Avventura in montagna

Von der Adriaküste machen wir uns am Bettenwechselsamstag auf den Weg nach Lucca bzw. Pescia in der Toskana. Lucca ist der nächstgelegene größere Ort. Unser Haus liegt aber in den Bergen darüber.

Wir planen zunächst, einen kleinen Schlenker nach San Marino zu machen, wo wir schon einmal in der Gegend sind. Mein Beifahrer hatte bereits viel recherchiert. San Marino ist eine der ältesten Republiken der Welt und wurde nie eingenommen von fremden Mächten. Auf dem Weg dahin wird uns auch klar, warum das möglich war. Der Zwergstaat liegt weit oben in den Bergen und es muss in vergangenen Zeiten sehr schwer gewesen sein, dorthin zu gelangen. Wir schaffen es leider auch im Jahr 2023 nicht. Der unterdimensionierte Parkplatz am Fuße des Monte Titano ist bereits komplett belegt. Wir müssen uns mit dem Ausblick aus dem Auto begnügen. Diese Aussicht ist allerdings recht eindrucksvoll. Schon Kilometer entfernt sehen wir die alten Gebäude der Stadt auf den Gipfeln thronen. Sehr pittoresk!

Unverrichteter Dinge fahren wir also auf die Autobahn wie so viele Andere heute Nachmittag. Es ist voll und immer wieder stockt der Verkehr. Nach Bologna allerdings steuern wir auf den nördlichen Apennin zu, was die Landschaft rechts und links sehr schön beeinflusst. Und wir durchqueren viele der Erhebungen dieses Gebirgszuges in insgesamt 36 Tunneln. Einige sind kurz und einige mehrere Kilometer lang. In einem ist es sehr dunkel, weil es kaum Beleuchtung an der Decke gibt.

Dann verlassen wir die Autobahn und passieren die Schranke der Mautstation, noch bevor die Automatenansage ihren Dank beendet hat. Nun fahren wir stetig bergauf und kurz vor dem Ziel noch durch Pinocchios Geburtsort Collodi. Im Ort stehen mehrere haushohe Holznachbildungen dieser Romanfigur und ein riesiger Souvenirladen. Gedanklich plane ich natürlich, mir diesen Shop an einem späteren Tag genauer anzusehen. Ich weiß noch nicht, dass wir später am Abend witzeln werden, unsere Unterkunft erst am Abreisetag wieder zu verlassen.

In Collodi jedenfalls ist der Autor von Pinocchio aufgewachsen. Carlo Lorenzini hatte den Ortsnamen als Pseudonym angenommen und seine berühmteste Figur hier leben lassen. Der Name Pinocchio ist ein Wortspiel aus den beiden italienischen Worten für Pinie und Dummkopf. Ich konnte mit diesem garstigen kleinen Tunichtgut eigentlich nie viel anfangen. Ich kenne aber auch nur die japanische Zeichentrickserie von 1976, vielleicht wurde seine Geschichte in 52 Folgen derart verändert, dass der gute Kern verloren gegangen ist. Vielleicht lese ich einmal das Original.

Jetzt rollen wir sowieso weiter hinter dem Führungsfahrzeug her. Nach einigen Serpentinen biegen wir eine Auffahrt hoch, die rund eine Meile lang ist und zwischendurch nicht so aussieht, als sei das fahren mit einem PKW überhaupt erlaubt. Das war so angekündigt in der Hausbeschreibung. Bis zum Halt am Haus der Verwalter geht es aber ganz gut. Danach wird uns zu verstehen gegeben, das erste Fahrzeug oben ankommen zu lassen, bevor wir nachkommen. Wir hören den Motor aufheulen. Erster Gang und Vollgas sind angebracht. Dann kommt das Zeichen – jetzt sind wir dran. Es klappt auch. Aber Spaß macht mir das nicht. Ich möchte das nicht jeden Tag wiederholen. Und ich weiß auch nicht, was passiert, wenn Gegenverkehr kommt. Ausweichflächen gibt es nämlich nicht.

Am Abend verlassen zwei Urlauber noch einmal das Haus für die Einkäufe. Es ist eine lange Einkaufsliste und wir kaufen Mengen wie nie zuvor. Ich bin gespannt, was zuerst leer ist und wovon doch zu viel im Wagen gelandet ist. Mediterran spät gibt es heute Pasta mit Tomatensauce.

Zona Dantesca

Unsere Zugfahrt führt uns nach Ravenna. Eine hübsche kleine alte Stadt, die einen historischen Altstadtkern verspricht. In der Stadtmitte angekommen, entdecke ich am Piazza und der Basilica San Francesca, dass Ravenna Wirkungsstätte und Sterbeort des Dichters, Philosophen und Politikers Dante war. Hier ist sein Grabmal zu sehen und ein Museum zu seinen Ehren besuchbar. Im Augenblick ist die ganze Stadt zur Dante-Zone erklärt worden, weil eine Ausstellung moderner Künstler sich mit dem Werk von Dante auseinandergesetzt hat. Er lebte im Mittelalter und ist 1321 in Ravenna gestorben. Das Leben zu dieser Zeit war noch hauptsächlich von der Kirche geprägt und so hat sich auch Dante selbst mit den Freuden und dem Leiden des Menschen nach theologischer Lehre beschäftigt. In der göttlichen Komödie, seinem bekanntesten Werk, geht er selbst den Weg von der Hölle über den Läuterungsberg bis zum Paradies. Den Beinamen „göttlich“ hat das Buch erst später von einem begeisterten Leser bekommen, der die rund 700 Seiten mit Wonne verschlungen hat. Das werde ich nicht schaffen, es ist mir zu düster und zu kompliziert. Immerhin könnte ich es in deutscher Sprache lesen. Dante hat seinerzeit das Italienische als Literatursprache etabliert. Bis dahin waren alle Schriften in lateinischer Sprache verfasst. Abschreckend sind außerdem die Illustrationen von Botticelli oder Hieronymus Bosch. Blutig und grausam wird dem Betrachter ein Spiegel vorgehalten, wie es heute auch noch Künstler wie Olsen oder Tarantino beherrschen. Die Vier in zwei Sätzen zu nennen, mag etwas gewagt sein, aber alle hatten und haben beachtlichen Einfluss auf ihre Zunft und Zeit.

