Borkum 2019

Heute startet der Borkumurlaub 2019! Der Tag begann bereits um 03:30 Uhr.

Die Fähre hat in Emden pünktlich um 08:00 Uhr abgelegt. Wie erwartet, war die Autofahrt nach Emden mehr als entspannt. Ein Autopilot wäre nett gewesen. Trotz einiger Baustellen, die den Sommer über nur eine Fahrspur freilassen, hat die A28 wohl noch nicht viele Staus gesehen. Auswärtige Kennzeichen waren am Sonntagmorgen nur vereinzelt unterwegs und der gemeine Ostfriese schläft am Sonntag vielleicht aus.

Am Anleger hatten wir allerdings keine Pole-Position. Eine Menge Rheinländer waren schon vor uns dort. Trotz Hochsaison nur wenige Kinder. Mindestens ebensoviele Best-Ager. Aber denen sind wir inzwischen näher als den Kindern. Und wenn wir wegen unserer Kinder nicht mehr auf die Ferien angewiesen sind, reisen Glückstadt und Hamburg vielleicht trotzdem noch zusammen. Und vor dem Renteneintritt wird die Lehrerin außerhalb der Ferien nicht reisen können. Also habe ich vollstes Verständnis für einen kinderlosen Ferienstart in der Hauptreisezeit. Es ist allerdings Sonntag und deshalb ist die Fähre dennoch nicht voll. Wir können wenigstens am Frühstücksbuffet in der Schlange ganz vorn stehen. Wir haben sie sogar gegründet. Nachdem wir uns angestellt hatten, haben wir alle anderen auch dazu animiert. Ein bisschen peinlich, aber die Gruppe am Nebentisch hat ob der Wartezeit später auf Frühstück verzichtet. Das war uns nicht möglich. Nach dreieinhalb Stunden Reisezeit war es doch nötig.

Leider haben meine Begleiter noch keine ausreichende Betriebstemperatur erreicht und wollen die Fahrt unter Deck genießen. Aber frische Luft werden wir auf der Insel wohl noch genug bekommen. Das Wetter ist vielversprechend und das Haus erst am Nachmittag bezugsfertig.

Die Fähre fährt zwar recht nah an der Küste entlang und trotzdem arbeiten die Wellenzwerge auf Hochtouren. Wir schwanken sogar ein wenig. Die Nordsee ist eben viel lebhafter als die Ostsee. Mir gefällt das!

Köln

Am Donnerstagmittag bin ich mit meiner Kollegin nach Köln aufgebrochen, damit wir am Freitagmorgen einem dienstlichen Termin beiwohnen können.

Geplante Abfahrt am Hamburger Hauptbahnhof um 13:46 Uhr. Als wir verkündet haben, das Büro am Baumwall bereits um 13 Uhr verlassen zu wollen, haben wir nur Unverständnis geerntet.

Und ja, wir waren sehr rechtzeitig am Bahnhof. Aber nach dem Reisegetränkkauf und der Orientierung am Gleis (Achtung geänderte Wagenreihung) haben wir nur 10 Minuten gewartet. Für uns beide völlig in Ordnung, weil es sich ja um eine Fernverbindung handelt. Da dürfen wir den Zug nicht verpassen!

Im Zug sind wir doch ganz froh über die Buchung in der ersten Klasse, weil der Zug richtig voll ist. Leider haben wir auch nur Plätze im Abteil, wir müssen also mit anderen den engen Raum teilen. Unsere Abteilgenossin, die schon sitzt, begrüßt uns auch gleich recht jovial freundlich. Aber unsere hanseatische Zurückhaltung irritiert sie wohl, denn ab Harburg ist sie erst einmal für zwei Stunden verschwunden.

Wir blättern in der druckfrischen Gala, die wir aus dem Büro mitgenommen haben. Auf den kulinarischen Seiten sind sehr ansprechende Bilder von asiatischen Gerichten zu sehen. Deshalb beschließen wir, heute Abend noch Sushi zu essen. Eine kurze Recherche ergibt, dass sich unweit des Hotels mehrere Lokale befinden, die in Frage kommen. Das Hotel liegt scheinbar im japanischen Viertel, denn direkt gegenüber ist der „Hiroshima-Nagasaki-Park“ zu sehen. So ein Zufall.

Die Bahnfahrt verläuft wie erwartet nicht planmäßig, denn aufgrund von Personen auf den Gleisen vor Solingen werden wir über Düsseldorf geleitet und kommen mit 20 Minuten Verspätung an. Fahrgäste, die nach Solingen wollten, haben jetzt Probleme. Oder Passagiere, die in Köln ihre Anschlusszüge verpasst haben. Wir aber nicht. Wir steigen aus und werden die 3 Kilometer zum Hotel durch die Stadt schlendern, das Wetter ist herrlich!

Gleich vor dem Hauptbahnhof steht der Kölner Dom sehr präsent! Das ist irgendwie cool. Er ist zwar wirklich dunkel und wirkt dadurch düster, aber riesig groß und unaufgeregt steht er da. Es führt sogar eine Straße unter der Zugangstreppe hindurch. Ich plane, ihn mir Morgen nach der „Arbeit“ genauer anzusehen. Jetzt bummeln wir wie geplant durch die Einkaufsmeile Richtung Hotel. Es gefällt mir sehr gut hier. Das Einkaufsviertel ist wie der Dom sehr groß. Gefühlt größer als in Hamburg. Auf jeden Fall komprimierter. Es stehen schmale Gebäude in engen Gassen und schaffen eine britische Atmosphäre. Allerdings sind die Fassaden nicht antik, sondern aus dem 20. Jahrhundert und einige wurden geschmackvoll metallisch gestaltet. Sehr viele Läden reihen sich aneinander. Alle bekannten Marken haben ihren eigenen Eingang. Die Leute hier um uns herum haben einen prolligeren Charme als die Hamburger. Das ist aber nicht unbedingt schlimm. Sondern irgendwie charmant.

Auf dem Weg streifen wir noch einige alte Kirchen, Tore und Museen und kommen schließlich an. Städte im Schnelldurchlauf – das habe ich ja gerade trainiert. Vor dem Hotel liegt ein belebter Platz, auf dem gerade ein Foodtruckmarkt aufgebaut ist. Fast hätten wir dort gegessen, aber der letzte Falafel wird uns weggeschnappt. Deshalb checken wir jetzt im Hotel ein und gehen dann zum Sushi-Restaurant. Das liegt auf der anderen Seite des Hotelplatzes und ist total hipp (darin sitzen nur Hipster) und wir sind sofort Außenseiter, optisch wie altersmäßig. Es schmeckt aber trotzdem hervorragend! Als wir den Laden wieder verlassen, ist es dunkel und vor uns erstreckt sich ein scheinbar angesagter Straßenzug voller Kneipen, die heute Abend alle schon Tische im Freien anbieten. Tolle Luft, tolles Flair. Also mir gefällt Köln bis jetzt sehr gut. Vielleicht, weil ich vorher einige kritische Töne gehört hatte. Kann ich aber nicht nachvollziehen. Ist alles prima hier!

