Reisen

Freitag war Anreisetag und der war zu Beginn gar nicht mal so entspannt. Morgens noch schnell ein paar Stunden gearbeitet. Dann mit dem Taxi zum Flughafen, damit wir dreieinhalb Stunden vor Abflug dort sind. Das sollte reichen, dachten wir. Hätte es sicher auch. Im Terminal freuen wir uns auch noch über die verblüffend kurzen Schlangen vor den drei Schaltern von British Airways. Die sind aber so kurz, weil die Schalter noch nicht geöffnet sind. Es ist der einzige BA-Flug heute und geöffnet wird wohl erst wie üblich zwei Stunden vor Abflug. Self-Drop bietet BA in Hamburg leider nicht an, weshalb wir uns anstellen müssen. Als dann endlich geöffnet wird, dauert es noch sehr lange, bis wir endlich an der Reihe sind. Zunächst müssen ja die Business-Class-Kunden bedient werden und da vorher nicht gekennzeichnet war, wo diese sich anstellen sollen, müssen wir erst alle neu gemischt werden. Vor uns stehen an unserer Schlange etwa 12 weitere Fluggäste. Und bis auf eine junge Alleinreisende haben alle so viel zu klären und besprechen, dass pro Koffer etwa 7 Minuten vergehen, bis der endlich hinter dem Vorhang verschwindet. Bei dem Tempo sind nicht einmal die Koffer rechtzeitig im Flugzeug. Als wir unser Gepäck auf dem Weg wissen, bleiben uns noch 40 Minuten bis zum Boarding. Nerven habe ich nur noch für 30 Minuten maximal. Fliegen ist einfach kein Vergnügen, vielmehr eine Zumutung, die für mich jeglichen Reiz verloren hat. Jedenfalls brauchen wir 35 Minuten, bis wir durch die Sicherheitskontrolle gehen dürfen. Schlangen quer durch den Flughafen. Am Gate noch die Passkontrolle. Wieder eine beachtliche Schlange. Aber jetzt können wir das Gate schon sehen und das Kontrollpersonal uns auch. Die werden das Gate schon nicht schließen, bevor wir durch sind. Wir treffen in der Schlange viele aus dem CheckIn wieder. Hinter der Passkontrolle, die wir „ohne Mensch“ durchlaufen, also automatisiert, wartet dann die Boarding-Schlange auf uns. Wieder 15 Minuten Geduld, bis mit reichlich Verspätung endlich die ersten Gäste an Bord gehen können. Die beiden Damen vom CheckIn mussten hierher wechseln und das geht ja nicht, bevor alle eingecheckt wurden. Am Ende sitzen wir im Flugzeug – zum ersten Mal dürfen wir drei zusammen in der Notausgangreihe sitzen. Jetzt kann ich durchatmen (Klimaanlage sei Dank). Der Tag hat mich bis hierher sehr gestresst.

Der Flug selbst ist dann ganz prima. Sehr ruhig und mit bestem Ausblick. In der Heimat zunächst ein schöner Blick auf die Elbe und die Köhlbrandbrücke. In Großbritannien dann ein kurzer Blick auf Windsor Castle. Was gleich erkennbar ist: Der englische Rasen ist überall vertrocknet braun. Nur ein paar grüne Fleckchen zu erkennen.

Am Heathrow Airport landen wir am äußersten Ende und müssen sogar mit der internen U-Bahn bis zur Gepäckausgabe fahren. Aber dort drehen die Koffer schon ihre Runden. Von Chaos und Verspätung keine Spur. Auch die vorherige Passkontrolle ist vollautomatisiert und es gibt keine Schlange. Wir müssen die Absperrungen nur in Schlangenlinien durchlaufen, was sogar ganz witzig ist.

Zur echten U-Bahn ist es nicht weit und wir laden unsere Oyster-Cards auf und steigen in die Piccadilly Line. Endlich Urlaub! Die Durchsagen, die durchgewetzten 90er Jahre-Sitze, der Ausblick auf die Londoner Vorstadt – einfach großartig! Unsere Station ist wieder Earls Court. Bereits zum vierten Mal logieren wir in dieser Gegend und werden auch diesmal nicht enttäuscht. Es ist einfach schön hier in der Earls Court Road, eine typische Londoner Straße, die alles hat: Vom roten Backsteinlook bis hin zu den schönen bunt eingerahmten Ladeneingängen und den Pubs mit bunten Blumenampeln an den Fenstern.

Unser Apartmenthaus fügt sich wunderbar in diese Straße. Wir müssen zunächst etwas länger draußen verweilen, als uns lieb ist. Der Schlüssel ist in einem Safe, dessen Standort uns ein Foto verraten soll, das uns leider nicht erreicht hat. Aber unser Vermieter ruft mich gleich zurück und hilft mir auf die Sprünge. Ich muss auf die andere Seite der Kreuzung an einem Fahrradständer einen Minisafe öffnen und den Schlüssel entnehmen. Süß. Das Apartment ist sehr schön, größer als unsere heimische Wohnung und weniger plüschig als modern eingerichtet. Untypisch, aber trotzdem schön. Das Treppenhaus ist mit einem weichen Teppich ausgelegt, sehr typisch. Ansonsten sieht es aus wie das Treppenhaus der Nerds in Pasadena. Wenn wir die Treppen hinuntergehen, werden wir nach ihrem Vorbild versuchen, tiefgreifende Gespräche zu führen. Für den Weg hinauf in den dritten Stock gibt es einen funktionierenden Fahrstuhl, in dem auch die Wände mit dem roten Teppich ausgekleidet sind. Für den Koffertransport und die Einkäufe, die wir anschließen besorgt haben, sind wir damit zumindest zu zweit gefahren.

Der erste Einkauf in den nahegelegenen M&S Foodhalls war erwartungsgemäß kostspielig. Diese unglaubliche Auswahl an Convenience-Food, also halbfertigen Gerichten, vorgerollten Fleischbällchen, Salaten, geschnittenem Obst, Backwaren ist immer wieder ein Erlebnis. Den Umweltgedanken muss man wegen der transparenten Verpackungen beiseite schieben, denn verpackt ist so gut wie alles. Und dass am Freitagabend die Regale noch gut gefüllt sind mit allem, was das Herz begehrt, hat mitten in London eben seinen Preis.

Das Abendessen nehmen wir in einem Pub ein, der gleich vor der Haustür steht. Vor dem Eingang stehen eine Menge Hipster, die hier rauchen, draußen speisen werden wir also lieber nicht. Drinnen ist es sehr warm, aber für die Mahlzeit halten wir das schon aus. Nur nichts scharfes essen. Es werden ein Burger, Mac&Cheese und wenigstens ein britischer Steak-Pie mit Gemüse und Kartoffelpüree. Klassische Fish & Chips waren leider nicht im Angebot, das muss ich verschieben.

