Det var godt !

Zwei Wochen Sommerurlaub sind schon wieder vorbei – schade. Denn es war wieder wunderbar. Der Sommerurlaub zu siebt ist traditionell ein purer Entspannungsurlaub. Und obwohl wir in diesem Jahr in Dänemark waren und nicht auf Borkum und deshalb wesentlich mehr unternommen haben als üblich, reichte es nicht für einzelne oder gar tägliche Einträge. Aus diesem Grund gibt es nun eine Zusammenfassung.

Dänemark also, genauer gesagt die Region Midtjylland oder Mitteljütland und dort im Kreis Ringkøbing-Skjern. Eben dort, wo die wilde Dünenlandschaft fast ausschließlich von Ferienhäusern durchsetzt ist und die Touristen unter sich bleiben. In diesem Jahr, möglicherweise durch die erst beginnende Feriensaison, waren die dänischen Touristen in der Überzahl. Verkäufer und andere Dienstleister sprechen zwar fast ausnahmslos deutsch, mussten das aber nur selten tun. Jedenfalls erkläre ich mir die mehrfach gehörte Anregung: „Lass uns deutsch sprechen!“ als Reaktion auf eine englische Ansprache damit, dass man sich wieder über deutsche Touristen freut und gern wieder einmal deutsch sprechen möchte. Sicher liegt es nicht an unseren Englischkenntnissen. Immerhin haben mindestens zwei von uns ein irgendwiegeartetes Englisch-Diplom, oder können längere Auslandsaufenthalte nachweisen.

Das Wichtigste zuerst:

Das Wetter war herausragend! Im Schnitt 20 Grad, bis auf wenige Stunden immer Sonne, und nur sehr wenig Niederschlag. Das hätte nicht besser sein können.

Das Essen war formidabel! Schließlich haben wir es ja selbst gekocht. Wie immer im Wechsel und ausgewählte Gerichte, die den kleinsten gemeinsamen Nenner am Besten treffen. Das klappt inzwischen einwandfrei. Es gibt mittlerweile zwei Vegetarier, da lohnt sich bereits eine Extra-Wurst für eben diese. Ansonsten in diesem Jahr kein Barbecue, dafür gleich zweimal die aus den USA stammende und in die skandinavische Welt übernommene Spezialität: Hotdogs. Mit roten Würstchen, versteht sich. Sowieso ist die dänische Angebotspalette von Back- und Wurstwaren der deutschen recht ähnlich. Da sind die Unterschiede zu anderen europäischen Nachbarn wesentlich größer und man vermisst vielleicht das eine oder andere. Hier aber nicht. So gleicht der Besuch im Supermarkt auch keiner Entdeckungstour und es lassen sich nur sehr wenige interessante Produkte ausmachen, die wir nicht kennen. Bis auf seltene Ausnahmen, bei denen der Inhalt entweder nicht durch die Verpackung zu sehen ist, oder der Name dem Deutschen so gar nicht ähnelt, fast etwas langweilig. Aber immerhin sind die dänischen Angestellten im Einzelhandel ausnahmslos freundliche Menschen, so dass jeder Einkauf ein Vergnügen ist.

Was haben wir gemacht?

Wir waren am Strand. Unsere mitgebrachte Vollausstattung beinhaltete Strandstühle, Sonnenschutz und Liegematten. Allesamt hoffentlich wieder einmal verwendbar. Kann ich mir jedenfalls auch auf Borkum (als Erweiterung) vorstellen. Der Nordseestrand ist mitunter recht mühsam zu erreichen. Der gemeine Urlauber fährt die Schotterpiste mit dem Auto und parkt direkt an der Zugangsdüne. Mit unserem Gepäck machen wir das ebenfalls. Aber einige von uns laufen die Strecken auch. Mal einfach, mal auch Hin- und Rückweg, mal sportlich joggend. Fahrräder bieten sich hier entgegen einiger Empfehlungen im Vorwege nicht an. Es gibt nur wenige Radwege und ich kann mir das Fahren weder auf den Straßen noch auf den Schotterwegen vorstellen. Das ist sicher kein Vergnügen und auch nur selten zu beobachten. Passionierte Radler fahren dann vielleicht eher auf der Fjordseite.

Wir haben alle kleineren Orte der Umgebung besucht und sind dort jeweils etwas umhergeschlendert. Souvenirs haben wir auch einige erstanden. Unter anderem eine Aebleskiver-Pfanne. Im deutschen Norden heißt sie Pförtchen-Pfanne. Einer der beiden geborenen Steinburger hat uns darin nach überliefertem Rezept auch welche zubereitet – ein Genuss! Eigentlich eine Neujahrstradition, wir haben sie am US-Unabhängigkeitstag gegessen. Ich muss meine eigene Tradition nun erst begründen, habe dafür aber so gut es geht aufgepasst. Ich nehme mir das für den Herbst vor, wenn die Apfelernte mir frische Äpfel bringt.

Das obligatorische Kerzenziehen, hier auch „Selvdyp“ genannt, haben wir ebensowenig ausgelassen wie den Kauf von bunten Bonbonwaren. Schließlich wollen alle Klischees bedient werden. Es gibt auch Bonbonmasse in Flaschen, die dann später mit Vodka aufgefüllt werden. Das haben wir auch probiert mit dem Ergebnis: Lakritz schmeckt nur wenigen, Himbeer ist kurzzeitig ok. Beides muss aber unbedingt eisgekühlt sein. Und eigentlich schmeckt ein Gin Tonic immer noch am Besten. Es wurden also keine weiteren Flaschen für die heimatliche Hausbar gekauft.

Unterbrochen wurde der Aufenthalt in der Mitte für eine Trauerfeier in der Heimat, zumindest für zwei von uns. Ein trauriger Abschied in einem schönen Rahmen. Der Pfarrer sagte so schön: „Gönnen wir ihm den Himmel.“ Das machen wir. Bei der Gelegenheit schicke ich viele Grüße an meine Großeltern in den selbigen. Möge es Euch dort gutgehen, hier unten seid Ihr unvergessen. Gerade in diesem Urlaub habe ich einige Erinnerungen wieder aufleben lassen. Softeis – unzählige Male saß ich im Fond des roten Pandas mit bepflasterten Knien und manchmal mit einem frischen „zackigen“ Haarschnitt auf dem Weg ins Alte Land. Dort gab es erst für die Oma ein „schönes dickes Stück Apfelkuchen mit Sahne“, dann einen kleinen Marsch durch die Landschaft und jede Fahrt gipfelte stets mit einem riesigen Softeis aus dem legendären Eiscafé an der B73, Waldmeister/Vanille. Das galt es schnell zu essen, denn die Oma wollte immer unbedingt um 5 Uhr wieder zu Hause sein. Daran hängen sehr viele Erinnerungen und Eigenarten. Unter anderem die, den Tag gern im Zeiteinheiten zu unterteilen und sich zu freuen, wenn der Plan eingehalten wird und aufgeht. Das mag ich noch heute. Das ist schrullig, das ist mir völlig klar. Aber dadurch kann ich wieder einen Bogen zurück schlagen zum Urlaub. Wir sind im 19. Jahr unserer gemeinsamen Urlaube und wir alle haben Ecken und Kanten. Ich bin dankbar, dass meine immer so charmant hingenommen werden. Meistens können wir sowieso über uns lachen. Aber selbstverständlich ist es wohl nicht. Und deshalb muss zum Abschluss mal sentimental werden und wieder einmal Andrew Beckett aus „Philadelphia“ zitieren: „Herrje, ich liebe Euch doch alle sehr!“

Ferie i Danmark

Endlich wieder Urlaub fern der Heimat!

Im letzten September in voller Ungewissheit gebucht. Es war ja lange nicht abzusehen, ob man im Sommer 2021 wieder Urlaub machen darf und dann noch im Ausland. Aber inzwischen ist Deutschland „grün“ und wir wurden an der Grenze einfach durchgewunken. Dabei hatten wir alles parat. Der Beifahrer allerdings hat 3 Kilometer vor der Grenze festgestellt, dass der Personalausweis seit 2 Monaten abgelaufen ist. Aber auch das war kein Problem, den wollte niemand sehen.

Bis zur Grenze sind wir an der Westküste entlanggefahren. Erst die A23 bis zum Ende und dann durch lauter Nette Örtchen, wie zum Beispiel Husum. Da war ich noch nie. Für meine entsprechende Bemerkung habe ich aber nur ein: „Warum auch?“ geerntet. Schönes Schleswig-Holstein trotzdem. Und der Grenzübergang eben ohne viele andere Bettenwechselsamstagstouristen.

In unserer Zweierkolonne haben wir uns auf dem zweiten Platz eingereiht. Wir haben nicht gebucht und waren lange recht ahnungslos, wohin genau es geht. Die Threema-Gruppe hat bis vor wenigen Tagen noch einen ganz falschen (Orts-)Namen getragen. Außerdem ist es auch mal ganz schön, einfach nur zu folgen. Den ganzen Nachmittag sind wir also dem Kodiaq oder UB70 hinterhergefahren. UB70 nicht zu verwechseln mit UB40, der Band oder dem namensgebenden Formular „Unemployment Benefit, Form 40“. Die Fahrer sind zwar auch Bandmitglieder, aber diese Band wurde unter weniger dramatischen Umständen gegründet und sie sind nicht nur ein One-Album-Wonder. Beim Wagennamen Kodiaq weiß ich nicht genau, ob der von den Kodiak-Inseln inspiriert ist und durch seine Bauart besonders geschmeidig durch Landschaft Südalaskas rollen könnte. Also bleibe ich bei UB70 und wir fahren hinterher.

Bei Esbjerg biegen wir links ab und fahren auf der Küstenstraße 181. Weit und breit Dünenlandschaft – ein wunderbarer Anblick – mehr Dänemark geht kaum. Vorbei an vielen Kindheitserinnerungen (Henne Strand) und Örtchen, die wir vor Jahren bereits besucht haben (Blåvand, Vejers Strand, Hvide Sande). Und rechts der Fjord immer im Blick. Das Meer wird hier weniger spektakulär präsentiert, weil Dünen davor sind und man es nicht sehen kann von der Straße aus. Aber wir können es riechen und ahnen!