Zur Zeit ist auch Messe, wie eigentlich immer (sagte man mir), die ComicCon aber leider erst nächste Woche (Chuck alias Zachary Levy alias Shazam kommt nach Köln!!!), sonst wäre ich hingegangen.

Freitag Morgen frühstücken wir fürstlich dank der noblen dienstlichen Unterbringung. Ich habe schon lange nicht mehr so gut gefrühstückt. Vom Pancake bis zum Omelett wird alles frisch zubereitet. Ohne Warteschlangen, da kann die Aida nicht mithalten.

Nach dem Frühstück gönnen wir uns ein Taxi, weil wir mit der Straßenbahn umsteigen müssten und am Umsteigebahnhof nicht wissen, wohin wir 6 Minuten laufen sollten. Am Ende fahren wir noch in die falsche Richtung. Und der Sinn der Übernachtung ist ja, am Freitagmorgen pünktlich um 10 Uhr zu einem Meeting mit wichtigen Personen der Geschäftsleitung zu erscheinen. Also kein Geiz an der Stelle.

Das Meeting verläuft prima und ich stehe um 14 Uhr wieder vor dem Gebäude der RTL Group und starte von dort zum Tourismusprogramm. Die Zentrale ist mindestens so toll gelegen wie der Verlag in Hamburg. Direkt am Rhein, aus der Kantine mit Blick auf das Wasser und den Dom.

Ich spaziere über die Hohenzollernbrücke, die für Fußgänger ideal ist. Wie auf der Brooklyn Bridge gibt es einen großzügigen abgetrennten Weg. Rechts und links der Rhein mit schönen Sehenswürdigkeiten am Ufer, über die ich mich später noch informieren werde. Ich bin ja noch im Kreuzfahrtmodus und will jetzt erst mal was ablaufen, knipsen und später nachlesen. Das Wetter wieder blendend heute. Etwas zu schwül für meinen Geschmack, es soll später noch gewittern. Es sei hier oft so schwülwarm. Das ist bisher die einzige Kritik, die ich üben kann.

Von der Brücke komme ich wieder direkt auf den Dom zu. Rundherum stehen Originalteile, die oben an den Türmen ausgetauscht wurden. Auch die sind riesig und cool. Es lockt mich etwas ins Römisch-Germanische Museum. Kostet nicht viel und ist klimatisiert. Leider kann ich mit Koffer nicht hinein und am Bahnhof sind alle Schließfächer belegt. Auch den Dom darf ich mit Koffer nicht besuchen. Schade, dann nur von außen.

Köln in fünf Stunden ist super! Ich komme mal wieder.

Heimkehr

Die Kreuzfahrt zusammengefasst:

Es hat mir gefallen, aber nicht begeistert. Und ich halte mich eigentlich für begeisterungsfähig. Eine Kreuzfahrt als solche werde ich nicht wieder machen. Ich bin den vielen Menschen nicht gern derart ausgeliefert. Ich mag die Anonymität eines Hotels in der Stadt. Keine Animation und keine Gespräche, wenn ich sie nicht möchte. Oder wenigstens etwas kulturelle Vielfalt: Mit Briten spreche ich zum Beispiel immer gern. Deren Schrägheit amüsiert mich, schon weil sie eine andere Sprache sprechen. Morgens läuft bei mir immer ein britischer Sender. Die üblichen Telefonspielchen machen die auch, aber in englischer Sprache sind sie eher witzig als nervig.

Deutsche Touristen sind oft peinlich oder unangenehm fordernd. Auf sehr viele, die mit uns unterwegs waren, trifft das leider zu.

Das Unterhaltungsprogramm an Bord bot für mich nichts Verlockendes. Ich habe immer versucht, dem möglichst aus dem Weg zu gehen.

Auf dieser Strecke und diesem Schiff ist der Pool nur ein Planschbecken für Kinder. Nicht tiefer als 60 cm und an keiner Stelle breit oder lang genug, um auch nur zwei Züge zu schwimmen. Vollkommen unnötig also für mich. Ich fürchte aber, dass ein größerer Pool zum Beispiel in der Karibik immer nur voll wäre und deshalb auch nicht besser. Sowieso glaube ich, dass die Menschenmassen an Bord eines noch größeren Schiffes mich noch mehr stören würden. Oder eine Getränkeflatrate außerhalb der Restaurants. Diese Massen auch noch über die Maßen alkoholisiert? Bitte nicht. Und wieder dieses Anstehen, dann auch an den Bars.

Der größte Störfaktor allerdings ist für mich die Zeit. Den ganzen Tag musste ich mich damit beschäftigen: Wann am besten ins Restaurant? Wann die Kabine verlassen für den Zimmerservice? Wann wieder an Bord sein? Ich kann mit dieser Art Zeitdruck nicht gut umgehen. Es gibt so vieles, was ich nicht beeinflussen und planen kann. Echter Stress. In den Städten dauernd auf die Uhr sehen zu müssen und zu entscheiden, ob der Umweg noch machbar ist oder nicht. Das gefällt mir nicht.

Auch war das Personal nicht immer außerordentlich freundlich. Die Kellner im Restaurant waren es zwar ausnahmslos, die Damen an der Rezeption dafür überhaupt nicht. Vielleicht müssen die sich auch den ganzen Tag das Gehirsel der deutschen Touristen anhören und sie sollten mir leidtun. An den Bars hatte ich nicht das Gefühl, dass man sich über meine Bestellung freut. Dabei war nicht einmal viel los, denn die Drinks mussten ja bezahlt werden.

Der zweite Seetag war wie erwartet von akuter Langeweile geprägt. In der Kabine war es unbequem, weil es nur einen Stuhl gab und einen Hocker. Im Prospekt wurden uns ein Doppelbett und ein Sofa angekündigt. Das Sofa war durch ein Klappbett ersetzt worden. Leider, denn so konnten wir in der Kabine nicht wirklich sitzen. Und überall an Bord war alles belegt oder laut (Proben). Ich habe mich noch in keinem Urlaub so gelangweilt.

Glücklicherweise haben wir drei uns trotz der Enge gut vertragen. Allerdings sind wir nun heilfroh, wieder zu Hause zu sein und uns ein wenig aus dem Weg gehen zu können.

Positiv war außerdem, dass wir den Luxus eines eigenen kleinen Balkons hatten. Gestern war das Wetter leider zu schlecht (8 Grad und Regen), um darauf zu sitzen. Aber an allen anderen Tagen habe ich den Balkon sehr genossen.

Und sehenswert und wunderschön waren die vier Städte. Meine Lieblingsstadt ist Stockholm. Wirklich schön.

Mein Gewissensbarometer nach der Kreuzfahrt zeigt eine 8. Schon deshalb keine Wiederholung für mich.