Nach dem Essen machen wir noch einen Abstecher zur Boots-Filiale. Ein paar Sachen haben wir doch vergessen und so müssen wir noch einen Tiegel und eine Bürste besorgen. Anschließend sind wir sehr müde, schauen noch kurz eine Folge „Chuck“ und gehen dann ins Bett. Der Fernseher bietet leider keinerlei analoges Programm mehr. Also durchzappen geht nicht. Wir müssen uns erst für eine der vielen Plattformen entscheiden. Angemeldet ist meist ein „AJ“, vielleicht ein Vormieter oder das gehört zum Service. Egal, es läuft.

London Calling

Es gibt bereits einen Beitrag mit diesem Titel, aber wenn London ruft, bin ich da! Und ich will wieder eine Reise nach London wagen. Mit dem Flugzeug. Zum Buchungszeitpunkt war ich naiv genug zu glauben, die Corona-Lage wäre im Sommer entspannt. Mein Umfeld hat in den letzten 18 Monaten unzählige Flugreisen unternommen und alles ist relativ gut gegangen. Also hoffe ich das auch für uns. Wir alle drei wären untröstlich, wenn doch noch etwas dazwischen käme. Fingers crossed.

Jedenfalls war ich viel zu lange nicht mehr dort und vermisse es sehr, die Sprache, den Geruch im Untergrund, den morbiden Charme, der bei all dem royalen Pomp immer wieder hervorblitzt und stets mit einer Verachtung konserviert wird, dass man es auch wieder bewundern muss. Tim Mälzer hat einmal gesagt: „Es gibt Städte, umarmen einen.“ Und London vermag das besser als jede andere Stadt, die ich kenne. Nach Hause kommen, sobald ich den weichen graugrünen Teppich am Heathrow Airport unter den Füßen spüre. Übrigens sind in Großbritannien fast alle künstlichen Fußböden sehr viel weicher als wir Menschen vom Festland es gewohnt sind. Es federt allerorten.

Die erste Hürde ist nun die Woche bis Freitag. Wir müssen Menschen meiden, um die Reise virenfrei antreten zu können. Hoffentlich wird der Flug nicht abgesagt und die Koffer kommen mit, das wäre auch schön. Aber einmal dort, kleiden wir uns zur Not neu ein. Das wäre verkraftbar, sind wir dann doch in der Zivilisation und nicht auf einer abgelegenen Insel. Ihr Ansehen als stolze traditionsbewusste Nation demontieren die Briten ja seit Jahren recht erfolgreich, aber als abgelegen oder abgehängt möchte ich das Leben dort noch nicht bezeichnen. Selbst am Protokoll der königlichen Familie wird fleißig gewerkelt und jüngst wurden immer wieder überfällige Änderungen durchgesetzt. In meinen Augen noch immer zu wenige und vieles viel zu spät, aber warum sollte ausgerechnet die Firma Windsor agiler und zukunftsorientierter daherkommen als die meisten anderen börsennotierten Unternehmen oder die eine oder andere Erste-Welt-Regierung. Offenbar lassen die Menschen nur ungern los und sind im ersten und zweiten Schritt nicht bereit, auch für durchaus notwendige Veränderung Nachteile in Kauf zu nehmen. Vieles in der Welt geht in meinen Augen viel zu langsam voran. Aber ich schweife ab und bin schließlich auch Teil des Problems.

Am gestrigen Sonntag haben wir erst einmal einen kulinarischen Ausflug in die Türkei gemacht und im „bona’ me“ ein spätes Frühstück zu uns genommen. Der Name lässt sich wohl am Ehesten übersetzen mit: An meinem Tisch. Und wie ich es erwartet habe, ist der Geist der türkischen Gastfreundschaft deutlich zu spüren. Davon sollten sich andere Gastronome gern eine Scheibe abschneiden, denn das Gegenteil ist leider oft der Fall. Das Lokal wird mit einer Art der Systemgastronomie betrieben, die die Kommunikation mit dem Servicepersonal auf ein Minimum reduziert. Man ordert an Bildschirmen direkt am Tresen, was bei den türkischen Namen der Speisen sicher von Vorteil ist, weil ich sie mir nur schwer merken kann, bin ich doch der Sprache nicht mächtig. Für kontaktscheue Menschen ist das wohl ganz angenehm, ich sehe darin aber keinen Vorteil. Außer, dass es mich schon auf den nächsten Pub-Besuch vorbereitet, denn dort wird die Bestellung auch am Tresen aufgegeben. Man soll die Speisen am Tresen selbst abholen. Das klappt nur mittelgut. Es ist leider auch eine Generationsfrage. Verwirrt und wenig erfolgreich laufen vorwiegend ältere Menschen mit dem vibrierenden Signalgerät umher und müssen am Ende doch persönlich betreut werden. Ich muss mich leider ebenfalls dazu zählen. Das Gerät vibriert und zeigt mir an, wo ich etwas abholen soll. Dort steht dann ein Gericht, dass ich nach kurzem Überlegen einem meiner Begleiter zuschreibe. Bevor ich es aber zum Platz bringen kann, muss ich drei Fragen der geduldig freundlichen Dame auf der anderen Seite des Tresens beantworten, die ich ob der Laustärke nur schwer verstehen kann. Am Tisch weist mich die Jüngste auch gleich auf mein vermeintliches Fehlverhalten hin. Ich verstehe aber nur: Dann machst Du dieses oder jenes – sei doch ganz einfach! Ach, was ist denn an dem Jahrhunderte bewährten Kellner-Gast-Verhältnis nur verkehrt? Das Essen ist allerdings hervorragend und das Personal auch sehr nett, aber wir essen eigentlich alle getrennt, weil die Gerichte nicht zeitgleich kommen. Der Ablauf ist entweder noch suboptimal organisiert, ich bin zu alt dafür oder ich gehe da nicht mehr hin. Die letzte Konsequenz habe ich ja vor ein paar Jahren nach einem Besuch bei Subway in London gezogen. Der Laden war sehr klein, es war sehr voll und wir hatten entschieden, dass ich das Essen bestelle und der Rest einen freien Tisch sucht. Ich hatte also vier Bestellungen im Kopf, zwei Sandwiches waren sogar ein Standardangebot ohne individuelle Extrawünsche. Dann war ich an der Reihe und habe die ersten zwei Sandwiches von der prominent angebrachten Karte bestellt. Gerade als ich anfangen wollte, die beiden individuell zusammengestellten belegten Brötchen zu bestellen, wurde ich von einem Nichtmuttersprachler in erstaunlich schlechtem Englisch um verschiedene Entscheidungen gebeten: Helles Brot, dunkles Brot, Eisberg oder Rucola, mit Knoblauch, ohne Knoblauch und dergleichen. Schwer genervt kam ich am Ende bei den Soßen an und kann mich erinnern, dass jemand Currysauce haben wollte. Die heißt hier aber anders und so verstand mich der Zusammensteller nicht. Am Ende rief ich: Die Gelbe! Und: Ohne Soße! Geschafft, zwei Brötchen konnte ich bezahlen. Dann stand ich aber am Ende des Tresens und konnte unmöglich noch zwei weitere bestellen, weil bereits viele neue Kunden hinter mir ihre Bestellungen anfertigen ließen. Ich bezahlte und berichtete den Wartenden von meinem Scheitern. Seitdem meide ich den Laden.

