Zimmer haben keine Fenster, was erstaunlich auf die Stimmung drückt. Vielleicht müssen wir noch ein Poster aufhängen, um etwas aufzuheitern am Morgen. Im unwesentlich größeren Doppelzimmer gibt es sogar einen Zugang zu einem Balkon in den Hinterhof. Der Balkon bietet Blick auf Mülltonnen und einen winzigen Stadtgarten mit Grün und Katze, die dort auf einem Vordach döst. Nicht übermäßig idyllisch, zumal Klimaanlagen und Kabellage auf der Sitzfläche verlegt wurden. Aber dennoch verleiht die Außenfläche ein gutes Gefühl, weil die Enge des Schlafraumes dem Aufenthalt viele Fertigkeiten und Organisationserfordernisse abverlangt, wie sie etwa beim Camping gefragt sind. Hier führte Nachlässigkeit und mangelnde Kompromissbereitschaft unweigerlich zu Chaos. Dinge werden herausgesucht, benutzt und anschließend wieder sorgsam verräumt. Es zahlt sich aus, dass die Rollenverteilung nach so vielen Jahren klar ist und jeder sich fatalistisch fügt. Die Nacht war durchwachsen, weil die Klimaanlage nicht funktioniert, die Heizung dagegen sehr gut und wir uns nur trauen, die Tür zwischendurch immer mal ein paar Minuten zu öffnen. Man kann sie nicht kippen und geöffnet hätten die tierischen Hinterhofbewohner der Stadt freien Zutritt. Das scheint uns wenig verlockend.

Aber genug davon – wir sind in London! und verbringen in den Zimmern nur die Nächte. Gestern Abend haben wir noch einen kleinen Orientierungsspaziergang gemacht und den Stadtteil begrüßt. Dabei haben wir eine pittoreske Straße entdeckt, in der einige orientalische Lokale einladen und die jeweils aussehen wie entzückende Filmsets. Es ist nur ein bisschen Liebe bei der Gestaltung erforderlich, um dem morbiden Charme alter Stadthäuser so ein symptomatisches Flair zu verleihen. Wir nehmen uns vor, hier auf jeden Fall einmal einzukehren. Für den ersten Abend hatten wir uns aber vorgenommen, den Urlaub mit Pubfood einzuläuten und so suchen wir uns einen Pub, die diese Gegend zahlreich bietet. Wir genießen Fish&Chips, Steak&Ale Pie und eine Auswahl moderner Snacks mit Orienteinfluss.

Um ehrlich zu sein, war auch schon die Anreise maximal entspannt und hat die Aufregung des Vorabends vergessen lassen. Zwar sind wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Flughafen gefahren, weil die Parkgebühren so unverschämt wie absurd sind, wenn man erst am Abend vorher bucht. Aber das war im Prinzip einwandfrei zumal pünktlich. Am Flughafen war der Schalter bereits geöffnet und dank unserer Business-Klasse-Buchung wegen vermeintlicher Beinfreiheit konnten wir am Schalter wie auch an der Sicherheitsschleuse ohne jegliche Wartezeit abgefertigt werden. Die gewonnene Zeit haben wir zuerst im Duty Free Duftbereich verbracht. Dort habe ich endlich, aber auch leider einen lang gesuchten Duft von verlorenen Kirschen getestet. Er riecht ganz wunderbar, ist aber schrecklich teuer. Ich fürchte, ich müsste öfter fliegen, um ihn zu inhalieren. Anschließend haben wir in der Business Lounge ein paar Drinks zu uns genommen. Man kann sich dort alle möglichen Cocktails mischen, wir hatten Apérol Spritz und Campari-Orange sowie Kaffee und Softdrinks. Aus einem Zapfautomaten hätten wir Jägermeister-Orange entnehmen können. Man stelle sich das vor. So angesagt, dass es dafür einen Automaten gibt.

An Bord des Flugzeugs haben wir dann ein tolles Cream Tea Tablett bekommen, weil wir ja am Nachmittag geflogen sind. Was für eine stimmige Einstimmung. Es war nicht nur sehr schmackhaft, sondern auch ein kleiner optischer Vorgeschmack auf die kommenden Platzoptimierungsanforderungen. So hat alles seine schöne Ordnung.