Er hat die Komödie aber erst nach dem frühen Tod der Liebe seines jungen Lebens geschrieben. Von Beatrices Tod hat er sich wohl nie so richtig erholt, vielleicht ist das auch der Grund, warum er auf Abbildungen immer so vergrämt aussieht. Hier die noch recht schmeichelhafte Version der Muppets:

Ich sehe mir jedenfalls das Grabmal wie auch die Ausstellung an. Wir sind nur zu zweit, mittelalterliche Literatur ist eher etwas für die älteren Damen. Die Jüngeren schlendern weiter durch die Stadt und bestaunen Mosaike, die zweite Säule Ravennas Berühmtheit. Immersiv ist unser Erlebnis angelegt. Leider verpufft dieser Effekt etwas, weil ich von der italienischen Tonspur nichts verstehe und die englischen Übersetzungen erst im späteren Teil eingefügt wurden. Aber dennoch kann ich den Leidensweg auf dem Weg bis zum Paradies ganz gut nachempfinden. Ob es damals viele glückliche Menschen gab? Es war so schwer, den Vorgaben für ein gutes Leben gerecht zu werden. Unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht war das Leben scheinbar von Pflichten und Verboten bestimmt. Leider bringen solch harte Richtlinien selten das Beste im Menschen hervor.

Nach der Kultur nehmen wir noch einen Drink in einer Bar vor dem Rathaus und fühlen uns wie James, Vesper und Mathis in Montenegro.

Am Abend bringt uns der Zug wieder zurück nach Bellaria. Es regnet leider sehr und wir brauchen unsere Schirme aus dem Supermarkt. Aber Brunos Taverne liegt auf dem Weg und wir legen dort einen Stopp für das Abendessen ein. Für italienische Verhältnisse sind wir früh dran und werden deshalb am Katzentisch platziert. Die Bezeichnung Katzentisch stammt übrigens aus dem Klosterleben. In Ungnade gefallene Mönche mussten ihre Mahlzeiten in einer Ecke kauernd einnehmen und waren dabei oft in Gesellschaft von Katzen. Wir kauern natürlich nicht. Und es schmeckt auch wieder hervorragend.

Der Regen hört nicht auf. Deshalb kaufen wir nur noch schnell Reiseproviant für den morgigen Tag und lassen den Tag dann in sehr kleiner Besetzung auf der überdachten Hotelterasse ausklingen. La dolce vita mit sizilianischer Limonade.

Rubikon

Endlich wieder Urlaub! In der Heimat ist das Wetter in den letzten Wochen eher gut für die Flora und den Grundwasserspiegel gewesen. Die Temperaturen haben mir allerdings gefallen. Vor den Temperaturen im Reiseland hatte ich mich etwas gefürchtet. Nun habe ich aber Glück und sie sind im Augenblick nur noch normal für diesen Breitengrad. Am Flughafen Bergamo begrüßen uns sonnige 30 Grad. Mit angemessenerer Kleidung kann ich damit arbeiten, schließlich ist Sommer.

Wir holen unsere Leihwagen ab. Ich werde nun die nächsten Wochen einen Renault Mégane Kombi fahren. Wieder Glück gehabt, denn zumindest die Hamburger haben sich gepäcktechnisch nur bedingt zusammenreißen können. Der Kofferraum ist jedenfalls gut gefüllt. Vom Flughafen machen wir uns auf den Weg zur Adria, wo wir die ersten zwei Nächte in Rimini verbringen. Ein herrliches Urlaubsklischee. Aber erst einmal müssen wir dort ankommen. Die Autobahnen sind in einem sehr guten Zustand, das Fahrgefühl ist super. Leider ist es recht voll, weit entfernt von der entspannten Lage in Skandinavien. Die Italiener fahren offensiv und ergebnisorientiert. Trotz der Geschwindigkeitsbeschränkung wollen die meisten möglichst niemanden vor sich haben und erreichen das durch häufige Spurwechsel und sehr dichtes, hinweisgebendes Auffahren. LKW-Fahrer sind da übrigens keine Ausnahme. Aber gut, ich bleibe entspannt, weil ich den zweiten Wagen in der Kolonne bediene und nur hinterherfahren muss. Ich erfreue mich die ganze Fahrt über an den Ortsnamen, die ich sonst nur auf Lebensmittelverpackungen lese: Parma, Modena oder Emilia-Romagna. All die leckeren Spezialitäten, die hier produziert werden! An Imola fahren wir auch vorbei. In den Neunzigerjahren habe ich so manchen Sonntag mit den Motorsportveranstaltungen im TV verbracht. Die ganze Fahrt versetzt mich in eine seltsam wohlige Retrospektive. Selbst die alten Filme „Man spricht deutsh“ oder „Superstau“ kommen mir wieder ins Gedächtnis.

Nach der Autobahnabfahrt, die unsere kostenpflichtige Streckennutzung markiert, überfahren wir den Rubikon. Auch wenn wir ihn nicht überschreiten, gibt es nun kein zurück mehr. Wir sind an der Adria. Die Fahrt war lang und nicht unanstrengend. Ich glaube, alle vier Wageninsassen haben sich zwischendurch gefragt, warum wir das überhaupt so geplant haben. Hätte es nicht auch ein Ort auf der anderen Seite des Stiefelschaftes getan, der unser eigentliches Ziel darstellt? Was mich betrifft, bin ich allerdings froh über diesen Schlenker. So oft ist man hier nicht unterwegs. Und Rimini ist durchaus sehenswert. Es ist zwar schon dunkel, als wir ankommen, aber unsere Unterkunft ist ein entzückendes kleines Hotel mit liebevoll ausgestatteten Räumen und einem ausgesprochen freundlichen Personal. Und wie immer, zählt auch die Lage. Wir befinden uns in unmittelbarer Nähe des Hauptstrandzuganges. Viele bunte Lichter leuchten und Marktstände sind noch belebt.

Unser spätes Abendessen nehmen wir in Brunos Taverne ein. Eine Empfehlung des Personals. Das Essen ist ausgezeichnet, ich habe eine echte Bolognese und die ist ein Genuss. Mit uns speisen noch viele Italiener zu so später Stunde. Die haben sowieso einen anderen Biorhythmus als wir. Auch hier wird ein Klischee bedient, dass meine Urlaubsstimmung noch einmal anhebt – herrlich!

Nach dem Essen spazieren wir zum Strand. Wie erwartet, ist hier alles hell beleuchtet und es sind noch viele Menschen unterwegs. Hunderte, ach Tausende von Liegen stehen für sonnenhungrige Urlauber bereit. Kein Zentimeter des Strandes ist frei. Ohne Zweifel eine gewinnoptimierte Nutzung.

Die Promenade ist ebenfalls touristisch voll erschlossen, hat aber einen sehr aufgeräumten und gepflegten Charme. Es sieht aus wie in einem Filmset. Nur eben kilometerlang.