Rhein Romantik

Heute wachen wir recht früh auf, weil wir den Samstag auch recht früh beendet haben. Wir waren müde. Und wir arbeiten stetig daran, in drei Tagen einen Marathon zu laufen. Da muss es abends eben etwas ruhiger sein.

Das Frühstück wollen wir heute wieder auswärts einnehmen. Wir haben uns das WDR Funkhaus Café ausgesucht. Nicht zuletzt wegen der Öffnungszeiten, denn man erhält auch am Sonntag schon um 08:30 Uhr ein exquisites Frühstück. Und wir sind nicht die Einzigen, die frische Croissants zu schätzen wissen. Die Pancakes sind ebenfalls köstlich. Nach dem Frühstück gehen wir zum Museum Ludwig, ein Museum für zeitgenössische Kunst. Dort wollen wir die Zeit bis zur nächsten touristischen Attraktion überbrücken. Das Museum liegt direkt am Dom, dessen Glockengeläut zur sonntäglichen Messe einlädt. Wir haben der Kathedrale aber schon vor dem Frühstück einen kurzen Besuch abgestattet. Wegen der Vorbereitungen durften wir nur ganz kurz hinein und auch nur in die Halle am Eingang, aber das reicht ja als Pflichtbesuch allemal.

Im Kunstmuseum haben wir Werke vieler namhafter Künstler betrachtet. Von Nolde über Picasso bis Beuys und Warhol von allem etwas dabei. Das Museumsgebäude ist modern und sehr ansprechend gestaltet, es gefällt mir richtig gut. Außerdem ist es angenehm klimatisiert. Wir sind schnelle Museumsgänger und haben immer noch etwas Zeit, die wir im „Wartesaal am Dom“ mit einem alkoholfreien Cocktail verbringen. Der Wartesaal ist in den Bahnhofsgewölben untergebracht. Der Hohlraum unter den Gleisen wurde hier sehr stylisch hergerichtet und beherbergt nun eine Hipster-Gaststätte mit Außenbereich. Wir setzen uns unter einen Schirm, denn die gemessenen 24 Grad fühlen sich an wie 32. Ich muss mir auch kurz eine Mütze kaufen, denn am Nachmittag haben wir eine große Hafenrundfahrt gebucht und ich kann nicht abschätzen, ob wir schattig platziert werden. Der gestrige Tag hat für einen Sonnenbrand auf dem Kopf gesorgt. Dort kann ich ja nicht cremen.

Am Pier Nr. 10, der hier Steg genannt wird, warten schon einige andere Touristen auf die Abfahrt. Eher unangenehmes Publikum. Ich kann meine nordische Arroganz leider nicht verbergen, aber die zahlreichen Menschengruppen sind auf verschiedenste Art zu laut, zu jovial und zu mitteilungsbedürftig. Wir müssen beide etwas gequält lächeln. Durch die Wärme bin ich sowieso etwas quengelig und frage mal vorsichtig, ob wir den Ausflug nicht lieber sausen lassen sollten. Aber eigentlich wäre eine mehrstündige Pause mit leichter Brise jetzt genau das Richtige. Also durchhalten. Und wie so oft, wird es bei schlimmsten Befürchtungen total ok bis super. Das Schiff verfügt über einen Deckbereich, der offen, aber überdacht ist und wir bleiben an unserem für mindestens fünf Mann gedachten Tisch allein. Dann lassen wir uns auch noch einen Lillet-Cocktail servieren und lauschen der angenehmen Erzählstimme der Stadtbilderklärerin. Die Fahrt führt etwas südlich an den berühmten Kranhäusern vorbei und dann in drei nahegelegene Hafenbecken Richtung Norden. Es ist auch ganz interessant, was hier passiert. Denn auch die Binnenschifffahrt transportiert Container, alles eine Nummer kleiner als in Hamburg, schon weil der Rhein nicht so einen Tiefgang hat, aber dennoch zahl- und traditionsreich. Entlang der Ufer queren wir kilometerlange Hochwasserausgleichsflächen, die bei diesem Wetter als Naherholungsgebiet dienen. Viele Menschen liegen und sitzen im Gras und genießen die Sonne. Neue Brücken werden seit der Bürgermeisteramtszeit von Konrad Adenauer nur noch in „Konrad Adenauers Brückengrün“ gestrichen. Da das nun schon einige Jahre so gehandhabt wird, ergibt sich ein stimmiges Bild auf der ganzen Fahrt.

Wieder an Land, machen wir uns frisch im Hotel und gehen ein letztes Mal zum Rheinufer und suchen uns ein schönes Lokal für das Abendessen. Die Stimmung ist hier mediterran, Familien, junge Paare, Freunde, alle genießen den sommerlichen Abend im Freien.

Drei Tage im Juni

Es geht mal wieder auf Reisen! Ein langes Wochenende in Köln steht an. Start ist Donnerstagnachmittag und alles klappt einwandfrei. Ich bin eine Weile vor Zugabfahrt am Hauptbahnhof. Natürlich. Aber nichts ist mir mehr zuwider, als große Eile mit großem Gepäck. Na gut, das Gepäck ist übersichtlich, aber es herrschen schwüle Temperaturen über 22 Grad und deshalb hätte ein beschleunigter Takt unangenehme Folgen.

Meine Reisebegleitung ist aber auch schon im Gebäude und wir treffen uns oberhalb des Gleises nach einem kurzen Einkauf von Backwaren, die heute unser Abendessen sein werden. Nach unserer Ankunft am Zielort werden wir vielleicht noch an die Hotelbar gehen. Für einen späten Restaurantbesuch sind wir sicher zu müde. Wir haben beide noch gearbeitet und sind entsprechend früh aufgestanden. Wenn man erstmal 40 Lenze erlebt hat, muss der Tag nach 16 Stunden langsam zu Ende gehen, da hilft kein Übermut mehr. Das muss ich mir ohnehin eingestehen, die letzten Jahre bin ich offenbar ganz schön gealtert und am Donnerstagabend ist regelmäßig nicht mehr so viel mit mir anzufangen.

