Inselzeit 3.14.2018
„Eign“ = isländisch für „Besitz“
Von Anbeginn meiner medialen kapitalistischen Existenz, also mit dem Erlangen meines ersten Kassettenrekorders zum Weihnachtsfest 1983 hatte ich großes Vergnügen daran, Kassetten mein Eigen nennen zu dürfen. Zunächst habe ich mir „???“ und „TKKG“ und „Fünf Freunde“ schenken lassen. Ich habe mir weder welche von Freunden geliehen, noch hätte ich meine aus der Hand gegeben. Es war schließlich stets zu befürchten, dass unsachgemäße Behandlung einen Kabelsalat zur Folge gehabt hätte. Außerdem hätten Entleihungen eine schmerzhafte optische Lücke in das liebevoll arrangierte Regalfach gerissen. Jeder Neuzugang musste schließlich wohl überlegt einsortiert werden.
Dann bekam mit den Jahren die Musik eine größere Bedeutung. Welchen Aufwand ich betrieben habe, um das Tape des Monats zusammenzustellen! Erst recht stümperhaft mit zwei aneinander gestellten Rekordern. Diese Aufnahmen hatten durch die unvermeidlichen Nebengeräusche einen unwiderstehlichen Charme. Später mit dem luxuriösen Doppeldeck (auch mit Autoreverse-Funktion, die meine Schwester nicht nur einmal in der Nacht in mein Zimmer kommen ließ: „Wenn Du noch EINMAL diese Sch…kassette anmachst, bring ich Dich um!“ Ich bin ja immer gleich eingeschlafen. Geht mir noch heute so. Hinlegen und einschlafen). Was für eine Freude, wenn der Moderator den Song mal ansatzweise ausgespielt hat.
Ich habe die Tapes so oft gehört, dass ich noch heute genau weiß, welcher Song folgt, wenn ich einen Oldie wie Laura Branigans „self control“ im Radio höre – das war „such a shame“ von Talk Talk.
Darauf folgte eine Zeit, in der ich das Besitzen von Platten mit meiner drei Jahre älteren Schwester geteilt habe. Sie hat sie gekauft, ich sie kopiert. So hatten wir auch gleich was für die langen Autofahrten in die Urlaube. Die Italiener und Franzosen haben nämlich immer nur gequatscht und viel zu selten Musik gespielt. Verstanden haben wir davon seinerzeit auch nicht viel.
Mit der Konfirmation 1990 und dem daraus resultierenden Geldsegen bin ich aus der Hörspielwelt für einige Jahre ausgestiegen (die Kassetten habe ich aber nie wegsortiert und durchaus noch, wenn auch seltener, gehört). Ich habe eine Hitachi-Kompaktanlage gekauft. Mit Kassettendeck und CD-Spieler. Eine Vinyl-Platte habe ich nie besessen. In Bremervörde gab es nur zwei Läden mit unterschiedlicher, aber leider sehr überschaubaren Auswahl an CDs. Meine erste CD war „Welcome to the beautiful south“ von „Beautiful South“:

Ich kannte die Band nicht, aber das Cover hat mich gleich angesprochen. Glücklicherweise kam die Musik einer Offenbarung gleich. Derartige Musik hatte ich noch nicht gehört und die Texte haben mich restlos begeistert! In diesem Augenblick haben sich die geschmacklichen Wege meiner Schwester und mir vorerst getrennt. Sie konnte und kann bis heute meistens nicht viel mit dem anfangen, was ich mag. Sie hat viele Jahre später „Tropic Thunder“ gesehen und mich nach dem Kinobesuch angerufen: Das sei ein total kranker Film, der würde mir sicher gefallen. Was soll ich sagen: „Tropic Thunder“ ist ein Geniestreich und einer der besten Filme meiner letzten Dekade. Aber mit dem Alter nähern wir uns wieder an. Immer öfter mögen wir dieselbe Musik und auch die Schnittmenge der Filme wird wieder größer.
Ab meinem 15. Lebensjahr bin ich also immer mal wieder in die große weite Welt namens Bremen (Ostertorviertel) und Hamburg (Michelle Records am Hauptbahnhof) gefahren und habe mir viele CDs gekauft. Die Sammlung wuchs und die entsprechenden Regale wurden gewechselt.