Plötzlich biegt das Leitfahrzeug an einem der zahlreichen Kreisverkehre Richtung Ortsmitte ab. Mein Beifahrer beginnt bereits zu jammern, dass es doch nun genug sei mit der „scenic route“. Der Rücken meldet sich und er würde gern mal wieder aussteigen. Es stellt sich aber heraus, dass es sich nicht um einen rein touristisch angelegten Umweg handelt, sondern der Hausschlüssel abgeholt wird. Nun also Endspurt!

Der Weg von der Hauptstraße zum Haus ist sehr verwinkelt. Ich werde ohne Übersichtskarte nicht wieder hinaus, geschweige denn zurück finden. Sehr viele Kurven und Schotterwege später kommen wir an. Ein rotes Reetdachhaus mit großem Grundstück, dass die nächsten Nachbarn nur erahnen lässt. Total pandemiekonform. Wenn wir nicht wollen, werden wir hier wohl kaum jemandem begegnen.

Nach der Ankunft wird das Haus gemäß der vorhandenen Aufteilung in einen jungen Trakt und einen alten Trakt geteilt. In der Mitte die das Wohn- und Esszimmer, die kleine Küche, deren Größe man durch die offene Gestaltung verzeihen kann. Die Kühl- und Gefrierkombination ist einer maximalen Besucherzahl von 12 Personen angemessen, geradezu amerikanisch. Und wir sind ja nur 7.

Es müssen kleine Reetdachbewohner in den Schlafräumen beseitigt werden, wir scheinen die ersten Gäste der noch fragilen Saison zu sein. Auf dem Weg haben wir schon überwiegend dänische Autos gesehen, sehr wenige deutsche. Bis vor einigen Wochen war die Einreise ja auch noch nicht erlaubt, wir haben wirklich Glück gehabt. Nachdem das Kill-Team seine Aufgabe erfüllt hat, wird der Pool eingeweiht (Luft schwimmbadmäßig warm, Wasser eher kalt) und der erste Einkauf erledigt.

Unser Unterhaltungsequipment zu installieren, erfordert hier mehr als nur ein paar Steckverbindungen. Der Fernseher ist so eng an der Wand angebracht, dass wir ihn abnehmen müssen, um ein HDMI-Kabel einzustecken. Aber mit zehn Händen schaffen wir es, freie Fahrt für Filme und Videospiele.

Dann wird südamerikanisch gegessen und anschließend der obligatorische erste Gang zum Strand. Obwohl wir erst gegen 21 Uhr aufbrechen, müssen wir uns über Dunkelheit noch keine Gedanken machen. Mittsommer ist gerade erst vorbei und wir sind so weit im Norden, dass die Sonne erst weit nach 22 Uhr untergehen wird. Der Weg zum Strand beträgt aber immerhin rund 2 Kilometer und wir biegen immer mal wieder in eine Sackgasse ab. Auch hier finde ich mich allein kaum zurecht. Immer schön zusammen bleiben. Der Weg ist allerdings sehr pittoresk. Zunächst durch kleine Wäldchen und später durch die unverwechselbare Dünenlandschaft, die erst durchsetzt ist von bunten Blüten verschiedenster Art (auch meine aktuelle Balkonbepflanzung sehe ich am Wegesrand) und später immer wieder von feinem weißen Sand durchbrochen wird. Wirklich schön. Der Strand ist einsam und durch die Wolkendecke gräulich klassisch mit dezenter Brandung. Eben so, wie ich es mir von der Nordsee wünsche. Der blaue Himmel kommt schon noch. Der Rückweg endet mit einem kleinen Abenteuer, weil wir eine andere Route gewählt haben und wir kurz vor dem Ziel über einen Graben springen müssen. Gut, dass UB70 auch hier Führungsqualitäten mitbringt. Souverän wird uns Stadtkindern beim Sprung assistiert. Ich muss sagen, dass Borkum mir fehlt, aber auch Dänemark seinen eigenen Charme hat. Mehr Naturbelassenheit, weniger Reglementierung für Touristen, die hier sowieso kaum Raum einnehmen. Wir sind keinen 10 Personen begegnet bei unserem Ausflug. Irgendwie auch schön, auch wenn es sonst viel Spaß macht, fremden Strandkorbnachbarn Spitznamen zu geben und über ihre Eigenarten zu lachen. Hier können wir uns den eigenen Schrullen hingeben.

Zurück am Haus leeren wir die erste Flasche Sekt und schauen noch den Rest des Dänemarkspiels. Die dänische Mannschaft gewinnt, die Stimmung in der Gegend sollte also ungetrübt bleiben. Mitfiebern oder Jubel waren ob der Entfernungen allerdings nicht auszumachen.

Am Sonntagmorgen schlafen alle lang, so dass unser Poolgang und die Dusche unbemerkt bleiben. Entspannung macht sich breit, mal sehen, was der Tag bringt.

Royal Spirit

Ohne die Monarchie wäre London sicher weniger faszinierend. Schließlich haben die Regenten seit jeher großen Einfluss auf die Architektur und das tägliche Leben in der Stadt. Unser Sonntag wird auch geprägt sein von diesem Geist.

Ich starte den Tag mit einem virtuellen Spaziergang um den Buckingham Palace herum. Den Guide Brian treffe ich am Canada Gate, dem Tor, das den Green Park vom Palastgelände trennt. Ich kenne das Tor nur geöffnet. Aber während des Lockdowns scheint es geschlossen zu sein. Oder es ist noch sehr früh am Morgen. Der königliche, aber dennoch öffentliche Park wird schließlich durch Öffnungszeiten reglementiert. Das Tor ist sehr prachtvoll und goldverziert. Es war ein Geschenk der Kanadier im Jahr 1911, als Canada das wichtigste Mitglied des Commonwealth war. Woher dieser Rang rührte, wird leider nicht weiter erklärt. Und Fragen kann ich nicht stellen, es handelt sich ja wieder um eine Aufzeichnung. Aber eigentlich stelle ich während einer Führung auch keine Fragen, dafür gibt es immer ein paar schräge Vögel, über die wir uns dann amüsieren können. Jedenfalls soll das Tor eine Einheit mit dem Victoria-Denkmal in der Kreisverkehrsmitte bilden. Und ja, zumindest die vergoldete Üppigkeit ist hier überall zu finden. Außer an der schmucklos kantigen Front des Palastes selbst. Dem werden erst durch die Zäune und Wachleute Glanz verliehen. Hinter den Fenstern sieht es aber ganz anders aus. Zweimal habe ich die sogenannten State Rooms, also die Geschäftsräume der Queen, bereits besucht. Das war jeweils sehr interessant und ich würde es auch wiederholen. Möglich ist das im Herbst, wenn die Königin im Urlaub in Schottland weilt. Man darf die Räume dann mit einem Audio-Guide-Gerät eigenständig durchlaufen. Zu sehen sind Empfangsräume, der Thronsaal, Galerien und Speisesäle. Alles randvoll mit Kunstschätzen wie Bildern, Fresken oder antiken Möbelstücken. Am Ende des Rundgangs gibt es dann in jedem Jahr noch eine besondere Ausstellung. Wir haben beim ersten Mal die schönsten Kleider der Königin aus ihren Regierungsjahrzehnten bewundert und beim zweiten Mal eine Auswahl ihrer persönlichen Schmuckstücke. Gern hätte ich auch mal die gewöhnliche Lagerstätte der Alltagsjuwelen gesehen. Ein Panzerraum voller samtener Schubladen mit Beschriftungen? Der Ausgang führt dann alle Besucher durch den Palastgarten wieder in die wirkliche Welt. Der Garten ist übrigens sehr gepflegt und hübsch anzusehen. Alle 50 Meter wird ein Wachmann postiert, damit auch niemand vom vorgegebenen Weg abweicht. Man darf sich aber auch auf Bänke setzen und Snacks aus königlich verzierten Food Trucks essen. Oder im PopUp-Souvenirshopzelt einkaufen. Haben wir natürlich alles gemacht, ist ja klar.

Der Spaziergang ist wirklich nur kurz und macht noch Stopp vor dem legendären Balkon, von dem aus die gesamte arbeitende Familie zu Feierlichkeiten wie Hochzeiten oder Geburtstagen winkt. Angefangen hat damit Königin Victoria zur Eröffnung der Weltausstellung 1851. Dann hat die königliche Familie zusammen mit Churchill 1945 dort das Ende des Krieges gefeiert und spätestens seit dem ist der Balkon so etwas die die Verbindung des Königshauses zum Volk.

Bevor es weitergeht, nehmen wir unser Frühstück ein. Es gibt wieder ein englisches Frühstück. Heute leicht abgewandelt mit Hash Browns (Reibekuchen oder Röstis), Würstchen und Tee. Etwas Ernüchterung macht sich ob der vielen Vorbereitungsarbeiten und Reinigungsnotwendigkeit breit. Gut, dass wir das nicht jeden Tag so zelebrieren.

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zur Royal Albert Hall, in der heute Vormittag Adele für uns singt. In HD und mit sattem Sound. Unsere Logenplätze sind unheimlich bequem. Der normale zahlende Besucher muss mit sehr alter und wackeliger Bestuhlung Vorlieb nehmen. Beim letzten Londonbesuch habe ich es zumindest schon einmal hineingeschafft in die Musikhalle. Nur zu einer Führung zwar, weil während meiner Aufenthalte entweder gar keine Vorstellung geboten wurde, oder es keine Karten mehr gab. Ich habe es schon ein paar Mal versucht und denke inzwischen, ich muss meinen Besuch um eine Vorstellung herum planen. Am Liebsten eine Filmvorstellung mit Livemusik. Jedenfalls hoffe ich, dass es dann noch einigermaßen bezahlbar ist. Die meisten Künstler, die dort auftreten, verlangen Preise, die ich eigentlich nicht bereit bin zu zahlen. Vor vielen Jahren war die magische Grenze mal 100€. Aber das ist nun schon Standard auf den ganz schlechten Plätzen. Für gute Sicht muss man deutlich mehr hinlegen und davor scheue ich noch zurück. Allerdings kommt die Möglichkeit, dort aufzutreten, einem Ritterschlag gleich. Das werden die größten Stars nicht müde zu sagen, wenn sie auf der Bühne stehen.