Am Gleis erfahren wir, dass der Zug mit geänderter Wagenreihung einfahren wird. Wir müssen also wieder ein Stück zurücklaufen. Auf dem gut gefüllten Bahngleis ist das gar nicht so einfach. Und dann kommt der Zug auch noch sehr pünktlich. Wir bleiben also doch stehen und siehe da: Unser Waggon und die Tür halten direkt vor uns. Besser geht es gar nicht.

Im Zug genießen wir die Annehmlichkeiten der ersten Klasse. Ein Cappuccino wird bestellt und ich freue mich über die geringe Auslastung im Zug auf seinem Weg nach München. Das ist heute die Endstation. Durch die Schleife über den Westen wird die Fahrt rund 10 Stunden dauern. Ganz schön lang. Aber unsere Fahrt mit 100% Ökostrom bei streckenweise 215 Stundenkilometern fühlt sich insgesamt sehr gut an.

Wir rollen mit nur wenigen Minuten Verspätung in Köln ein. Es ist immer wieder nett, so pittoresk anzukommen. Vorbei am Arbeitgeber über die Hohenzollernbrücke zum Dom. Im Bahnhof herrscht viel Betrieb, wie in Hamburg. Wir finden unseren Weg sehr schnell und das Hotel liegt direkt am Bahnhof. Es ist äußerlich nicht schön und auch das Foyer ist klein und wenig repräsentativ. Man sieht ihm den 4 Sterne Status nicht an. Ich muss auch gleich bezahlen, irgendwie befremdlich. Das Zimmer ist aber in Ordnung. Geräumig mit zwei Sesseln und einem direkten Blick auf den Dom aus dem 9. Stockwerk. Wir packen aus und machen uns frisch. Dann gehen wir doch wieder raus und spazieren zum Rheingarten. Direkt hinter dem Dom am Wasser gelegen breiten sich Wiesen aus. Die Promenade ist gesäumt von Gaststätten. So dicht nebeneinander, dass es fast römisch anmutet wie am Campo de‘ Fiori, nur eben einseitig und auf der anderen Seite der Fluss. Vielleicht erzeugen auch die Straßenmusiker dieses Flair, weil sie gerade italienische Gassenhauer zum Besten geben. Später kommen noch relativ aktuelle internationale Popsongs dazu und zwei Soundtrack-Stücke. Nicht zu laut, also völlig in Ordnung.

Nach zwei Drinks und zu fortgeschrittener Stunde schlendern wir zurück zum Hotel und fallen sofort ins Bett.

Into the past

Heute wurde mir vom abonnierten Musik-Streaming-Dienst das neue Album „Earthling“ von Eddie Vedder empfohlen. Wenig überraschend, ist er doch auf fast jeder meiner Playlists mit dem einen oder anderen Stück vertreten. Überraschend ist aber das Album, ein sehr vielseitiger Genre-Mix. Es beginnt mit einem Lied im Herbert Grönemeyer-Stil. Zuerst dachte ich: Nanu? Ein Duett? Aber es singt dann doch Herr Vedder. Herr Grönemeyer hat ja einige Jahre in London gelebt und nicht in Chicago, ich glaube nicht, dass die beiden sich mal getroffen haben. Dann folgt eine Tom Petty-Referenz, da wollte ich schon abbrechen, aber die Skip-Taste reichte aus. Anschließend folgen einige rockigere Stücke, eines mit Ska-artigem Gesang, aber nicht schlecht. Und dann noch fast erwartet eine Hommage an die Ramones, deren Fan-Club-Präsident Herr Vedder ja ist, mit einer ordentlichen Portion E-Gitarren-Schrabbel. In der Mitte ein Duett mit Elton John – also zwei Stimmen meiner Jugend. Es ist schon ihr zweites gemeinsames. Das erste ist auf dem enttäuschenden Elton John-Album „The Lockdown Sessions“ zu finden. Eine Ansammlung riesiger Stars, die mich leider überhaupt nicht überzeugen konnten. Wenn Herr John anruft heißt es sicher: „Yes Elton, send an embarrassing big car and I‘ll be there!“ Und das Duett mit Dua Lipa, das aus vier schönen John-Hits zusammengebastelt wurde (Sacrifice, Rocket Man, Kiss the bride, Where‘s the Shoorah) hat es an die Spitze der UK-Charts geschafft und ihm den ersten Nr. 1 Hit seit 16 Jahren eingebracht. Das gönne ich den beiden natürlich, aber für mich ist das eine sehr lahme Nummer, da erwarte ich viel mehr. Im Duett auf Vedders Album dominiert das Piano, das ist prima, aber dann gleitet es etwas ab ins countryhafte und damit kann ich nicht viel anfangen. Beide sind solo also viel besser.

Herr Vedder hat mich durch meine Jugendjahre in den Neunzigern begleitet. Zumindest modisch erlebt dieses Jahrzehnt gerade ein Comeback. Karottenjeans heißen zwar jetzt: Mom, Paperbag oder Cinchback, aber bei letzterer kann man sich wenigstens den Gürtel sparen, der im Augenblick in der Modewelt so gar keine Rolle spielt.

Eigentlich steht das ganze Wochenende im Zeichen der Neunziger. Gestern Abend wurde in einem Quiz nach dem Namen „Rufus Beck“ gefragt. Und da hatten wir plötzlich total Lust auf „Der bewegte Mann“. Was soll ich sagen: Der Film ist überraschend gut gealtert. Ich kann über die Gags immer noch lachen. Heute Abend versuche ich, „Sneakers“ zum Hauptfilm zu machen, mal sehen, ob das klappt. Die Besetzung ist ein Who is Who der Neunziger: Ein knittriger Redford, Poitier, Strathairn, Aykroyd, Phoenix und Kingsley. Und ein sog. Heist-Movie. Ein Film, der ein Verbrechen (meist Raub) aus der Sicht der Ganoven thrillerartig nachzeichnet. Gute Samstagabendunterhaltung.

Alles-ist-möglich-Donnerstag

In meiner Lieblingsserie „The Big Bang Theory“ versuchen die vier Hauptfiguren, aus ihrem Alltagstrott auszubrechen und initiieren den „Alles-ist-möglich-Donnerstag“. Eine neue Freizeitbeschäftigung testen, oder einem neuen Restaurant eine Chance geben. Natürlich scheitern sie an diesem Vorhaben, es ist ja eine Sitcom und ich soll darüber lachen können.