Das Nichts und Alles

Ist es in der unendlichen Geschichte doch eine dunkle Bedrohung, obwohl es nur das ist, was übrig bleibt, wenn den Menschen die Fantasie ausgeht, für mich ist es in diesen Tagen etwas Erstrebenswertes. Ich sehne mich danach. Ich möchte in meinem schönen Zuhause dem Müßiggang frönen. Ich möchte schlafen, wann immer mir danach ist. Ich möchte lesen, bis der Bücherstapel abgearbeitet ist, der sich in den letzten Monaten aufgetürmt hat. Aber mir fehlt die Zeit. Und weil ich das erkannt habe, bleibe ich in der Welt von Michael Ende. Sechs Jahre vor der unendlichen Geschichte veröffentlichte er 1973 das Märchen von Momo und ihrem Kampf gegen die grauen Herren von der Zeitsparkasse. Sie sollten die Menschen dazu bringen, ihre Zeit zu sparen. Dabei vergaßen sie aber, im Jetzt zu leben und das Schöne im Leben zu genießen. Eigentlich ein realistisches Problem und allgegenwärtiger als mir lieb ist. Das letzte Jahr ist unheimlich schnell vergangen und war zuletzt geprägt von zu vielen Abschieden, Krankheiten und Versäumnissen. Das soll ein Ende haben, worauf ich jedoch nur eingeschränkten Einfluss habe. Was ich aber zu steuern versuche, ist der Vergnügungsfaktor. Kunst und Kultur sind meine Musen – vielleicht ein Widerspruch in sich, aber das schafft mir den Übergang zum vergangenen Wochenende. Das lag im Zeichen der organisierten Klänge. Ich habe zwei Konzerte mit vollkommen unterschiedlichen Musikdarbietungen genossen.

Am Freitagabend durfte ich recht spontan ein Violinkonzert in der Elbphilharmonie besuchen. Das dort beheimatete Philharmonie Orchester hat ein Konzert von Edward Elgar und eine Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch gespielt. Dirigiert hat das Ganze Andris Poga, ein in der Szene namhafter Lette, der in seinem asiatischen Gehrock wunderbar anzusehen war. Elgars Violinkonzert im ersten Teil hat ihm und den Musikern zwar auch einiges abverlangt, aber der Schweiß floss erst im zweiten Teil so richtig. Im Hamburger Konzerthaus ist man der Bühne und damit dem Geschehen von fast jedem Platz aus sehr nahe. Das ist überaus spannend. Dem Spiel ist anzusehen, dass es sich dabei um Arbeit handelt. Zu beobachten, wie die Streicher ihre Bögen auf einen Wink des Dirigenten hin choreografiert fliegen lassen, ist eine große Freude. Mit welchem langen Atem die Bläser ihren wunderschönen roten und goldenen Instrumenten nicht enden wollende Melodien entlocken, ist nicht weniger faszinierend. Die Sinfonie von Schostakowitsch war wie angekündigt keine seichte Unterhaltung. Aus fast jeder Note drang die Schwere des repressiven Leids, dass der Komponist unter Stalin erdulden musste. Trotzdem habe ich gern zugehört, denn Schönheit und Hoffnung haben sich nicht vollkommen verdrängen lassen.

Am Samstagabend haben mich Gin Kiss auf eine Zeit- und Weltreise mitgenommen, die ich wieder sehr genossen habe. Nur wenige Künstler habe ich bisher mehrfach live gesehen und gehört. Ich bin froh, dass es bei Gin Kiss anders ist, denn es ist mir stets eine wohlige Freude, Stücken zu lauschen, die ich kenne und die ich auch in der unvergleichlichen Interpretation dieser farbenfrohen Combo schon einmal gehört habe, schließlich gibt es auch immer wieder Neues zu entdecken. Mal ist es ein neuer Twist, eine kleine Variation oder ein neues Instrument, das mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Der Konzertsaal war kleiner als gewohnt und ich hatte einen Platz in der ersten Reihe. So nah war ich den Künstlern wohl noch nie. Direkt vor mir stand das funkelnde Schlagzeug in hochglänzendem Erdbeerrot. Da kann man den Blick kaum abwenden. Vorn in der Mitte stand ein Tischchen mit Getränken und außerdem einem kleinen rätselhaften goldenen Damenschuh, dessen Sinn sich mir bisher nicht erschlossen hat.