Nach dem Konzert folgen wir einem Londoner auf seinem Weg zur Westminster Station. Er kommt mit der U-Bahn an, fährt und geht hinauf bis zum Big Ben Tower und fährt dann mit der Jubilee Line wieder weiter. 12 sehr nette und sentimentale Minuten für uns: Bekannte Rolltreppen zu sehen und Durchsagen zu hören. Die wenigen anderen Fahrgäste tragen alle Masken, die Aufnahme stammt also auch aus dem Lockdown. Vielleicht wurde es deshalb gefilmt, weil es surreal ist, an einem Tag um 11:30 Uhr nur so wenige Menschen dort zu sehen und in der Jubilee Line fast allein zu sitzen. Unser Ziel ist der Tower of London. Hat es in Westminster noch geregnet und die Menschen trugen Mützen, ist hier am Tower Hill bestes Frühlingswetter. Ein Beefeater gibt eine kurze Tour durch das Towergelände, dass ich wie immer sehr schön finde. Es ist auch eine Ruhe-Oase in der sonst lauten Umgebung und so pittoresk an der Themse gelegen. Mit Blick auf die Tower Bridge und das Wasser kann man die blutrünstige Vergangenheit der Festung glatt vergessen. Die Hauptattraktion sind heutzutage ohnehin die Kronjuwelen. Im Normalbetrieb muss man anstehen und wird dann überwiegend auf Rollbändern an den Vitrinen vorbeigeschleust, damit möglichst viele Besucher in den Genuss kommen können. Einmal waren wir so früh dort, dass wir uns gleich ein zweites Mal angestellt haben und die Runde noch einmal gefahren sind. Die Wartezeit war noch so verlockend kurz.

Zum Schluss, bevor ich zum Sunday Afternoon Tea noch ein paar Cracker mit Cheese genieße, machen wir einen Abstecher zu den Royal Botanic Gardens (Kew Gardens). Virtuell passt ja eine Menge mehr in den Tag. Die Gärten liegen nämlich vor den Toren auf der anderen Seite der Stadt. Wir könnten zwar ohne Umsteigen mit der District Line durchfahren, aber die Fahrt dauerte 1 Stunde und 7 Minuten. Leider ist das der einzige Vorteil, den das virtuelle Reisen mit sich bringt. Der Besuch in den viktorianischen Gewächshäusern funktioniert nur live und in Farbe. Die Tour im Palmenhaus (dort wächst seit über 250 Jahren die älteste Topfpalme der Welt) mit Sir David Attenborough ist interessant, aber wirklich beeindrucken kann mich das nur, wenn ich es mit eigenen Augen vor Ort erlebe. Da Kew Gardens aus verschiedenen Gründen schon lange auf meiner London-Wunschliste steht, ist es jetzt besiegelt. Beim nächsten Aufenthalt werde ich einen Tag dafür reservieren – ist schließlich UNESCO-Welterbe.

Unser letztes Abendessen soll indisch sein. Wir bestellen bei einem indischen Restaurant in der Nähe. Das Gasthaus wurde auch einmal von einem Griechen betrieben. Wir haben dort 2003 gegessen, nachdem wir unsere Koffer für die Reise nach Island am Vorabend aufgegeben haben. So kann es gehen: Durch Europa in 8 Stunden, ohne die Wohnung zu verlassen.

Und beim Thema Gepäck fällt mir ein, dass uns Morgen kein Wäscheberg erwartet, dessen Beseitigung mehrere Waschladungen und Tage in Anspruch nehmen würde. Verloren gehen kann auch kein Koffer. Obwohl ich, was das anbetrifft, nach einer semiheiklen Erfahrung vom Känguru gelernt habe, nicht zu viel zu erwarten von der Gepäckbeförderung einer Fluggesellschaft, denn es heißt doch: Das Gepäck aufgeben.

Das Fazit unserer virtuellen Reise nach London: Das kann sich mit dem echten Reisen nicht messen. Es hat Spaß gemacht. Aber es hat mein Fernweh auch noch schlimmer werden lassen. Wie Robin Williams als Sean Maguire in „Good Will Hunting“ es formuliert: „Du weißt alles über Michelangelo und die Renaissance. Aber ich wette, Du weißt nicht, wie es in der Sixtinischen Kapelle riecht.“ – so ist es doch. Man muss dabei gewesen sein. Man muss einen Ort, sei es eine Stadt, oder eine Landschaft, mit allen Sinnen erleben. Da reicht 2D nicht aus. Ich hoffe also, dass wir bald wieder hinaus in die Welt dürfen und bis dahin halte ich mich an Adeles Worte vom Vormittag: „Smile all you want. You never know.“

À Londres

Mit „In London“ war eines der ersten Kapital meines Schulfranzösischbuches im zweiten Jahr betitelt. Hat mich schon damals gewundert, dass Frankreich bereits im zweiten Lehrjahr nichts mehr zu bieten haben sollte. Stimmt ja auch nicht. Was mir in dem Kapital dann vermittelt wurde, daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Wir müssen uns jetzt selbst wieder einen Plan für den zweiten Tag überlegen.

Der Radfahrer wollte eine schöne Spinning-Einheit mit Blick auf eine norddeutsche Großstadt einlegen, als im Fitnessraum plötzlich die Sprinkleranlage losgeht. Völlig durchnässt kommt er nach nur 15 Minuten zurück. Als Entschädigung hat der Concierge Eintrittskarten für eine Matinee in der Royal Albert Hall am Sonntagvormittag angeboten und die nehmen wir gern an!

Gegen 11 Uhr gibt es erst einmal ein Full English Breakfast. Mit allem, was für uns dazu gehört: Bacon (auch in der vegetarischen Reispapiervariante), Porridge, Toast, Rührei, Bohnen, Saft, Pilzen, Tomaten, Käse und den eher kontinentalen Komponenten Schokocreme und Erdbeermarmelade. Dazu schallt unsere Playlist „English Breakfast“, die gerade heute noch um ein paar neuere Stücke ergänzt wurde. Keine Schlange am Buffet und kein Topf ist leer – herrlich!

Mein erster Stopp ist dann „Foyles“. Ein riesiger Buchladen in Soho an der Charing Cross Road. Ich habe schon einmal davon berichtet, dass mich dieser Buchhändler auf sieben Etagen bei meinem ersten Londonbesuch derart begeistert hat, dass ich in einen Kaufrausch verfallen war. Habe ich doch hinterher das Gesamtwerk Lord Byrons in einer Paperbackausgabe mit bibeldünnen Seiten mein Eigen genannt. Inklusive des Gedichts „Manfred“, was ja zu seinen wichtigsten Werken zählt. Danach hatte ich natürlich einen leicht schrägen Ruf bei meinen mitreisenden Kurskollegen. Aber ich war so überwältigt von dem Angebot, das ich aus meiner kleinen Heimatstadt nicht kannte und das auch in deutschen Großstädten Anfang der Neunzigerjahre noch keine Selbstverständlichkeit war. Außerdem war das Pfund damals noch sehr stark und die aufgedruckten Preise vermittelten mir, alles sei viel günstiger. Heute will ich mir aber nur einen Eindruck verschaffen, wie die Leute von Foyles den Lockdown verarbeiten. Mein örtlicher Buchladen ist ja in den sozialen Medien sehr präsent und stellt mir täglich Bücher vor. Bei Foyles ist man auch nicht untätig und mein kleiner Bummel durch die virtuellen Regale gefällt mir ganz gut. Gekauft wird heute aber nichts. Ich habe noch einen ansehnlichen Stapel nicht gelesener Bücher. Im Augenblick lese ich „Teatime mit Lillibet“, die mehr oder weniger wahre Geschichte von Crawfie, der Gouvernante der Queen. Die Geschichte setzt an, als Elisabeth 5 Jahre alt ist, also weit vor „The Crown“. Deshalb ist das eine ideale Ergänzung. Es ist ein Roman, also muss ich davon ausgehen, dass das Meiste wie in der Netflix Serie Fiktion ist, aber der Aufenthalt in den royalen Heimen ist trotzdem sehr unterhaltsam. Und die Figuren sind ganz ansprechend dargestellt. Schon damals sind ja viele Geheimnisse durch die Palastmauern nach außen gedrungen.

Anschließend bietet sich ein kurzer Sprung zum Covent Garden an. Hier wird eine virtuelle Führung geboten. Habe ich auch im echten Leben noch nie gemacht. Ich schlendere dort immer selbstständig durch und genieße den Trubel. Heute kann ich dann endlich mal etwas über die Geschichte des Marktplatzes lernen. Interessant finde ich zuerst, dass das Video durch nahezu menschenleere Gänge führt. Wann haben die das bloß gedreht? Mit zwei Grundschülern waren wir vor ein paar Jahren gegen 9 Uhr dort und mussten auf die Öffnung des Disneystores und der Crêpes-Bude warten, aber allein waren wir damals nicht. Die erste Station löst das Rätsel auf: Während des Lockdowns im letzten Sommer. Diverse Hinweisschilder erinnern daran, Abstand zu halten. Sonst wird auf den Schildern eher vor Taschendieben gewarnt, aber die haben gerade keine Saison.

Die Tour startet an der Covent Garden Station und der Guide Andrew fragt, ob wohl jemand die 193 Stufen gelaufen ist, oder alle den Aufzug gewählt haben. Es gab einen Tag, an dem der Aufzug nicht funktionierte und wir laufen mussten. 193 klingt nicht viel, aber ich habe auf halber Strecke gedacht: Ach, ich gehe wieder hinunter, fahre eine Station weiter und laufe zurück. Habe ich natürlich nicht gemacht, ich war ja nicht allein unterwegs. Obwohl das Ziel hier nur die ebene Erde ist und nicht etwa ein atemberaubender Ausblick auf Rom vom Dach des Petersdoms. Na gut, da rauf müssen auch mit Aufzug noch 320 Stufen erklommen werden.