Ob es an der langanhaltenden Pandemiesituation liegt, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, aber mein Alltag ist ebenfalls sehr wiederkehrend strukturiert und ich muss mich an vielen Stellen aktiv darum bemühen, dass es auch so bleibt. Viel mehr als noch in 2019. Ich denke auch viel mehr voraus und plane die Tage im Hinblick auf den Speiseplan oder den Arbeitsort. Aus verschiedenen Gründen versuche ich, möglichst oft im Büro zu arbeiten. Das Büro liegt in einem großen Bürogebäude und wegen des Homeoffice-Gebots ist der Betrieb dort sehr eingeschränkt und das Arbeiten sehr einsam. Letzteres ist ja im Umkehrschluss aus Infektionsschutzgründen wieder von Vorteil. Der eingeschränkte Betrieb insgesamt hat auch Auswirkungen auf die Kantine, sie ist aber grundsätzlich geöffnet. Und einige Kantinenroutinen haben sich nicht verändert. Donnerstag ist immer noch Burger-Tag. Im Gebäude ist die Woche über nicht viel los, am Donnerstag aber kommen durchschnittlich die meisten Kollegen ins Haus. Ob das am Burger liegt, am Erscheinungstag der zwei bekanntesten Magazine, oder ganz andere Ursachen hat, wurde noch nicht untersucht. Diese Woche verriet ein Blick auf die Speisekarte: Mac and Cheese-Burger mit Kartoffelrösti und Curly Fries. Das hat mich erst einmal sprachlos gemacht. Vierfach-Kohlenhydrate – das schien mir doch etwas schräg, aber dann wieder herrlich politisch unkorrekt. Grundsätzlich gibt es ja auch eine High-Carb-Fraktion unter den Konsumenten, aber ich glaube, selbst denen ist Fast Food ein Dorn im Auge. Das wollte so wenig Sinn ergeben, dass es mir schon wieder gefallen hat und deshalb bin ich entgegen meiner üblichen Gewohnheiten an diesem Tag in die Kantine gegangen und habe mich an diesem Experiment versucht. Mein „Alles-ist-möglich-Donnerstag“

Angekündigte 1.400 Kalorien exklusive Nachtisch, der mindestens ebenso eklektisch wie unorthodox daherkommt wie das Hauptgericht. Diese Verachtung aller gängigen Konventionen und sämtlicher Errungenschaften der ernährungsbezogenen Gesundheitsbewegung gefällt mir irgendwie. Mehr Unvernunft passt kaum auf das Tablett. Ein ehemaliger Kollege wäre auch begeistert gewesen, hat er seine Wahl doch immer auf das optimale Kalorien-Preis-Verhältnis abgestellt. Marathon-Läufer, nebenbei bemerkt, da hat man ja generell immer das Bedürfnis, etwas Nahrhaftes anzubieten.

Dann habe ich mich daran gemacht, das Mittagsmahl zu genießen. Ich bin aber auf so vielen Ebenen gescheitert, dass es sich absolut mit den zwischenmenschlichen Abgründen der Wissenschaftler aus Pasadena vergleichen lässt.

Zunächst einmal bin ich kein allzu großer Liebhaber von frittierten Kartoffeln. Die schmecken mir nur in seltenen Momenten der Natriumarmut. Die gekringelten Fritten auf meinem Teller waren zudem leider bereits kalt. Ich habe deshalb nur zwei davon gegessen. Sie waren kross und abgesehen von ihrer Temperatur wohl nicht zu beanstanden. Aber für mich kein Genuss. Dann also zum Burger. In die Hand nehmen und abbeißen war mir nicht möglich, ohne zu kleckern, deshalb habe ich ihn dekonstruiert. Der Deckel war soßenfrei und resch und sollte sich am Ende als Highlight entpuppen. Unter dem Deckel waren zunächst einige sehr bedauernswerte Rucola-Blätter zu sehen. Gegen Rucola habe ich nichts, aber ernsthaft: Die haben in diesem Amerikanischen Ensemble so gar nichts zu suchen und kommen ohne Dressing oder natürliche Frische auch nicht klar und lagen widernatürlich gegart auf der Füllung herum. Also schnell essen und weiterschauen. Darunter kamen dann etwa 30 kleine Maccheroni zum Vorschein. In einer Käse-Sahne-Sauce mit Tomatenstückchen versetzt. Hätte funktionieren können, aber leider war der Käse geschmacklich kaum auszumachen und so war es nur eine sämige Masse ohne Geschmack oder Würze, die ich allerdings gegessen habe, denn Hunger hatte ich durchaus (mit etwas Salz ging es dann). Zuletzt offenbarte sich der Kartoffelröstitaler mit nennenswertem Durchmesser von etwa 12 Zentimetern. Im Entstehen des Burgers wahrscheinlich schön gebraten wie ein Fleischpatty und irgendwie als vegetarischer Clou geplant, lag er aber glanzlos da und war als wirkungslose Feuchtigkeitsbarriere inzwischen eins geworden mit der unteren Brötchenhälfte. Ich habe dann nur noch die obere Brötchenhälfte gegessen und die war sehr lecker.

Der Nachtisch war, um es mit einem Wort auszudrücken, heftig. Genannt: „Himbeer-Malheur“, wurde eine Himbeergrütze mit Vanillesauce bedeckt und als namensgebendes Topping mit einem absichtlich lieblos hineingedrückten Schaumkuss verziert. Heftig, weil darin einfach von allem zu viel war. Von Menge und von Süße. Ich habe nach zwei Löffeln von der Kombination lieber nur noch die Himbeeren gegessen.

Nach dem Essen habe ich mein Tablett auf das Förderband Richtung Abwäsche gestellt. Die beiden weiteren Tabletts dort boten einen meinen Resten nicht unähnlichen Anblick. Ich glaube, das war ein einmaliges Angebot. Vielleicht hatte auch nur jemand in der Küche eine Wette verloren oder Ähnliches. Ein traditioneller Kassenschlager wie die sagenumwobene „Susländer Currywurst“ wird es sicher nicht werden.

Ich bestelle beim Teenager für den nächsten Donnerstag eine schöne Portion „Mac & Cheese“. Da wird zwar mit Europäischen Zutaten, aber streng nach Originalrezept gekocht und ich erwarte keine Enttäuschung.

