Nachtrag im Logbuch:
Montagabend war amerikanischer Abend im Restaurant. Der war eher enttäuschend. Die Hälfte der angebotenen Gerichte mochte ich nicht: Schwarzwurzeln (habe ich erst für Spargel gehalten, den ich ebenfalls nicht gewählt hätte), Krebsfleischsalat, Rippchen, scharfe Chicken Wings). Dafür kann ja keiner was. Was ich hatte, war aber auch nicht so berauschend: Zanderfilet, das noch nicht durchgebraten war, Steak, das etwas zäh und sehr blutig war, Mais, der hart gebacken war. Es stellte sich meine Kantinenunzufriedenheit ein. Denn mit unserer Bürokantine verhält es sich ähnlich. Bekannt ist sie für eine sehr gute Qualität und einwandfreien Geschmack. Insbesondere im Vergleich zur Konzernmutterkantine und zur Fernsehsenderkantine, in dieser Reihenfolge. Aber ich ertappe mich oft dabei, dass mir keines der täglich wechselnden 4 Gerichte gefällt. Und das liegt nur an mir. Total verwöhnt eben. So also auch gestern Abend. Ich habe vielleicht ein Stimmungstief. Ich konnte gestern auch nicht über die vielen seltsamen Leute Lächeln. Ich war richtig genervt, wenn wieder einer planlos im Weg herumstand und die Tellerzirkelei unnötig erschwert hat. Es ist stets sehr voll in den Speisesälen. Zunächst muss man sich einen leeren Tisch suchen (manchmal wird es nur ein Platz an einem Gruppentisch und das stört mich nicht einmal am Meisten). Dann vereinzelt zum Buffet gehen, sonst ist der Tisch wieder verloren. Und das Buffet ist verwinkelt aufgestellt. Man läuft einige Male hin und her, bis alles begutachtet werden konnte und bis alles nach Wunsch zusammengestellt wurde. Das dauert und einige der Mitreisenden sind unentschlossen, langsam, ungeschickt und im schlimmsten Fall alles zusammen.
Ich habe bereits berichtet, dass das Wetter in Tallin nicht so gut war. Nach dem Auslaufen wurde es schlagartig besser, eigentlich schade, aber auf diese Weise hat mich am dritten Abend der dritte wunderschöne Sonnenuntergang für alles entschädigt. Und das war ja eigentlich auch gar nichts Schlimmes.

Das Wetter spielt in Urlauben aber eine entscheidende Rolle. Rom zum Beispiel hat mir seinerzeit sehr gut gefallen. Aber ich war nicht endlos begeistert. Und das lag in der Hauptsache am Regen, glaube ich. Während meines ersten Parisurlaubes hat es auch sehr viel geregnet. Ich fand es trotzdem prima, das weiß ich noch. Schon weil es meine erste richtige Weltstadt war (Berlin habe ich damals noch nicht als solche empfunden, sie war auch noch geteilt). So richtig begeistert war ich aber nach dem zweiten Besuch bei bestem kühlem Wetter. Vielleicht war auch Kopenhagen meine erste Metropole. Ich glaube, dort war ich vor Paris. Auf jeden Fall fand ich es dort richtig toll (Tivoli als Kind aus der Provinz!). Und dazu hat sicher auch das herrliche Sommerwetter beigetragen.
