Orchid

Gestern in Glückstadt – ein Abend mit Gin Kiss!

Wir sind zum ersten Mal ohne jeglichen VIP-Status hier und haben unsere Karten mit den Nummern 2 und 3 in der örtlichen „Bücherstube“ erworben. Ein kleiner Laden, der sich wohl auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert hat. Jedenfalls sind die übrigen Genres leider nur spärlich besetzt. Für mich gab es seinerzeit nichts spannendes in der Auswahl. Dafür eine sehr charmante Dame hinter dem Kassentresen.

Heute aber Musik und keine Literatur. Wir kommen um halb 7 an und die Sitzreihen sind zu einem Drittel gefüllt. Obwohl wir hier nicht heimisch sind, können wir gleich 5 andere Menschen persönlich begrüßen, darunter sogar einen der Stars des heutigen Abends. Der Pianist begrüßt nämlich einige Gäste und fängt vielleicht ein Stimmungsbild ein. Zu regeln gibt es bestimmt nichts mehr, denn die Crew aus Technikern, Beleuchtern und Managerin ist emsig. Es ist auch wirklich kein Vergleich zum ersten öffentlichen Konzert im Alten Kino. Hier wird nicht gespart an Equipment. Die Bühne ist orchestral gefüllt und auch ansonsten fehlt es nicht an professioneller Ausstattung für Licht und Ton. Nur einen Flügel gibt es hier leider nicht. Dem Klang tut das meines Erachtens keinen Abbruch, weil ich ja wegen des Zusammenspiels hier bin und die übrigen Instrumente und Stimmen das Klavier wohlig in ihren Kreis aufnehmen. Ein Flügel sieht nur immer so majestätisch aus.

Zu Konzertbeginn um 19 Uhr wird das Gemurmel im Publikum (mittlerweile gibt es nur noch vereinzelte leere Stühle) etwas leiser, aber auf der Bühne ist noch niemand zu sehen. Die besten Bands starten niemals pünktlich. Wenig später geht es aber los!

Der Opener ist „To love somebody“ von den Bee Gees. Das Lied kenne ich, hätte es aber nie den Bee Gees zugeordnet. Es muss ein Frühwerk sein, weil es im Original nichts von dem Falsett hat, das für die Brüder so charakteristisch war. Ein schöner Start, musikalisch wie inhaltlich, es holt mich ab und stimmt mich ein auf die unwiderstehliche Atmosphäre von Gin Kiss. Vor mir sitzt ein verliebtes Pärchen, das die Kunst auch sichtlich genießt:

Nummer zwei ist mein absolutes Lieblingsstück: „Le sud“. Wunderbar! Den tragischen Unterton im Text kann ich glatt vergessen und grinse also unter meiner Maske vor mich hin und genieße einfach. Hier stimmt alles – Gesang und Musik in perfekter Harmonie! Untermalt wird das Ganze von sehr coolen Urlaubsfotos, mutmaßlich aus den späten Siebzigern. Später wird der Sänger noch von sich behaupten, nie ein Aufreißer gewesen zu sein. Die Bilder sprechen aber eigentlich eine andere Sprache. Das ist mir allerdings schon früher an anderer Stelle aufgefallen. Fotos aus dieser Zeit wurden anders inszeniert als heute. Die abgelichteten Personen wirken oft saucool. Irgendwie schade, meine Urlaubsfotos bilden das eher selten ab. Barney Stinson hat ja mal gesagt, dass ein Mix nicht aus Höhen und Tiefen bestehen sollte, sondern nur aus Höhen. Meinetwegen kann es also so weitergehen.

Es folgt ein Ritt durch die Jahrzehnte. Von „Sway“, 1953, über „Your heart is as black as night“, 2010, „Take me to church“, 2013, „Angie“, 1973, „Bad Guy“, 2019, „Writings on the wall“, 2015, „Jockey full of Bourbon“, 1985, „Goodbye yellow brick road“, 1973, bis hin zu „These boots are made for walking“, ebenfalls 1973. Einige der Songs werden begleitet von Videoclips, die auf zwei Leinwänden sichtbar sind. Das sind ganz liebevoll produzierte Filme, die die Show sehr gelungen abrunden. Das wirkt alles sehr professionell, genau wie der Kameramann, der sich mit einer Handkamera blitzschnell und schlangengleich von links nach rechts bewegt und scheinbar die gesamte Darbietung aufzeichnet.