Aber nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub! Zwei Reisen sind schon wieder in der Pipeline. Und an beiden Zielen werden wir uns zu jeder Zeit frei bewegen können. Herrlich!

Tag 6

Nachtrag ins Logbuch:

Wir waren gestern so früh zurück auf dem Schiff, dass das Zimmermädchen noch gar nicht bei uns war. Also ging einer in die Sauna, ist ja schließlich noch Finnland. Und zwei begaben sich wieder in den Lounge-Bereich. Leider wurde dort gerade eine ABBA-Show geprobt. Hatte ich schon erwähnt, dass ich ABBA nicht leiden kann? Fürchterliche Ohrwürmer. Ich habe einmal ein Buch gekauft, das dann im Regal stand „one of us is lying“ – mir war beim Kauf gar nicht klar, dass der Titel auch eine Zeile aus einem ABBA-Song ist. Darauf hat mich erst jemand summend gestoßen. Ich habe es dann umgedreht und immer noch nicht gelesen. Auf Deck 11 erschallte jedenfalls ein ohrenbetäubender Lärm. Das geplante Chillen musste noch warten. Zumal die Bar noch geschlossen war. Mit einem Cocktail hätte ich das besser ertragen.

Nun aber zum letzten Ziel der Reise: Stockholm! ABBA….

Darauf habe ich mich fast am Meisten gefreut. Leider ist der Aufenthalt dort auch der kürzeste. Nur 5 Stunden bleiben uns, um die Stadt zu erkunden. Deshalb ist absolute Optimierung das oberste Gebot.

Die Uhren wurden heute Nacht wieder zurückgestellt. Ich war deshalb schon um 4 Uhr wach, es wird also ein langer Tag.

Ich kann mir aber kaum eine schönere Anreise nach Stockholm vorstellen, als bereits vier Stunden vor Ankunft durch die entzückende Schärenlandschaft zu gleiten. Das Gewissen schlägt Alarm, denn wir fahren ganz nah an Sommerhäusern vorbei. Ich nehme an, dass die Bewohner nicht so erfreut darüber sind. Aber schön anzusehen ist es! Ferien auf Saltkrokan lassen grüßen. Schweden ist zweifelsohne ein wunderschönes Land. Einen meiner schönsten Urlaube habe ich dort als Kind verbracht. Ein echter Lindgren-Urlaub auf dem Land.

In meinem Büro hing mal ein Islandkalender. Eines Tages sah sich ein Kollege das Bild des Monats an und sagte: „Mann, ist das schön – kein Wunder, dass die Isländer an Elfen und Trolle glauben!“ Ich denke, das kann auch für die Schweden gelten. So eine Idylle lässt niemanden kalt.

Allerdings brauchen wir auch noch ein Hoch. Helsinki war schon dringend nötig und hat geholfen. Wir fürchten uns nämlich ein wenig vor dem letzten Seetag. Gestern Abend haben wir schon unter akuter Langeweile gelitten. Was sollen wir bloß mit einem ganzen Tag anfangen? Wenn das Wetter es zulässt, werde ich mich auf das Sonnendeck begeben und lesen. Allerdings werden dort auch Veranstaltungen abgehalten. Da muss ich mich in eine Ecke verkriechen. Ansonsten ist man überall den Leuten oder der Zwangsunterhaltung ausgesetzt. Es gibt leider keine ruhige Ecke mit Tischen, auf denen wir mal ein Spiel spielen könnten. Unsere Versuche sind bisher immer gescheitert, weil alles belegt war, oder die Musik zu laut. Und auf dem Kabinenbalkon stehen nur zwei Stühle und kein Tisch. Echte Luxusprobleme eben. Das Unterhaltungsprogramm bietet bisher leider für niemanden etwas. Wir sind altersmäßig ganz falsch hier. Das Kind zu alt (für das Fitnessstudio leider noch nicht alt genug) und die Erwachsenen zu jung.

Was das Shoppen angeht, so muss ich schreiben, dass das inzwischen kein Grund mehr ist, ins Ausland zu reisen. Vor unserer Haustür wird alles geboten. Oder es ist bestellbar. Ich habe auf der Reise kaum etwas gesehen, dass ich nicht auch in der Heimat bekommen könnte. Weder teurer noch in einer geringeren Auswahl. Irgendwie schön, aber auch etwas desillusionierend.

Das Wetter ist am frühen Morgen hervorragend! Es ist ja bald Midsommar, also fast immer hell. Die Sonne scheint und es könnte nicht besser sein.

Während der Fahrt durch die Schären muss ich unweigerlich an viele liebgewonnene Krimifiguren denken, auf deren Spuren wir jetzt noch fahren und später noch gehen werden: Paul Hjelm, Erik Winter, Lisbet Salander.

Stockholm ist dann doch noch schöner und beeindruckender als Helsinki. Es ist viel größer und hat durch das Königshaus noch schönere Architektur zu bieten. Wir laufen vom Schiff in die Stadt direkt auf die Altstadtinsel Gamla Stan. Dort ist jede Gasse entzückend. Der königliche Palast ist genauso wenig abgeschirmt wie der in Kopenhagen. Man kann überall herumlaufen und sich alles ganz genau ansehen. Spannend, denn das kann ich mir in London nicht vorstellen. Die Skandinaven und ihre Touristen sind einfach entspannter. Von Gamla Stan laufen wir nach Norrmalm, dem Einkaufsviertel von Stockholm. Ein paar Läden durchstreifen wir, für mehr fehlt uns die Zeit. Wir nehmen uns vor, mal wiederzukommen für ein langes Wochenende. Dann werden wir es richtig auskosten.

Wir schauen uns noch das königliche Theater an, das ist ein sehr schönes Gebäude. Und dann schlendern wir zurück nach Gamla Stan. Wir machen noch eine kleine Pause in einem Park wie zur Jahrhundertwende. Gusseiserne Jugendstilbänke inmitten eines Blumenarrangements. Blumen gibt es übrigens auch an Bord zu kaufen. Dort ist ein Blumenladen untergebracht und es werden Blumenbindekurse angeboten. Ich muss sagen, dass ich das nicht verstehe. Warum an Bord eines Kreuzfahrtschiffes? Kaufen kann man in dem Laden unter anderem eine Rose, die speziell konserviert wurde und fünf Jahre halten soll. Dafür fehlt mir jegliches Verständnis.

Aber wo ich schon von der Aida erzähle – in Gamla Stan begegnen uns drei Aida-Ausflugsgruppen, die herummarschieren und den Erläuterungen lauschen. Ich muss in Hamburg mal beobachten, ob mir da auch mal so eine Gruppe über den Weg läuft. Oder ob Hamburg nur Start- und Zielort ist.