1995 kam der Umzug nach Hamburg. In meiner ersten Zeit der Ausbildung habe ich viele Abende allein in meinem 17qm-Appartement verbracht. Der Zimmerantennenfernsehempfang brachte es nur auf fünf Programme. ARD, ZDF und N3 recht akzeptabel, SAT1 und RTL mit Schneegriesel alle drei bis fünf Minuten, wenn die U-Bahn am Fenster vorbeifuhr. Dankenswerterweise lag auf dem Weg vom U-Bahnhof und der Wohnung eine Videothek. Ein Rekorder wurde angeschafft und nachdem das entstandene Loch in der Kasse wieder einigermaßen gestopft war, habe ich auch gern mal in der Grabbelkiste gewühlt und die eine oder andere Videokassette gekauft. Zu oft waren die sehenswerten Filme nämlich gerade alle ausgeliehen, wenn ich danach gefragt habe. Das hat tierisch genervt. Zu meinem stolzen Besitz konnte ich so unter anderem folgende Werke zählen (alles Filme, die im Movietrack meines Lebens eine wichtige Rolle spielen):
Pulp Fiction, Die Maske, Der letzte Kaiser, Der Club der toten Dichter, Forrest Gump, Die Truman Show, Toy Story.
Das ist die Auswahl der Filme, die ich unzählige Male gesehen habe, einfach weil ich es konnte. Für aktuelleres bin ich dann oft ins Kino Mundsburg gegangen. Bis zum möglichen Kauf der Kassette vergingen ja noch viele Monate.
Im Jahr 2000 haben wir dann gemeinsam erst unsere Videokassettensammlung zusammengelegt: Es gab so viele Doppelexemplare auch im Musiksektor (siehe Beautiful South), dass wir unsere Zusammenkunft schnell als Bestimmung, mindestens aber mediale und humoristische Seelenverwandtschaft ansehen konnten. Im Frühjahr 2000 haben wir einen DVD-Spieler angeschafft. Zum Kauf dazu gab es zwei DVDs. Wir wählten: „Payback“ und „Verhandlungssache“. Der Grundstock unserer Sammlung, die zu Spitzenzeiten rund 800 Scheiben umfasste, Serien als je 1 Scheibe gerechnet.
Wir haben es beide genossen, DVDs und CDs zu besitzen. Sie jederzeit nutzen zu können, weil sie zu jeder Zeit verfügbar waren. Letztlich durch die Familienerweiterung haben wir die vielen bunten Kunststoffboxen dann mehr und mehr aus dem Sichtfeld verbannt (Stichwort FSK). Gekauft wurden immer noch viele Scheiben. Das streamen war irgendwie noch nicht 100%ig zufriedenstellend: Was tun bei Netzproblemen oder im Urlaub mit veralteter Technik und schwachem Empfang?
Vor etwa einem Jahr kam für mich der Sinneswandel. Das Mobiltelefon bot so viele Funktionen und Möglichkeiten, dass der analoge Besitz nicht mehr als das einzig Wahre erschien.
Bücher: An jedem Ort und zu jeder Zeit den nächsten Band runterladen! Sofort weiterlesen! Kein schweres gebundenes Buch mehr in der Hand balancieren!
Musik: Nur einzelne Lieder kaufen, nicht das ganze Album. Im Bereich Filmmusik war das bis dahin kaum möglich. Alte Raritäten finden, die niemand mehr im Regal hat.
Filme: Amazon TV und Netflix hielten Einzug. 18 Monate später nicht mehr wegzudenken. Jedenfalls nicht für mich.
Insbesondere diese beiden Dienste haben mich überzeugt, dass ich Filme nicht kaufen und besitzen muss. Die wenigen herausragenden, die ich sicher mehrfach ansehe, kann ich kaufen. Aber die große Masse nicht mehr. Unsere Sammlung von Scheiben ist auf zwei Zehntel geschrumpft. Es störte mich auch nicht mehr, Scheiben wegzugeben. Die standen nur noch herum und es ereilte sie das Schicksal alter Filme: Sie hatten ihre Zeit, überzeugen mich aber heute nicht mehr. Natürlich gibt es einige wenige Ausnahmen.
Im Bereich Musik stört es mich überhaupt nicht mehr, Stücke nicht zu kaufen, sondern quasi nur noch zu leihen. Es ist ja kein Besitz und währt nur so lang ich die monatliche Gebühr zahle. Ist für mich aber völlig in Ordnung. Ich muss diese Besitztümer auch nicht mehr sehen und anfassen können. Die virtuelle Biblio- und Videothek hat ihren ganz eigenen Reiz.
Lacht ruhig darüber, aber ich empfinde diesen Sinneswandel als gewaltig, geradezu epochal. Das Mobilgerät übt eine riesige Faszination aus. Allein das Fotoarchiv! Grandios!