Was auch funkelte, war der Pianist. Er trug sehr glamouröse Show-Jacketts in nicht weniger als drei Farben. Insgesamt muss ich wieder feststellen, dass dem gesamten Arrangement ein professionelles Flair innewohnt, das in seiner Präsentation außerordentlich charmant daherkommt. Ich habe jeden der zweiundzwanzig! Songs sehr genossen. Das größte Vergnügen aber bot mir wieder Nino Ferrers „Le sud“, Mein absoluter Lieblingssong und ein Bote des Sommers – möge er bald Einzug halten.

Herausforderungen des Alltags

muss man sich zu jederzeit stellen. Mal fällt das leichter und mal ist es schwer. Manchmal ist man auch einfach den Rahmenbedingungen ausgeliefert.

Das Einkaufen am neuen Wohnort stellt mir immer noch einige Hürden in den Weg. Ich bin noch nicht zufrieden mit dem Ablauf und den Ergebnissen. Ich hatte mich leider zu lange schon an überaus komfortable Bedingungen gewöhnt. In nächster Nähe steht ein Supermarkt zur Verfügung, dessen Ruf ihm vorauseilt. Die Dachmarke steht für eine uneingeschränkte Produktpalette und Qualität. Das mag auch auf diese Filiale zutreffen, aber ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. Angefangen beim Parkplatz, den ich nur kontraintuitiv anfahren kann, weil er von Einbahnstraßen durchzogen ist. Dann muss ich dort auch gleich daran denken, einen Einkaufswagen mitzunehmen, die nur an wenigen ungünstig gelegenen Stellen gesammelt werden und bis in den Markt zwei Bordsteine überwinden müssen. Zum Auto führt auch kein direkter Weg. Im Markt ist es dann sehr voll und eng. Und leider zu jeder Tageszeit gut besucht. Also ist der Einkauf durchaus zeitaufwendig. Einige Male bin ich auf einen Supermarkt im Nachbarort ausgewichen. Dort ist auch alles viel ruhiger und ich muss weniger Hindernisse überwinden. Aber es ist eine Anfahrt von mehreren Kilometern erforderlich, die irgendwie absurd erscheint. Nun hat im Ort eine zweite neue Filiale eröffnet. Großzügiger Parkplatz, luftiger Innenausbau. Bisher auch weniger Kunden zu verschiedensten Tageszeiten. Und zur Hälfte Einkaufswagen, die dem demografischen Wandel geschuldet sind, die ich aber ebenso schätze, weil ich relativ klein bin und sich Jackenknöpfe in diesen Gittern nicht verhaken. Das könnte also etwas werden.

Auch Gegensätze machen den Alltag spannender. Ich musste ein knapp 60 Jahre altes Gebäudedokument in einer Behörde einsehen. Die betreffende Amtsstube scheint im Jahr 2024 wie aus der Zeit gefallen. Düstere raumhohe Regale voller Papierakten. Zwischen den Regalschluchten teilen sich Beamte den Schreibtisch mit Aktenbergen, Kaffee- und Aschenbechern. Wie eine inszeniertes Arrangement kommt es mir vor. Mit einer digitalen Kopie meines Dokumentes verlasse ich diesen seltsam nostalgischen Ort und warte am Hauptbahnhof auf meinen Zug in den Heimatort. Der Hauptbahnhof wird gerade einer kleinen Auffrischung unterzogen und auch digitaler ausgestattet. Es gibt keine Wagenstandsanzeiger im Schaukasten mehr. Es gibt neue, großzügigere Anzeigetafeln an den Gleisen, die alle Informationen darstellen. Und ein Wagenstandsanzeigerangebot für das Mobiltelefon, das ja sowieso jeder mit sich führt. Generell gefällt mir das gut, auch wenn mich die immer weiter steigende Abhängigkeit von Gerät und Netzqualität besorgt. Was mache ich bloß im Fall eines Falles?