Von der Station aus gehen wir Richtung Oper und stoppen kurz an der „Bridge of Aspiration“, einer staubsaugerschlauchähnlichen Verbindung am obersten Stockwerk zweier Gebäude. Diese Brücke führt über eine Gasse und erlaubt den Tänzern des Royal Ballet vom Übungsraum zur Bühne des Opernhauses zu gelangen, ohne auf die Straße gehen zu müssen. Statt Handlauf sind sogar handelsübliche Ballettstangen angebracht für das letzte Stretching vor dem Auftritt.

Anschließend nähern wir uns den Markthallen von hinten, vorbei an einer historischen Polizeiwache mit integriertem Gerichtssaal, in dem schon einige Berühmtheiten als Angeklagte zu Gast waren. Aber alles schon sehr lange her. Kurzer Stopp am Eingang der Oper, ein Besuch wird dringend empfohlen, insbesondere für Neulinge. Da bin ich aber nicht dabei, auch nicht, wenn es wieder erlaubt ist. Die Oper ist nichts für mich.

Die Markthallen erstrahlen dann in schönstem Sonnenschein. Ohne Besucher wirken sie wie ein Filmset. Die Hallen standen lange brach, bis sie in den 1980er Jahren saniert wurden und seitdem schöne kleine Lädchen und Cafés beherbergen. Die Lädchen sind mittlerweile überwiegend Ketten, ich schätze, die Mieten kann sich sonst niemand leisten. Die Cafés aber sind recht individuell. Vielleicht auch Franchise-Filialen, aber die meisten Namen sind mir unbekannt. Leider muss ich Andrew daran vorbeigehen lassen und kann nirgends einkehren. Er geht direkt auf die St. Paul‘s Church zu und betont mehrfach, dass sie nicht mit der St. Paul‘s Cathedral verwechselt werden darf. Klar, die steht woanders und ist wesentlich größer. Die Kirche ist klein und hat gar keinen Turm. Ihr optischer Eingang hat ein Säulenvordach und dahinter kein Eingangstor. Das liegt auf der anderen Seite, damit es zur richtigen Himmelsrichtung zeigt, erklärt Andrew. Ist mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen. Bekannt sei die Kirche ohnehin eher für die Straßenkünstler, die dort immerhin seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ihre Vorstellungen geben. Die Qualität der Darbietungen preist Andrew als sehr hoch an. Das ist in meinen Augen Geschmacksache. Vielleicht war ich aber auch noch nie zum richtigen Zeitpunkt dort. Wir folgen Andrew dann zum Hinterhof und Eingang der Kirche. Ein wunderschönes Kleinod in Form eines Parks mit vielen londontypischen Teakbänken. Da ist es dann im Normalbetrieb bestimmt total ruhig, wie in den vielen kleinen Innenhofparks, wie es sie in der Stadt unheimlich viele gibt. Da habe ich doch gleich wieder ein Ziel für den nächsten persönlichen Besuch! Wir ziehen aber weiter zum „Lamb and Flag“ Pub. Einer der besten der Stadt, weil er noch so authentisch ist. Früher fanden dort bare-knuckle prize fights statt und er wurde deshalb auch „bucket of blood“ genannt. Wahrscheinlich ist die Einrichtung noch die gleiche und die Spuren der Kämpfe sind noch heute sichtbar. Deshalb verkauft man uns das als authentisch. Das wäre jedenfalls eine typische Schönmalerei. Der Rundgang endet dann an einer Straßenkreuzung mit zwei Plaketten. Auf der einen wird das Haus markiert, aus dem 1929 die erste Fernsehübertragung heraus stattfand. Auf der anderen ist der Name der berühmten Ballerina Margot Fonteyn zur lesen, die dort gewohnt hat. Solche hübschen blauen Plaketten hängen an vielen Gebäuden, in denen Berühmtheiten gewohnt haben. Auch das ist mir schändlicherweise noch nie aufgefallen. Ich muss doch öfter mal nach oben schauen. Der Rundgang war sehr schön, kurzweilig und wird baldmöglichst auf eigenen Beinen wiederholt.

Nach der Tour gehen wir ins Kino – es gibt „The Gentlemen“. Dem Film gebe ich 10/10 Boxes of Bush – mehr kann ich dazu nicht sagen.

Unser Tagesprogramm findet sich dann auch im Abendessen wieder, denn es gibt Lamm (Lamb and Flag) und Yorkshire Pudding nach Downton Abbey Art (Michelle Dockery aus Downton Abbey und The Gentlemen). So muss es sein und es schmeckt sehr lecker.

Beendet wird der Abend wieder mit Cocktails. Cheers!

London Calling

Eine Begleiterscheinung des Lockdown ist ja die Erlebnisarmut. Ich will auch gar nicht klagen, denn mir geht es bestens und ich weiß, dass diese Zeit für sehr viele Menschen sehr viel schlimmer ist als für mich. Aber dennoch: Ich bin es leid und ich möchte gern wieder etwas erleben. Ich möchte wieder reisen! Das fehlt mir sehr.

Da das im Augenblick aber nicht möglich ist, muss ich mir eine Alternative überlegen. Ich muss ein paar Tage Urlaub nehmen, damit ich es bis zum Jahresende schaffe, alle mir zustehenden Tage genossen zu haben. Wieder ein Luxusproblem, aber im Homeoffice fällt mir das gar nicht so leicht. Weil ich nicht gut abschalten kann, wenn die Übergänge so fließend sind.

Aber nicht abschweifen jetzt. Wir haben überlegt: Wenn wir könnten, wohin würden wir jetzt am Liebsten reisen? Wenig überraschend ist die Antwort: London. London ist immer die richtige Wahl. Und diese Stadt ist für uns eine zweite Heimat. Unzählige Male waren wir schon dort und es fühlt sich immer an wie „nach Hause kommen“. All die schönen Plätze und Orte, die wir als Teenager erst allein und dann später zusammen erkundet haben. Sogar Auswanderungsgedanken gab es schon mehrfach. Aber dafür haben wir den falschen Beruf. Auf Deutsche Muttersprachler aus dem Finanzsektor hat dort niemand gewartet. Wir müssen also erst Rentner sein und im Lotto gewinnen.

Als das Ziel unserer Kurzreise erst einmal feststeht, ist die Vorfreude realistisch groß und fühlt sich ganz gut an. Zugegeben, die Vorbereitungen sind etwas anders, denn sonst kaufe ich keine britischen Lebensmittel, sondern fülle Cremes und Shampoo ab. Wobei das Mitführen von Drogerieartikeln wirklich überflüssig ist, kann ich vor Ort doch nie einer Boots-Filiale widerstehen. Die haben da immer viel tollere Produkte als in der Heimat. Einmal habe ich eine flüssige Handseife mit zitrusfrischem Weingummi-Cola-Fläschchen-Duft gekauft – ein wahrgewordener Traum!

Für den vorbereitenden Einkauf bin ich ein paar Kilometer weiter gefahren, um in dem größten mir bekannten, einheimischen Supermarkt die riesige Auswahl an exotischen Produkten genießen zu können. Sogar die Supermärkte kommen mir im Ausland immer größer und viel besser sortiert vor. Das wollte ich also auch jetzt erleben. Leider wurde ich enttäuscht. Der Markt machte den Eindruck, als würde er nur noch abgewickelt. Schon der Parkplatz war total leer an einem abendlichen Werktag. Gut, die den Kassen vorgelagerte Passage mit kleinen Lädchen war wegen des Lockdowns überwiegend geschlossen. Das versprüht schon mal keine Geschäftigkeit. Aber auch im Supermarkt selbst herrschte totale Leere. Die sonst saisonal bestückten Gänge waren alle leer. Zwischensaison vielleicht, aber da ich in anderen Läden schon österliche Schokoladenhohlkörper gesehen habe, kommt es mir eigenartig vor. Und in vielen Regalen herrschten apokalyptisch anmutende Zustände. Alles herausgerissen und die spärlichen Reste lagen beschädigt herum. Schlimmer als im März 2020 möchte ich meinen, denn es betraf nicht nur das Pasta- oder Mehlsortiment. Aus dem emotionalen Tief muss ich mich nun erst einmal wieder herausarbeiten. Dabei helfen wird mir meine erstandene Flasche Dubonnet, dem Lieblingsgetränk der amtierenden Queen, die ihn gern mit Gin in einem Verhältnis von 2:1 auf Eis genießt. Es ist wohl eine Art Wermut, der Weg zum Negroni also nicht weit und den schätze ich sehr.

Am Donnerstagnachmittag wurde dann noch rechtzeitig mein Body-Shop Paket mit British Rose-Produkten geliefert. Die waren leer und noch ist ein Besuch im Lädchen nicht absehbar. Jetzt kann es wirklich losgehen!

Tag 1 – Freitag

Frische Bettwäsche wird außerordentlich aufgezogen. Ich hoffe, das erzeugt etwas Hotelflair. Es ist schließlich die weiße Damastwäsche, die dermaleinst mit „Hotelqualität“ angepriesen wurde. Und gebügelt habe ich sie auch. Eine Mangel besitze ich leider nicht. (Den Traum werde ich mir irgendwann erfüllen!) Das Bügeln stellt sich als vollkommen sinnlos heraus, wenn man die Wäsche nicht sofort vom Bügelbrett auf die Decken transferiert. Eigentlich keine große Überraschung.

Fest steht schon jetzt, dass die Anreise zwar oft als lästig empfunden wird, aber ohne sie fehlt das elementare Gefühl der Vorfreude: Wohnung abschließen, Taxi zum Flughafen, Schlangestehen, um den Koffer abzugeben und dann mit zwei freien Händen durch den immergleichen Duty Free-Bereich schlendern und außer einem halben Liter Wasser, der in dieser Welt 200% teurer ist als vor der Sicherheitsschleuse, doch nichts kaufen. Das gehört für mich alles dazu. Der Flug selbst ist kein großes Ereignis mehr, in so einer kleinen Maschine für kurze Strecken ist es nur eng, laut und langweilig. Nicht einmal Unterhaltung wird geboten. Dabei könnte man ein bis zwei Folgen einer Comedyserie immer unterbringen. Selten schlägt mal jemand eine Zeitung auf. Aber dass das so selten geworden ist, macht gar nichts. Noch nicht einmal dafür reicht der Platz. Der letzte Flug mit einer britischen Fluglinie war allerdings sehr unterhaltsam. Die Crew war schottisch und hatte einen unwiderstehlichen, süßen Dialekt. Der Größte unter uns hatte einen beinfreundlichen Platz in der ersten Reihe und las tatsächlich eine Zeitung aus Papier. Der Flugbegleiter hat direkt vor ihm die Sicherheitshinweise verkündet und war bei seiner Demonstration erst mit der Zeitung und dann der Stirn des Lesers kollidiert. Zunächst hat er sich auch entschuldigt, dann aber mit einem Lächeln mitgeteilt, dass das die gerechte Strafe dafür ist, ihm nicht zugesehen und aufgepasst zu haben.