Heute Morgen sind wir in St. Petersburg eingelaufen. Direkt am Hafen steht das größte Gebäude Europas (über 400m): Der Gazprom Turm, der aussieht wie eine Nadel. Daneben das neue WM-Fussballstadion. Das war schon mal ein cooler Tagesbeginn. Da wir für St. Petersburg einen Tagesausflug buchen mussten, weil wir andernfalls nicht einreisen dürfen (kein Visum), heißt es früh aufstehen und schnell zum Tenderdeck. Das machen aber natürlich alle so, deshalb staut es sich im Treppenhaus bis auf unser Deck 7. Kann interessant werden. Wir haben eine feste Abfahrtszeit des Busses und ein 8stündiges Programm im Nacken. Der Stau wird aber nicht vom Schiff verursacht, sondern von der Grenzkontrolle. Als wir endlich in Sichtweite stehen, rechnet jemand aus, dass die Kontrolle einer Person 2-3 Minuten dauert – es wird also eng. Aber wir schaffen es in den Bus. Der Rückenkranke bekommt sogar den Heinz-Schenk-Gedächtnis-Platz („ich muss hier sitzen, ich hab’s am Knie“) am Hinterausgang. Dann startet die Fahrt in Richtung Zarendorf zum Katharinenpalast, der Sommerresidenz der Zaren. Es dauert nur 45 Minuten, kein Nennenswerter Stau in der 5-Millionen-Stadt. Das kann wohl auch anders aussehen. Am Palast jedenfalls ist es zwar kalt, aber sehr hübsch. Das ist schon ein beeindruckender royaler Sommersitz. Dagegen kommt der Buckingham Palace nicht an. Die Reiseleitung läuft mit der Kelle Nummer 23 (gleichzeitig die Busnummer) recht zügig vorneweg. Es bleibt kaum Zeit zum Knipsen. Aber gut. Auch im Palast drängt die hervorragend deutsch sprechende Russin zur geordneten Eile. Aber nach dem Einlass und dem Überziehen der Besucherschuhe werden wir im Festsaal jäh gestoppt: Vor uns schlängeln sich ungefähr 8 Busladungen Kreuzfahrer und ich lerne, dass am Dienstag nur für Kreuzfahrer geöffnet wird. Der Saal jedenfalls ist atemberaubend golden! Auch hier wurde nicht gespart und das Schloß von Versailles ist nicht prachtvoller. Nach dem Saal werden wir Raumweise durchgeschoben wie durch die Vatikanischen Museen bis zur Sixtinischen Kapelle. Unser Ziel in Russland ist aber das Bernsteinzimmer. Seit 2003 zu besichtigen, vorher in unfassbar mühevoller Arbeit rekonstruiert. Wirklich gelungen. Ich bin begeistert! Fotos sind leider verboten. Danach noch ein paar andere hübsche Räume und dann sind wir schon fertig. Zurück zum Bus gehen wir noch durch einen Palastgarten. Auch ganz hübsch, aber noch nicht in voller Pracht. Der Frühling kommt hier schließlich später. Dann geht es zurück nach St. Petersburg. Der nächste Stop ist ein Touristen-Souvenir-Supermarkt namens „Troika“ am Stadtrand. Der Laden versprüht viel von einem Türkei-Pauschal-Reise-Alptraum. Aber so schlimm ist es dann nicht. Wir dürfen das schön saubere WC benutzen und ich kaufe Wasser und eine Postkarte. Ich kann sogar mit einem Euroschein bezahlen. Anschließend werden wir in der Innenstadt abgesetzt und haben 2 Stunden Freizeit. Wir planen, etwas zu essen. Also laufen wir den Newski-Prospekt entlang. Das soll die Prachtstraße und Shoppingmeile sein. Na ja. Es stehen hübsche Gebäude dort, aber es sind auch eine Menge Gebäude noch unsaniert. Es gibt Banken und einige Nobelmarken-Shops, die allerdings total untergehen im Schrabbelcharme der Umgebung. Die beiden Straßenseiten werden auch von einer vierspurigen Straße getrennt, die recht gut frequentiert wird. Und, was unserer Laune noch mehr abverlangt: Es beginnt zu regnen. Die Reiseleitung erklärt uns später, dass am Montag noch 20 Grad und Sonne zu genießen waren und heute dagegen ganz typisches Petersburger Wetter