Heute am Feiertag breche ich auf zu einem Kurzurlaub in München. Wir fahren mit dem Zug, einem ICE der neuesten Generation, der in Hamburg aber dennoch mit einem schrillend schallenden Ton abgepfiffen wird. Schön. Die Fahrt wird lang, aber in der ersten Klasse heute sehr entspannt. Viele freie Plätze, kein Gedränge oder Stress. Kurz vor Kassel ist die Landschaft endlich etwas hügeliger und bietet viele hübsche Ausblicke. So schön der Norden ist, der tägliche Blick aus dem Zugfenster wird für mich erst an der Hamburger Stadtgrenze interessant. Bis dahin breiten sich nur bedauernswert gleisnahe und wahrscheinlich deshalb vernachlässigte Gärten und landwirtschaftliche Flächen vor meinen Augen aus.

In München erwartet uns Kultur satt, für die im heimischen Alltag leider wenig Zeit bleibt. Obwohl ich vor Kurzem ein Konzert in einem kleinen Café besucht habe. Die Lokalzeitung beschrieb es mit: „Ben Heuer und Liam Blaney begeistern mit Livemusik in kuscheliger Runde.“ Klein und familiär war es wirklich in dem Café. Es war nur teilweise bestuhlt, weil die Stühle einfach nur in begrenzter Anzahl vorhanden sind. Da ist noch Luft nach oben. Aber die Musiker, ein weltmeisterlicher Virtuose an der Mundharmonika und ein halbirischer TV-Casting-Finalist haben alle provisorischen Widrigkeiten an die Wand gespielt. Bis zu ihrer Interpretation von Adeles „Make you Feel my love“ hielt ich das für unkopierbar. Die beiden boten mir allerdings eine wunderbare Version, die Bilder von sattgrünen Wiesen an der Steilküste vor Dublin erzeugt haben. Schönes kleines Konzert in der schönen Heimatstadt mit bestem Unterhaltungswert. Unter anderem wurde ein erforderlicher Saitenwechsel mit spontaner A-Capella-Einlage überbrückt. Wann bekommt man schon so eine charmante Panne geboten.

Lazy sunny afternoon

Das erste sommerliche Wochenende des Jahres. Die Medien haben es seit Mitte der Woche angekündigt und werden nicht müde, darüber mit vielen Tipps zum Zeitvertreib, aber auch einiger Sorge zu berichten. Für Anfang April ist es wohl doch zu warm. Als meine Nichte vor vielen Jahren geboren wurde, haben wir zwar auch geschwitzt, es war allerdings schon Ende April.

Ich habe diesen Tag jedoch in vollen Zügen genossen. Zuerst habe ich ausgeschlafen, denn ich hatte keine Termine und hier in der nördlichen Provinz ist es ohne Probleme möglich, den Einkauf gemütlich am Nachmittag zu erledigen. Ich muss nur den richtigen Supermarkt ansteuern, in dem die Meute bereits am frühen Morgen alles erledigt hat. So, wie ich es auch in Hamburg zu tun pflegte. Mag sein, dass die schönsten Möhren am Nachmittag verkauft sind, aber ich finde auch unter den verbliebenen noch einige kleinere Exemplare, die uns beiden genügen.

Am späten Vormittag machen wir einen kleinen Spaziergang in die Stadt und besorgen Brötchen sowie andere Dinge, die sich mit den Händen bequem nach Hause tragen lassen. Das Wetter ist herrlich und für den Rest des Tages lege ich meine Jacke zur Seite. Das war in meiner Kindheit immer einer der schönsten Tage des Jahres, wenn ich das erste Mal ohne Jacke draußen spielen konnte – ein unvergesslich unbeschwertes Gefühl der Freiheit!

Das Frühstück nehmen wir heute auf der Terrasse ein. Es ist das reinste Urlaubsvergnügen. Die Tatsache, dass das nun beinahe alltäglich werden könnte, fühlt sich immer noch erstaunlich absurd an. Heute kommt es mir jedenfalls seltsam luxuriös vor. Aber ich kann es tatsächlich genießen, wann immer ich möchte, ohne dafür in den Urlaub fahren zu müssen. Gern möchte ich dieses Gefühl konservieren. Ferienhausatmosphäre kommt allerdings auch an anderen Stellen immer wieder auf. Ich habe heute die Bettwäsche gewechselt. Weil sie neu ist und ich sie erst wenige Male verwendet habe, geht von ihr noch immer der wohlige Duft der Fremde aus.