Wir schonen aber nun das Klima und fliegen nicht. Als Ersatz sehen wir uns die Großbritannienfolge der National Geographic Serie „Europe from above“ an. Immerhin. Dronenbilder sind immer schön. Während der Vorstellung lutsche ich saure Kirschdrops aus Goole bei Leeds in Yorkshire. Gar nicht so einfach, etwas über dieses Hafenstädtchen herauszufinden, weil die Namensähnlichkeit mit der bekannten Suchmaschine zu ganz falschen Ergebnissen führt. Viel gibt es aber auch nicht zu berichten. Es ist eine Kleinstadt mit 18.000 Einwohnern und Partnerstadt von Rostock. Die vermeintlich berühmten zwei Söhne der Stadt kenne ich nicht (ein Komponist und ein Fußballspieler). Gut, wir reisen ja auch in die Hauptstadt. Der First-Class-Flug verlief ganz angenehm mit kostenfreien Getränken (nicht im Plastikbecher), Nüsschen und einer unglaublichen Beinfreiheit.

Unser Abendessen werden wir heute im heimischen Pub einnehmen. Es gibt Fish & Chips und Erbsen. Einmal natürlich auch in der vegetarischen Variante. Pflanzliches fischähnliches Filet hatten wir noch nicht. Hauptzutat ist hier die Schwarzwurzel. Klingt blöd, schmeckt aber hervorragend. Getränke gibt es aus unseren original Pub-Gläsern (die mit der charakteristischen Welle am oberen Rand). Die haben wir schon einige Jahre und inzwischen habe sie auch eine angemessene Pub-Patina in Form von Kratzern. Sie haben noch mehr Glanz als ich es vor Ort erwarte, aber das ist mir im Alltag allemal lieber. Der gemeine Brite hat ja ein etwas entspannteres Verhältnis zu Sauberkeit. Das kann und werde ich mir dieses Wochenende nicht aneignen. Wenn in wirklich in London bin, sehe ich die Welt stets durch eine rosarote Brille. Schrabbel, Plüsch und Schmutz sind dort charmant und keinesfalls störend.

Unsere Umgebung dekorieren wir mit all den Devotionalien, die wir über die Jahre angesammelt haben: Geschirrhandtücher (liebe nicht nur ich, sondern auch die Briten), Taschen, eine solarangetriebene winkende Elisabeth II., Kochbücher (mehrheitlich von Filmen und Serien inspiriert: Downton Abbey, Harry Potter, The Naked Chef – aber Liebe geht ja durch den Magen, sagt man) bis hin zu dem einen oder anderen Kühlschrankmagneten. Einen guten Teil unserer Kleidung können wir auch themenbezogen gestalten. Wir haben entsprechende Strümpfe, T-Shirts und britische Jeans. Das sollte reichen, um ein wenig britischen Geist zu verbreiten.

Nach dem Essen gehen wir an die Hotelbar und genießen einen royalen Cocktail und einen Gin Tonic. Der Hauptfilm des Abends ist „Notting Hill“. Ein paar schöne Londonbilder und immer noch hinreißende Dialoge, auch wenn der Streifen schon älter als 20 Jahre ist.

Stor framgång

Dreieinhalb Jahre Bearbeitungszeit, bis unsere Tochter endlich ein großes Bett bekommt. Nicht, dass wir nicht sofort ein Neues gekauft hätten. Aber der Platz, an dem ein Bett mit den Maßen 140cm x 200cm stehen kann, war nicht ausreichend vorhanden. Die Bettnische wurde seinerzeit kunstvoll geschaffen, indem aus zwei kleinen Räumen ein Größerer und eine Kammer entstanden sind. An einem Ende der Nische wurden sichtbare Heizungsrohrstränge hinter Gipskartonplatten versteckt. Und eben diese Verkleidung war einige wenige Zentimeter zu groß. Sie musste also kleiner werden. Da unsere hauseigenen Werkzeuge und vor allem Fähigkeiten diese Verkleinerung nicht ermöglichten, mussten wir auf die Hilfe meines Vaters zurückgreifen. Zum Glück hatten wir hier noch genug Guthaben, das wir abrufen konnten. Unbezahlbar: Kurzfristige Terminvergabe, 160 Kilometer An- und Abfahrt, 1 Manntag und volle Flexibilität bei der Leistungsbeschreibung. Denn der Endzustand sollte dann plötzlich doch noch anders aussehen, als ursprünglich geplant. Dafür sind wir wieder einmal sehr dankbar!

Fast alle übrigen Arbeiten (der neue Fußleistenzuschnitt wird auch noch übernommen) schaffen wir Büroleute nun allein. Das war jedenfalls die Grundidee. Schon am nächsten Tag sollten wir aber wieder vor einer Hürde stehen, die wir zwar überwinden konnten, aber es bleibt ein Hindernis. Obwohl bei jeder noch so kleinen handwerklichen Aufgabe von vorn herein klar ist, dass es aufwändiger wird als gedacht, überrascht mich das doch immer wieder. Selbst der Einbau der neuen Geschirrspülmaschine hatte zur Folge, dass das neue Gerät nicht passgenau in der Lücke steht. Es steht etwas weiter heraus als das alte Gerät. Ich wollte mich schon längst mal wieder damit beschäftigt haben, es noch einmal abmontieren und den Grund erforschen, aber inzwischen habe ich mich an den Anblick gewöhnt. Und ich schalte es unbeabsichtigt auch nur noch manchmal ein. Es hat nämlich keine Knöpfe mehr, sondern eine Touch-Bedienfläche. In vielerlei Hinsicht eine Verschlechterung übrigens, aber das nur am Rande. Es war nichts rückschrittlicheres im Angebot.

Aber nun wieder zu unserem heutigen Problem. Geplant war, pünktlich zur Öffnungszeit im skandinavischen Möbelhaus anzukommen, um ein neues Bett samt Matratze zu kaufen und dann von der angeschlossenen Spedition liefern zu lassen. Dieses Angebot haben wir schon einmal genutzt und es wurde im Internet auch noch beworben. Das Wunschbett war laut Internet nicht in den beiden naheliegenden Filialen vorrätig, sondern in der 20 Kilometer entfernten. Natürlich und immerhin. Wir waren pünktlich dort und nach einigen Probeliege-Versuchen war alles ausgewählt.

Ein freundlicher Lorenz hat unsere Bestellung dann aufgenommen und gleich mehrere Probleme aufgezeigt. Die ausgesuchte Matratze hat Lieferschwierigkeiten. Es gab im Lager vor Ort noch genau ein Exemplar. Das kann aber nicht geliefert werden. Wir müssen es selbst transportieren. Warum, bleibt unklar. Nachdem klar war, dass die Matratze nicht gerollt verpackt ist, befürchten wir, dass sie nicht ins Auto passt, selbst wenn wir einen Mann zurückließen am anderen Ende der Stadt und er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückführe. Wir ordern die Matratze und sie wird bis Ladenschluss für uns reserviert sein. Wir können also erst ausmessen und dann weiterdenken. Die restlichen Stücke des Bettes sind auch nicht am Lager. Sie sind aber bestellbar und lieferbar in 14 Tagen. Sie kommen aus dem Zentrallager und einer weiteren Filiale und werden deshalb in zwei Lieferungen bei uns ankommen. Dank Homeoffice ist das aber kein Problem. Allerdings irgendwie frustrierend, denn das Möbelhaus und diese Filiale haben wir extra ausgesucht, um die Ware sofort zu erhalten. Aber gut, war ja nicht das erste Mal. Dann muss eben zwei Wochen auf der Matratze allein genächtigt werden.

Zurück am Auto ist schnell klar, dass die Matratze nicht in unser Auto passen wird. Selbst wenn sie etwas flexibel wäre, das Risiko ist zu groß. Also erstmal wieder nach Hause. Auf dem Heimweg halten wir noch in einer Filiale eines ebenfalls skandinavischen Bettenausstatters. Dort kommt nur ein Exemplar in Frage. Leider ist das aber fast doppelt so teuer und eigentlich wäre es auch nur eine Notlösung. Denn die einzig wahre Matratze ist in Moorfleet reserviert. Die letzten Kilometer der Heimfahrt werden nur durch die Worte: „Und was machen wir jetzt?“ unterbrochen. Zu Hause checken wir verschiedenste Internetseiten. Das Ergebnis ist ein Miettransporter zum Black-Friday-Tarif. Teurer als eine Liefergebühr zwar, aber zusammen mit dem Matratzenpreis immer noch günstiger als das Premium-Modell aus dem Notfall-Laden.

Da beim Flexibilitätstest in Moorfleet ein halber Hexenschuss zu beklagen war und außerdem am späten Nachmittag noch ein Lernentwicklungsgespräch ansteht, muss ich mich allein auf den Weg machen. Ich spaziere also zur Mietwagenstation und nehme einen Crafter in Empfang. Ich hatte die Wahl zwischen Crafter und Crafter. Was Kleineres war nicht da. 15 Schäden soll ich am Wagen prüfen und eventuelle Neue melden. Mindestens die Hälfte der vermeintlichen Schäden hätte ich ohne das Protokoll gar nicht als solche erkannt. Also gebe ich auf und setze mich in ins Cockpit. Ich will den Rückspiegel einstellen, muss aber feststellen, dass es keinen gibt. Klar, vier Meter weiter hinter mir gibt es auch gar kein Fenster, durch das ich blicken könnte. Weiter auf der Checkliste: Schlüssel ins Schloss und drehen. Der Motor startet leider nicht. Auch beim zweiten Versuch nicht. Und ich muss feststellen, dass ich hier ein Schaltgetriebe vor mir habe. Ich muss also die Kupplung treten und nicht die Bremse. Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen.