Bevor wir zurück zum Schiff gehen, stärken wir uns mit Tunnbrödsrulle, Kanelbullar und Bubble Waffle. Kann man in der Heimat alles nicht genießen. Es ist erwartungsgemäß lecker und wir laufen in bester Laune zurück. Der Weg ist sehr professionell ausgeschildert bzw. in farbigen Linien auf dem Boden markiert, so kann nichts schiefgehen. Die Schilder haben mir hier auch Spaß gemacht. All die bekannten Straßen und Örtlichkeiten aus den unzähligen Büchern mal vor Ort zu lesen, war sehr nett.

Es war ein toller Tag in Schweden und ein herrlicher Nachmittag in Stockholm. Ich werde wiederkommen!

Adjö!

Tag 5

Finnland! Genauer: Helsinki!

Wir laufen ein bei bestem Wetter! Ich werde es heute sogar wagen, meine Sonnenbrille aufzusetzen. Ich bin in bester Stimmung und glaube, dass mich die westliche Zivilisation wieder mit allem versöhnt. Mobile Daten sind verfügbar! Die Sonne scheint und von Helsinki erwarte ich auch ein paar nüchtern-schöne skandinavische Design-Läden, bzw. andere hervorragende Shoppingmöglichkeiten.

Estland und Russland haben, ähnlich wie Island, keine ausgereifte Merchandisingkultur. Die angebotenen Souvenirs sind meist billig, oder aus kratziger Wolle. Das sieht in Dänemark ganz anders aus und ich hoffe auch in Finnland.

Kleiner Nachtrag noch aus St. Petersburg:

Kaum aus dem Hafen heraus, türmen sich unschöne Wohnblocks am Straßenrand, die sehr an das Capitol in Panem erinnern:

Vielleicht war uns das unterbewusst auch etwas unheimlich.

Mir fällt das ein, weil wir in Helsinki nach einer ersten Hügeletappe eine Pause neben dem Lokal „Strindberg“ machen. Eine Größe der schwedischen Literatur. Ich habe gerade einen Krimi beendet, der sich mit seinem Werk beschäftigt. Kultur überall. Und das Schwedische ist hier ohnehin weit verbreitet. Finnland war mal so etwas wie eine schwedische Kolonie. Jedenfalls ist Schwedisch noch heute zweite Amtssprache. Jedes Dokument und jedes Straßenschild ist zweisprachig beschriftet. Leider beherrsche ich keine der beiden Sprachen.

Heute Morgen haben wir uns gegen eine Hop on Hop off Rundfahrt entschieden. Die angekündigten 4 Kilometer in die Innenstadt waren gar nicht so weit. Der Mann der Kabine hatte einen illustren Spaziergang ausgearbeitet. Erst zum Observatorium auf dem Stadthügel und von dort Richtung Altstadt. Herrliches Wetter und eine tolle Aussicht. Am Stadtkai steht sogar ein Riesenrad – das Helsinki Eye. Natürlich kleiner, hier leben ja auch weniger Menschen.

Anschließend sind wir durch die Innenstadt geschlendert und haben die gewohnt westliche Shoppingkultur genossen.

Helsinki ist bisher das Highlight der Reise. Sicher auch wegen des Sonnenscheins heute.

Unser Rückweg durch die Stadt zum Hafen zeigt uns dann noch, wie schön der Gang am Morgen war. Hier wird viel gebaut und repariert. Es ist laut und staubig und ungemütlich für Fußgänger. Generell ist Helsinki aber ein Fußgängerparadies. Überall Zebrastreifen, selbst an vierspurigen Straßen. Oder Ampeln, die sehr schnell reagieren.

Nach Helsinki ins Moominvalley würde ich wieder reisen, es hat mir gut gefallen!

Tapaavat jälleen!

Mein Gewissensbarometer heute Nachmittag: Unverändert 7

Tag 4

Nachtrag im Logbuch:

Montagabend war amerikanischer Abend im Restaurant. Der war eher enttäuschend. Die Hälfte der angebotenen Gerichte mochte ich nicht: Schwarzwurzeln (habe ich erst für Spargel gehalten, den ich ebenfalls nicht gewählt hätte), Krebsfleischsalat, Rippchen, scharfe Chicken Wings). Dafür kann ja keiner was. Was ich hatte, war aber auch nicht so berauschend: Zanderfilet, das noch nicht durchgebraten war, Steak, das etwas zäh und sehr blutig war, Mais, der hart gebacken war. Es stellte sich meine Kantinenunzufriedenheit ein. Denn mit unserer Bürokantine verhält es sich ähnlich. Bekannt ist sie für eine sehr gute Qualität und einwandfreien Geschmack. Insbesondere im Vergleich zur Konzernmutterkantine und zur Fernsehsenderkantine, in dieser Reihenfolge. Aber ich ertappe mich oft dabei, dass mir keines der täglich wechselnden 4 Gerichte gefällt. Und das liegt nur an mir. Total verwöhnt eben. So also auch gestern Abend. Ich habe vielleicht ein Stimmungstief. Ich konnte gestern auch nicht über die vielen seltsamen Leute Lächeln. Ich war richtig genervt, wenn wieder einer planlos im Weg herumstand und die Tellerzirkelei unnötig erschwert hat. Es ist stets sehr voll in den Speisesälen. Zunächst muss man sich einen leeren Tisch suchen (manchmal wird es nur ein Platz an einem Gruppentisch und das stört mich nicht einmal am Meisten). Dann vereinzelt zum Buffet gehen, sonst ist der Tisch wieder verloren. Und das Buffet ist verwinkelt aufgestellt. Man läuft einige Male hin und her, bis alles begutachtet werden konnte und bis alles nach Wunsch zusammengestellt wurde. Das dauert und einige der Mitreisenden sind unentschlossen, langsam, ungeschickt und im schlimmsten Fall alles zusammen.

Ich habe bereits berichtet, dass das Wetter in Tallin nicht so gut war. Nach dem Auslaufen wurde es schlagartig besser, eigentlich schade, aber auf diese Weise hat mich am dritten Abend der dritte wunderschöne Sonnenuntergang für alles entschädigt. Und das war ja eigentlich auch gar nichts Schlimmes.

Das Wetter spielt in Urlauben aber eine entscheidende Rolle. Rom zum Beispiel hat mir seinerzeit sehr gut gefallen. Aber ich war nicht endlos begeistert. Und das lag in der Hauptsache am Regen, glaube ich. Während meines ersten Parisurlaubes hat es auch sehr viel geregnet. Ich fand es trotzdem prima, das weiß ich noch. Schon weil es meine erste richtige Weltstadt war (Berlin habe ich damals noch nicht als solche empfunden, sie war auch noch geteilt). So richtig begeistert war ich aber nach dem zweiten Besuch bei bestem kühlem Wetter. Vielleicht war auch Kopenhagen meine erste Metropole. Ich glaube, dort war ich vor Paris. Auf jeden Fall fand ich es dort richtig toll (Tivoli als Kind aus der Provinz!). Und dazu hat sicher auch das herrliche Sommerwetter beigetragen.