Gaudi

Den Sonntag bin ich noch schuldig. Etwas verspätet, aber ich hatte Schlaf nachzuholen und am Montag startete die Arbeitswoche wieder pünktlich. Die Damen haben einen Ruf zu verlieren, fangen wir doch beide immer so früh an. Obwohl es ja auch zwischen uns noch einen gewissen Abstand gibt. Aber ich warte immer, bis die Firmengarage um 06:30 Uhr geöffnet wird. Das ist so schön bequem.

Also, 6 Stunden Schlaf mussten reichen, um 07:30 Uhr haben wir den Tag mit einen schönen Hotelfrühstück begonnen. Es war alles da, zwar keine Brötchen aus der Hofpfisterei, sondern industriell luftige, aber ansonsten gab es gar nichts zu bemängeln. Frisch gestärkt und ausgecheckt fahren wir wieder mit der U-Bahn in die Stadt. Weil die Auer Dult nicht direkt an einer U-Bahn-Linie liegt, müssen wir auch noch ein paar Stationen auf die Straßenbahn ausweichen. Das freut mich ganz besonders, denn ich mag Straßenbahnen sehr. Obwohl wir uns nicht beeilen, sind wir natürlich zu früh am Veranstaltungsgelände. Aber das stört keinen großen Geist, wie Karlsson vom Dach es ausdrücken würde. Wir sind nicht die ersten und warten eben einfach in den ausgewiesenen Wartezonen auf den Einlass. Es wird nur eine begrenzte Zahl von Besuchern auf dem Markt gelassen, damit die Abstände eingehalten werden können und es kein Gedränge gibt. Das ist in meinen Augen sogar ein Vorteil, Menschenmassen auf kleinem Gelände – wer mag das schon. Der gemeine Haidhausener rund um den Mariahilfplatz steht Sonntags am Kirchweihwochenende offenbar nicht so früh auf. Mit uns warten keine Hundert Menschen und so ist es zu Beginn sehr angenehm leer auf dem Markt. Es sind zwar auch weniger Aussteller dort, damit die Buden nicht zu nah aneinander stehen, aber das trübt die Stimmung nicht und wir streifen vergnügt umher. Gekauft wird auch das eine oder andere Keramikteilchen, aber nichts großes. Schade eigentlich, denn sonst fiel das immer aus, weil wir keine Kapazität hatten, es per Flugzeug oder Bahn in den Norden zu transportieren. Und das Auto ist noch lange nicht voll. Aber gut, man soll ja auch nichts kaufen, was man nicht braucht. Leider haben wir auch noch keinen Hunger und so müssen wir das durchaus verlockende Snack-Angebot ebenfalls links liegen lassen, inklusive des Steckerlfisches von der Fischer-Vroni, bei der mich schon der Name begeistert.

Nach dem Markt spazieren wir zur Isar und lassen uns unweit des Deutschen Museums im Kiesbett die Sonne auf den Rücken scheinen. Eine herrliche Pause an einem herrlichen Sonntagmittag. Irgendwann haben wir doch Hunger und kehren nach einem kurzen Marsch in einem Brauhaus ein und ich bestelle mir einen 1A Obazda. Der sieht nicht nur toll aus, er schmeckt auch ganz hervorragend.

Nach dem Essen ist es schon mitten am Nachmittag und wir machen uns deshalb leider wieder auf den Rückweg zum Hotel.

Dort besuchen wir noch einmal die Sanitärräume und fahren dann los. Zu Beginn ist es etwas stauig auf der Autobahn, aber spätestens als wir Bayern verlassen, ist zwar viel los auf der Strecke, aber der Wagen kann seinem Namen immer mal wieder alle Ehre machen und in windiger Eile Richtung Norden düsen. Der Fahrer kündigte es an mit: „So, dann wollen wir es mal ordentlich gurgeln lassen im Tank!“ Gesagt, getan und um 21:50 Uhr sind wir wieder in der Heimat. Viel schneller, als von der Navigation berechnet!

Minga

Am Wochenende geht es wieder in den Urlaub. Klitzekurz, aber endlich wieder zwei Tage auswärts. Herrlich und auch gleich 800km weit weg. Wir fahren nach München. Recht spontan und in bisher ungewohnter Zusammensetzung: Schwester, Schwager und ich. Der Rest scheute sich vor der langen Autofahrt und wird ein Wellness-Wochenende in der Lüneburger Heide genießen. Sicher auch schön, aber ich bin ja in erster Linie ein Stadtmensch.

Letzte Woche kam im schwesterlichen Haushalt die Frage auf, wann denn wieder mal die Auer Dult stattfindet – an diesem Wochenende! Das ist ein herrlich klassisch altmodischer Trödel- und Keramik-Markt, im Herbst auch Kirchweihdult genannt. Der Markt findet seit 1905 auf dem Vorplatz der Mariahilfkirche rechts der Isar statt. Ich war erst zweimal dort, denn ich habe ja nie in München gewohnt. Aber gerade als touristisches Unterfangen ist der Markt ein unschlagbares Vergnügen. Meine Vorfreude ist entsprechend groß.

Nach einem halblangen Arbeitstag fahre ich durch den ehemaligen Freihafen über die Köhlbrandbrücke und genieße auch als Fahrer im stockenden Verkehr den Ausblick im Sonnenlicht. Im nördlichen Niedersachsen checke ich in einem schnuckeligen Kino-Hotel ein. Auf diese Weise produziere ich im Privathaushalt keine Wäsche und belege morgens nicht das Bad. Wir starten ja zeitig. Das Hotel liegt mitten im Ort und neben dem Hotel werden im Gebäude noch das örtliche Kino und ein Restaurant betrieben. Sehr charmante Mischung. Die Zimmer heißen Peter Jackson, Joel Coen oder Quentin Tarantino. Die Auswahl spricht für den Filmgeschmack der Inhaber. Ich logiere im Zimmer „Audrey Hepburn“. Im Zimmer hängt auch ein Bild von ihr. Die übrige Einrichtung ist gediegen, aber nett. Und sehr viel moderner als das Ambiente in der Lüneburger Heide. Ich habe schon Bilder gesehen.

Zum Abendessen fahre ich zu meinen Mitreisenden und stelle dort das Auto ab. Es gibt Laugengebäck und wir überlegen schon, was uns Morgen für köstliche Speisen zur Auswahl stehen. Klar, kann ich auch hier im Norden essen, aber im Herkunftsland schmeckt es viel besser. Grünkohl können die Bayern ja auch nicht so gut wie die Oldenburger.

Jetzt zappe ich mich noch schnell durch das TV-Programm und mache dann die Augen zu. Morgen werde ich sehr früh eingesammelt. München, ich komme!