Die Fahrt ist ganz entspannt. Es ist etwas voller in der Stadt als am Vormittag, aber ich genieße die Fahrt im Transporter. Es macht mir so viel Spaß, dass ich den Mietpreis auch jochenschweizermäßig als Event verbuchen kann. 50 Minuten später rolle ich auf den Möbelhausparkplatz. Es ist sehr voll, aber mit dem großen Gefährt muss ich ohnehin einen Randplatz suchen.

Im Markt gehe ich zielstrebig zur Kasse und kaufe das gute Stück. Es ist tatsächlich noch da! Auf dem Parkplatz wird es bereits dunkel. Aber sobald ich die Hecktür öffne, geht im Innenraum ein Licht an. Sehr gut. Die Matratze wiegt zwar 40kg, ist aber besser zu bewegen, als ich dachte. Ich kann sie relativ einfach hineinbugsieren. Und wie sie so darin liegt, wird völlig klar, das sie niemals in unseren Wagen gepasst hätte.

Als ich den Motor anlasse, läuft im Radio die Titelmelodie zu Raumschiff Voyager. Wie passend, ist der Kapitän der Voyager doch eine Frau. Wenn‘s läuft, läuft‘s. Der Rückweg ist auch wieder sehr angenehm und der Wagen kann nach 42 Kilometern zurückgegegeben werden.

Im Flur steht nun eine große Matratze. Dort muss sie auch bis Morgen stehen bleiben. Denn Punkt zwei auf der Liste, das Streichen der Neubauten wird heute nicht mehr abgearbeitet werden.

Was mich inspiriert

In unserem unternehmensinternen Intranet wird seit einiger Zeit jede Woche ein Kollege gefragt, was ihn kürzlich inspiriert hat. Leider war das erst ein Mal jemand, den ich persönlich kenne. Dann ist es viel interessanter zu lesen, weil ich ungefähr einschätzen kann, was diese Inspiration wohl mit der Person macht. Aber auch sonst lese ich den wöchentlichen Beitrag immer gern. Er erscheint donnerstags und weil mir im Homeoffice ja die donnerstägliche Gala fehlt, ist dieses Interview ein kleiner Ersatz. Ich muss in diesem Zusammenhang zugeben, dass mein Bild eines Menschen, den ich kennenlerne, nicht unwesentlich davon beeinflusst wird, welche kulturellen Interessen jemand hat. Um Nick Hornbys Robert Fleming zu zitieren: „Kann man mit Leuten befreundet sein, deren Plattensammlung in Wesentlichen aus Tina Turner Alben besteht?“ Interessante Frage. Die Antwort ist schwierig zu geben, ein bisschen mehr gehört schon noch dazu. Aber ich wäre sicher nicht im 19. Jahr glücklich verheiratet, wenn wir nicht so viele entscheidende Übereinstimmungen bezüglich des Musik- und Filmgeschmacks und des Humors im Besonderen hätten.

Inspiration. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Einhauchen“. Man versteht darunter eine Eingebung, einen unerwarteten Einfall oder den Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität. Was mich also kürzlich oder derzeit bewegt und beeinflusst. Der Beitrag als Vorlage ist mehr oder weniger unterteilt in die Bereiche: Bücher, Filme, TV, Musik, Podcasts und TED Talks. Das will ich hier auch einmal versuchen.

Bücher

Ich lese ja viel. Im Augenblick überwiegend Krimis. Eine wichtige Kaufentscheidung ist dabei immer der Ort der Handlung. Am Liebsten sind mir Orte, die ich selbst schon besucht habe. Es erfreut mich immer wieder, wenn der Protagonist in Gegenden unterwegs ist, auf deren Straßen ich selbst schon gewandelt bin. Allen voran: Cormoran Strike aus der Feder von J.K.Rowling alias Robert Galbraith. Der Privatdetektiv hat sein Büro in der Denmark Street in London, nicht weit entfernt vom Covent Garden. Was würde ich dafür geben, wie Robin Ellacot als seine Assistentin dort zu arbeiten! Aber der nächste Band der Reihe erscheint erst Mitte September, darauf muss ich noch etwas warten.

Gerade lese ich einen Krimi von David Baldacci aus der Amos Decker-Reihe. „Exekution“ spielt zwar überwiegend in Washington D.C. und dort bin ich noch nicht gewesen, aber Amos Decker und seine FBI-Kollegen sind meist in den gesamten Vereinigten Staaten unterwegs und so gibt es immer viel Lokalkolorit. Das J. Edgar Hoover Building als derzeitige FBI-Zentrale ist offenbar in einem erbärmlichen Zustand und das lässt sich wohl auf alle großen US-Amerikanischen Städte und die gesamte Infrastruktur übertragen. Jedenfalls beginnt die Handlung direkt vor dem Gebäude, dessen obere Balustraden mit Netzen gesichert wurden, damit Passanten nicht von den oft bröckelnden Gebäudeteilen erschlagen werden. Im Internet lässt sich nachlesen, dass es einen großen Sanierungsstau gibt und eigentlich schon lange angedacht ist, ein neues größeres Gebäude zu bauen. Aber es gibt noch nicht einmal einen neuen Standort und so müssen die Beamten wohl auf unbestimmte Zeit hinter „pissgelben Honigwabenfenstern“ ihrem Dienst verrichten. Amos Decker ist ein ehemaliger Footballspieler, der nach einer Gehirnverletzung über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügt. Er hat ein eidetisches Gedächtnis und das ist beim Ermitteln natürlich sehr nützlich. Er selbst empfindet diese Gabe oft nicht als positiv, ihn belastet die Tatsache, dass er nichts vergessen kann. Mir gefällt der Erzählstil der Krimireihe. Ähnlich wie bei Harry Bosch muss wirklich ermittelt werden. Es müssen Zeugen befragt und Schlussfolgerungen gezogen werden. Gespickt wird die Handlung mit einigen Actionszenen, die oft auch recht amüsant sind, weil der schwere 2-Meter-Hüne seinen Gegnern auf unkonventionelle Art Einhalt gebietet. Dabei wird nicht unnötig übertrieben und die Figuren leisten nichts Unmenschliches wie Robert Langdon oder James Bond.

Jedenfalls genieße ich die gemäßigte Spannung und bin am Ende froh, dass die Bösen hinter Gitter kommen. Auch machen mir solche abenteuerlichen Geschichten immer klar, wie angenehm mein Beruf doch ist. Ich kann jederzeit eine Pause einlegen und leide wegen der Arbeit nicht unter Schlafmangel. Ich kann auch mal einen schlechten Tag haben und niemand nimmt deshalb Schaden.  Schönstes Zitat: „Amos, Sie sind sehr von sich überzeugt. – Wenn nicht ich, wer dann?“

Filme

Da die Kinos so lange keine neuen Filme mehr zeigen konnten, habe ich gar nicht viele Filme gesehen in letzter Zeit. Der letzte Film, der noch einen Nachhall bei mir hatte, war „Carrie Pilby“ – eine Literaturverfilmung aus dem Jahr 2016 (Carrie Pilby, ein Roman von Caren Lissner). Carrie Pilby ist eine hochintelligente 19jährige Harvard-Absolventin, die nach ihrem Abschluss nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Ihre sozialen Fähigkeiten sind unterentwickelt und sie ist deshalb in Therapie. Sie lebt in New York und wie im Fall der Bücher, freue ich mich, wenn auch Filme mich an Sehnsuchtsorte bringen. Und so viele Probleme Frau Pilby hat, sie lebt sehr nobel und hat keine Geldsorgen. Das bedeutet, ich sehe im Film nur die schönen Ecken der Stadt im wunderschönen Herbst. Carries Lieblingsbuch ist passenderweise ein Werk von J.D. Salinger, der sich ja hauptsächlich mit problembeladenen jungen New Yorkern beschäftigt hat. Dieses Buch: „Franny und Zooey“ habe ich mir daraufhin in meiner Lieblingsbuchhandlung gekauft. Es stand dort tatsächlich im Regal, auch wenn das Erscheinungsjahr schon 1961 war. Da Salinger einer meiner liebsten Autoren ist, war das Buch erwartungsgemäß schön geschrieben. 

Der Film hat mich also zum Lesen angeregt und meinen Salinger-Horizont erweitert.

TV

Während des Corona-Lockdowns habe ich einen großen Hunger auf Nachrichten entwickelt. Ich lese die Süddeutsche Zeitung sehr ausgiebig und sehe mir im TV, wann immer möglich, die täglichen Nachrichten an. Aber das ist eigentlich nicht inspirierend. Eher im Gegenteil.

Vor ein paar Wochen habe ich angefangen, mir „The West Wing“ anzusehen. Eine US-Amerikanische Serie über die Arbeit im Weißen Haus aus den Jahren 1999-2006. Das ist sehr gut gemachte Unterhaltung. Die Figuren bewegen sich hauptsächlich im „West Wing“ des Weißen Hauses, ihrem Arbeitsplatz. Es geht um die Geschicke des Stabschefs, der Pressesprecherin und des Redenschreibers sowie einigen Nebenfiguren. Der Präsident spielt eine untergeordnete Rolle, er taucht zwar in jeder Folge auf, aber er ist meist nur für den patriotischen Teil zuständig, der in einer amerikanischen Politikserie sicher obligatorisch ist. Alle Figuren sind mit großer Intelligenz gesegnet und arbeiten sich stets durch außergewöhnlich ausgefeilte und humorvolle Dialoge. Ausweglosesten Situationen und fiesen Attacken von Gegnern und der Presse wird auf sehr eloquente Weise begegnet. Immer finden sie eine Möglichkeit, die Probleme mit Worten zu lösen. Es mag weit weg von der Realität sein und das echte politische Treiben ist sicher nicht im Ansatz so interessant und befriedigend, aber ich lasse mich von den guten Demokraten immer wieder gern 40 Minuten einnehmen.