Vom Himmel in die Heide

Unser Montagsfrühstück nehmen wir heute im 36. Stockwerk des Walkie Talkie ein. Nahe der London Bridge befindet sich dieses Gebäude und ganz oben darin der Sky Garden mit einer Aussichtsplattform und Restaurants. Wir sollen 15 Minuten vor der Reservierungszeit eintreffen. Mehrfach fällt die Frage nach dem Warum, aber ich kann es sogar beweisen, so steht es in der Bestätigung geschrieben. Jedenfalls müssen wir uns am Empfangstresen anmelden und dann eine Sicherheitsschleuse passieren. Ein sehr schneller Aufzug bringt uns in die 35. Etage. Dort durchstreifen wir einen kleinen tropischen Garten und gehen über eine Treppe in das oberste Stockwerk. Dort befindet sich das Restaurant und bietet nicht nur einen Blick auf den Garten, sondern auch auf das nordöstliche London. Der Tower, die Tower Bridge und die Docklands sind von hier ähnlich wie aus dem Shard zu bewundern. Köstliches Essen wird außerdem angeboten. Ein äußerst sympathischer Kellner bringt uns Pancake-Stapel und Eggs Benedict. Alles ist wunderschön angerichtet und mit Obst und Gemüse garniert. Königlich!

Nach dem Frühstück besuchen wir noch die Außenterasse und fahren dann wieder hinunter. Unten angekommen, verstehen auch alle, warum man vor der Reservierungszeit eintreffen soll. Inzwischen hat sich eine lange Schlange am Eingang gebildet. Dafür reichen 15 Minuten wahrscheinlich gar nicht aus!

Unser nächstes Ziel ist Hampstead Heath. Weil wir nicht alle daran gedacht haben, ein Buch mitzunehmen, müssen wir wohl oder übel noch einmal eine Daunt-Filiale aufsuchen und uns ausstatten. Das ist natürlich kein Problem, liegt die nächste doch gleich am Fuße des Monument. Von dort fahren wir direkt bis Hampstead durch und durchstreifen den riesigen Park in zwei Grüppchen. Eigentlich ist es ein Waldgebiet am Stadtrand. Mit 800ha ist der Park mehr als doppelt so groß wie der New Yorker Central Park oder der Englische Garten in München. Es gibt hier alles: Von der romantischen Pergola über den touristischen Aussichtshügel bis hin zum verwunschenen Wald. Letzterer hat C.S. Lewis zu seinen Chroniken von Narnia inspiriert. Prominente sehen wir leider keine, obwohl die noble Wohngegend hier der Wohnort vieler berühmter Menschen ist und war. Ein Blick in das Schaufenster eines Maklerbüros lässt mich angesichts der vielen Stellen der Verkaufspreise schwindelig werden. Das bleibt eine ferne Welt.

Nach drei Stunden Müßiggang treffen wir uns in einem Pub wieder und fahren von dort mit der Overgroundbahn nach Camden. Das ist wieder eine Premiere, die Bahn habe ich noch nie benutzt. Sehr geräumig, gut klimatisiert und sauber sind die Waggons. Ansonsten sieht es so aus wie unter der Erde. In Camden gehen wir wie im letzten Jahr wieder zum Marktgelände, um dort zwei Social-Media-Beworbene Snacks zu probieren. Einen Yorkshire-Wrap (Yorkshire Pudding in Rollenform mit Füllung), der von uns nur verhalten bewertet wird. Es steckt eine große Kartoffel in der Mitte der Rolle, die zum Einen jedes andere Aroma lähmt und zum Anderen sehr schnell sehr satt macht. So ist kaum ein Genuss möglich. Schade, ein Sunday Roast auf die Hand ist doch grundsätzlich eine spannende Idee. Das zweite Gericht sind Tacos – die angeblich besten der Stadt. Sie schmecken wohl auch gut, ich habe sie aber nicht probieren können – die Kartoffel… Jedenfalls fällt die Bewertung dieses Gerichtes viel besser aus.

Ein wenig schlendern wir noch umher, müssen aber feststellen, dass sich nichts verändert hat, seit wir zum letzten Mal hier waren. Muss es auch nicht, so sparen wir Zeit und Geld. Allerdings wird im Vorbeigehen noch ein Hemd erworben, das Cameron Tucker neidisch werden ließe: Grundfarbe weiß mit blauen und rosafarbenen Schmetterlingen bedruckt und violette Einsätze am Kragen und den Manschetten.

Am frühen Abend trennen sich unsere Wege wieder. Ein Urlauber wird sich ein Musical ansehen und der andere Teil erst in die Wohnung zurückkehren, dann frisches Wasser einkaufen und am späteren Abend mit dem Bus wieder in die City fahren, um den Sonnenuntergang in Westminster anzusehen. Am Westminster Pier angekommen, ist die Sonne zwar schon hinter der Skyline versunken, färbt den Himmel über dem Parlament aber noch orangerot. Das ist sehr schön anzusehen, insbesondere, weil hier um diese Uhrzeit kaum noch Touristen unterwegs sind. So ungestört kann man hier selten Fotos machen. Wir fahren dann noch drei Stationen mit einer Fähre, um die Beleuchtungen am Ufer zu bewundern. Machen auch nur wenige, das Boot ist fast leer. Von der Station London Bridge fahren wir nun wieder Richtung Earls Court. Wir sind müde und froh, alle wieder zurück zu sein. Das war ein sehr schöner, aber anstrengender Tag.

Prinzessinnen und Geheimnisse

Der Sonntag ist Kulturtag – Shopping-Kultur. Eigentlich sollte er mit einem Spaziergang über menschenleere Plätze starten. Aber das frühe Aufstehen ist uns nicht gelungen. Warme Nacht die dritte und da mussten wir noch etwas länger liegen bleiben. Dafür gab es ein heimisches English Breakfast. Nach dem Frühstück sind wir aber rasch zum Covent Garden gefahren, um unsere Shoppingtour zu starten. Der erste Laden ist ein Beauty-Produkt-Anbieter aus den USA, der hier in London seine einzige europäische Filiale unterhält. Das Einlaufserlebnis zielt zwar auf eine wesentlich jüngere Gruppe als mich, aber auch ich bin ganz angetan von dieser Mischung. Wie in einem kalifornischen Elektronik-Shop gibt es keine Kasse. Die Produkte werden vielfach und sehr ansprechend präsentiert. Testwerkzeuge stehen ebenso bereit wie sehr aufmerksames Personal. Es reicht ein Blick nach links oder rechts und eine nette junge Dame nimmt unsere Bestellung auf. Alles wird digital erfasst und nach kurzer Wartezeit wie in einem nordamerikanischen Café in einer personalisierten Tüte überreicht. Vor der Öffnung hatte sich im gleißenden Sonnenschein bereits eine Warteschlange gebildet. Sehr begehrt sind die Produkte offenbar. Auf jeden Fall war das ein sehr angenehmes Einkaufserlebnis. Im Verkaufsraum herrscht eine Temperatur von überaus angenehmen 20 Grad. Eigentlich möchte ich hier gar nicht raus. Wir haben aber noch mehr auf dem Programm, deshalb geht es weiter.