Heute Morgen sind wir in St. Petersburg eingelaufen. Direkt am Hafen steht das größte Gebäude Europas (über 400m): Der Gazprom Turm, der aussieht wie eine Nadel. Daneben das neue WM-Fussballstadion. Das war schon mal ein cooler Tagesbeginn. Da wir für St. Petersburg einen Tagesausflug buchen mussten, weil wir andernfalls nicht einreisen dürfen (kein Visum), heißt es früh aufstehen und schnell zum Tenderdeck. Das machen aber natürlich alle so, deshalb staut es sich im Treppenhaus bis auf unser Deck 7. Kann interessant werden. Wir haben eine feste Abfahrtszeit des Busses und ein 8stündiges Programm im Nacken. Der Stau wird aber nicht vom Schiff verursacht, sondern von der Grenzkontrolle. Als wir endlich in Sichtweite stehen, rechnet jemand aus, dass die Kontrolle einer Person 2-3 Minuten dauert – es wird also eng. Aber wir schaffen es in den Bus. Der Rückenkranke bekommt sogar den Heinz-Schenk-Gedächtnis-Platz („ich muss hier sitzen, ich hab’s am Knie“) am Hinterausgang. Dann startet die Fahrt in Richtung Zarendorf zum Katharinenpalast, der Sommerresidenz der Zaren. Es dauert nur 45 Minuten, kein Nennenswerter Stau in der 5-Millionen-Stadt. Das kann wohl auch anders aussehen. Am Palast jedenfalls ist es zwar kalt, aber sehr hübsch. Das ist schon ein beeindruckender royaler Sommersitz. Dagegen kommt der Buckingham Palace nicht an. Die Reiseleitung läuft mit der Kelle Nummer 23 (gleichzeitig die Busnummer) recht zügig vorneweg. Es bleibt kaum Zeit zum Knipsen. Aber gut. Auch im Palast drängt die hervorragend deutsch sprechende Russin zur geordneten Eile. Aber nach dem Einlass und dem Überziehen der Besucherschuhe werden wir im Festsaal jäh gestoppt: Vor uns schlängeln sich ungefähr 8 Busladungen Kreuzfahrer und ich lerne, dass am Dienstag nur für Kreuzfahrer geöffnet wird. Der Saal jedenfalls ist atemberaubend golden! Auch hier wurde nicht gespart und das Schloß von Versailles ist nicht prachtvoller. Nach dem Saal werden wir Raumweise durchgeschoben wie durch die Vatikanischen Museen bis zur Sixtinischen Kapelle. Unser Ziel in Russland ist aber das Bernsteinzimmer. Seit 2003 zu besichtigen, vorher in unfassbar mühevoller Arbeit rekonstruiert. Wirklich gelungen. Ich bin begeistert! Fotos sind leider verboten. Danach noch ein paar andere hübsche Räume und dann sind wir schon fertig. Zurück zum Bus gehen wir noch durch einen Palastgarten. Auch ganz hübsch, aber noch nicht in voller Pracht. Der Frühling kommt hier schließlich später. Dann geht es zurück nach St. Petersburg. Der nächste Stop ist ein Touristen-Souvenir-Supermarkt namens „Troika“ am Stadtrand. Der Laden versprüht viel von einem Türkei-Pauschal-Reise-Alptraum. Aber so schlimm ist es dann nicht. Wir dürfen das schön saubere WC benutzen und ich kaufe Wasser und eine Postkarte. Ich kann sogar mit einem Euroschein bezahlen. Anschließend werden wir in der Innenstadt abgesetzt und haben 2 Stunden Freizeit. Wir planen, etwas zu essen. Also laufen wir den Newski-Prospekt entlang. Das soll die Prachtstraße und Shoppingmeile sein. Na ja. Es stehen hübsche Gebäude dort, aber es sind auch eine Menge Gebäude noch unsaniert. Es gibt Banken und einige Nobelmarken-Shops, die allerdings total untergehen im Schrabbelcharme der Umgebung. Die beiden Straßenseiten werden auch von einer vierspurigen Straße getrennt, die recht gut frequentiert wird. Und, was unserer Laune noch mehr abverlangt: Es beginnt zu regnen. Die Reiseleitung erklärt uns später, dass am Montag noch 20 Grad und Sonne zu genießen waren und heute dagegen ganz typisches Petersburger Wetter herrscht. Grau und kalt und feucht. Insgesamt soll es sehr wechselhaft sein, das hiesige Wetter. Wir fürchten schon ein schlechtes Karma unsererseits. Am Ende essen wir in einer Surfer-Burger-Bar Stroganov-Fleisch, Chicken-Burger und einen Schokoladenkuchen mit Cranberries. Alles sehr lecker. Nach der Freizeit fahren wir als Gruppe noch auf der Newa hin und her. Wir sehen auf jeder Uferseite tolle historische Gebäude. Allen voran der Winterpalast der Zaren (heute die Eremitage – das Kunstmuseum) – zentral gelegen und sehr hübsch. Ja, St. Petersburg ist optisch schön. Bei Sonne sicher noch beeindruckender. Aber wir fühlen uns hier nicht sehr wohl oder willkommen. Vielleicht liegt es auch an der Sprache, schließlich kann ich nichts lesen oder verstehen. Wir hatten etwas früher ein vielversprechendes Lokal mit angepriesener „modern russian cuisine“ wieder verlassen, weil uns die ausschließlich russische Karte zu kompliziert erschien. Wer weiß, was wir bestellt hätten. Die Wahl des Ausflugs haben wir allerdings nicht bereut. Ich glaube, wir hatten das Best-of der Stadt. Ein Kunstmuseumsbesuch ist bei einem derart kurzen Aufenthalt reine Zeitverschwendung, schon weil ich auch gar nicht weiß, was darin das Highlight wäre. Dann hätte es noch einen Besuch in einer Festung gegeben (mutmaßlich langweilig) und eine Stadtrundfahrt, die wir auch so fast hatten und die mich im stockenden Innenstadtverkehr ohnehin nicht überzeugt. An der Stelle haben wir meines Erachtens alles richtig gemacht. Am Ende des Tages ist St. Petersburg eine coole Stadt, die wir gespannt besucht haben. Ich habe aber nicht das Bedürfnis, noch einmal dorthin zu reisen. Ich habe vielmehr das Gefühl, alles Nötige gesehen zu haben.

Zurück am Kreuzfahrtterminal sind wir erschrocken, weil eine Schlange von 20 Bussen vor dem Eingang wartet. Plötzlich scheint sogar die Ablegezeit in Gefahr. Aber das fürchten die Russen auch und arbeiten sehr viel schneller als am Morgen. Für den Ausreisestempel braucht der Zöllner nur 1 Minute. Also kann dass Schiff planmäßig ablegen.