Une belle soirée à JoieVille

Am vergangenen Freitagabend war ich zu Gast in Glückstadt, genauer gesagt im örtlichen Gymnasium, einem stylischen Neubau mit einer Bühne, die diesen Namen auch verdient. Es war nach langer Durststrecke wieder einmal Gin Kiss-Zeit! Und als hätten auch die fünf Musiker die Pandemiezeit so empfunden, war das Konzert derart liebevoll inszeniert, dass ich mir langsam wirklich wünsche, die Songs auch streamen zu können. Dann könnte ich mich mit den Bildern im Kopf jederzeit wieder auf eine Reise durch Zeit und Länder begeben.

Ich habe ja bereits berichtet, dass es sich bei Gin Kiss um eine Jazz-Combo handelt, die mit Piano, Schlagzeug/Percussions, Kontrabass und zwei wunderbaren Stimmen internationalen Hits von heute und gestern neuen und unverwechselbaren Glanz verleiht.

Ich hatte das Vergnügen, in einer royal anmutenden Balkonloge im ersten Stock der Aula Platz nehmen zu dürfen und hatte deshalb beste Sicht auf das Geschehen und konnte mir fast ungestraft die eine oder andere Notiz machen. Das war allerdings gar nicht nötig, weil es am Ende der Show sogar einen Abspann mit der Setlist gab. Programmheft war gestern.

Wie in der Musik üblich, führen die Sänger durch den Abend. In dieser Band übernimmt meist der männliche Sänger die Moderation. Das hat er gestern etwas launisch, aber dennoch wie gewohnt herrlich uneitel gemacht und ich habe wieder einiges über die Songs erfahren, was ich noch gar nicht wusste. Ich würde mich gelegentlich noch darüber freuen zu erfahren, warum das eine oder andere Stück in das Repertoire aufgenommen wurde. Denn alles in allem ist die Mischung so vielseitig, dass ich noch nicht heraushören konnte, wie es ein Stück in die Liste schafft.

Ich will hier nicht die ganze Setlist durchgehen, aber zu einigen Liedern muss ich doch etwas ausführen, weil es mir so gut gefallen hat.

Nachdem die Künstler nacheinander die Bühne betreten und sie mit ihren Outfits zum Glitzern gebracht hatten, begann der Abend mit „Señorita“ von Camila Cabello und Shawn Mendes. Das Stück wurde nicht zum ersten Mal aufgeführt, aber es ist ein tolles Eröffnungslied, weil vom ersten Ton an klar ist, worüber man sich nun zwei Stunden lang freuen kann. Auf der einen Seite die männliche sonore Stimme, die ich so mag. Und auf der anderen Seite die weibliche elfengleiche Stimme, die mich oft an Enya denken lässt. Ohne den New-Age-Touch, der der Musik oft einen Dämpfer verpasst. Hier war aber nichts gedämpft. Deshalb vergleiche ich auch lieber mit einer Mylène Farmer der 80er Jahre. Einfach schön anzuhören und sie hat sogar später einige Passagen in französischer Sprache gesungen. Das zweite Stück wurde dazu noch mit einem selbstgedrehten Video untermalt. Eine schöne Idee, dezent eingesetzt.

Nummer drei war „My Baby just cares for me“ von Nina Simone und dazu kann ich nur schreiben: Wow! Was für eine Entwicklung die weibliche Stimme gemacht hat – so kraftvoll!

Nummer vier – und traditionellerweise ist die Nummer vier eines Konzertes meist ein Top Hit – war „Take me to church“ von Hozier. In 2014 definitiv ein Hit und von Gin Kiss in einer wundervollen Version. Wieder war ich beeindruckt von der Modulation der weiblichen Stimme! Dieses durchaus schwierige Stück so in Szene zu setzen, begeistert mich nachhaltig. Auch der männliche Part hatte daran seinen Anteil. Er veredelte das Lied mit seinem Timbre und seinem Tempo, wie es Dean Martin beizeiten getan hat. Ich mochte das Original schon immer, aber jetzt mag ich die Gin Kiss Version noch viel lieber.

Überhaupt schafft es Gin Kiss eigentlich immer, dass ich ihre Versionen lieber mag als das Original. Insbesondere hat mir Gin Kiss schon das eine oder andere Mal einen Song ans Herz gelegt, den ich in der Ursprungsversion gar nicht so gern gehört habe. Früher war das „Havana“ von Camila Cabello und seit gestern ist es „Hit the road Jack“ von Ray Charles. In den jazzigen Versionen von Gin Kiss gefallen mir die Songs richtig gut (noch einmal: Bitte bald einen Tonträger …).

Zu meiner Überraschung gab es gestern auch das, soweit ich weiß, erste eigene Stück: „Peu importe“ . Ein sehr gelungener Chanson im besten Sinne – gerne mehr davon!

Nach der Pause startete die zweite Hälfte mit dem James Bond Thema (und ja, auch das funktioniert einwandfrei nichtorchestral mit wenigen Instrumenten), das dann in „Skyfall“ von Adele überging. Weil das Original oder Adele ja eine Klasse für sich sind, ist das fürwahr eine mutige Wahl. Aber der Mut hat sich hier ausgezahlt, weil es ja nicht darum geht, die Originalinterpretin zu kopieren, sondern das Lied selbst zu interpretieren. Und auch „Skyfall“ machte im Jazzgewand einen sehr guten Eindruck. Genauso die Neufassung von „From Russia with love“, hier sogar wieder mit französischem Anteil.

Nach einer unverwechselbaren Anmoderation wurde noch „Fever“ von Peggy Lee gespielt. Und hierbei kam dann zum zweiten Mal am Abend der Bass zur vollen Geltung! Ich liebe den Kontrabass, dieses schöne ausdrucksstarke Instrument! Das Piano hatte im Verlauf der Show auch einige Solomomente und konnte sich verdient in den Vordergrund spielen. Nur das Schlagzeug hatte diese Ehre leider nicht. Es war der ehrliche, treuergebene und dennoch unverzichtbar verlässliche Begleiter, der das Schlagzeug nun mal ist. Trotzdem würde ich vom Schlagzeug gern mehr hören. Aber der Mann hinter der Bass Drum verströmt schon durch seine Präsenz ausreichend Glamour, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Coolness des Neal Caffrey, gepaart mit einem aristokratischen Fluidum, das auch eine Conditioner-gepflegte Perücke nicht schmälern kann. Auch dann besitzt er neben dem Look immer noch die Professionalität eines Helge Schneider, der ja musikalisch auch gern mal unterschätzt wird.

Eine tolle Show und ein schöner Abend mit netten Logennachbarn – vielen Dank! Zum Schluss bleibt nur, mir für die nächste Show meinen Lieblingssong des Debutauftritts im Alten Kino zu wünschen: „Le Sud“ von Nino Ferrer. Den möchte ich gern mal wieder von Gin Kiss destilliert genießen.