Das Gebiet um den Covent Garden ist ja ein Shopping-Paradies, viele Kettenfilialen reihen sich abwechselnd mit besonderen kleinen Läden aneinander. Mindestens jedenfalls entdecke ich viele Marken, die in der Heimat leider keine Ladengeschäfte unterhalten. Vom Covent Garden laufen wir bis zur Oxford Street, die am oberen Ende den normalen Geldbeutel bedient und je weiter wir Richtung Bond Street gehen, desto hochpreisiger werden die Namen. In einem Dessousgeschäft (ebenfalls aus Nordamerika) werden die Sinne wieder ganz besonders gestreichelt. Schönes Licht, dezente Musik und ein angenehm leichter Sommerduft in der Luft verleiten zum Kauf der Waren. Die Temperatur ist natürlich auch äußerst verkaufsfördernd. In den Straßen steht heute sehr schwüle Luft. Gegen späten Nachmittag beginnt es auch zu tröpfeln. Der angekündigte Regen. Letzter Stopp ist der Merchandise-Shop des verstorbenen Maus-Comic-Zeichners. Immer wieder ein Overkill an Farben, schrägen Artikeln, horrenden Preisen und lauter Beschallung. Aber mein Lieblingsfilmheld Buzz Lightyear ist hier zu Hause und zum Glück inzwischen ein fester Bestandteil der Figuren, die Dauergäste in den Regalen sind. Viele kommen und gehen, aber eine Gruppe von etwa 15 Charakteren lächelt und winkt dauerhaft auf die Kundschaft.

Eine Snack-Pause haben wir in einer neuen Fair-Fast-Food-Filiale gemacht. Dort gab es einen köstlichen Edamame-Salat und eine Halloumi-Bowl. Dazu frische Zitronenlimonade. Die Zielgruppe ist am Sonntagnachmittag nicht zugegen oder der Laden in der Seitenstraße noch ein Geheimtipp. Es ist nämlich angenehm leer hier.

Am frühen Abend treffen wir wieder alle zusammen. Der Mann der Gruppe hat heute eine Tour durch das East End gemacht. Den Fotos nach zu urteilen, war der Gang auch sehr schön und mit vielen interessanten Besichtigungen verbunden. Das East End oder auch Spital Fields war ein Flüchtlingsviertel. Aus diesem Grund sind dort traditionell viele Kulturen heimisch und das ist für das Flair einer Wohngegend immer sehr vorteilhaft. Auch hier gibt es spannende Foodmarkets, auf denen man mit einem Schritt von Kontinent zu Kontinent reisen kann. Leider kann man gar nicht so viel probieren, wie man möchte. Zumal wir heute am Abend des Fathers Day einen Tisch im Pub reserviert haben zum Sunday Roast. Wir bringen also erst unsere erworbenen Schätze in die Wohnung und gehen dann zurück zum Pub. Wir essen Chicken und Beef mit viel Gemüse und Yorshire Pudding. Ein original englisches Sonntagsessen. Den Ausklang des Tages verbringen wir in unserem Wohnzimmer, sehen einem namhaften Koch auf seinem eigenen Sender beim Kochen zu und schonen unsere Füße. Die müssen schließlich dieser Tage die Hauptarbeit erledigen und morgen wieder einsatzbereit sein.

Die blaue Tür

Die vergangene Nacht war wieder sehr warm. Schlimmer aber war ihr Beginn. Gerade eingeschlafen, wurde ich von einem Notruf geweckt. Im Nebenraum saß eine stattliche Spinne an der Decke. Leider haben die zwei Damen das Problem nicht selbst beseitigen können, obwohl verschiedene Pläne entwickelt wurden. Zu groß und mutmaßlich wendig schien das Tier. Der Mann in der Wohnung musste geweckt werden. Eigentlich war er wohl längst nicht mehr im Tiefschlaf, hatte aber gehofft, es würde sich alles von selbst erledigen und wieder Ruhe einkehren. Dafür war allerdings erst sein heldenhafter Einsatz notwendig. Schlaftrunken und wortarm ging das vonstatten. Danach waren wir noch eine Weile wach und sind viel zu spät eingeschlafen und viel zu früh wieder aufgewacht. Aber gut, es ist Urlaub, da kann man auch ungehemmt den Tag über gähnen.

Unsere Penthouse-Wohnung hat ihren Reiz, die Dachterasse ist wunderbar, aber die Wärme ist ein absoluter Minuspunkt, den die Klimaanlage nicht zu verbessern vermag. Vielleicht handelt es sich auch nur um eine Attrappe. Ihr Display lässt sich bedienen, aber es verändert nichts am Raumklima. Es sind auch keine Geräusche zu hören oder eine dazugehörige Apparatur auszumachen.

Trotzdem starten wir voller Elan in den Tag. Heute ist Samstag und damit Portobello Road Market-Tag. Wir sind natürlich nicht die Einzigen, aber irgendwie ist die Menschenmenge verkraftbar. Wir kaufen zwei Kleidungsstücke. Alle schönen Möbel und Geschirrteile müssen leider hier bleiben, weil der Transport zu schwierig oder unmöglich ist. Aus dem letzten Jahr habe ich immer noch das Foto eines hübschen Bücherregals, dass ich nachbauen möchte. Dazu bin ich leider noch nicht gekommen. Vielleicht im kommenden Herbst. Erst den Keller von Sperrmüll befreien und dann loslegen. Solche Vorhaben habe ich immer wieder mal. Manchmal wird etwas daraus und manchmal dauert es leider länger. Zumindest der Sperrmüll sollte sich entfernen lassen. Und lauter Kleinkram wartet auf den nächsten Flohmarkt. Das planen wir ebenfalls schon lange. Mal sehen, wann das umgesetzt wird.

Der Markt in Notting Hill hält jedenfalls was er verspricht. Wir laufen auch wieder durch die Streetfoodmeile. Leider wie beim letzten Mal nicht hungrig. Möglicherweise ist es auch besser so. Ich könnte mich gar nicht entschieden, so viel Auswahl gibt es hier. Einmal um die kulinarische Welt. An jedem Stand riecht es exotisch und verlockend. Schon das allein ist sehens- und einen Besuch wert. Am Ende der Straße und des Marktes machen wir einen Schlenker zu einem Straßenzug, der typische bunte Häuserzeilen verspricht. Das ist das einzigartige Bild von Notting Hill. Am Ende unseres Spaziergangs statten wir dem Notting Hill Bookshop noch einen Besuch ab, der die Vorlage des Reiseliteraturladens von William Thacker war. Ein entzückender Laden, der auch noch 24 Jahre später vom Filmruhm zehren kann und heute eine Menge Bücher verkauft. Ich kaufe auch einen Klassiker, wunderschön in Leder gebunden.