Musik

Durch das Streamen habe ich fast vergessen, wie es ist, sich auf ein ganzes Album einzulassen. Aber gerade hat Gregory Porter sein neues Album „All Rise“ herausgebracht und das ist wirklich ein Genuss. Porter klingt wie eine Mischung aus Frank Sinatra und Jamie Cullum. Seine Texte sind leider eher belanglos, aber auf diesem Album besingt er politisch herrlich unkorrekt und sehr poetisch die Freuden des Reisens mit der Concorde. Ob er das wirklich einmal erlebt hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist das Fliegen insgesamt zukünftig wieder so exklusiv wie zu Hochzeiten der Überschallgeschwindigkeiten für die oberen Zehntausend. Wir werden sehen. Das Album wirkt auf mich jedenfalls wie ein Beruhigungsmittel. Da kann der Alltag noch so stressig sein. Kaum singt Herr Porter, kann ich all das vergessen. Den Instrumenten lässt er, wie im Jazz üblich, auch ihren angemessenen Raum. Alle dürfen sich mal austoben, aber immer gemäßigt und so sind die Stücke selten länger als 5 Minuten.

Podcasts

Im Intranetbeitrag dieser Woche wurde ein Podcast von Laura Malina Seiler empfohlen. Sie ist Schriftstellerin, Podcasterin und Coach. In dem Beitrag fordert sie dazu auf, der CEO des eigenen Lebens zu werden. Man könne sich einen inneren Vorstand zusammenstellen und die Mitglieder zu allen Fragen des Lebens befragen. Einer von ihnen würde dann antworten. Jetzt ist nur die Frage, wer in meinem inneren Vorstand sitzen soll. Wem würde ich heikle Entscheidungen übertragen, damit er sie zu meinem Besten entschiede? Spontan fallen mir da in erster Linie Roman- oder Serienfiguren ein. Aber das erscheint mir absurd.

Ansonsten findet die Podcastszene eigentlich ohne mich statt. Ich bin ein Leser. Und so kenne ich mich überhaupt nicht aus. Was ich allerdings auch mag, sind Hörbücher oder Hörspiele. Die drei Fragezeichen zum Beispiel mag ich seit über 35 Jahren. Und auf dem Hörbuchmarkt wurden Werke veröffentlicht, die ich tatsächlich lieber höre als lese. Andreas Steinhöfels Geschichten von Rico und Oskar sind moderne Klassiker, die durch die Autorenlesung noch geadelt werden. Oder die Krimis mit Franz Eberhofer. Die wären ohne die virtuosen Lesungen von Christian Tramitz nur der halbe Spaß. Leider muss ich auf Eberhofers elften Fall noch bis zum Juli nächsten Jahres warten. Außerordentlich gelungen sind auch die Hörbücher der Känguru-Trilogie von Marc-Uwe Kling. Auch beim fünften oder sechsten Durchlauf kann ich immer wieder laut darüber lachen.

TED-Talks

„TED“ steht für Technology, Entertainment und Design und war ursprünglich eine Innovations-Konferenz in Kalifornien. Auf der TED-Talks-Website wurden dann mehr und mehr Videos der Konferenzen veröffentlicht und sie haben sich zu echten Rennern entwickelt. Das musste ich aber erst einmal recherchieren, ich hatte vorher noch nie davon gehört. Es klingt ganz spannend, aber wie schon geschrieben: Ich bin ein Leser. Solche Videos sprechen mich nicht an. Die Süddeutsche Zeitung bietet leider auch immer mehr davon. Ich kann es aber nur belächeln, wenn ein Journalist seinen Beitrag vor einer grauen Wand in die Kamera spricht. Da kann der Text noch so gut sein, er wird nur selten angemessen vorgetragen. Nicht alle Print-Journalisten sind gleichzeitig telegen. In meinen Augen sehr schade, aber die Jugend scheint danach zu verlangen.

Borkum 2020

Ob es an der unsicheren Rechtslage den Urlaub betreffend lag oder an beruflichem Stresspegel, vermag ich heute nicht mehr zu beurteilen, aber es steht ja noch der erste Eintrag aus. So muss ich das jetzt nachholen. Die Infektionsschutzbestimmungen ließen uns jedenfalls problemlos anreisen. Der Katamaran war gut gefüllt. Alle Passagiere mussten Masken tragen und ihre Kontaktdaten hinterlassen. An Abstand war nicht zu denken. Auch in der Borkumer Kleinbahn war kein Abstand möglich. Unterwegs zur Ortsmitte gab es einen kräftigen Schauer, der pünktlich zur Ankunft am Hauptbahnhof vorüber war. Wir konnten trocken zum Haus laufen.

Die Kosten-Nutzen-Analyse hat ergeben, dass die Mitnahme des Autos nicht teurer ist als die Katamaranüberfahrt nebst Parkgebühren. Der große Nachteil ist die zweistündige Fährfahrt, die genau doppelt so lang ist wie die Katamaranfahrt. Der große Vorteil ist, dass wir unser Gepäck nicht mehrfach in die Hand nehmen müssen. Mal sehen, wofür wir uns das nächste Mal entscheiden werden.

Im Haus gibt es nicht viel Neues. Keine neuen Haushaltsgeräte. Die laufen immer noch. Vielleicht, weil sie nicht von allen Gästen täglich genutzt werden. Manchmal sogar mehrfach. Unsere Kleiderauswahl ist darauf genau abgestimmt und hat sich über Jahre entwickelt.

Wir sind älter geworden, das offenbart sich gleich am ersten Tag. Die Teenager koexistieren eigenständig und bedürfen keiner Anleitung zur Freizeitgestaltung mehr. Sie spielen sogar zur Not allein und nötigen keinen Erwachsenen zum Mitspiel. Das bisher unbekannte Wort des Misanthropen wird elegant und unentdeckt online nachgeschlagen und sorgt dann für den kreativen Höhepunkt des Abends:

Fahrräder wurden auch wieder geliehen. Ein paar sportliche und ein paar City-Räder mit Körbchen. Damit schon mal klar ist, wer Einkaufen fährt. Der Nachmittagskuchen kann auch auf dem sportlichen Rad in der Hand gehalten werden. Dann eben einhändig fahren – kein Problem.

Die Strandkörbe stehen in diesem Jahr in der zweiten Reihen und bieten beste Sicht auf die Kiter, die im Augenblick ideale Bedingungen vorfinden, denn es ist durchaus windig. Wir haben aber auch einen guten Blick auf einige noch unbewohnte Körbe. Und andere Menschen bieten immer so viel Unterhaltung. Mal sehen, was sich daraus noch ergibt. Der Zugang zum Korb wird uns bis auf einige wenige Meter durch den Holzsteg erleichtert, der ursächlich den Sportlern den Weg mit ihren Geräten ermöglichen soll. Oder den Rollatoren und dergleichen. Davon gibt es aber hier nicht viele. Das Publikum ist eher jung und der Strand wird deshalb von vielen kleinen Menschen bevölkert. Das Drachenwetter ist auch ideal, für Personen mit einem Gewicht unter 50 kg vielleicht zu kräftig. Aber Kinder sind noch keine vorbeigeflogen. Nur Kiter, die einen faszinierenden Anblick bieten. Statt auf ein Aquarium zu starren und darin Entspannung zu finden, sind es hier diese Wassersportler, von denen ich meinen Blick kaum abwenden kann.

Trotz Wind und isländischer Hochsommertemperaturen haben wir das Frühstück heute auf der Terasse eingenommen. Sehr schön! Dann tröpfelte es leider etwas und weil ich versprochen hatte, bei Regen Zimtschnecken zu backen, muss ich mich jetzt erst einmal darum kümmern. Später wieder mehr.

Alltag in Zeiten der Pandemie

Zwar schreiben dieser Tage viele ihr persönliches oder allgemeines Corona-Tagebuch, aber da die Lage eben allgegenwärtig ist und das Reisen so bald noch nicht wieder möglich sein wird, steige ich mit ein.

Gerade habe ich den Live-Stream der Verleihung des Henri Nannen Preises verfolgt. Schön, was ohne Publikum auch möglich ist: Gutes Bühnenbild (die Henri Nannen Lounge im G+J Pressehaus), gute Präsentation, gute Moderatoren. Außerdem durfte ich dabei sein. Für die große Gala bekommt man als Normalsterblicher nämlich keine Eintrittskarte.

Der HNP wird an Journalisten aus der ganzen Welt vergeben für herausragende Leistungen in den Bereichen Reportage, Investigation oder Fotografie. Die Juroren haben als Laudatioersatz ihren Favoriten unter den Nominierten verkündet. Diese Einspieler mögen inszeniert gewesen sein, aber es ist mir immer wieder ein großes Vergnügen, einem Journalisten zuzuhören. Auch die beiden Moderatoren haben ihre Texte sehr schön gesprochen: Flüssig, wortreich, grammatikalisch korrekt, ausgefallen formuliert, leidenschaftlich und ohne Aussetzer oder Füllwörter. Ein Genuss! Und das ist leider viel zu selten der Fall. Im Fernsehen oder im Radio bekommt man oft nur Reden zu hören, die schwer erträglich sind. Besser erträglich, aber selten gut sind journalistische Videos auf Zeitungsportalen. Da tragen die Autoren ihre Stücke meist recht fade vor. Ihre Stärke liegt sicher im Schreiben, nicht in der Darstellung. Aber das junge Publikum verlangt offenbar nach Videos und bin nur noch wenige Jahre Teil der werberelevanten Zielgruppe. Den HNP für den Web-Beitrag des Jahres hat übrigens Rezo für seinen Beitrag zur „Zerstörung der CDU“ bekommen – toll! Vielleicht gucke ich ihn mir noch einmal an.

Erfreulicherweise funktioniert unser WLAN einwandfrei. Es wird ja dieser Tage sehr stark beansprucht: Den ganzen Tag zapfen drei Rechner alles ab, was eingespeist wird. Und das ist in Hamburg nicht immer ausreichend. Am Samstagabend zum Beispiel können wir unser Filmprogramm oft nicht ruckelfrei genießen.