In der Kabine stellen wir fest, dass unser kostbares Internetguthaben von eigentlich stattlichen 4 GB bereits nach zwei Tagen verbraucht ist. Es hat nicht einmal sauber abgeliefert. Den Blog konnte ich nicht hochladen, Fotos posten oder verschicken ging auch nicht. Jetzt ist die Stimmung im Keller. Bei den Damen, weil wir nun bis zum nächsten Hafen offline sind und bei dem Herrn, weil das mäßige Vergnügen stolze 119€ gekostet hat. Es muss wohl sehr aufwändig sein, auf hoher See mit dem World Wide Web in Verbindung zu bleiben.

Wir haben schon früher am Tag darüber gesprochen, dass das Kreuzfahren nicht unbedingt unsere liebste Art des Reisens ist. Ich habe dahingehend sehr gemischte Gefühle. Es hat schöne Seiten, aber mein Stresslevel zum Beispiel ist dauerhaft höher, als ich es mir im Urlaub wünsche. Die schrägen Leute, die überall lauern, die Problematik der fast immer voll besetzten Restauranttische, die Tatsache, dass wir wegen der Tischsuche, dem Tischfreihalten und der Schlangen am Buffet unsere lauwarmen Speisen kaum zusammen einnehmen, die stetig auflaufenden Zusatzkosten und dieser Zeitdruck, der schon beim Anlegen durch die Bitte des Kapitäns verursacht wird, unbedingt pünktlich wieder an Bord zu sein, machen mir zu schaffen.

Die Anzeige auf meinem Gewissensbarometer steigt wieder etwas, weil mir heute nicht entgangen ist, wie viele Menschen nötig sind, um den Betrieb an Bord, der ausschließlich dem Vergnügen oft undankbarer Touristen dient, aufrecht zu erhalten. Sie liegt bei 7.

Tag 3

Nachtrag im Logbuch:

Für den Teenager gab es gestern noch eine Maniküre. Dann standen noch Sauna und Abendessen auf dem Programm. Wir wählten die Spätschicht für das Essen. Komplett anderes Angebot als am Vortag. Es gibt Themenabende: Gestern Italien, heute USA. Ich frage mich, wie das Buffet zur Mittagszeit an Hafentagen wohl aussieht. Es bleiben ja sicher auch Leute an Bord. Wir aber nicht.

Ich bin extra früh aufgestanden, um das Einlaufen in Tallin nicht zu verpassen. Schließlich weiß ich nicht, ob unser Kabinenbalkon der Stadt zugewandt ist oder dem Hafen. Es war aber noch zu früh. Leider finde ich im Bordprogramm keine aktuelle Lagebeschreibung wie sie in Flugzeugen seit einer Weile immer zu sehen ist. Ich habe also nur die vage Beschreibung des Kapitäns aus einer Durchsage, wann wir den Lotsenpunkt von Tallin erreichen und muss noch warten. Dabei kann ich einige Jogger beobachten, die hier tatsächlich über das Deck laufen.

Gegen 9 Uhr haben wir dann angelegt in Tallin. Und weil wir schon ein schnelles Frühstück hatten, können wir gleich losgehen. Vor dem Ausgang auf dem Tenderdeck steht schon eine beachtliche Gruppe von Menschen, also wieder warten. Wir müssen übrigens nicht tendern, wir gehen über die Gangway. Beim Tendern müssten wir in spezielle kleinere Boote, um an Land gebracht zu werden. Tallins Hafen ist jedoch groß genug für unser Schiff.

Von Bord spazieren wir durch eine kleine Gasse mit Buden voller estnischer Souvenirs. Wie sich herausstellen wird, ist dort alles komprimiert zu sehen, was der Souvenirmarkt so hergibt. Sehr skandinavisch. Die Wollprodukte so kratzig wie üblich, also uninteressant. Leider, denn einen Schal könnte ich wohl gebrauchen bei 7 Grad.

Unser erstes Ziel, die Altstadt, ist schon zu sehen. Wie in Lüneburg ist sie von einer großen Straße umgeben. Die müssen wir erst überqueren, bevor es pittoresk wird. Aber das ist es dann auch gleich. Ein Hügel voller hübscher Gassen und Kirchen. Eine Mischung aus Wismar und Edinburgh mit Lübecker Einschlag. Es ist nicht sehr groß, geradezu ideal für einen eintägigen Besuch. Den historische Teil haben wir also recht schnell erkundet. Leider fängt es an, zu regnen. Aus diesem Grund geben wir dem Wunsch nach Kultur nach und gehen ins nächste Einkaufszentrum. Dort sind wir auch erfolgreich.

Direkt neben dem Zentrum liegt ein hippes Quartier, in dem alte Fabrikgebäude renoviert wurden und jetzt angesagte Marken ihre Waren anbieten. Alles sehr angenehm.

Die Esten sprechen sehr gut englisch. Deutsch angeblich auch, aber wenn ich deutsche Worte höre, kommen sie aus den Mündern anderer Kreuzfahrer. Das verrät mir ihre Kleidung, oder das weitverbreitete Aida-Schlüsselband, an dem die Bordkarte üblicherweise getragen wird. Die Landessprache sieht aus wie eine Mischung aus Deutsch und Finnisch. Es gibt „Mööbel“ und „Disain“.

Weil der Regen nicht weniger wird, machen wir uns am Nachmittag wieder auf den Weg zum Schiff.

Hoffentlich bleibt es an den nächsten Stationen trocken.

Zurück an Bord tauen wir in der Kabine wieder auf. Wir haben nicht die richtigen Jacken dabei, das muss man wohl so sagen.

Tag 2

Nachtrag im Logbuch:

Vor dem Auslaufen fand die Sicherheitsübung statt. Anders als im Flugzeug ist die aufmerksame Teilnahme hier Pflicht. Es ertönte ein sehr lauter Alarm und wir mussten mit unseren Schwimmwesten auf dem Evakuierungsdeck an bestimmten Sammelpunkten erscheinen. Dort wurde zweisprachig erläutert, was in einem Notfall zu tun ist. Bevor es losgehen konnte, wurde noch die Vollzähligkeit überprüft. Ein Mann mit italienischem Namen war nicht erschienen, oder hat seinen Aufruf nicht verstanden. Vor uns stand eine ältere, übellaunige Dame, die unentwegt vor sich hin gezetert hat. Sie hat im Grunde nichts gerafft (Sammelpunktkennzeichnung auf ihrer Weste nicht gelesen, im Weg stehen etc.) und hat die freundlichen Erklärungen der Dame neben ihr nur mit verächtlichen Blicken quittiert. Das hat unsere weiblichen Reisegruppenmitglieder ziemlich aufgeregt. Das muss ich schon sagen, es ist nicht der schönste Nebeneffekt einer Kreuzfahrt, den Menschen derart ausgeliefert zu sein. Außerdem zu beobachten und auf dem Kabinenbalkon zu hören ist, dass es Wiederholungspassagiere und Neulinge gibt. Beide Gruppen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Status den jeweils anderen nur zu gern mitteilen. Die Jungfernfahrer stellen viele Fragen oder sprechen ihre Gedanken laut aus. Das ist ganz gut, denn die Vollprofis stehen sogleich mit Rat und Tat zur Seite. Überhaupt scheint es an Bord ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, viel miteinander zu sprechen. Hätte ich beim Traumschiff besser aufgepasst, würde mich das nicht überraschen. Ich frage mich, ob es viele Alleinreisende gibt, die auf diese Weise während einer Kreuzfahrt auch noch die Gesellschaft anderer genießen können. Auf Studiosusreisen stellt sich dieser Effekt ebenso ein, aber eben mit einer vergleichsweise kleinen Gruppe. Hier an Bord könnte ich jederzeit nach einer neuen Bekanntschaft Ausschau halten, wenn ich bei der Auswahl mal daneben gegriffen habe. Aber ich reise nicht allein und bin wie an Land gut damit beschäftigt, dem Teenager nicht allzu peinlich zu sein.