Unser nächstes Ziel ist der Holland Park. Dieses Kleinod war mir bisher unbekannt und da ist mir wirklich etwas entgangen. Hügelig angelegt und sehr waldig spendet er herrlichsten Schatten. Es gibt einen Japanischen Garten darin mit Wasserfall und asiatischen Pflanzen. Wirklich hübsch, ich komme bestimmt mal wieder.

Von Notting Hill fahren wir jetzt in die City of London zur Saint Paul‘s Cathedral. Auch dort gibt es noch einen Spot, den ich nicht kenne. Einen Brunnen, in dem sich die Kathedrale spiegelt. Wirklich schön, eine der vielen Ruheoasen der Stadt und hier ohne Menschenmassen. Dass es hier relativ ruhig ist, liegt vielleicht an der Tatsache, dass heute Trooping the Colour stattfindet und sich viele Menschen am Palace aufhalten, um den König vorbeireiten zu sehen. Die Veranstaltung ist vollkommen an mir vorbeigegangen. Es waren gestern zwar Straßen gesperrt und Tribünen aufgebaut, aber hinterfragt habe ich das nicht. Unglaublich. Ich kann aber gar nicht sagen, ob ich ein Teil der jubelnden Masse sein wollte. Ich bin leider zu klein, um über die Köpfe derer schauen zu können, die bereits seit den frühen Morgenstunden gewartet hatten, um in der ersten Reihe zu stehen.

Wir laufen also über die Millennium Bridge, die trotz der vielen Menschen ganz ruhig über die Themse führt. Ein kleiner Shoppingstopp am Shakespeare‘s Globe und dann zum Borough Market. Hier wollten wir eine feiste Spezialität verzehren: Yorkshire-Pudding-Wrap. Aber erstens schließt der Markt in wenigen Minuten und es ist dermaßen voll, dass wir doch lieber wieder gehen. Man muss dieser Tage früh kommen. Die nächste Reise hierher erfolgt definitiv im Winter oder im Herbst. Dann ist es viel schöner, weil weniger Menschen umherlaufen. Wir fahren zum Abendessen also wieder nach Soho und sitzen nach 20 Minuten Wartezeit in einer Warteschlange in einem asiatischen Lokal, in dem das Servicepersonal nicht die leichteste aller Schichten bewältigt. Unser Essen ist aber vorzüglich. Danach spazieren wir zum Leicester Square, etwas gezeichnet von diesem anstrengenden Tag, immerhin 22T Schritte bis hierher und angeblich 21 Stockwerke. Ein kurzer Halt in einem Buchladen und dann ab nach Hause auf die Dachterasse! Dort genießen wir noch Erdbeeren und einen kühlen Drink.

Morning Glory

Nach einer schlechten Nacht stehen wir für einen Urlaub recht früh auf. Es war einfach viel zu warm zum Schlafen. Heute Abend wird das vielleicht besser, weil mich die Müdigkeit übermannen wird. Ich hoffe es.

Aber einer von uns wird heute Morgen an einem Daily Call teilnehmen. Die Londoner Dependance liegt mitten in Soho. Das ist äußerst beneidenswert. Da ich kein Call-Teilnehmer bin, vertreibe ich mir die Zeit im Herzen von London. Ich steige am Piccadilly Circus aus und bestaune diesen Platz, der an einem Freitagmorgen um 8 Uhr nahezu menschenleer ist. Diese Leere nutze ich, um ganz gemütlich zum Leicester Square zu laufen, was nur ein paar Meter sind. Dort setze ich mich an den Brunnen zwischen Mary Poppins, Mr. Bean und Paddington, die hier in Bronze ewig lächelnd ihre Geschichten erzählen. Allein bin ich dann schnell nicht mehr. Arbeiter machen ihre erste Pause, Touristen verspeisen Croissants und zwei Familien müssen kurz eine Runde drehen, weil die kleinen Töchter erst Paddington juchzend umarmen wollen und dann vor Mr. Bean lachend herumtanzen. Wann diese unbändige Ungezwungenheit wohl verloren geht? Ich kann mich nicht an ein Alter erinnern, in dem ich mich derart verhalten hätte. Die beiden sind vielleicht 4 oder 5 Jahre alt.

Die großen Straßen ringsum sind immer noch mit Union Jacks geschmückt, Krönungsausstattung. Das müssen Tausende von Flaggen sein, die würde ich auch noch etwas hängen lassen. Es sieht jedenfalls sehr schön aus und verleiht auch heute noch etwas sehr Feierliches. Wir schlendern durch Soho und sehen einen Foodmarket mitten in der Fußgängerzone. Südamerikanische Spezialitäten werden aus etwa 20 Buden gereicht. Es riecht schon am frühen Morgen herrlich nach würzigem Essen. Aber wir sind noch nicht dran mit einem Frühstück. Das gibt es erst mittags. Und so laufen wir weiter. Die Geschäfte öffnen nach und nach. Wir kaufen Schuhe und Leinenhemden für den Sommerurlaub in der Hitze. Heiß ist es auch hier wieder. Im Kaufhaus läuft aber die Klimaanlage, was den Einkauf sehr angenehm abkühlt.

Eine kleine Pause im Schatten machen wir in einer kleinen Gasse, danach suchen wir uns einen Pub für einen Snack.

Die Hitze lähmt uns etwas und so beschließen wir, uns im Greenpark auf zwei Liegestühlen niederzulassen. Für die Mietdauer von einer Stunde liegen wir im Schatten der Bäume und des Buckingham Palace. In der flimmernden Hitze können wir nicht genau erkennen, ob der König im Palast weilt, oder auswärts arbeitet, denn die Flagge bewegt sich kaum.

Ausgeruht laufen wir zurück zur Wohnung. Wir wollen uns etwas frisch machen und anschließend weitere Getränkekäufe tätigen und zum Flughafen fahren, um das letzte Mitglied der Gruppe abzuholen. Die Ankunft des Flugzeugs wird allerdings durch die Militärübung in Norddeutschland erst über eine Stunde später erwartet. Am Ende kommen wir wieder zusammen und lassen den Tag in einem sehr belebten Pub ausklingen. Last orders for Friday!

