Sunday Times

Nun sind wir also dem Londoner Trubel entflohen und wohnen im altehrwürdigen Two Bridges Hotel im Dartmoor. Die Betten sind besser, weniger Memory, mehr Federkern, aber immer noch sehr weich. Eher eine Weichschläfernation, denn die weichen Betten sind auch in Privathaushalten verbreitet, soweit wir es bisher erlebt haben.

Das Einzelzimmer ist ganz entzückend, es gibt ein uraltes Himmelbett, viel Platz und einen schönen Lesesessel. Der wird am Sonntagmorgen auch gleich genutzt. Da wären natürlich peitschender Regen und kalter Wind besser, um das Ambiente noch mehr genießen zu können. Das Wetter ist wieder sehr sommerlich, so dass ich mich nach draußen vor das Gebäude setze.

Die Dusche ist für mich akzeptabel, für den Giant eine Herausforderung, die vielleicht etwas Yoga erfordert. In diesem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert sind die Decken sehr niedrig, beginnen gleich über der Türzarge und die Duschwanne nimmt noch einmal 10 cm davon weg. Ich schiebe die Handbrause also mal nach ganz oben, das mache ich sonst nie. Am Waschbecken hängt ein saisonales Hinweisschild, dass wir hier das gute Wasser aus dem Moor nutzen (folglich kein Chlorgeruch wie in der großen Stadt). Es ist natürlich auch direkt trinkbar. Die Bitte zielt aber auf den Wasserverbrauch im Allgemeinen, denn auch im Moor ist vom Wasser dieser Tage jeder Tropfen kostbar. Leider ist der Wasserdruck typisch Britisch und entsprechend gering. Ich muss also weniger Shampoo benutzen, damit der Schaum schneller wieder weggewaschen wird. Leider bin ich ein Jeden-Tag-Duscher. Ich bin immer bereit, Kompromisse einzugehen, aber so wie andere morgens einen Kaffee brauchen, bin ich erst Mensch nach der Dusche am Morgen. Ich muss auch nicht sehr lange und ausgiebig duschen, aber wie gesagt, der Schaum muss ja weggewaschen werden.

Gestern Abend haben wir unser Dinner hier im Hotel genossen – das Restaurant ist bekannt für seine Spezialitäten. Wir hatten einen sehr netten Kellner, der aussieht wie die jüngere Version von Stephen Merchant, der sogar aus Bristol stammt. Er hat auch einen schönen britischen Humor, der nie davor zurückschreckt, sich selbst oder andere bloßzustellen – ganz so, wie in „The Office“. Mitten im Dinnerroom spielte ein Pianist nette Begleitmusik. Eine bunten Mix aus Popklassikern, eingängigen klassischen Stücken und etwas Filmmusik. Bei letzterer konnte ich nicht alles gleich zuordnen. Ein Stück kannten wir alle, waren uns aber nicht sicher, woher. Ich dachte an Rachel Portman und dass ich den Film auf jeden Fall gesehen habe. Beides falsch, nach einer späteren Recherche stellte es sich als das Thema aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“ heraus. Den habe ich nie ganz gesehen und Frau Portman hat auch nichts damit zu tun.

Das Smartphone ist hier ein ständiger Begleiter. Manche kritisieren das ja oder versuchen es stundenweise ohne. Ich mache aber so gerne Fotos und eigentlich finde ich es auch schön, dass mir jemand ein Bild von seinem augenblicklichen Aufenthaltsort schickt, nach dem Motto: Schau, hier bin ich gerade und genieße dieses oder jenes. Mir gefällt das. Ich bin auch noch anders gereist, mit einer analogen Kamera, wo es oft hieß: Hast Du noch genug Bilder? Ja, ich habe einen 36er Film eingelegt. Und anschauen konnte man die Fotos auch erst viel später und es war immer eine Überraschung, wie viele wirklich gut waren.

Eine Stunde habe ich lesend vor dem Haus verbracht und als ich mir ein Getränk an der Bar ordere, sehe ich frische Croissants. Ich bestelle schnell ein Exemplar und kann mir so Gesellschaft auf die Terasse organisieren. Am Nebentisch gibt es sogar ein Cream Tea-Gedeck. Warum nicht auch schon am Vormittag!

Ich mache einen Abstecher nach L.A. und fange den neuesten Fall von Harry Bosch und René Ballard an. Schon die Widmung ist schön: „For Titus Welliver, who breathed life into Harry Bosch. Keep your chin up.“ Es sind alle drei dabei: René, Mickey und Harry und es gibt wieder ein blaues Mordbuch!

Den Tag verbringe ich überwiegend im und beim Gebäude. Mittags mache ich einen kurzen Mittagsschlaf, der ist irgendwie nötig und tut gut. Gegen 15 Uhr genießen wir den Cream Tea, der hier in der Gegend berühmt ist: Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade, dazu Tee. Wir finden nur im Inneren einen Tisch, weil ich es am Sonntagnachmittag so voll ist. Das macht aber nichts. Es sieht in der Sonne vielleicht schöner aus, aber es zerflösse alles sofort.

Die Kellner sind nicht zu beneiden, man bestellt an der Bar und sie müssen dann sehen, wem sie es bringen sollen. Die schweren Tabletts werden dadurch mehr Meter getragen, als es nötig gewesen wäre. Ein paarmal müssen wir auch etwas ablehnen, was wir nicht bestellt haben. Keine leichte Schicht. Gut, dass die meisten britischen Gäste solche Situationen eher mit Humor nehmen. Auch hier herrscht nämlich Personalmangel. Deshalb müssen wir heute auch auswärts dinieren, denn das hauseigene Restaurant hat nun drei freie Abende.

In den Räumen hier stehen und hängen unzählige Uhren. Und ich habe allerdings noch keine entdeckt, die die korrekte Uhrzeit anzeigt. Das sind wohl alles nur Deko-Objekte. Vielleicht soll man aber auch bewusst nicht nach der Uhr leben und den Augenblick genießen. So ein Tag hat schon etwas von Kreuzfahrt, nur ohne all die unangenehmen Limitierungen.

Unsere Restaurantreservierung haben wir abgesagt, da wir noch satt sind vom Cream Tea. Wir fahren aber trotzdem in den Weltkulturerbe-Ort Tavistock. Das Örtchen ist Idylle pur und nahezu menschenleer am Sonntagabend. Wir laufen einen Hügel hinauf und begehen den Viaduct Walk. Ohne Entfernungsangabe fühlen wir uns direkt mutig, wir wollten heute mal nicht ins Schwitzen kommen. Aber es geht nur 2 Höhenmeter weiter, den ersten Anstieg hatten wir schon hinter uns, dann stehen wir bereits oben auf dem Bauwerk. Es ist etwas weniger spektakulär als in den Prospekten, aber der Ort insgesamt ist wirklich hübsch.

Dann fahren wir wieder zurück zum Hotel, etwa 5 Meilen über Berg und Tal mit vielen Schafen, Kühen und Dartmoor-Ponys auf den Weiden und manchmal auf der Straße. Die besiedelten Teile der Landschaft sehen aus wie bei Shaun, dem Schaf. Ich glaube, der kommt auch aus Bristol, das ist ja in der Nähe. Das muss hier Vorbild gewesen sein, es ist alles da: Weiden, Steinmauern, grüne Hecken, alte Cottages, Schafe, Schweine mit Wellblechhäuschen. Trecker haben auch schon unseren Weg gekreuzt. Die wirken hier noch wuchtiger in den engen Straßen.

Am Hotel sitzen wir noch eine Weile draußen bei Drinks und einem Kartenspiel und beenden den Tag lesend.

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