In der Nacht zum Sonntag wurden die Uhren um eine Stunde vorgestellt. Das bedeutete, eine Stunde weniger Schlaf bis zum Frühstück, das leider schon um 10:30 Uhr endet. Geschlafen haben wir prima. Der Rücken ist nicht schlimmer geworden und der Teenager musste geweckt werden. Bis jetzt auch sehr ruhige See. Es sind nur seichte Wellen zu sehen und der Kapitän hat für heute eine leichte Brise angekündigt. Aus seinem Mund klingt das für mich nach Wind, aber die Angabe war wohl nicht fachmännisch.

Am Vormittag habe ich einen Vortrag zum ersten Ziel – Tallin – gehört. Ganz interessant. Zu wenig Bilder für meinen Geschmack. Aber ich soll es ja Morgen selbst ansehen. Der Vortrag findet im Theatrium des Schiffes statt. Dort sind auch die abendlichen Shows zu sehen. Die Arena bietet etwa Platz für 150 Zuschauer. Das ist natürlich nicht genug. Schon 15 Minuten vor Beginn des Vortrags waren alle Plätze belegt. Wir (der Teenager und ich) haben dann an der Bar Platz genommen. Dort gibt es Bildschirme, auf denen ich die Präsentation auch verfolgen kann und wir haben noch Cocktails dazu genossen. Außerdem fiel nicht auf, das meine junge Begleitung während des Vortrags lieber Netflix verfolgt hat. An Bord herrscht Teenagermangel. Zwar ist unser Exemplar nicht auf der Suche nach Kontakt, aber das Bordprogramm zielt eben auf eine andere Generation, da muss sie sich eigene Nischen suchen.

Zum Mittagessen finden wir uns in der Pizzeria ein. Pünktlich zur Öffnungszeit. Wir können den Bäcker noch bei der Zubereitung beobachten. Er ist, wie die unzähligen anderen Servicepersonen, kein Italiener, sondern mutmaßlich aus dem asiatischen Raum. Bordsprache ist eher Englisch und das auch nicht unbedingt fließend. Dafür sind alle sehr freundlich, aber nicht aufdringlich. Das ist sehr angenehm. Wir sind natürlich nicht die ersten wartenden Gäste. Hungrig kann hier keiner sein. Die Lokale haben zwischen den Mahlzeiten nur 30 Minuten geschlossen für den Umbau. Man kann also eigentlich immer essen. Der einzige Hinderungsgrund wäre die Belegung der Tische. Tatsächlich muss man oft etwas warten und suchen. Ein Luxusproblem, keine Frage. Aber dennoch lästig.

Nach dem Essen machen wir es uns auf dem Pooldeck gemütlich. Und hier ist das Generationenproblem eine gute Sache. Keine nervige Animation, sondern Ruhe. Das könnte auch am Wetter liegen, schließlich sind nur 10 Grad zu messen. Aber in Decken eingehüllt, die hier zahlreich und fröhlich gelb bereitliegen, ist es herrlich! Zwischendurch schallt sogar das Lachen einiger Kinder aus dem Pool herüber. Ein Vater erbarmt sich und badet mit seinen Töchtern. Das Wasser mag beheizt sein, aber im nassen Badeanzug an der frischen Luft zu laufen, das wäre selbst mir zu frisch. Nach einer Stunde wird es das auch in trockenem Zustand. Wir gehen rein und machen es uns gleich wieder gemütlich in einem Loungesessel. Der Blick kann von dort aus auf das Wasser schweifen, oder auf den Bildschirm am Fußende der Liegeinseln. Dort läuft wahlweise das Bordprogramm, oder das reguläre TV-Programm. Dazu einen Drink – so eine Dekadenz lässt mein Gewissensbarometer direkt in die Höhe schnellen. Ansonsten kann ich das schlechte Gewissen ganz gut ausblenden und muss den Barometerstand bei Bedarf erst abfragen.

Das Bildschirmgeschehen kann akustisch mit Kopfhörern unterstützt werden. Aber es wird vom Probenlärm übertönt. Die Lounge liegt im oberen Bereich des Theatriums, dessen Tribünen sich über drei Decks erstrecken. So bin ich dem „Boogie Wonderland“ ausgeliefert. Was es noch schlimmer macht, sind die Unterbrechungen und Wiederholungen, es sind ja Proben. Das ist nichts für mich. Ich gehe wieder in die Kabine und werde dort eine Gesichtsmaske ausprobieren, die ich im Bordshop erstanden habe. Typ Tomate – für einen frischen Gesichtsausdruck. So steht es auf der Tüte.

Als Untermalung läuft im TV Harry Potter und der Halbblutprinz. Das mochte ich schon immer gern, einen Film nur Hören. Während der ICE-Fahrten nach München zu meiner Schwester habe ich das oft gemacht. In der zweiten Klasse gab es schließlich keine Bildschirme. Ich habe auch mal eine Kassette besessen: James Bond – Goldfinger. Sehr witzig ohne Bilder.

Die Maske benutzt nur eine von uns. Ich kann den Geruch nicht ertragen – ihh! Lieber sitze ich auf dem Kabinenbalkon und genieße das Wetter. Es ist wieder herrlich!

Gewissensbarometerstand am Abend des zweiten Tages: 5

Tag 1

Mein Kreuzfahrt-Logbuch startet heute!

Ganz entspannt sind wir am Vormittag gestartet Richtung Warnemünde. Auf der Autobahn nicht viel los. Zwischendurch haben wir eine Pause eingelegt für Lockerungsübungen des Rückenkranken. Die Bandscheibe macht Ärger – blödes Teil.