Business as usual

Heute starte ich wieder einmal nach London! Und wieder steht die Reise unter ungewohnten und ganz neuen Vorzeichen. Spontan gebucht, um ein kleines gemeinsames Zeitfenster zu nutzen, muss eine Mitreisende eine Woche vor dem Start noch einmal neu buchen und kann erst einen Tag später dazustoßen. Und erst am Vorabend fiel mir auf, dass der Nichtantritt eines Hinfluges dazu führen kann, dass der Rückflug verweigert wird. Also muss ich mich noch einmal in eine Hotline begeben, weil eine Änderung online zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich ist. Am anderen Ende der Leitung spricht aber eine nette Britin und macht alles möglich. Ich muss eine Stornogebühr zahlen, bekomme eine Ermäßigung für den einfachen Rückflug und so bleibt unter dem Strich nur ein geringer Mehraufwand übrig.

Nach einem ganz kurzen Arbeitstag im Büro, wo ich noch vergessenes Equipment abgeholt habe, denn am Rückreisetag steht für einen von uns ein wichtiges Telefonat an, fahre ich nach Hause und packe die letzten Dinge ein. Dann geht es auch schon los. Im Terminal stellen wir uns erst in die eine mittellange Schlange, denn es ist noch nicht zu sehen, wo der Schalter für die Business Class eröffnet wird. Weil wir so spät gebucht haben, war in der Economy Class nichts mehr frei, jedenfalls nichts mit Beinfreiheit. Dann öffnen die Schalter und wir werden als erstes Pärchen abgefertigt. Damit haben wir nach unseren Erfahrungen aus dem letzten Jahr nicht gerechnet, wir sind viel zu früh für unseren Sicherheitsschleusenslot. Den stornieren wir deshalb einfach wieder und nutzen die Fast Track-Schleuse. Insgesamt ist das Passagieraufkommen aber gar nicht so groß wie die Warnungen vermuten ließen. Es geht überall seinen Gang und wir sind rund 60 Minuten früher im Wartebereich, als wir kalkuliert hatten. Deshalb starten wir der Business-Lounge einen Besuch ab, einfach weil wir es können. Das habe ich noch nie gemacht. Es ist sogar recht dekadent dort. All Inclusive sozusagen, denn es gibt Gratisgetränke in großer Auswahl. Softdrinks, warme Getränke, Wein, Longdrinks. Wir trinken nur Wasser, gönnen uns aber ein paar Snacks vom Buffet. Herzhafte Blätterteigteilchen frisch aus dem Ofen.

Irgendwann machen wir uns aber auf den Weg zum Gate. Erst ein Abstecher in die Parfümerie, um unseren Duft aufzufrischen, dann ein Halt in der Süßwarenabteilung, wo uns ein Lockangebot für zwei Riesenriegel Schweizer Gipfelschokolade fesselt. Die Teile lassen sich so gut stapeln, da kann man kaum widerstehen.

Wie sonst nur bei der Deutschen Bahn üblich, wird uns kurz vor dem Boarding noch ein Gate-Wechsel angesagt. Unsere Maschine ist wohl verspätet gelandet, alle Gangways sind belegt. Na, dann fahren wir eben mit dem Bus. Es ist ja auch irgendwie retro, das Flugfeld zu begehen und die Treppe zum Eingang zu nutzen. Noch schnell eine Brise Wind durch die Haare wehen lassen, frisch ist die Luft hier leider nicht, überall wabern Kerosinschwaden umher. Ich trage aber eine Maske, weil es im Flughafen sehr voll war. Im Flugzeug zeigt sich auch schnell, dass das eine gute Idee war und ich die Maske so lange wie möglich tragen werde. Es wird viel gehustet und geniest. Neben mir sitzt ein junger Brite mit einer heftigen Erkältung, die er später mit einem doppelten Gin Tonic zu bekämpfen versucht. Hoffentlich zieht das an mir vorüber. In unseren Reihen haben wir einen viel höheren Begleiterschlüssel als ich es gewohnt bin: Zwei Personen für rund 20 Passagiere. Aber die Beiden müssen auch Essen und Getränke nach Wunsch servieren. Das Menü auf unserem Tablett ist heute eine Tea Time Zusammenstellung. Es gibt Coronation-Chicken-Sandwich und Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade. Danach mache ich die Augen zu und wache erst wieder auf, als die Reifen aufsetzen. Zurück in London!

Noch am Flughafen, während wir recht lange auf unser Gepäck warten, beschäftige ich mich mit unserem CheckIn. Die Unterkunft ist wieder eine Wohnung. Im Penthouse. Die Schlüssel liegen hierfür nicht in einem Safe am Fahrradständer, sondern sind in einem Kiosk hinterlegt. Der link zum Abholort und Abholcode scheint aber fehlerhaft zu sein. So muss ich noch einmal Kontakt aufnehmen, um einen neuen link zu bekommen. Mein Mitreisender wird langsam nervös deshalb, was ihm gar nicht ähnlich sieht. Das ist auch etwas ansteckend und deshalb bin ich froh, als ich einem neuen link endlich folgen und beide Informationen abrufen kann. In der Gegend rund um die Wohnung gibt es nämlich etwa 8 Abholstationen, die im Zweifel alle anzusteuern mit Gepäck und kuscheligen 28 Grad im Nacken klingt wenig verlockend. Aber das ist ja nun nicht nötig. Wir laden schnell unsere Bahnfahrkarten auf und sitzen bald in der Piccadilly Line Richtung Earls Court. Hatte ich einmal berichtet, dass wir diesen Kiez rein zufällig kennen und lieben gelernt haben? Einst plante ein frisch verheiratetes Paar seine Flitterwoche dort im März. Eher scherzhaft fragten sie uns, ob wir nicht auch kommen wollten, dann hätten sie gleich Tourguides. Wie das Leben so spielt, hat man in Hamburg Skiferien im März und so haben wir uns seinerzeit tatsächlich dazugesellt. Allerdings mit einer knappen Meile Abstand in einem anderen Hotel und wir standen auch nur bei Nachfrage zur Verfügung. Damit keine Missverständnisse entstehen, aufdrängen wollten wir uns natürlich nicht. Aber es war ein Wink des Schicksals, denn die Gegend um den Earls Court ist wirklich schön. Sehr britisch, voller alter Wohngebäude, die sich abwechselnd in Backsteinrot oder hellem Beige durch geschwungene Straßenzüge erstrecken und die für mich exotisch klingenden Bezeichnungen wie Crescent, Square oder Mansion schmücken.

Es fing schon am Flughafen an, aber spätestens, wenn ich den Londoner Beton unter den Füßen spüre, die eisernen U-Bahn-Treppen heraufsteige oder den hektischen Linksverkehr höre, stellt sich bei mir ein glückliches Grinsen ein. Es ist zugegebenermaßen ein wenig schräg, aber die arbeitsreichen und anstrengenden letzten Wochen sind sofort vergessen und jede Anspannung fällt ab, sobald ich hier bin. Das wäre vielleicht auch an einem Bergsee, am Strand oder im Wald der Fall. Aber ich glaube, mir diese uneingeschränkte Zufriedenheit zu geben, vermag nur meine Lieblingsstadt. Natürlich bin ich hier stets im Urlaub und habe keinerlei Terminprobleme oder andere Sorgen. Aber solange die Kreditkarte nicht abgelehnt wird, genieße ich den Zauber, der nie nachlässt.