Schwarze Witwe

Gestern war ich ganz aufgeregt. Seit 15 Monaten war ich nicht mehr im Kino. Das letzte Mal im Mutterland des Kinos: The Gentlemen. Ich habe berichtet. Der war so gut, dass ich den Film seitdem noch zwei weitere Male gesehen habe und wieder weitere werden folgen.

Aber diesen Samstag: Black Widow. Der Film sollte sich als würdig erweisen, vereint er doch so vieles: Spionagethriller, Action, Science Fiction, Comic und Humor. Eher ein Zufall, dass wir alle drei Lust und Zeit hatten. Aber umso besser, dass wir unser „öffentliches Leben“ zusammen wieder einläuten. Es war die erste Großveranstaltung, die ich seit Beginn der Pandemie besucht habe. Und so massig war es dann gar nicht.

Das Kino ist neben der Literatur meine zweite Leidenschaft. Mein erster Kinofilm war „Dumbo“. Und ich habe ihn nicht im Kinosaal erlebt, sondern im Empfangsraum der örtlichen Sparkasse. Ist viele Jahre her und der Film war noch viel älter.

Bewegte Bilder haben mir aber schon immer gefallen. Ich kann mich daran erinnern, dass unser heimisches TV-Gerät mal ein paar Tage in Reparatur war. Sowas hat man tatsächlich mal gemacht. Kafkaesk stand mitten im Wohnzimmer ein leerer Fernsehständer. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte das zu den bis dahin einschneidensten Erfahrungen gehören, die ich als junges Mitglied der Generation x vorweisen konnte. Sicher, später kamen noch ein paar andere Ereignisse dazu, aber bis dahin hatte ich nicht viel auszustehen. Jedenfalls erinnere ich mich an meine quengelige Untergangsstimmung, weil ich nun die Sesamstraße verpassen musste.

Etwas später, im Alter von 12 Jahren bin ich dann jede Woche mindestens einmal ins Kino gegangen. Mein ganzes Taschengeld wurde in die Dreifaltigkeit investiert: Kinokarte (noch die echte Papierkarte von der Rolle, wahlweise rot oder grün), eine Rolle Rolo, eine Orangenlimonade. Da konnte die Woche noch so übel gelaufen sein (Mathearbeit, Badmintonpunktspiel verloren, Fahrradvorderrad durch ungestüme Fahrt verzogen), im Kino war das alles vergessen. Schon der Geruch im Vorführraum hat mich immer wohlig beruhigt. Und das, obwohl bis zum Rauchverbot noch einige Jahre vergehen sollten. Ein paar Jahre später durfte ich auch abends ins Kino gehen. Unvergessen sind die Mittwochabende mit „dem besonderen Film“. Wenn der Saal überwiegend mit intellektuellen Pädagogen gefüllt war und schon nach der Werbung ein sichtbarer blauer Dunst durch das Publikum waberte, der bisweilen sogar die Sicht einschränkte. Manche dieser „besonderen Filme“ waren harte, langweilige Kost für mich (Homo Faber), manche haben mich noch Tage später bewegt (Mein linker Fuß). Aber insgesamt haben diese Abende dafür gesorgt, dass ich in der Schule endgültig in einer Schublade steckte, die es mir ermöglicht hat, den einen oder anderen Unsinn anzuzetteln, ohne dass je ein Lehrer auf die Idee gekommen wäre, es mir anzuhängen. Aufgezogen hat diese Schublade meine große Schwester mit ihrem tadellosen Benehmen und die Mittwochabende im Kino haben sie dann mit mir darin zurückgeschoben. Sind ja auch nur Menschen, die Lehrer.

Definitiv habe ich im Kino viele der schönsten Stunden verbracht. Man kann ja heute zu Hause ein sehr sehr gutes Bild und einwandfreien Ton genießen. Unser neuer 4K-BluRay-Player ist schon bemerkenswert, keine Frage. Aber das Kino ist für mich immer noch etwas Besonderes. Vom Einlass, den man im digitalen Zeitalter zwar eher mit dem Endgerät statt einer Papierkarte durchläuft, aber der nach wie vor ein gewisses Geschick erfordert, die Verpflegung nebenbei unbeschadet zum Platz zu transportieren, bis hin zum Abspann, der mich mal zufrieden, enttäuscht oder verstört zurück in die Realität entlässt.

Einmal im Saal und eingerichtet (wohin mit Tasche, Jacke und Getränk…), erreicht die Vorfreude ihren Höhepunkt, denn der ganze Film liegt noch vor mir. Der Sitzplatz ist hoffentlich der bestmögliche, wobei die Vorlieben hier sehr subjektiv und unterschiedlich sind. Dann kann es losgehen.

Vor unserem Film wird dieses Mal sehr wenig Werbung gezeigt, dafür umso mehr Vorschauen. Ich kann mir leider nie alle interessanten Filme merken, weil das Gesehene später vom Hauptfilm vollkommen überspielt wird. Aber es ist auch nicht wirklich was dabei. Leider kein James Bond-Trailer, obwohl der Film nun Ende September endlich in die Kinos kommen soll. Zur Not wird das der nächste Besuch hier. Vielleicht vorher auch noch ein anderer Film. Ich bin so froh, dass das endlich wieder möglich ist!

Dann startet der Film und ich werde über zwei Stunden lang sehr gut unterhalten. Hübsche Menschen in engen Kostümen kämpfen sich durch ausweglose Situationen. Bösewichte werden zur Rechenschaft gezogen und endgültig beseitigt und die Guten überleben vorerst. Das Marvel-Universum ist ja unerschöpflich und die Titelfigur ist mittlerweile in einem anderen Film dem Heldentot zum Opfer gefallen. Das wird hier in der Marvelüblichen letzten Szene nach dem Abspann gezeigt. Der geneigte Fan weiß es aber natürlich längst. Trotzdem bleiben alle Kinobesucher sitzen, um auch diese letzte Szene noch zu genießen. Es waren übrigens etwa 80 Menschen im Saal, nach Pandemiemaßstäben also eine Besetzung von rund 85 Prozent. Für mich ganz angenehm, dass der nächste Zuschauer einige Plätze entfernt ist. Für die Betreiber wahrscheinlich nicht so gut. Ich hoffe, es lohnt sich trotzdem und die Kinobranche kann langfristig überleben.

Sobald absehbar ist, dass die Kinos wieder dauerhaft öffnen dürfen, werde ich mich jedenfalls erneut mit dem Angebot der Kino-Flatrate in der Stadt beschäftigen. Gute Aussichten!