Die Anfahrt in Warnemünde lässt schon vermuten, wohin die Leute alle wollen. Reisebusse und PKW sind in Richtung Kreuzfahrtterminal unterwegs. Am Langzeitparkplatz werde ich gleich namentlich begrüßt und bekomme eine personalisierte Plastikkarte. Dann Gepäck und Beifahrer ausladen, einparken und ab in den Shuttlebus. Nach uns steigt ein weiteres Dreiergespann ein. Wir in etwa 30 Jahren. Eltern mit Tochter. Freundliche Leute, aber leider peinlich. Jedenfalls mein älteres Ich. Es kann amüsant werden. Am Terminal müssen wir einchecken. Zunächst eine Schlangenführung durchlaufen. Auf dem Weg kommen wir an drei Hinweisschildern vorbei, auf denen zu lesen ist, welche Unterlagen bereitzuhalten sind: Das Ticket und der Reisepass. Übersichtlich. Am Schalter ist die nette Dame dann ganz angetan, dass wir schon alles vorbereitet haben. Ich sehe mich um und kann fast nur graue Haare sehen. Mein Begleiter kann meine Gedanken lesen und sagt süffisant, dass die Aida doch das jüngste Publikum anzieht, oder? Wir werden sehen. Nach der Sicherheitsschleuse, die zwar wie am Flughafen funktioniert, aber einen wesentlich entspannteren Eindruck macht (die Sache wurde sogar am Petersdom ernster genommen), wird noch ein obligatorisches Familienfoto am antiken Steuerrad gemacht und dann geht es an Bord. Unsere Kabine ist noch nicht fertig, denn wir haben noch das 14 Uhr Fenster erwischt, unsere Check-in Zeit war erst um 15 Ihr geplant. Wen wundert’s…

Wir gehen also erst einmal auf Deck 9, um vielleicht ein Getränk zu uns zu nehmen. Die Restaurants befinden sich auf den Decks 9-11. Geöffnet ist gerade nur jenes auf Deck 11. Es ist noch keine sogenannte „Genießerzeit“. Die startet erst wieder am Abend ab 18 Uhr. Aber im Restaurant „Bella Vista“ gibt es Pastavariationen und Obstsalat. Getränke sowieso, aber für den angepriesenen Wein ist es noch zu früh. Meine Familie äußert sich eher kritisch zur Auswahl und Qualität der Speisen. Verwöhnt? Erwartungen zu hoch? Ich finde es jedenfalls völlig in Ordnung. Der Service ist hier sehr gut organisiert, leere Teller bleiben nicht lange stehen. Besteck und Gläser werden ständig nachgefüllt. Das Restaurant ist gut gefüllt und ich bekomme einen Eindruck davon, wie voll es hier zu den Hauptmahlzeiten sein wird. Im Hintergrund raunt gelegentlich jemand: „Ah schau! Man kann auch einen Tisch reservieren!“ Ist vielleicht nötig? Ich bin gespannt. So etwas stresst mich eigentlich. Aber ich habe ja Urlaub, also locker bleiben.

Am Tisch reckt und streckt sich der schmerzgeplagte Rückenkranke. Hat er gestern in der U-Bahn auch gemacht. Das war mir etwas peinlich, weil es nicht so gut aussieht. Aber hier fällt das gar nicht weiter auf. Hier laufen eine Menge Invalide herum. Mit Krücken, Rollstühlen und dergleichen. So eine Kreuzfahrt scheint der ideale Urlaub zu sein, wenn man körperlich beeinträchtigt ist.

Sehr kommunikativ sind viele Gäste ebenfalls. Mich sprechen dauernd Leute an: „Schmeckt das gut? Schön hier, oder? Fahren Sie zum ersten Mal?“ Herrje, sieht man mir das etwa an? Ich werde heute Abend einstudieren, wie man gucken muss, damit das aufhört.

Nach der Snackpause ist die Kabine bezugsfertig und wir ziehen ein. Klein und fein! Sehr eng, aber süß. Viel Stauraum in jeder möglichen Ecke. Und leider nicht POSH. Jedenfalls nicht in Warnemünde. Das habe ich gerade gelernt und es bedeutet: Port out Starboard Home. Ein indisch-britisches kostenpflichtiges Extra für Fahrten auf dem indischen Ozean. Es geht um die Lage der Kabine. Die Posh-Lage sorgt dafür, dass der Passagier nicht der gleißenderen Sonne ausgesetzt ist. Hier am Hafen brennt die Sonne auf unseren Balkon. Aber es ist ja nicht warm, deshalb ist alles prima.

Außer vielleicht die Beschallung aus dem Terminal heraus. Überhaupt nicht zielgruppengerechte Pop-Musik plärrt herüber. Für uns ok, aber die Balkonnachbarn meckern bereits.

Leider kann ich meine Texte nicht ohne Internetzugang speichern. Das Bordnetz ist zu schwach. Meine folgenden Berichte werden also immer etwas verspätet erscheinen. Ich muss handschriftlich arbeiten und es im Hafen abtippen.

Das Gewissensbarometer liegt heute Abend bei 6. Tendenz weiter sinkend. Bisher ist alles an Bord nicht auf Verschwendung ausgelegt und ich nehme keinen überflüssigen Kunststoff wahr (außer der Parkkarte). Den Schornstein kann ich nicht sehen, also stimmt er mich nicht bedenklich.

Die Koffer sind angekommen (alle drei). Ich muss auspacken. Also bis später!

Städtetrips mal anders

Ich liebe Städteurlaube. Das Einsaugen der Atmosphäre einer Stadt ist für mich mit Nichts zu vergleichen. Einfach immer wieder überwältigend.

Reykjavik zum Beispiel war eine optimale Mischung. Urban und dennoch nur einen Katzensprung von atemberaubender Landschaft entfernt. Das erwarte ich allerdings auch von Dublin, steht auf meiner Metropolenwunschliste inzwischen ganz weit oben, hat aber bisher noch nicht geklappt.

Morgen brechen wir zu einer Kreuzfahrt auf. Zwar hatte ich Bedenken hinsichtlich der Umweltverträglichkeit, aber 4 boreal exotische Städte in 7 Tagen waren einfach zu verlockend.

Leider muss ich mich seit der Buchung mit massivem Kreuzfahrt-Bashing auseinandersetzen. Überall – direkt in mein Gesicht: In der Zeitung, im Fernsehen, in den sozialen Medien, im Stiftung Warentest Heft, oder von Kollegen. Und alle haben ja Recht!

Ich weiß noch nicht, wie uns das Schiffsleben gefällt, aber ich nehme an, dass es unsere erste und letzte Kreuzfahrt wird. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig freue ich mich auf den Urlaub. Hoffentlich empfängt uns nicht Greenpeace mit einem Aufgebot am Hafen in Warnemünde.

Ich werde jeden Tag mein persönliches Gewissensbarometer befragen. Heute steht es auf einer Skala von 1 (reines Gewissen) bis 10 (sehr schlechtes Gewissen) auf 7.

Die Wetter-App ist um alle vier Ziele erweitert. Ich weiß also, was in den Koffer gehört. Es kann losgehen! Bis Morgen!