Unsere Wohnung im Dachgeschoss ist sehr schön! Sie hat alles: Gute Betten, große Räume und diese schrullige Verachtung, mit der hier oft gewollte Noblesse (zwei Weinkühlschränke) und schief hängende Schranktüren gemischt werden. Bestimmte Unzulänglichkeiten werden einfach weggelächelt. Wen stört es schon, dass der Wasserhahn verkalkt ist, wenn man doch hübsche und hochwertige Bodenfliesen verlegt hat.

Nachdem wir die Koffer ausgepackt haben, muss der Kühlschrank aufgefüllt werden. Das ist ja einer der Vorteile einer Wohnung im Gegensatz zum Hotelzimmer. Kühle Getränke. Wir schätzen natürlich auch die zahlreichen Sitzgelegenheiten, die ein Hotelzimmer uns nicht bietet.

Von unserer Autofahrt Richtung Devon im letzten Jahr wissen wir, dass in der Nähe ein großer Supermarkt liegt. Den steuern wir an und müssen uns wie üblich wieder ordentlich zusammenreißen, um unsere Tragfähigkeit nicht zu überschätzen. Dringend benötigt werden Getränke, aber auch ein paar Boxen mit feinsten Delikatessen. Unser Abendessen stammt also aus der beeindruckenden Convenience-Abteilung des Marktes. Auf bestimmt 30 Metern wird hier alles angeboten, was die kulinarische Welt so hergibt. Wir entscheiden uns für Sushi, Ceasars Salad und eine bunte Gemüsebowl. Zum Nachtisch gibt es Ananas, Erdbeeren und Himbeeren, die allesamt fein gesäubert und in gefälligen Stücken daherkommen.

Das Essen nehmen wir auf unserer Dachterasse ein. Was für ein Luxus. Schön beschattet von einem riesigen Baum ist es hier sehr gut auszuhalten. Unsere Füße atmen durch. Es war heute wirklich warm.

Von der Bodenkunde

Der gestrige Samstag stand ganz unter dem Zeichen der Bildung. Wir haben eine Stippvisite nach Göttingen unternommen, weil die Stadt der Wunschstudienort zweier Mitglieder unserer sozialen Gruppe ist. Ich war vorher noch nie dort und entsprechend gespannt. Göttingen war in meiner Welt bisher nicht viel mehr als ein Synonym für einen angesehenen Hochschulbetrieb. Die Antwort auf die Frage, wo jemand studiert oder studiert hat, wird oft von einem wissenden Nicken begleitet: Ah, ja Göttingen – klar. Das mag auch zu Recht so sein, denn die Universität ist prägend für die Stadt. Noch heute machen die Studenten dort einen Anteil von beachtlichen 25% der Bevölkerung aus. Zum Zeitpunkt der Gründung der Universität in den 1730er Jahren war es eine der größten Universitäten Europas mit etwa 1.000 Studenten und das will ja was heißen. Heute studieren dort etwa 30.000 junge Menschen. Im Vergleich dazu beherbergt Hamburg nur rund 42.000 Studierende.

Die Georgia Augusta – oder Georg-August-Universität wurde von Georg II. aus dem Haus Hannover und Gerlach von Münchhausen gegründet. Letzterer ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem Lügenbaron auf der Kanonenkugel, vielmehr war er als Förderer der Bildung ein heller Geist und späterer CFO der Einrichtung. Die beiden verbinden wohl nur familiäre Bande. Das Adelsgeschlecht hat sich in Niedersachsen recht weiträumig verteilt.

Wir starten unseren Ausflug um 8 Uhr und ausnahmsweise ist der Elbtunnel frei. So wie auch die gesamte Strecke durch Niedersachsen. Auf der Gegenfahrbahn queren wir zwei größere Unfallstellen mit langen Staus, aber wir haben freie Fahrt. Die A7 ist im Augenblick sogar ganz gut zu befahren. Nur ein kleineres Teilstück sollte bald mal erneuert werden. Der Hauptteil der Strecke lässt sich sehr angenehm befahren. Insbesondere auf der Höhe von Hildesheim ist die Fahrbahn extrem leise und eben. Schön.

In Göttingen angekommen, treffen wir auf die Schleswig-Holsteinische Partei, die heute direkt schon eine Wohnungsanmietung besiegeln kann. So weit sind wir noch nicht, bei uns fehlt ja noch die Urkunde zur Hochschulreife, es kann noch keine Anmeldung stattfinden. Die Wohnung jedenfalls liegt, soweit ich es herausfinden konnte, im Bezirk der Innenstadt. 700m Luftlinie südlich liegt sehr zentral der Universitätskomplex. 2000m Luftlinie nördlich liegt der Nord Campus der Universität. Pittoresk auf einem Hügel erstrecken sich die Gebäude der pedologischen Abteilungen der Universität. Die Pedologie ist die Wissenschaft von den Böden, lerne ich. Hier soll also ab Herbst das Studium der Forstwissenschaft und der Waldökologie aufgenommen werden. Überaus spannend, hat es doch mit meinem Beruf rein gar nichts zu tun. Und so ein Lehrbetrieb versprüht generell einen ehrfurchtgebietenden Charme.

Vom Forsthügel fahren wir wieder Richtung Innenstadt. Und dort noch ein wenig umher, weil die Beschilderung von citynahen Parkplätzen nicht selbsterklärend ist. Aber dann finden wir ein Plätzchen in einem Parkhaus mit einer altertümlichen Einfahrtsbeschränkung von 180cm. Sehr ungewohnt, dass die Decke selbst von mir nicht weit entfernt ist. Die Innenstadt jedenfalls ist größtenteils autofrei und durch meine touristischen Augen hübsch fachwerkgeprägt und sehr groß verzweigt. Unzählige Straßen und Gassen werden von Kauflustigen belebt. Viele durchaus interessante Lädchen sprenkeln die Landschaft der namhaften Kettenfilialen. Es ist alles da und erfrischend intakt. Sehr wenig Leerstand ist hier zu beklagen. Da kann man als Hamburger neidisch werden, denn die heimischen Einkaufsmeilen befinden sich seit einiger Zeit leider im Niedergang. Aber hier prosperiert es geradezu.