Ein weiterer Höhepunkt ist die Interpretation von „Take me to church“. Formidables Zusammenspiel der beiden Stimmen und eine außerordentlich starke Performance. Ich habe wie jeder das eine oder andere Talent. Musik zu machen gehört aber nicht dazu. Natürlich singe ich allein im Auto mal mit und weiß deshalb, dass dieses Lied sehr schwer zu singen ist. Die beiden aber machen sich Hoziers Vorlage zu eigen und damit zu einer Version, die unbedingt einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden sollte. Ich hoffe ja insgeheim immer noch auf die Möglichkeit, die Musik von Gin Kiss eines Tages auf dem Mobiltelefon abrufen zu können. Zur Not auch über den Umweg eines Tonträgers.

Mit „Bad Guy“ wagt sich Gin Kiss in die Welt von Billie Eilish. Dazu gibt es ein tolles Cover:

Das finde ich überaus mutig. Wieder stelle ich mir die Umsetzung als Laie extrem schwer vor. Aber was ich höre, ist magische Souveränität. Und hier kommt auch das Schlagzeug zu seinem großen Auftritt – grandios! Das Piano verleiht der Version einen belebenden Unterton, der verblüffend gut dazu passt.

À propos belebend. Die beiden Stimmen sind ja nicht nur weiblich und männlich, sondern auch sonst sehr verschieden, wenn nicht gar gegensätzlich. Ich freue mich immer wieder darüber, wie gut sie aber zusammen funktionieren.

Kurz vor der Pause folgt eigentlich ein Höhepunkt dem nächsten, denn nach Billie Eilish geht es gleich weiter mit Sam Smith. Die Kritiken seinerzeit sprachen wohl auch von „schwächlichem Gewimmer“ in „Writing‘s on the wall“, was ich überhaupt nicht teile. Aber so knifflig die Eingabe von „Writing‘s“ hier auf dem Gerät auch ist (Wirsing, Wrist und Wringen wollten sich vordrängeln), so gespannt war ich, was Gin Kiss daraus macht. Ganz einfach einen sehr starken und schönen Song mit etwas weniger Dramatik als James Bond es sonst verlangt. Das gefällt mir sehr gut und blutige Stimmbänder, wie Herr Smith sie bisweilen davonträgt, wünscht man ja auch niemandem.

Gecovert werden heute sehr viele der ganz Großen – endlich auch Elton John, den ich ganz besonders schätze, weil er zu den ersten Künstlern gehörte, die ich als Kind kennengelernt habe und bestimmten Liedern zuordnen konnte. Mit „Goodbye yellow brick road“ wurde ein feines sentimentales Stück ausgesucht, sehr schön mit Pianoklängen (natürlich!) eingeleitet und sehr ruhig gesungen, da konnte ich das Lichtspiel auf mich wirken und mich im besten Sinne berieseln lassen.

Nach der Pause kommen die Damen die große Märchentreppe herunter und stimmen uns auf zwei „Grease“-Songs ein, samt eigens nachgestellter Filmplakate. In „You‘re the one that I want“ rückte dann mit den ersten Tönen endlich der Kontrabass in den Vordergrund, mein Lieblingsinstrument. Ach herrlich!

Wieder geht es durch mehrere Dekaden mit Gin Kiss-Klassikern, Selbstgeschriebenem und Neuem: Von den 70ern (Grease) über „Peu importe“, 2020, „Moon over Bourbon Street“, 1985, „Moon River“, 1961, „Sign of the times“, 2017, „Havana“, 2018, „Voyage, Voyage“, 1987, „Can‘t be love“, 2010, zum „Piano Man“, 1973.

Die zweite Hälfte ist auch geprägt von Kostümwechseln, wobei mir der kanariengelbe Spenzer des Pianisten am besten gefällt! Das letzte reguläre Stück wird wie im Original mit der Mundharmonika eingeleitet – bemerkenswert finde ich hier, dass es der Sängerin keinerlei Probleme bereitet, zwischen Instrument und Gesang zu wechseln.

Die zwei Zugaben sind die Gin Kiss-Klassiker „Hit the road Jack“ und „Space Oddity“. Insgesamt war es wieder ein rundum gelungenes Vergnügen und drei sorglose Stunden. Das ist so dringend nötig in diesen Zeiten. Vielen Dank!

Dieser Eintrag trägt übrigens den Titel „Orchid“, weil direkt vor mir eine derart prächtige Orchideenpflanze steht, wie ich sie noch nie gesehen habe. Einen Meter hoch und dreizweigig. Ob das ein Schülerprojekt ist? Ob sie hier immer steht inmitten des Pausengewusels? Heute Abend jedenfalls erstrahlt sie in vollem Glanz und leuchtet in allen Farben, die die Scheinwerfer hergeben.

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