Im vergangenen Januar, als man noch bummeln durfte, war ich mit netter Begleitung von Auswärts in der Innenstadt. An exponierter Stelle auf dem Jungfernstieg standen Demonstranten, die ich gar nicht beachtet habe. Aber plötzlich hörte ich meine Begleitung fragen: „Ihr wollt hier kein 5G?????“. Ja, von wegen. Ich nähme es sofort in Anspruch. Die Demonstranten – ich versuche es diplomatisch auszudrücken – waren der linksalternativen Szene zuzuordnen. Aber jenem Extrem, dass nicht nur konservative gesellschaftliche Normen ablehnt. Das allein ist mir ja grundsätzlich nicht fremd oder unangenehm. Diese (überwiegend) Damen hatten aber dazu noch einen Hang zum Esoterischen. Davon zeugten ihre bunten Baumwollkleider und Federschmuckstücke. Und sie waren eben gegen 5G. Aber da sie technischem Fortschritt nur ihre Klangschalen entgegenzusetzen hatten und offensichtlich auch in der Welt der Rauschmittel zu Hause waren, sind wir weiter gelaufen. Also ein wenig mehr Einsatz erwarte ich schon, als einfach nur dagegen zu sein. Warum? Und worauf stützt sich ihre Ablehnung? Meine eigene nachgelagerte Recherche hat ergeben, dass es tatsächlich so einiges gibt, das noch geklärt oder untersucht werden sollte. Ich hoffe, dass das auch geschieht und die Zweifel sich idealerweise als unberechtigt herausstellen. Denn ich nutze die Annehmlichkeiten eines schnellen Netzes sehr gern. Und ich gewöhne mich auch immer so schnell an neue Errungenschaften. Rückschritte sind nicht erwünscht.

Zu Hause ist es jetzt seit vielen Wochen recht ereignis- aber mitnichten reizarm. Das Fernsehprogramm ist eine Zumutung. In den Nachrichten finden kaum andere als Virusmeldungen Platz, weshalb ich versuche, mein Informationsbedürfnis nur einmal am Tag zu stillen. Und die Streamingplattformen bieten zwar viel Neues, aber es ist nicht alles nach unserem Geschmack. Da bin ich schon mal schneller genervt als im Normalbetrieb. Es wird also viel gelesen. Ein richtig fesselndes Buch hatte ich noch nicht in der Hand, aber einige stehen noch aus. Zur Not muss ich eben ein bekanntes Buch noch einmal lesen.

Schön zu lesen sind auch die sehr ausführlichen Wochenberichte der Schulleitung. Diese Woche wurde über den sanften Wiedereinstieg in den Unterrichtsbetrieb berichtet. In die Schule waren auch junge Schüler gekommen. Bezüglich dieser Gruppe hatte man im Vorfeld einige Bedenken wegen der Einhaltung von Abstandsregularien in der Pausensituation. Es hat aber alles prima geklappt, bei allen überwog wohl die Freude des Wiedersehens. Das wollte niemand durch Verstöße aufs Spiel setzen. Die Tischtennisplatten dienten dabei zusätzlich als „effektiv soziales Regulativ“. Ob einem sowas als Germanist spontan einfällt? Oder ist das ein Fachbegriff?

„and the daffodils look lovely today“

Dieses Liedzitat von den Cranberries geht mir immer durch den Kopf, wenn ich Narzissen sehe. Gestern war ich mal wieder mit dem Auto unterwegs und musste feststellen, dass die schönen Frühlingsboten wie Krokusse (korrekter Plural, nicht Kroki oder Krokanten, wie ich es lieber hätte, das klänge viel besser) und Narzissen auf den Straßeninseln der Stadt leider fast unbeachtet blühen. Kein nennenswerter Verkehr rauscht an ihnen vorbei. Es müssen ja so viele zu Hause arbeiten. Für das Klima sicher nicht schlecht, wenn die Autos weniger bewegt werden. Ich fahre mit dem Auto, damit ich nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln sitze (Corona!) und weil ich noch einkaufen muss. Die haltbaren Lebensmittel hat man ja schon vor unserer Rückkehr weggekauft, weshalb ich nun wie gewohnt Frischeres kaufen. Obst und Gemüse gibt es noch eine Menge, das ist schon mal gut.

Zunächst muss ich aber zum Arzt und ein Rezept abholen, dass vorher telefonisch bestellt wurde. Vor der Praxis warten drei andere und lesen die zahlreichen Informationen, die an der Tür heften: „Bei Husten – zu Hause bleiben! Bei Corona-Verdacht – zu Hause bleiben und das Gesundheitsamt anrufen! Ansonsten – nicht eintreten, erst anrufen, wir kommen raus.“ Das ist deutlich und keiner widersetzt sich. Die Telefonleitung ist natürlich besetzt. Eine Viertelstunde warten wir einigermaßen geduldig, dann kommt jemand durch und anschließend jemand raus. Eine recht vermummte Person fragt nach unserem Begehr. Rezepte und Berichtskopien – puh, kein Virenalarm. Nach der Bestellung (uns wird alles vor die Tür gebracht) spricht mich eine ältere Dame an (mit gebührendem Abstand wohlgemerkt). Sie kenne das ja noch aus Kriegszeiten, dass das Leben so reglementiert wird und man nicht so gern auf die Straße geht. Soo alt sieht sie eigentlich gar nicht aus, dass sie sich daran noch lebhaft erinnern kann. Leider ist sie mir schon nach wenigen Sätzen sehr unsympathisch, sie gleicht der Nazioma aus der Tatortreinigerfolge „Nicht über mein Sofa“. Und als wir eigentlich schon glücklich mit unseren Papieren wieder gehen können, fängt sie an, die vermummte Botin zu beschimpfen: Das Telefon sei nicht besetzt, sie hätte es schon seit Tagen versucht, das kann doch nicht wahr sein – und so fort. Ich bin geneigt, mich einzumischen. Ist aber gar nicht nötig, die Vermummte entledigt sich ihres Mundschutzes und lässt ihren Ärger der letzten Tage in einem heftigen Schwall über die verbohrte Hanseatin hereinbrechen. Herrlich! So schnell ruft die bestimmt nicht wieder an!

Danach der nächste Programmpunkt – die Apotheke. Ich wähle die Filiale auf dem NDR-Gelände, weil die vielleicht nicht so viel Laufkundschaft haben. Stimmt auch. Es sind zwar alle vier Parkplätze belegt, aber nach dem Motto: Einer raus, Einer rein, Nächster sein – fährt jemand weg und macht Platz. In der Apotheke ist es auch ruhig. Nur vier Kunden vor mir, die alle artig auf den geklebten Kreuzen am Boden stehen und somit großen Abstand voneinander halten. Am Tresen wird gerade eine NDR-Moderatorin bedient. Endlich eine Promisichtung! Wenn es schon in L.A. nicht geklappt hat. Beim Verlassen des Verkaufsraums lächelt sie allen freundlich zu und steigt dadurch in meinem persönlichen Ranking enorm. Eigentlich bin ich immer etwas von ihrer herablassenden Ausstrahlung genervt, wenn ich sie im TV sehe. Jetzt vielleicht nicht mehr, ich habe instinktiv zurückgelächelt.

Danach in den Supermarkt. Schon der Parkplatz ist gut gefüllt für diese Tageszeit. In der Wagenhütte stehen nur noch vier Wagen, da nehme ich mir mal einen. Im Markt stehen wahrscheinlich auch nicht mehr. Ich kann aber gar nicht direkt in den Markt rollen, weil davor eine etwa 50m lange Kundenschlange steht. Alle mit vorbildlichem Abstand zueinander. Auch hier gilt: Erst eintreten, wenn ein anderer den Laden verlässt. Es dauert also eine Weile. Nicht alle sind gut gelaunt oder geduldig. Manche auch total blöd und schieben direkt zu Eingang. Da haben sie die Rechnung allerdings ohne die Wartenden gemacht. Es wird sofort geschimpft, aber auch zurückgepöbelt. In solchen Momenten bin ich kein Menschenfreund. Was gibt es nur für unausstehliche Typen?

Irgendwann bin ich auch drin: Wie erwartet, ist die Obst- und Gemüseabteilung zwar gut bestückt, aber auch sehr voll. Daran ändern auch die sich ständig wiederholenden Lautsprecherdurchsagen nichts: „Bitte halten Sie ausreichend Abstand!„ oder „Bitte kaufen Sie nur Mengen, die sie wirklich brauchen!“ Der Abstand ist manchmal schwierig und es ist mir echt unheimlich, dass ich mich die ganze Zeit verfolgt fühle, wenn jemand die selben Gänge abfährt. Die Mengen sind mir auch unheimlich. Ist es ok, wenn ich drei Liter Milch in den Wagen stelle? Mein Wagen wird recht voll und auch das macht mir gleich ein schlechtes Gewissen. An der Kasse flaut das dann etwas ab, denn die Dame vor mir stellt ca. 16 Quarkpakete auf das Band. Und neben vielen anderen Dingen auch mindestens 10 Päckchen Butter. So schnell kann ich sie nicht zählen, aber das scheint mir nicht haushaltsüblich. In meinen Kühlschrank passt jedenfalls nicht so viel hinein. Ahnt sie schon, dass sich die Lage ab dem kommenden Montag wohl noch verschärfen wird? Aber nach wie vor sollen wir einkaufen gehen dürfen. Hoffentlich auch fahren. Wenn ich alles an der Hand tragen soll, dann muss ich jeden Tag rausgehen. Und das ist sicher nicht gewollt. Wir werden sehen.

Die Tatsache, die Wohnung fast gar nicht mehr verlassen zu dürfen, hebt unsere Stimmung nicht. Wir hoffen noch, dass sich möglichst viele an die Ansagen halten und es deshalb beim aktuellen Stand bleiben kann. Wenn ich aus dem Fenster sehe, ist der Anblick insofern vielversprechend. Samstag Vormittag und es fahren nur wenige Autos auf der Straße. Fußgänger auch nicht so viele wie üblich. Eigentlich möchte ich Morgen noch die örtliche Gastronomie unterstützen und uns Essen nach Bestellung abholen. Mal sehen, welche Lokale das noch anbieten. Am Montag möchte ich gern meinen Lieblingsbuchladen unterstützen. Die Inhaber haben die Erlaubnis bekommen, Bücher an der Ladentür zu verkaufen. Vorher anrufen und dann Bestelltes abholen. Vielleicht ist das am Montag noch immer erlaubt und ein Spaziergang dorthin scheint mir verlockend.