Unser Mittagessen nehmen wir im Nudelhaus ein. Das Restaurant wird in einem alten Gasthaus betrieben. Eine Mischung aus Brauhaus und liebevoll geschmücktem Pub mit entsprechend rustikalem Ambiente. Das scheint auf den ersten Blick nicht zu der italienischen Leichtigkeit der Pasta-Gerichte zu passen, die in sehr schweren kunstledernen Speisekartenbüchern angepriesen werden. Aber die Gerichte sind überaus lecker und ihre Präsentation in schlichtem weißen Porzellan mit klassischem gewichtigen Besteck funktioniert sehr gut. Es gefällt mir ausgesprochen gut.

Anschließend schlendern wir noch ein wenig umher, genießen einen italienischen Nachtisch und Cocktails mitten in der Fußgängerzone, bevor wir wieder aufbrechen müssen. Es ist wahrscheinlich gar kein Zufall, sondern Vorbereitung auf unseren Sommerurlaub, dass wir gastronomisch heute in der Italienwelt geblieben sind.

Um 4 Uhr müssen wir wieder Richtung Norden fahren, weil abends noch eine Teenagergeburtstagsparty ansteht und Kurt Krömer einen seiner letzten Tourauftritte in der Laeiszhalle gibt. Die Rückfahrt ist glücklicherweise ebenso reibungslos wie die Hinfahrt. An dieser Stelle ein Dank an alle Daheimgebliebenen. Es ist nicht viel los und auch der Elbtunnel lässt uns mit der Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern durch.

Die Comedyshow des Herrn Krömer ist so launisch wie ich es von dieser Figur erwarte. Verschiedenste Gruppen werden belächelt, mehr nicht, denn gehässig ist Herr Krömer allenfalls gegen sich selbst. Ich amüsiere mich bestens. Einzig der Veranstaltungsort ist irgendwie unstimmig. In die Halle passen klassische musikalische Darbietungen. Comedy und Kabarett sind meines Erachtens in funzeligen Kellern besser aufgehoben. In der Markthalle oder der Fabrik würde sich die humoristische Kritik an Hipstern und ökologisch korrekten Eltern vielleicht noch besser entfalten.

Excelsior-Klasse

Zwei Nächte in Köln. Weil dieser Tage eine Dental-Messe alle nächstgelegenen Hotels in Beschlag nimmt, muss ich auf ein Hotel ausweichen, das sich zunächst einmal durch seine Bahnhofsnähe auszeichnet. Darüber hinaus eilt ihm ein Ruf voraus, der mich eher ein wenig verschreckt. Prominente und Personen von Geld und Adel würden hier logieren. Ich komme gegen 21:15 Uhr an, weil der Weg vom Bahnhof wirklich nur zum Dom führt und sich der Eingang direkt in seinem Schatten befindet. Das goldene Portal wird gesäumt von zwei Portiers in royalblauen Uniformen, die sich freuen, mir meinen Koffer abzunehmen. Eigentlich gar nicht nötig, ich bleibe ja nur zwei Nächte und habe entsprechend wenig Gepäck. Aber das muss wohl so sein.

An der Rezeption sind gerade alle drei Schalterbuchten und Concierges belegt. Trotzdem erscheint sofort eine vierte uniformierte Dame und nimmt sich meiner an. Ich muss noch meine privaten Daten angeben, dann habe ich meinen Namen so oft wiederholt, dass ich mich spätestens jetzt nicht mehr wundern werde, direkt namentlich angesprochen zu werden. Gehört habe ich davon bereits. Den Kofferservice lehne ich beschämt ab. Das wäre wirklich zu viel des Guten.

Das Foyer ist prachtvoll und klassisch. Modern ist ein Wort, dass hier nicht angebracht ist. Es blitzen Gold und dunkle Farbtöne, auch Mahagoni- und Wurzelholzdetails kann ich ausmachen. Insgesamt wirkt es gediegen und gefällt sicher den Menschen, die sich in so einem Ambiente auch chauffieren lassen. Mein Zimmer liegt im 5. Stock. Der Fahrstuhl entlässt mich in ein Treppenhaus mit verschnörkeltem Geländer und einem großen Wappen in den Bodenfliesen. Als könnte ich vergessen, dass ich hier nicht zu Hause bin. Dann laufe ich etwa 30 Meter durch einen verwinkelten, aber sehr großen Flur. So baut heute niemand mehr. Hier ist etwa doppelt so viel Platz wie in modernen Kettenhotels.

Mein Schlüssel passt in eine Tür, die mit Butzenscheiben versehen ist. Blickdicht, aber lichtdurchlässig. Dahinter liegt ein 5qm großer Flur, von dem aus das Bad und der Wohnraum abgehen. Alles sehr großzügig, ich habe zwei Sitzgelegenheiten und viel Platz. Der Stil ist wie erwartet konservativ in sattem Türkis und Ocker gehalten. Ein sehr gepflegter, hochfloriger Wappenteppich weist mich an, meine Schuhe gleich auszuziehen und in die bereitgestellten Spa-Schlappen zu schlüpfen.

Ich habe tatsächlich einen Schlüssel mit schwerem Anhänger bekommen, den ich bei Verlassen des Gebäudes wieder abgeben muss. Das habe ich schon ewig nicht mehr erlebt.

Das TV-Gerät steht hier scheinbar nur, weil die Hotelstandards das vorschreiben. Es ist so ungünstig platziert, dass man sich schon direkt davor stellen muss, um etwas zu sehen. Ereignisse, die das nach sich ziehen, bleiben hoffentlich erst einmal aus.

Lichtschalter zähle ich insgesamt 15, das sollte reichen. Freie Steckdosen leider keine. Aber für das Ladegerät kann ich die Kaffeemaschine vom Netz nehmen, denn die werde ich sowieso nicht nutzen. Das Bett ist überall weich. Was die Matratze betrifft – leider. Aber hier bin ich mit meinen Vorlieben generell in einer Minderheit. Die vier Kissen sind allerdings ein Traum. Mit weißen gestärkten Bezügen versehen, kann ich darin wunderbar versinken. Herrlich!

Das Bad ist ein Neunzigerjahretraum aus Marmor und Gold. Opulent, wenn auch mit einer Spur zu viel von Allem. Und einige Zentimeter zu hoch für mich. Aber auch hier stehe ich nicht für den Standard und große Menschen sind darüber sicher erfreut.

Das Frühstück beginnt für mich zu spät und außerdem wurde mir angekündigt, dass es unter Silberhauben serviert wird. Das möchte ich gar nicht. Ich frühstücke gern, habe dabei aber lieber möglichst wenig sozialen Kontakt, wenn die Uhr noch nicht 7 geschlagen hat. Deshalb gehe ich zum nahegelegenen Kaffeehaus mit Stammsitz in Seattle. Dort gibt es köstliche Kleinigkeiten und es ist noch leer. Um das Ganze abzurunden, wird bei meinem Betreten gerade das Ukulele-Album von Eddie Vedder gespielt, das nenne ich mehr als angemessen.