herrscht. Grau und kalt und feucht. Insgesamt soll es sehr wechselhaft sein, das hiesige Wetter. Wir fürchten schon ein schlechtes Karma unsererseits. Am Ende essen wir in einer Surfer-Burger-Bar Stroganov-Fleisch, Chicken-Burger und einen Schokoladenkuchen mit Cranberries. Alles sehr lecker. Nach der Freizeit fahren wir als Gruppe noch auf der Newa hin und her. Wir sehen auf jeder Uferseite tolle historische Gebäude. Allen voran der Winterpalast der Zaren (heute die Eremitage – das Kunstmuseum) – zentral gelegen und sehr hübsch. Ja, St. Petersburg ist optisch schön. Bei Sonne sicher noch beeindruckender. Aber wir fühlen uns hier nicht sehr wohl oder willkommen. Vielleicht liegt es auch an der Sprache, schließlich kann ich nichts lesen oder verstehen. Wir hatten etwas früher ein vielversprechendes Lokal mit angepriesener „modern russian cuisine“ wieder verlassen, weil uns die ausschließlich russische Karte zu kompliziert erschien. Wer weiß, was wir bestellt hätten. Die Wahl des Ausflugs haben wir allerdings nicht bereut. Ich glaube, wir hatten das Best-of der Stadt. Ein Kunstmuseumsbesuch ist bei einem derart kurzen Aufenthalt reine Zeitverschwendung, schon weil ich auch gar nicht weiß, was darin das Highlight wäre. Dann hätte es noch einen Besuch in einer Festung gegeben (mutmaßlich langweilig) und eine Stadtrundfahrt, die wir auch so fast hatten und die mich im stockenden Innenstadtverkehr ohnehin nicht überzeugt. An der Stelle haben wir meines Erachtens alles richtig gemacht. Am Ende des Tages ist St. Petersburg eine coole Stadt, die wir gespannt besucht haben. Ich habe aber nicht das Bedürfnis, noch einmal dorthin zu reisen. Ich habe vielmehr das Gefühl, alles Nötige gesehen zu haben.
Zurück am Kreuzfahrtterminal sind wir erschrocken, weil eine Schlange von 20 Bussen vor dem Eingang wartet. Plötzlich scheint sogar die Ablegezeit in Gefahr. Aber das fürchten die Russen auch und arbeiten sehr viel schneller als am Morgen. Für den Ausreisestempel braucht der Zöllner nur 1 Minute. Also kann dass Schiff planmäßig ablegen.
In der Kabine stellen wir fest, dass unser kostbares Internetguthaben von eigentlich stattlichen 4 GB bereits nach zwei Tagen verbraucht ist. Es hat nicht einmal sauber abgeliefert. Den Blog konnte ich nicht hochladen, Fotos posten oder verschicken ging auch nicht. Jetzt ist die Stimmung im Keller. Bei den Damen, weil wir nun bis zum nächsten Hafen offline sind und bei dem Herrn, weil das mäßige Vergnügen stolze 119€ gekostet hat. Es muss wohl sehr aufwändig sein, auf hoher See mit dem World Wide Web in Verbindung zu bleiben.
Wir haben schon früher am Tag darüber gesprochen, dass das Kreuzfahren nicht unbedingt unsere liebste Art des Reisens ist. Ich habe dahingehend sehr gemischte Gefühle. Es hat schöne Seiten, aber mein Stresslevel zum Beispiel ist dauerhaft höher, als ich es mir im Urlaub wünsche. Die schrägen Leute, die überall lauern, die Problematik der fast immer voll besetzten Restauranttische, die Tatsache, dass wir wegen der Tischsuche, dem Tischfreihalten und der Schlangen am Buffet unsere lauwarmen Speisen kaum zusammen einnehmen, die stetig auflaufenden Zusatzkosten und dieser Zeitdruck, der schon beim Anlegen durch die Bitte des Kapitäns verursacht wird, unbedingt pünktlich wieder an Bord zu sein, machen mir zu schaffen.
Die Anzeige auf meinem Gewissensbarometer steigt wieder etwas, weil mir heute nicht entgangen ist, wie viele Menschen nötig sind, um den Betrieb an Bord, der ausschließlich dem Vergnügen oft undankbarer Touristen dient, aufrecht zu erhalten. Sie liegt bei 7.