Für den Garten haben wir heute etwas Erde besorgt und haben den neuen Bewohner, einen Quittenbaum, besser versorgt. Die Verarbeitung der neuen Materialien hat nicht sehr lang gedauert. Wir konnten also noch viel Zeit einfach genießend im Garten verbringen. Dabei habe ich einen kleinen Roman gelesen, in dem es im weitesten Sinne um Achtsamkeit geht. Das ist im Augenblick leider recht inflationär vertreten auf dem Büchermarkt und ich bin in der Regel nicht sehr empfänglich für Ratschläge, die mir mit dem Holzhammer vermittelt werden. Aber an diesem Buch konnte ich nicht vorbeigehen, weil der Autor ein ehemaliger Geschäftsführer meines Arbeitgebers ist und die Kritiken sich geradezu überschlagen haben vor Lob. Ich kann das Lob nach der Lektüre auch wirklich bestätigen. Mit erfrischender Leichtigkeit schreibt er von einer wegweisenden Zufallsbegegnung. 170 Seiten nachdenklicher Optimismus und damit genau das Richtige für diesen schönen Frühlingstag.

Farbenfrohe Vielfalt

Gestern gab es in der Stadt, im örtlichen Gymnasium um genauer zu sein, ein Konzert von GinKiss im Rahmen des Kultur März. Was soll ich sagen? Zweieinhalb Stunden allerfeinstes Vergnügen in einem stimmungsvollen Ambiente waren das!

„Colourful World“ war der Titel und die bunte Bestuhlung in dreistelliger Zahl hat mich gleich mitgenommen. Ich saß auf Orange und das passte hervorragend zu meinem Outfit. Dieses Arrangement hebt sicher auch die Stimmung im Schulalltag.

Die Künstler haben ihre Outfits mehrfach gewechselt, aber stets glitzerte es von der Bühne herunter. Kombiniert mit den professionellen Lichteffekten also ein richtiges Samstagabendshowerlebnis für die ganze Familie. Im Publikum hatten sich Menschen jeden Alters versammelt. Das war vielleicht auch der Grund für die anfängliche Schüchternheit. Wir mussten uns erst verständigen: Wird nur applaudiert? Darf mitgeklatscht werden? Oder gar mitgesungen? Die Generationen verhalten sich dabei schließlich sehr unterschiedlich. An der Pausenbar war aber zu vernehmen, dass es allen Spaß macht und dass die eklektische Mischung der Stücke direkt ins Herz ging. Kiki Dee und Elton John konnten genauso begeistern wie die französische Sprache. Also das freut mich ja auch immer, wenn es etwas Französisches gibt. Schon weil die französischen Stücke vom Bariton gesungen werden und diese einzigartige Mischung aus Dean Martin und Marteria jeden Song in die 60er Jahre trägt und mir die Coolness und die Aufbruchstimmung dieser Zeit gefallen.

Allerdings ist es ebenso schön, wenn die Sängerin betagte Lieder mit einer stimmlichen Symbiose aus Fiona Apple und Birdy glanzvoll adelt. Mein neues Lieblingslied ist deshalb auch „Cry me a river“. Davon hätte ich zu gern eine Aufnahme, die ich mir immer wieder anhören könnte. Am Abend habe ich die Augen geschlossen und einfach nur genossen.

Die Instrumente wurden noch einmal erweitert, zum Beispiel um ein Kazoo. Wobei das genau genommen wohl eher ein Stimmenverzerrer ist als ein Instrument. Jedenfalls wurde es unter anderem für Zaz‘ „je veux“ eingesetzt und verlieh eine äußerst charmante Authentizität.

Charmant war übrigens auch die Leichtigkeit, die übermittelt wurde, weil die Künstler, wo immer die Inszenierung es zuließ, ein Lächeln auf den Lippen hatten. So konnte ich den Heimweg beschwingt beschreiten – von der magischen Winkelgasse, an die mich die Bühne immer erinnert, bis zur heimischen Adresse.

„Die Realität hat keinen Platz in unserer Welt“

Zitat von Lorelai Gilmore in „Gilmore Girls“

Es ist geschafft, wir sind umgezogen. Zwischenzeitlich taten sich so viele Hürden auf, dass wir schon Zweifel hatten, es wirklich noch vor Weihnachten über die Bühne bringen zu können. Zuerst hat uns eine Corona-Infektion eine Woche aus dem Verkehr gezogen. Zeit, die wir eigentlich für das Einpacken unserer Habseligkeiten eingeplant hatten. Nun sind wir höchstens zu einem Drittel Sammler und Aufbewahrer. Es war aber sehr erschreckend, wie viel Zeug der urbane Mensch besitzt. Unzählige Müllsäcke habe ich aus der Wohnung getragen, nachdem sie mit Aussortiertem gefüllt wurden. Eine Leere wollte sich trotzdem nicht einstellen. Weder in den Regalen noch in den Schränken. Es gibt auch so viele voluminöse Gegenstände, die zwar nicht allzuoft genutzt werden, aber dennoch unverzichtbar sind. Dazu gehören die Salatschleuder genauso wie die Schuhputzkiste. Mein Fazit ist hier: Wir haben eindeutig zu viele Dinge. Man müsste auch mit weniger auskommen können.

Anschließend musste der Maler fertig werden. Wie bei größeren Bauarbeiten üblich, gab es auch hier die eine oder andere Unwägbarkeit. Die Beleuchtungsanlage ist überaltert und es lassen sich nur schwer Ersatzteile besorgen. Die Marmor-Fußleisten wurden nur an freiliegenden Stellen verlegt. Solche Sachen. Keine Katastrophen, aber Hindernisse, die beseitigt werden wollen.

Und dann der Abbau in der alten Wohnung. Mengen von Kabeln und Steckern und Schrauben müssen geordnet verpackt werden. Ich verbrauche eine große Zahl an Tütchen und hoffe, wenn ich nur alles beschrifte, dann wird es schon gehen.

Am Tag des Umzugs kommen leicht verspätet zwei nette junge Herren, die eigentlich zu viert sein sollten. Aber auch bei ihnen greifen Winterkrankheiten um sich. Sie schaffen es dennoch in atemberaubender Geschwindigkeit, alles einzusammeln, was transportiert werden soll. Und am späten Nachmittag ist dann auch alles wieder abgestellt im neuen Haus.

Gegen den Zustand des Abgestelltseins kämpfen wir nun einige Tage an so gut es geht. Vieles braucht einfach viel Zeit: Ein Plissee anzubringen, ist nicht in 10 Minuten erledigt. Den Renovierungsschmutz aus den Bädern zu entfernen, ist nach einem Putzgang noch nicht erledigt.

Weil aber Weihnachten naht, müssen wir auch außerhalb des Hauses Dinge erledigen und zum Beispiel einkaufen. Und dabei zeigt sich, in was für einen entzückenden Ort wir gezogen sind. Beim Einkaufen im Supermarkt richten sich die Menschen gegenseitig Grüße aus und sind einander überwiegend bekannt. Das habe ich schon ewig nicht mehr erlebt. Ob ich das immer angenehm finde, weiß ich noch nicht, aber mich kennt ja hier bislang kaum jemand. Es gibt überhaupt sehr viele Parallelen zu Stars Hollow aus den „Gilmore Girls“. Ich bin für Besorgungen auch im Stadtkern unterwegs, wo sich ein hübsches Lädchen an das andere reiht. Und ich spreche beim Einkaufen in jedem Laden mehr Worte als ich an einem Shoppingsamstag in Hamburg insgesamt gebrauche. Das gefällt mir überraschenderweise sehr gut. Jedenfalls sind alle überaus freundlich und irgendwie auch witzig. Über die meisten Scherze muss ich wirklich schmunzeln. Ich muss sagen, schöner kann man nicht empfangen werden. Dagegen kommt auch das grauenhafte Wetter, das inzwischen sehr an meinen Nerven zehrt, nicht an. Es wird einfach weggelächelt.